Aventin Blog: Februar 2015

Samstag, 28. Februar 2015

Vom Werden und Entstehen • Seit aufmerksam • Laotse

Was noch ruhig ist, kann in Ruhe erhalten werden. Was noch nicht zum Vorschein kam, kann leicht verhütet werden. Was noch schwach ist, kann leicht zerbrochen werden. Wovon es noch wenig gibt, das kann leicht verstreut werden. 

Sorget um die Dinge, bevor sie bestehen. Schafft Ordnung, bevor die Unordnung beginnt.

Der dicke Baum entstand aus einer dünnen Rute. Ein neunstöckiger Turm fing mit dem Legen kleiner Ziegelsteine an. Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt.

Seit aufmerksam bis zum Ende, wie ihr im Anfang wart, und ihr werdet das Unternommene vollenden. 



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Freitag, 27. Februar 2015

Der Teufel hole Grenzen • Novelle von Hermann Hesse

Foto kordi@uwe
Bei diesem Hause nehme ich Abschied. Lange werde ich kein solches Haus mehr zu sehen bekommen. Denn ich nähere mich dem Alpenpass, und hier nimmt die nördliche, deutsche Bauart ein Ende, samt deutscher Landschaft und deutscher Sprache. Wie schön ist es, solche Grenzen zu überschreiten! Der Wanderer ist in vielen Hinsichten ein primitiver Mensch, so wie der Nomade primitiver ist als der Bauer. Die Überwindung der Sesshaftigkeit aber und die Verachtung der Grenzen machen Leute meines Schlages trotzdem zu Wegweisern in die Zukunft. Wenn es viele Menschen gäbe, in denen eine  so tiefe Verachtung für Landesgrenzen lebte wie in mir, dann gäbe es keine Kriege und Blockaden mehr. Es gibt nichts Gehässigeres als Grenzen, nichts Stupideres als Grenzen. Sie sind wie Kanonen, wie Generale:  solange Vernunft, Menschlichkeit und Friede herrscht, spürt man nichts von ihnen und lächelt über sie - sobald aber Krieg und Wahnsinn ausbricht, werden sie wichtig und heilig. Wie sind sie uns Wanderern in den Kriegsjahren zur Pein und zum Kerker geworden! Der Teufel hole sie! (Hermann Hesse)


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Donnerstag, 26. Februar 2015

Über die Macht der Liebe • Novelle von Turgenjeff

Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein Hund lief vor mir her. Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als wittere er vor sich ein Wild. Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit gelb gerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Nest gefallen - heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee - und hockte unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügel ausstreckend. 

Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baum sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel - und völlig zerzaust, verstört, mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leib wollte er es schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfasste ihn, er opferte sich selbst. Als welch riesengroßes Untier musste ihm der Hund erscheinen! Und dennoch hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Ast zu bleiben vermocht. ... Eine Macht, stärker als sein Wille, riss ihn von dort herab. Mein Hund hielt inne, wich zurück. ... Sichtlich begriff auch er diese Macht. Schnell rief ich den Verblüfften zurück - und entfernte mich. Ehrfurcht im Herzen. 

Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe. Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und seine Schrecken. Die Liebe allein erhält und bewegt unser ganzes Leben.


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Mittwoch, 25. Februar 2015

Tiger und Löwe | Wahl zum König der Tiere | Fabel von Aesop


Als der König der Tiere neu gewählt werden sollte, sah es so aus, als würde diesmal der Tiger gewinnen. Da versprach der Löwe großzügig seinen Untertanen noch reichere Beute und für jeden größere Anteile davon, schönere Wohnungen und bessere Schulen. Das gefiel allen - sie wählten ihn wieder.

Aber als die Versprechungen nicht eingelöst wurden, erinnerten Unerschrockene seine Majestät eindringlich auf seine Worte. "Unmögliches kann auch ich nicht halten", meinte der Löwe abweisend. "Das müsst ihr verstehen!"

Nach einigem Nachdenken gelang das dann auch vielen den König wieder zu verstehen - und sie huldigten ihm wie zuvor und betrachteten ihn weiter als ihren erhabenen Herrscher. 






Dienstag, 24. Februar 2015

Büffel- oder Ziegenbraten | Entscheidung | Fabel Indonesien


Ein Indonesier erhielt für den gleichen Tag zwei Einladungen: Ein Freund an der Flussmündung veranstaltete ein Ziegenschlachtfest, ein anderer am Oberlauf des Wassers versprach Büffelbraten und leckeren Klebereis. "Wohin gehe ich nun?", sprach der Geladene zu sich selbst und schnalzte mit der Zunge, denn Ziegenfleisch war sein Lieblingsessen. Auf Büffelbraten mit Klebereis wollte er aber auch nicht verzichten. Nachdem er lange hin und her überlegt hatte, schritt er endlich flussaufwärts. Nach einer Stunde aber hielt er inne und sagte zu sich: "Ein Büffel ist ein gewaltiges Tier, das nicht so rasch verzehrt werden kann. Da komme ich später immer noch zurecht. Ich nehme zunächst den süßen Ziegenbraten als Vorgericht." Also wendete er und lief der Mündung zu. 

Als er nach einem langen Marsch eben das Dorf des Freundes erreicht hatte, begegnete ihm eine lustige Gruppe von Menschen, und er fragte sie, woher sie kämen. "Vom herrlichen Ziegenschlachtfest - es ist eben vorüber -, wir sind satt und fröhlich!" Da bekam der Mann einen großen Schreck, machte kehrt und eilte spornstreichs zum Dorf am Oberlauf. "Da werde ich mich am Büffelfleisch mit Klebereis doppelt schadlos halten. Und die Anstrengung gibt guten Hunger!" 

Endlich langte er schweißbedeckt am Ziele an. Rings um die Hütte des Freundes duftete es wundervoll nach Büffelbraten und Klebereis; doch drinnen war es merkwürdig still. Da trat auch schon der Gastgeber heraus, freudig rot im Gesicht, und rief verwundert: "Warum kommst du so spät? Die Geladenen sind eben fortgegangen und alles ist aufgegessen worden." 






Montag, 23. Februar 2015

Die Frau und die Henne | Übertreibung | Fabel von Aesop


Eine Frau hatte eine Henne, die ihr jeden Tag ein Ei legte. In der Hoffnung, die Henne werde zweimal am Tag legen, wenn sie ihr doppeltes Futter vorwerfe, tat sie dies. Da wurde die Henne so dick und fett, dass sie nicht einmal mehr ein Ei täglich legte.

Lehre:
Jede Übertreibung führt zum Misserfolg






Sonntag, 22. Februar 2015

Vom Inneren und Äußeren | Zitat von Samuel Smiles

Wie die süßeste Frucht zuweilen eine raue Schale hat, so verbirgt sich oft eine freundliche und herzliche Natur unter einem rauen Äußeren.







Samstag, 21. Februar 2015

Über die Musik und die Menschen | Hermann Hesse

Hippie Dude
Die Ursprünge der Musik liegen weit zurück. Sie entsteht aus dem Maß und wurzelt in dem großen Einen. Das große Eine erzeugt die zwei Pole; die zwei Pole erzeugen die Kraft des Dunkeln und des Lichten. Wenn die Welt in Frieden ist, wenn alle Dinge in Ruhe sind, alle in ihren Wandlungen ihren Oberen folgen, dann lässt sich die Musik vollenden. Wenn die Begierden und Leidenschaften nicht auf falschen Bahnen gehen, dann lässt sich die Musik vervollkommnen. Die vollkommene Musik hat ihre Ursache. Sie entsteht aus dem Gleichgewicht. Das Gleichgewicht entsteht aus dem Rechten, das Rechte entsteht aus dem Sinn der Welt. Darum vermag man nur mit einem Menschen, der den Weltsinn erkannt hat, über die Musik zu reden. Die Musik beruht auf der Harmonie zwischen Himmel und Erde, auf der Übereinstimmung des Trüben und des Lichten. 

Die verfallenen Staaten und die zum Untergang reifen Menschen entbehren freilich auch nicht der Musik, aber ihre Musik ist nicht heiter. Darum: je lauter und rauschender die Musik, desto melancholischer werden die Menschen, desto gefährdeter wird das Land, desto tiefer sinkt der Staat. Auf diese Weise geht auch das Wesen der Musik verloren.






Freitag, 20. Februar 2015

Das gesamte Leben ist Verwandlung | Marc Aurel


Solltest du dich wirklich vor der Verwandlung fürchten? Es geschieht ja nichts in der Welt ohne Verwandlung. Das eigentliche Wesen der Allnatur ist Verwandlung. Man kann kein Wasser wärmen, ohne dass dabei eine Verwandlung des Holzes vor sich gehe, die Ernährung ist unmöglich, ohne dass die Speisen sich verwandeln. Das gesamte Leben der Welt ist nichts anderes als eine Umwandlung. Begreife also, dass deine eigene Verwandlung ganz denselben Sinn hat, dass sie als eine Folge der Natur der Dinge notwendig ist. Auf eines muss man nur bedacht sein, dass man nicht irgend etwas der wahren Menschennatur zuwider tue, dass man in allem so handle, wie und wann es jener entspricht. 






Donnerstag, 19. Februar 2015

Der Hahn und die Mägde | Irrtum | Fabel von Aesop

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Es war einmal eine Witwe, die sehr auf Arbeit aus war. Sie weckte ihre Mägde stets schon, wenn der erste Hahnenschrei ertönte, und trieb sie an, mit ihrem Tagewerk zu beginnen. Endlich waren diese der ewigen Plage satt, und weil sie meinten, der Haushahn sei an ihrem Ungemach schuld, da er ihre Herrin immer schon in der Nacht aufweckte, beschlossen sie ihn umzubringen. Sobald dies aber geschehen war, wurde es weit ärger. Denn weil ihre Herrin nun den Hahn nicht mehr krähen hörte, weckte sie die Mägde noch viel tiefer in der Nacht zur Arbeit auf. 






Mittwoch, 18. Februar 2015

Der Löwe und die Maus | Der Gegendienst | Fabel von Aesop

http://aventin.blogspot.de/2015/02/der-lowe-und-die-maus-der-gegendienst.html

Ein paar Mäuse sprangen mutwillig um einen schlafenden Löwen herum, und da er sich nicht rührte, begannen sie sogar auf ihm herumzutanzen. 

Da wurde er wach und hatte gleich eine von ihnen gepackt. "Ich bitte dich" flehte die Maus, "schone mein Leben, ich will es dir auch gerne mit einem Gegendienst vergelten." Da musste der Löwe lachen und ließ sie los. Nach einiger Zeit aber verfing er sich in den Netzen der Jäger und vermochte sich auch mit aller Kraft nicht mehr aus den Schlingen zu befreien. Da kam die Maus herzugelaufen und nagte mit emsigem Zahn eine von den Schleifen entzwei, eine einzige nur, aber auch die anderen begannen davon aufzugehen, und der Löwe konnte seine Fesseln zerreißen. 

Lehre:
Keiner ist so gering, dass er nicht auch einmal einem Mächtigen zu helfen vermag. 






Die Eule und das unwillkommene Lied | Fabel aus China

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"Wohin des Weges?", fragte eine Turteltaube eine vorüber fliegende Eule. "Ach, ich möchte auswandern", antwortete diese. "Ich fliege nach dem Westen." "Ja, weshalb denn?", erkundigte sich die Turteltaube. "Den Leuten hier gefällt mein Gesang nicht" erwiderte die Eule betrübt. "Wäre es da nicht besser, du würdest deinen Gesang ändern?", meinte die Turteltaube. "Bei den Leuten im Westen wird er vielleicht auch keinen Anklang finden." 

Lehre: 
Wer allen gefallen will, verleugnet seine Art.







Dienstag, 17. Februar 2015

Das gestohlene Schwein | Poggio Bracciolini | Fabel aus Italien

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In einer Stadt der Umgebung Anconas war es Sitte, dass, wer im Winter ein Schwein schlachtete, die ganze Nachbarschaft zum Schmaus einlud. Einer aber, der sich davor gern drücken wollte, fragte seinen Vetter um Rat, wie er das wohl anstellen könnte. Der erwiderte: "Sag nur morgen, dein Schwein ist dir in der Nacht gestohlen worden." Nun stahl ihm der Vetter, ohne dass der andere eine Ahnung davon hatte, in derselben Nacht das Schwein. 

Wie der Bestohlene am anderen Morgen das Schwein nicht mehr fand, lief er zu seinem Vetter und schrie laut: "Mein Schwein ist mir gestohlen worden!" Da sagte der: "Das machst du ganz ausgezeichnet und ganz, wie ich dir es gesagt habe." Wie der Bestohlene nun wieder und wieder die Worte wiederholte und bei Gott schwur, es sei wahr, sagte der Vetter: "Bravo, du verstehst es wirklich ganz prächtig!" Als der Bestohlene nun seine Eidesbeteuerungen abermals erneute, meinte der Vetter: "Siehst du, so muss man es machen. Hab ich dir nicht einen guten Rat gegeben?" 

Lehre:
So straft sich Geiz und Lüge, und so kommt zum Verlust auch noch der Spott.








Montag, 16. Februar 2015

Vater und Sohn mit dem Esel | Ein seltsamer Spazierritt | Fabel von Johann Peter Hebel

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Ein Mann reitet auf seinem Esel nach Hause und lässt seinen Buben zu Fuß nebenher laufen. Da kommt ein Wanderer und sagt: "Das ist nicht recht, Vater, dass Ihr reitet und lasst Euren Sohn laufen; Ihr habt stärkere Glieder." Da steigt der Vater vom Esel herab und lässt den Sohn reiten. 

Wieder kommt ein Wandersmann und sagt: "Das ist nicht recht, Bursche, dass du reitest und lässt deinen Vater zu Fuß gehen. Du hast jüngere Beine." Da sitzen beide auf und reiten eine Strecke. 

Nun kommt ein dritter Wandersmann und sagt: "Was ist das für ein Unverstand, zwei Kerle auf einem so schwachen Tier?" Sollte man nicht einen Stock nehmen und euch beide herunter hauen?" Da steigen beide ab und gehen zu Fuß, rechts der Vater und links der Sohn, in der Mitte der Esel. 

Schon kommt ein vierter Wandersmann und sagt: "Ihr seid drei kuriose Gesellen. Ist's nicht genug, wenn zwei zu Fuß gehen?" Da bindet der Vater dem Esel die vorderen Beine und der Sohn die Hinterbeine zusammen, ziehen eine starke Holzstange hindurch, die an der Straße gelegen hat und tragen den Esel auf der Schulter nach Hause.

Lehre: 
So weit kann es kommen, wenn man es allen Leuten recht machen will!






Samstag, 14. Februar 2015

Kater und Vogel | Gedicht von Wilhelm Busch

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Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
und weil mich doch der Kater frisst,
so will ich keine Zeit verlieren,
will noch ein wenig quinquillieren
und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

(Wilhelm Busch)






Freitag, 13. Februar 2015

Von schlechten Sitten bei Tisch | Text aus "Das Narrenschiff"

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Wenn ich die Narrheit ganz durchsuche,
setz billig ich zuletzt im Buche
etliche, die für Narren man acht
an die zuvor ich nicht gedacht.

Denn ob sie schon viel Missbrauch treiben
und feiner Hofzucht treu nicht bleiben,
auch grob und ungezogen sind,
so sind sie doch nicht also blind,
dass sie die Ehrbarkeit verletzten,
wie die, die wir zuvor hinsetzten,
sie haben auch nicht Gott vergessen,
sondern beim Trinken und beim Essen
sind sie so grob und unerfahren,
dass man sie heißt bäurische Narren.

Sie waschen ihre Hände nicht,
wenn man die Mahlzeit zugericht,
oder wenn sie sich zu Tische setzen,
sie andre in dem Platz verletzen,
die vor ihnen sollten sein gesessen;
Vernunft und Hofzucht sie vergessen,
dass man muss rufen: "Heda, munter,
mein guter Freund, rück weiter runter!

Lass den dort sitzen an deiner Statt!"
Ein andrer nicht gesprochen hat
den Segen über Brot und Wein,
eh er bei Tische Gast will sein,
ein andrer greift zuerst in die Schüssel
und stößt das Essen in den Rüssel
von ehrbarn Leuten, Frauen Herrn,
die er vernünftig sollte ehrn,
dass sie zum Ersten griffen an
und er nicht wär zuvorderst dran.

Der auch so eilig essen muss,
dass er so bläst in Brei und Mus,
strengt an die Backen ungeheuer,
als setzte er in Brand 'ne Scheuer.
Mancher beträuft Tischtuch und Kleid,
legt auf die Schüssel wieder breit,
was ihm ist ungeschickt entfallen,
Unlust bringt es den Gästen allen.

Andre hinwieder sind so faul,
wenn sie den Löffel führen zum Maul,
dann hängen sie den offnen Rüssel
so über Platte, Mus und Schüssel,
dass, fällt ihnen etwas dann darnieder,
dasselbe kommt in die Schüssel wieder.

Etliche sind so naseweise,
sie riechen vorher an der Speise
und machen sie den andern Leuten
zuwider, die sie sonst nicht scheuten.
Etliche kauen etwas im Munde
und werfen das von sich zur Stunde
auf Tischtuch, Schüssel oder Erde,
dass manchem davon übel werde.
Wer einen Mundvoll gegessen hat
und legt es wieder auf die Platt',
oder lehnt sich über den Tisch
und lugt, wo sei gut Fleisch und Fisch,
wenn das auch andern näher lag.

Ein andrer füllt die Backen so,
als ob sie steckten ihm voll Stroh,
er pflegt beim Essen rings zu gaffen
in alle Winkel wie die Affen
und schaut auf jeden mit Begehr,
ob der vielleicht mehr isst als er,
und eh der einen Mund voll zuckt,
hat er vier oder fünf verschluckt,
und dass ihm sonst auch nichts gebreste,
trägt er noch Teller voll zum Neste,
und dass er sich ja nicht versäume,
lugt er, wie er die Platten räume.

Eh er die Speis herunterschluckt,
er einen Stich in den Becher guckt,
macht sich 'ne Suppe mit dem Wein
und schwenkt damit die Backen rein,
und hat damit oft solche Eil,
dass aus der Nas ihm rinnt ein Teil,
oder spritzt gar einem andern wohl
das Trinkgeschirr und Antlitz voll.

Den schmutzgen Mund wischt keiner mehr,
im Becher schwimmt das Fett umher,
schmatzen beim Trinken ist nicht fein,
kann andern Leuten nur widrig sein.
Durch die Zähne sürfeln klingt nicht schön,
solch Trinken gibt ein schlecht Getön.
Manch einer trinkt mit solchem Geschrei
als käme eine Kuh vom Heu.

Nachtrinken Ehre sonst gebot,
jetzt ist dem Weinschlauch nur noch Not,
dass er schnell möge trinken vor,
Das Trinkgeschirr hebt er empor
und bringt dir einen "frohen Trunk",
damit sein Becher macht glunk, glunk.
Er meint, dass er den andern ehrt,
wenn er den Humpen leer umkehrt.

Ich misse gern die feine Sitte,
dass man vor mir das Glas umschütte
oder dass man mich zu trinken bitte,
ich trink für mich, doch keinem zu,
wer sich gern füllt, ist eine Kuh.

Ein andrer schätzt bei Tisch allein,
lässt nicht das Wort sein allgemein,
es muss vielmehr ihm jedermann
zuhörn, wie er gut schätzen kann.
Keinem andern er das Wort vergönnt,
doch sein Wort gegen jeden rennt
und verleumdet gern zu jeder Frist
manchen, der nicht zugegen ist. 

So gibt's bei Tisch seltsamen Brauch,
wenn alles ich erzählen sollte,
ein ganzes Buch ich schreiben wollte,
wie man sieht in den Becher pfeifen,
mit Fingern in das Salzfass greifen,
was mancher achtet für sehr grob,
doch hat dasselbe mehr mein Lob,
als dass man Salz nimmt mit dem Messer,
gewaschene Hand ist wahrlich besser
und sauberer als jene Klingen,
die wir in der Scheide mit uns bringen
und wissen nicht, ob wir vor Stunden
vielleicht 'ne Katze damit geschunden.

Für Unvernunft kann man auch halten
die Eier zu schlagen und zu spalten
und ander dergleichen Gaukelspiel,
wovon ich jetzt nicht schreiben will,
denn das soll feine Sitte sein,
ich schreib von Grobheit hier allein,
nicht von subtilen, feinen Sachen,
ich müsst sonst eine Bibel machen,
sollt ich den Missbrauch all beschreiben,
denn man beim Essen pflegt zu treiben.

Sebastian Brant - Das Narrenschiff






Donnerstag, 12. Februar 2015

Überlegungen über Mensch und Bürger von Hermann Hesse

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Der Mensch hat die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Geistigen, dem Annäherungsversuch ans Göttliche, hinzugeben, dem Ideal des Heiligen. Er hat umgekehrt auch die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Triebleben, dem Verlangen seiner Sinne hinzugeben und sein ganzes Streben auf den Gewinn von augenblicklicher Lust zu richten. Der eine Weg führt zum Heiligen, zum Märtyrer des Geistes, zur Selbstaufgabe an Gott. Der andere Weg führt zum Wüstling, zum Märtyrer der Triebe, zur Selbstaufgabe an die Verwesung. Zwischen beiden nun versucht in temperierter Mitte der Bürger zu leben. Nie wird er sich aufgeben, sich hingeben, weder dem Rausch noch der Askese, nie wird er Märtyrer sein, nie in seine Vernichtung willigen - im Gegenteil, sein Ideal ist nicht Hingabe, sondern Erhaltung des Ichs, sein Streben gilt weder der Heiligkeit noch deren Gegenteil, Unbedingtheit ist ihm unerträglich, er will zwar Gott dienen, aber auch dem Rausche, will zwar tugendhaft sein, es aber auch ein bisschen gut und bequem auf Erden haben. Kurz, er versucht es, in der Mitte zwischen den Extremen sich anzusiedeln, in einer gemäßigten und bekömmlichen Zone ohne heftige Stürme und Gewitter, und dies gelingt ihm auch, jedoch auf Kosten jener Lebens- und Gefühlsintensität, die ein aufs Unbedingte und Extreme gerichtetes Leben verleiht. Intensiv leben kann man nur auf Kosten des Ichs. Der Bürger nun schätzt nichts höher als das Ich. Auf Kosten der Intensität also erreicht er Erhaltung und Sicherheit, statt Gottbesessenheit erntet er Gewissensruhe, statt Lust Behagen, statt Freiheit Bequemlichkeit, statt tödlicher Glut eine angenehme Temperatur. Der Bürger ist deshalb seinem Wesen nach ein Geschöpf von schwachem Lebensantrieb, ängstlich, jede Preisgabe seiner selbst fürchtend, leicht zu regieren. Er hat darum an Stelle der Macht die Majorität gesetzt, an Stelle der Gewalt das Gesetz und an Stelle der Verantwortung das Abstimmungsverfahren! 






Mittwoch, 11. Februar 2015

Die Hasen und die Frösche | Trost im Unglück | Fabel von Aesop

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Einst kamen die Hasen zusammen und beklagten sich untereinander über ihr Leben, das so unsicher und voll ewiger Besorgnis sei; denn sie fänden von Menschen, Hunden, Adlern und von vielen anderen Seiten her den Tod. Besser sei es, sogleich zu sterben, als das ganze Leben hindurch in Angst zu schweben. Hierüber einig geworden, eilten sie alle einem Teiche zu, um sich hineinzustürzen und den Tod zu finden. 

Rings um den Teich aber saßen Frösche. Diese sprangen, als sie das Geräusch der Herbeilaufenden hörten, ins Wasser. Das sahen die Hasen, und einer von ihnen, der sich für klüger hielt als die anderen, sagte: "Halt, Freunde, tut euch selbst kein Leid an. Ihr seht ja, dass es Geschöpfe gibt, die noch unglücklicher sind als wir."

Lehre:
Im Unglück tröstet man sich mit anderen, die noch übler dran sind. 






Dienstag, 10. Februar 2015

Der Löwe, der Esel und der Fuchs | Teilung der Beute | Aesop

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Der Löwe, der Esel und der Fuchs schlossen einen Bund und gingen zusammen auf die Jagd. Als sie große Beute gemacht hatten, befahl der Löwe dem Esel, er solle diese teilen. Der Esel machte darauf drei gleiche Teile und sagte dem Löwen, er möge sich seinen Teil selbst wählen. Der Löwe geriet darüber in Zorn und zerriss den Esel. 

Sodann verlangte der Löwe vom Fuchs, nun solle er teilen. Da schob der Fuchs fast die ganze Beute auf einen Haufen zusammen und ließ für sich selbst nur ein paar kleine Stücke übrig. Der Löwe lächelte zufrieden und fragte den Fuchs: "Nun sage, was hat dich gelehrt, so richtig zu teilen?" Der Fuchs antwortete: "Das Schicksal des Esels!" 

Lehre:
Gib dem Kaiser was des Kaisers, dem König was des Königs ist und dem Bettelmann einen Bettel!








Montag, 9. Februar 2015

Der Hirsch und der Weinstock | Undank | Fabel von Aesop

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Ein Hirsch wurde von Jägern verfolgt, entkam ihnen aber und versteckte sich in einem Weinberg. Die Jäger entdeckten ihn dort nicht und gingen vorbei, so dass der Hirsch sich gerettet glaubte. 

Da begann er sogleich, die Blätter eines Weinstocks abzuweiden. Einer der Jäger hörte aber, wie es in den Blättern knisterte und weil er vermutete, dass dort ein Tier verborgen sei, wandte er sich um, warf seinen Spieß dorthin und traf dabei den Hirsch zu Tode. Da sagte dieser sterbend: "Mir geschieht recht! Warum habe ich mich auch an meinem Retter vergriffen!"

Lehre:
Undank wird oft schnell bestraft.







Sonntag, 8. Februar 2015

Von der Wahrheit, der Religion und der Politik | Zitat von Mahatma Gandhi

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Meine Ehrfurcht vor der Wahrheit 
hat mich in die Politik geführt; 
und ich kann ohne Zögern
und doch in aller Demut sagen, 
dass ein Mensch, der behauptet, 
Religion habe nichts mit Politik zu tun, 
nicht weiß, was Religion bedeutet. 

(Mahatma Gandhi)







Freitag, 6. Februar 2015

Das Unendliche und das Ich | Kurzgeschichte von Goethe

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Nach einigen Stunden ließ der Astronom seinen Gast die Treppen zur Sternwarte sich hinaufwinden und zuletzt auf die völlig freie Fläche eines runden hohen Turmes heraustreten. Die heiterste Nacht, von allen Sternen leuchtend und funkelnd, umgab den Schauenden, welcher zum ersten Male das hohe Himmelsgewölbe in seiner ganzen Herrlichkeit zu erblicken glaubte. Denn im gemeinen Leben, abgerechnet die ungünstige Witterung, die uns so oft den Glanzraum des Äthers verbirgt, hindern uns zu Hause bald Dächer und Giebel, auswärts bald Wälder und Felsen, am meisten aber überall die inneren Beunruhigungen  des Gemüts, die, uns alle Umwelt mehr als Nebel und Misswetter zu verdüstern, sich hin und her bewegen. 

Ergriffen und erstaunt hielt er sich beide Augen zu. Das Ungeheure hört auf, erhaben zu sein, es übersteigt unsre Fassungskraft, es droht, uns zu vernichten. Was bin ich denn gegen das All? sprach er zu seinem Geiste; wie kann ich ihm gegenüber, wie kann ich in seiner Mitte stehen? Nach einem kurzen Überdenken jedoch fuhr er fort: Das Resultat unsres heutigen Abends löst ja auch das Rätsel gegenwärtigen Augenblicks. Wie kann sich der Mensch gegen das Unendliche stellen, als wenn er alle geistigen Kräfte, die von vielen Seiten hingezogen werden, in seinem Innersten, Tiefsten versammelt, wenn er sich fragt: darfst du dich in der Mitte dieser ewig lebenden Ordnung auch nur denken, sobald sich nicht gleichfalls in dir ein herrlich Bewegtes um einen reinen Mittelpunkt kreisend hervortut? Und selbst wenn es dir schwer würde, diesen Mittelpunkt in deiner Brust aufzufinden, so würdest du ihn daran erkennen, dass eine wohlwollende, wohltätige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm Zeugnis gibt. 

Wer soll, wer kann aber auf sein vergangenes Leben zurückblicken, ohne gewissermaßen irre zu werden, da er meistens finden wird, dass sein Wollen richtig, sein Tun falsch, sein Begehren tadelhaft und sein Erlangen dennoch erwünscht gewesen?

Wie oft hast du diese Gestirne leuchten gesehen, und haben sie dich nicht jederzeit anders gefunden? Sie aber sind immer dieselben und sagen immer dasselbige. Wir bezeichnen, wiederholen sie durch unsern gesetzmäßigen Gang Tag und Stunde; frage dich auch, wie verhältst du dich zu Tag und Stunde? 







Von den Tugenden und dem Streben nach oben | Zitat von Goethe

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Über allen Tugenden steht das beständige Streben nach oben, das Ringen mit sich selbst, das unersättliche Verlangen nach größerer Reinheit, Weisheit, Güte und Liebe. 






Donnerstag, 5. Februar 2015

Der Adler und der Fuchs | Freundschaft | Fabel von Aesop

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Der Adler und der Fuchs hatten Freundschaft geschlossen und kamen überein, fortan als Nachbarn beieinander zu hausen; sie glaubten, das würde ihre Freundschaft festigen. Der Adler errichtete also seinen Horst im Wipfel eines hohen Baumes, und der Fuchs grub für seine Jungen einen Bau in einem Busch gleich darunter.

Einmal war nun der Fuchs auf die Jagd gegangen und dem Adler fehlte es an Nahrung für seine Kinder. Da schoss er herab in den Busch und raubte die kleinen Füchslein, die sie zusammen verzehrten. Als der Fuchs heimkam, musste er sehen, was geschehen war. Aber mehr noch als der Tod seiner Jungen schmerzte es ihn, dass er sich nicht rächen konnte. Denn wie sollte er wohl, der Erdgebundene, dem Vogel beikommen? Nur aus der Ferne konnte er seinen Feind verfluchen. 

Aber nicht lange darauf sollte es der Adler büßen, dass er die Freundschaft verraten hatte. Auf dem Felde opferten nämlich die Bauern eines Tages den Göttern eine Ziege. Da flog er hinzu und raubte von dem Altar weg ein Stück des Opfertieres. Dabei bemerkte er nicht, dass er auch ein glühendes Stück Holz mit fortschleppte. Kaum aber hatte er die Beute in seinen Horst gebracht, so sprang der Wind auf, um im Nu stand das Nest aus dürrem Reisig in hellen Flammen, und seine Jungen, die noch nicht flügge waren, stürzten halb verbrannt zu Boden. Da setzte der Fuchs heran und verschlang sie vor den Augen des Adlers, eines nach dem anderen.

Lehre:
Wahre Freundschaft hält ewig. Wer Unrecht sät, der wird Unglück ernten.







Mittwoch, 4. Februar 2015

Der Wolf und das Lamm | Der Vorwand | Fabel von Aesop

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Ein Wolf kam an einen Bach, um dort zu trinken. Da gewahrte er ein Lamm, das ein Stück unterhalb von ihm seinen Durst löschte. "Warum trübst du mir das Wasser, das ich trinken will?" wollte er wissen. -- "Wie kann ich das Wasser trüben, das von dir zu mir herabfließt?", antwortete das Lamm. -- "Jedenfalls weiß ich", sagte der Wolf, "dass du vor fünf Monden übel von mir geredet hast." -- "Wie sollte das möglich sein?" erwiderte das Lamm. "Damals war ich noch gar nicht geboren." -- "Dann ist es eben dein Vater gewesen", schrie der Wolf und zerriss das Lamm, um es zu verschlingen. 


Lehre:
Für Untaten ist dem Bösewicht jeder Vorwand recht.






Dienstag, 3. Februar 2015

Die beiden Wanderer und die gefundene Axt | Fabel von Aesop

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Zwei Wanderer gingen denselben Weg. Der eine von ihnen fand ein Beil und nahm es an sich. Da gab der andere seinem Gefährten den Rat, nicht zu sagen: "Ich habe", sondern: "Wir haben" gefunden. 

Über Kurzem stießen die beiden auf jene, welche das Beil verloren hatten. Als sie es in der Hand des einen Wanderers erblickten, ergrimmten sie sich in der Meinung, er habe es ihnen gestohlen und bedrängten ihn. "Wir sind verloren", sprach da der Finder zu seinem Gefährten. Doch der erwiderte: "Sage lieber: 'Ich bin' und nicht 'wir sind' verloren, denn als du das Beil fandest, hast du ja auch gesagt: 'Ich habe' und nicht 'wir haben' gefunden." 

Lehre:
Wahre Freundschaft teilt Gutes und Schlechtes, denn geteilte Freude ist doppelte Freude und geteiltes Leid ist halbes Leid.







Montag, 2. Februar 2015

Der Dieb und seine Mutter | Rechtschaffenheit | Fabel von Aesop

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Ein Knabe stahl die Schreibtafel eines Mitschülers und brachte sie seiner Mutter. Diese strafte ihn nicht, sondern billigte stillschweigend seine Tat. 

Mit zunehmenden Jahren vergriff sich der Junge allmählich an immer wertvolleren Dingen. Eines Tages wurde er beim Diebstahl eines sehr teuren Gegenstandes ertappt und zum Tode verurteilt. Als ihm seine Mutter auf dem Weg zur Richtstätte laut klagend folgte, warf er der Bejammernswerten vor: "Warum hast du mich in meiner Jugend nicht zur Rechtschaffenheit erzogen?"

Lehre:
Wehret den Anfängen oder was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!







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