Aventin Blog: Balladen
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Dienstag, 28. Juni 2016

Der Zauberlehrling | Ballade von Johann Wolfgang Goethe


Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben!
Seine Wort' und Werke
Merkt' ich und den Brauch, 
und mit Geistesstärke
Tu' ich Wunder auch.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!

Walle! walle
Manche Strecke,
Dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! - 
Ach, ich merk' es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Auch, das Wort, worauf am Ende
Es das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
Kann ich's  lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh' ich über jeder Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen, 
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Willst's am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.
Wahrlich brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mit, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Nass und nässer
Wird's im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!

Herr und Meister! hör' mich rufen! -
Ah, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd' ich nun nicht los.

"In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid's gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu diesem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister."


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Dienstag, 24. Mai 2016

Die Lorelei | Ballade von Heinrich Heine


Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin:
Ein Märchen aus uralten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein:
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lorelei getan.


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Dienstag, 12. April 2016

John Maynard | Ballade von Theodor Fontane


John Maynard!
"Wer ist John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann,
Aushielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron`,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard!"

Die 'Schwalbe' fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund':
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund'."

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
"Feuer!" war es, was da klang.
Ein Qualm aus Kajüt' und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich's dicht,
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?" - "Ja, Herr. Ich bin."-
"Auf den Strand. In die Brandung." - "Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus. Hallo!"
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!"
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die 'Schwalbe' mitten hinein;
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo.

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur eine fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln
Himmelan aus Kirchen und Kapelln,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt.
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

"Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron'
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."


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Dienstag, 19. Januar 2016

Das Lied vom wilden Wassermann und der schönen Lilofee





Es freit ein wilder Wassermann vor der Burg wohl über dem See. Er freit nach königlichem Stand um die schöne junge Lilofee.

Er ließ eine Brücke bauen vor der Burg wohl über dem See, darauf sollt sie spazieren gehen, die schöne junge Lilofee. 

Als sie auf die Brücke kam vor der Burg wohl über dem See, der Wassermann zog sie hinab, die schöne junge Lilofee.

Drunten war sie sieben Jahr vor der Burg wohl über dem See, und sieben Kinder sie ihm gebar, die schöne junge Lilofee.

Sie hörte drunt die Glocken gehn vor der Burg wohl über dem See, wollt' Vater und Mutter wiedersehn, die schöne junge Lilofee.

Und als sie aus der Kirche kam vor der Burg wohl über dem See, da stand der wilde Wassermann vor der schönen jungen Lilofee.

Willst du hinunter gehn mit mir vor der Burg wohl über dem See? Deine Kinder drunten weinen nach dir, schöne junge Lilofee.

Die Kinder lass uns teilen vor der Burg wohl über dem See, nehm' ich mir drei, nimmst du dir drei, ich arme junge Lilofee.

Das siebte lass uns teilen vor der Burg wohl über dem See, nehm' ich mir ein Bein, nimmst du dir ein Bein, du schöne junge Lilofee.

Eh, dass ich die Kinder teilen lass vor der Burg wohl über dem See, scheid' ich von Laub und grünem Gras, ich arme junge Lilofee.








Dienstag, 1. Dezember 2015

Altes Lied über die Liebe • Ballade • Heinrich Heine


Es war ein alter König,
Sein Herz war schwer, 
Sein Haupt war grau;
Der arme alte König,
Er nahm eine junge Frau.

Es war ein schöner Page,
Blond war sein Haupt, 
Leicht war sein Sinn;
Er trug die seidene Schleppe
Der jungen Königin.

Kennst du das alte Lied?
Es klingt so süß, 
Es klingt so trüb!
Sie mussten beide sterben,
Sie hatten sich viel zu lieb.






Dienstag, 24. November 2015

Erlkönig • Ballade • Johann Wolfgang von Goethe


Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif?
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

"Du liebes Kind, komm geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir;
Manch' bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
In dürren Blättern säuselt der Wind.

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt."
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan"

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Müh und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.








Samstag, 12. September 2015

mene mene tekel upharsin • Belsazar • Ballade • Heinrich Heine

mene mene tekel upharsin

Die Mitternacht zog näher schon;
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloss,
Da flackert's, da lärmt des Königs Tross.

Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte saßen in schimmernden Reihn
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht`;
So klang es dem störrigen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.

Und blindlings reißt der Mut ihn fort,
Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort. 

Und er brüstet sich frech und lästert wild;
Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick;
Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund
Und rufet laut mit schäumendem Mund:

"Jehovah! dir künd' ich auf ewig Hohn, -
Ich bin der König von Babylon!"

Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward's heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! und sieh! an weißer Wand,
Da kam's hervor wie Menschenhand;

Und schrieb und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks dasaß
Mit schlotternden Knien und totenblass.

Die Knechtenschar saß kalt durchgraut
Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, koch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.

- - -

mene mene tekel upharsin
gezählt, gewogen und als zu leicht befunden
die Tage des Königreiches sind gezählt



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Donnerstag, 9. April 2015

Der Kaufmann und der Papagei • Heitere Ballade


Ein Kaufmann einen Papagei besaß, 
in Sang und Rede wohl erfahren. 
Der saß als Wächter an des Ladens Pforte 
und sprach zu jedem Kunden kluge Worte. 
Der Menschenkinder Sprache kannte er, 
doch auch seinesgleichen Weisen verstand er. 
Vom Laden ging nach Haus einst sein Gebieter 
und ließ den Papagei zurück als Hüter. 
Ein Kätzlein plötzlich in den Laden sprang, 
um eine Maus zu fangen; todesbang, 
flatterte hin und her der Papagei 
und stieß ein Glas mit Rosenöl entzwei. 
Von seinem Hause kam der Kaufmann wieder 
und setzte sorglos sich im Laden nieder. 
Da sah er Rosenöl all überall, 
im Zorn schlug er das Haupt des Vogels kahl. 
Die Zeit verstrich, der Vogel sprach nicht mehr. 
Da kam die Reu', der Kaufmann seufzte schwer. 

Wär' mir, da auf den Redner 
ich den bösen Schlag geführt, 
doch lahm die Hand gewesen! 

"Wohl gab er frommen Bettlern reiche Spende, 
auf dass sein Tier die Sprache wiederfände; umsonst! 
Als er am vierten Morgen klagend, 
in tausend Sorgen, was zu machen sei, 
dass wieder reden mög' sein Papagei, 
ließ sich mit bloßem Haupt ein Gelehrter blicken, 
den Schädel glatt wie eines Beckens Rücken. 
Da fing der Vogel gleich zu reden an 
und rief dem Weisen zu: "Sag lieber Mann, 
wie wurdest Kahlkopf du zum Kahlen? Sprich! 
Vergossest du vielleicht auch Öl wie ich?" 
Man lachte des Vergleichs, 
dass seine Lage 
der Vogel auf den Weisen übertrage.



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Freitag, 27. März 2015

Die drei Raben • Ballade aus dem Mittelalter • Lied


Auf einem Baum drei Raben stolz, 
Oh weh oh weh, oh Leid oh weh.
Auf einem Baum, drei Raben stolz, 
Sie war'n so schwarz, wie Ebenholz. 

Der eine sprach: "Gefährte mein, 
wo soll die nächste Mahlzeit sein?" 
"In jenem Grund, auf grünem Feld, 
ruht unter seinem Schild ein Held. 

Seine Hunde liegen auch nicht fern, 
Sie halten Wacht bei ihrem Herrn. 
Seine Falken kreisen auf dem Plan, 
Kein Vogel wagt es, sich zu nah'n." 

Da konnt zu ihm ein zartes Reh. 
"Ach dass ich meinen Liebsten seh!" 
Sie hebt sein Haupt, vom Blut so rot, 
Der Liebste, den sie küsst, war tot. 

Sie gräbt sein Grab im Morgenrot, 
Am Abend war sie selber tot. 
Ach großer Gott, uns allen gib 
Solch' Falken, solche Hund, solch Lieb. 

Verfasser: unbekannt, Ursprung England (ca. 1450) 








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Freitag, 13. Februar 2015

Von schlechten Sitten bei Tisch | Text aus "Das Narrenschiff"

aventin.blogspot.com

Wenn ich die Narrheit ganz durchsuche,
setz billig ich zuletzt im Buche
etliche, die für Narren man acht
an die zuvor ich nicht gedacht.

Denn ob sie schon viel Missbrauch treiben
und feiner Hofzucht treu nicht bleiben,
auch grob und ungezogen sind,
so sind sie doch nicht also blind,
dass sie die Ehrbarkeit verletzten,
wie die, die wir zuvor hinsetzten,
sie haben auch nicht Gott vergessen,
sondern beim Trinken und beim Essen
sind sie so grob und unerfahren,
dass man sie heißt bäurische Narren.

Sie waschen ihre Hände nicht,
wenn man die Mahlzeit zugericht,
oder wenn sie sich zu Tische setzen,
sie andre in dem Platz verletzen,
die vor ihnen sollten sein gesessen;
Vernunft und Hofzucht sie vergessen,
dass man muss rufen: "Heda, munter,
mein guter Freund, rück weiter runter!

Lass den dort sitzen an deiner Statt!"
Ein andrer nicht gesprochen hat
den Segen über Brot und Wein,
eh er bei Tische Gast will sein,
ein andrer greift zuerst in die Schüssel
und stößt das Essen in den Rüssel
von ehrbarn Leuten, Frauen Herrn,
die er vernünftig sollte ehrn,
dass sie zum Ersten griffen an
und er nicht wär zuvorderst dran.

Der auch so eilig essen muss,
dass er so bläst in Brei und Mus,
strengt an die Backen ungeheuer,
als setzte er in Brand 'ne Scheuer.
Mancher beträuft Tischtuch und Kleid,
legt auf die Schüssel wieder breit,
was ihm ist ungeschickt entfallen,
Unlust bringt es den Gästen allen.

Andre hinwieder sind so faul,
wenn sie den Löffel führen zum Maul,
dann hängen sie den offnen Rüssel
so über Platte, Mus und Schüssel,
dass, fällt ihnen etwas dann darnieder,
dasselbe kommt in die Schüssel wieder.

Etliche sind so naseweise,
sie riechen vorher an der Speise
und machen sie den andern Leuten
zuwider, die sie sonst nicht scheuten.
Etliche kauen etwas im Munde
und werfen das von sich zur Stunde
auf Tischtuch, Schüssel oder Erde,
dass manchem davon übel werde.
Wer einen Mundvoll gegessen hat
und legt es wieder auf die Platt',
oder lehnt sich über den Tisch
und lugt, wo sei gut Fleisch und Fisch,
wenn das auch andern näher lag.

Ein andrer füllt die Backen so,
als ob sie steckten ihm voll Stroh,
er pflegt beim Essen rings zu gaffen
in alle Winkel wie die Affen
und schaut auf jeden mit Begehr,
ob der vielleicht mehr isst als er,
und eh der einen Mund voll zuckt,
hat er vier oder fünf verschluckt,
und dass ihm sonst auch nichts gebreste,
trägt er noch Teller voll zum Neste,
und dass er sich ja nicht versäume,
lugt er, wie er die Platten räume.

Eh er die Speis herunterschluckt,
er einen Stich in den Becher guckt,
macht sich 'ne Suppe mit dem Wein
und schwenkt damit die Backen rein,
und hat damit oft solche Eil,
dass aus der Nas ihm rinnt ein Teil,
oder spritzt gar einem andern wohl
das Trinkgeschirr und Antlitz voll.

Den schmutzgen Mund wischt keiner mehr,
im Becher schwimmt das Fett umher,
schmatzen beim Trinken ist nicht fein,
kann andern Leuten nur widrig sein.
Durch die Zähne sürfeln klingt nicht schön,
solch Trinken gibt ein schlecht Getön.
Manch einer trinkt mit solchem Geschrei
als käme eine Kuh vom Heu.

Nachtrinken Ehre sonst gebot,
jetzt ist dem Weinschlauch nur noch Not,
dass er schnell möge trinken vor,
Das Trinkgeschirr hebt er empor
und bringt dir einen "frohen Trunk",
damit sein Becher macht glunk, glunk.
Er meint, dass er den andern ehrt,
wenn er den Humpen leer umkehrt.

Ich misse gern die feine Sitte,
dass man vor mir das Glas umschütte
oder dass man mich zu trinken bitte,
ich trink für mich, doch keinem zu,
wer sich gern füllt, ist eine Kuh.

Ein andrer schätzt bei Tisch allein,
lässt nicht das Wort sein allgemein,
es muss vielmehr ihm jedermann
zuhörn, wie er gut schätzen kann.
Keinem andern er das Wort vergönnt,
doch sein Wort gegen jeden rennt
und verleumdet gern zu jeder Frist
manchen, der nicht zugegen ist. 

So gibt's bei Tisch seltsamen Brauch,
wenn alles ich erzählen sollte,
ein ganzes Buch ich schreiben wollte,
wie man sieht in den Becher pfeifen,
mit Fingern in das Salzfass greifen,
was mancher achtet für sehr grob,
doch hat dasselbe mehr mein Lob,
als dass man Salz nimmt mit dem Messer,
gewaschene Hand ist wahrlich besser
und sauberer als jene Klingen,
die wir in der Scheide mit uns bringen
und wissen nicht, ob wir vor Stunden
vielleicht 'ne Katze damit geschunden.

Für Unvernunft kann man auch halten
die Eier zu schlagen und zu spalten
und ander dergleichen Gaukelspiel,
wovon ich jetzt nicht schreiben will,
denn das soll feine Sitte sein,
ich schreib von Grobheit hier allein,
nicht von subtilen, feinen Sachen,
ich müsst sonst eine Bibel machen,
sollt ich den Missbrauch all beschreiben,
denn man beim Essen pflegt zu treiben.

Sebastian Brant - Das Narrenschiff






Montag, 23. April 2012

Prinz Eugen, der edle Ritter | Ballade von Ferdinand Freiligrath

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Zelte, Posten, Werda-Rufer! Lustge Nacht am Donauufer! Pferde stehn im Kreis herum angebunden an den Pflöcken. An den engen Sattelböcken hangen Karabiner schwer. Um das Feuer auf der Erde, vor den Hufen seiner Pferde, liegt das östreichsche Pikett. 

Auf dem Mantel liegt ein jeder, von den Tschakos weht die Feder. Leutnant würfelt und Kornett. Neben seinem müden Schecken ruht auf einer wollnen Decken der Trompeter ganz allein: „Lasst die Knöchel, lasst die Karten! Kaiserliche Feldstandarten wird ein Reiterlied erfreun!

Vor acht Tagen die Affäre hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, in gehörgen Reim gebracht; selber auch gesetzt die Noten; drum, ihr Weißen und ihr Roten, merket auf und gebet acht!“

Und er singt die neue Weise einmal, zweimal, dreimal leise denen Reitersleuten vor; und wie er zum letzten Male endet, bricht mit einem Male los der volle kräftge Chor:

„Prinz Eugen, der edle Ritter!“ Hei, das klang wie Ungewitter weit ins Türkenlager hin. Der Trompeter tät den Schnurrbart streichen und sich auf die Seite schleichen zu der Marketenderin.







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