Aventin Blog: Hass
Posts mit dem Label Hass werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hass werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 28. September 2015

Die Schlange und der Landmann • Vergessen & Erinnern • Fabel von Aesop

Eine Schlange, welche ihren Verschlupf im Vorhofe eines Landmannes hatte, tötete dessen kleines Kind, worüber die Eltern in tiefe Trauer gerieten. In seiner Betrübnis ergriff der Vater ein Beil und wollte die Schlange, sobald sie hervorkäme, totschlagen. Wie sie nun den Kopf ein wenig herausstreckte, wollte er schnell auf sie loshauen, allein er verfehlte sie und traf nur die Öffnung ihres Schlupfwinkels. Nachdem sich die Schlange wieder in ihr Loch zurückgezogen hatte, glaubte der Landmann, sie denke nicht mehr an die Beleidigung, nahm Brot und Salz und setzte es vor die Höhle. Die Schlange aber zischte ganz fein und sprach. "Nun und nimmer kann Zutrauen und Freundschaft zwischen uns bestehen, solange ich den Stein sehe und du das Grab deines Kindes." 

Die Fabel lehrt, dass niemand Hass und Rache vergisst, solange er ein Denkmal dessen, was ihn in Betrübnis versetzte, vor Augen hat.









Sonntag, 14. Juni 2015

Nibelungen Sage 15/28 | Wie der Nibelungenhort nach Worms kam

Hagen versenkt den Nibelungenhort
Bald nach dem Begräbnis gab König Siegmund seinen Mannen bekannt, dass er heimkehren wolle nach Xanten. Auch Kriemhild bat er, sich zur Reise zu rüsten. Sie sollte an Siegfrieds Statt die Krone von Niederland tragen.

Doch Frau Ute wollte ihre Tochter nicht mehr in die Fremde ziehen lassen. Gernot und Giselher schlossen sich ihren Bitten an, und Giselher versprach der Schwester seinen brüderlichen Schutz. Da sagte Kriemhild zu, in Worms zu bleiben; nur Hagen, den Mörder Siegfrieds, wollte sie nie mehr vor Augen sehen. 

Kriemhilds Entschluss bekümmerte König Siegmund sehr. Traurig schieden er und seine Recken von Siegfrieds Frau, die sie alle liebgewonnen hatten. Von Gunther und Hagen nahmen sie keinen Abschied. Giselher allein geleitete sie, als sie Worms für immer verließen. 

Ein Haus in der Nähe des Münsters nahm die trauernde Kriemhild auf. Täglich ging sie mit ihren Frauen zur Messe und an das Grab Siegfrieds, um für sein Seelenheil zu beten. Frau Ute kam oft, um ihr Trost zu spenden, doch nichts vermochte Kriemhilds Schmerz zu lindern: zu tief eingesenkt in ihr Herz war das Leid um den geliebten Toten. Drei Jahre verbrachte sie so, ohne ein Wort mit Gunther zu sprechen oder Hagen, ihren Todfeind, ein einziges Mal zu sehen. 

Da kam Hagen ein neuer Plan, und sogleich ging er damit zu König Gunther. "Söhnt Euch mit Eurer Schwester aus", riet er ihm, "dann bringen wir den Nibelungenhort in unser Land, und groß wird Euer Gewinn davon sein!"

Der Rat war nach dem Herzen Gunthers, und er sandte Gernot und Giselher als Mittler zu seiner Schwester. "So lange schon trauerst du um Siegfried", redete Gernot Kriemhild freundlich zu, "unser Bruder Gunther hat keine Schuld an seinem Tod, das will er dir bezeigen." --- "Niemand gibt ihm solche Schuld", erwiderte Kriemhild, "Hagen erschlug ihn, und ich Unselige machte ihm die Stelle bekannt, wo der tödliche Stich traf. Wie konnte ich es ahnen, dass er so tödlichen Hass gegen Siegfried trug!"

Auch Giselher bat nun mit warmen Worten für Gunther, und schließlich fand sich Kriemhild zur Versöhnung bereit. Wenn auch ihr Herz nicht dabei mitsprach, sie gab den Brüdern einen Gruß an Gunther mit. Sogleich kam da der König mit seinen Freunden zu ihr und holte sich aus ihrem Mund Verzeihung und Aussöhnung. Nur Hagen ließ sich nicht blicken. Er kannte nur zu wohl seine Schuld und wusste, dass Kriemhild sie niemals vergessen und vergeben würde. Gegen ihn allein blieb ihr Herz in bitterster Feindschaft verhärtet.

Nicht lange dauerte es, da brachten die Brüder Kriemhild so weit, dass sie den Nibelungenhort an den Rhein holen ließ. Siegfried hatte ihn ihr einst als Morgengabe geschenkt, und so gehörte er ihr mit Recht zu eigen. Mit starkem Geleit fuhren Giselher und Gernot ins Nibelungenland, und Alberich, der Hüter, gab ihnen den Schatz heraus. Der war so gewaltig groß, dass zwölf Wagen dreimal am Tag zwischen dem Berg und den Schiffen hin und her fahren mussten, und erst nach vier Tagen war alles Gold und Edelgestein geborgen. 

Mancher der Nibelungenrecken folgte den Burgunden an den Rhein und trat in Kriemhilds Dienste ein. Viele Kammern und Türme in Worms füllte nun der Schatz, und Kriemhild war seine Herrin. Freigebig teilte ihre Hand davon aus, und so zahlreiche Freunde gewann sie sich mit dem Nibelungengold, dass Hagen sich eines Tages warnend an Gunther wandte: "Lassen wir sie noch eine Weile so schalten, so mag es uns übel ergehen. Ich rate Euch deshalb, ihr den Schatz wegzunehmen."

Doch Gunther wollte auf diesen Vorschlag nicht eingehen: "Der Schatz gehört meiner Schwester", erwiderte er, "und sie mag mit ihm tun, was ihr beliebt. Auch schwur ich ihr zu, dass kein Leid mehr von meiner Hand über sie kommen werde."

"Keiner Frau soll man solche Schätze anvertrauen", beharrte Hagen auf seiner Warnung, "Kriemhild bringt es noch dahin, dass Eure Nachsicht Euch bitter gereut. Und wenn Ihr schon selbst nicht handeln wollt, so lasst mich gewähren; ich bin durch keinen Eid gebunden."

Abermals widerstand Gunther nicht, und Hagen nahm Kriemhild gewaltsam die Schlüssel der Schatzkammern weg, so zornig Gernot und Giselher sich auch dagegen wandten. Der grimme Tronjer gab nichts um ihre Bitten und Mahnungen. Ja, als Gunther mit seinen Brüdern auf einer Reise einst von Worms abwesend war, ließ Hagen den Hort an den Rhein schaffen und versenkte ihn heimlich in die Fluten. Alle Knechte, die dabei halfen, band er mit schweren Eiden, niemals die Stelle zu verraten, wo das Gold in den Tiefen des Stromes ruhte. Was halfen Kriemhild ihre Klagen, als Gunther zurückkehrte! Nur mit Worten tadelte der König die räuberische Tat Hagens, seine Freundschaft entzog er ihm nicht.

Kriemhild aber mochte nun nicht länger da bleiben, wo der Tronjer in ihrer Nähe war. Sie verließ Worms und zog zu ihrer Mutter Ute auf den Witwensitz, den diese unweit der Abtei Lorsch besaß. Die Gebeine Siegfrieds ließ sie in das Münster des Klosters überführen, und manches Jahr lebte sie nun in Lorsch in einsamer Trauer um den lieben Toten, dem ihr Herz in unwandelbarer Treue gehörte.




Montag, 8. Juni 2015

Jupiter und die Bienen • Rachsucht • Fabel von Aesop

Die Bienen, unwillig darüber, dass sie nur für die undankbaren Menschen arbeiten sollten, brachten dem Jupiter die feinsten Waben zur Gabe und erbaten sich von ihm die Gnade, er möchte ihren Stacheln die Eigenschaft verleihen, recht empfindliche Schmerzen zu verursachen. "So sei es", sprach Jupiter, ergrimmt über die Rachgier dieser so kleinen Tierchen, "aber so, dass auch ihr zugleich mit dem Stachel euer Leben lasset!" 

Man lasse sich vom Hass nicht betören, denn seine Folgen können oft für einen selbst gefährlich werden.







Sonntag, 7. Juni 2015

Nibelungen Sage 22/28 | Wie Hagen und Volker Schildwacht hielten


Als der Berner mit seinen Mannen den Hof der Königsburg verlassen hatte, suchten Hagen und Volker eine Steinbank auf, die den Gemächern der Königin gegenüber stand. Dort setzten sie sich nieder, und die Hunnen umdrängten die beiden, als wären sie seltene Tiere aus fernen Ländern. Auch Kriemhild bemerkte vom Fenster aus den Tronjer und den Spielmann auf der Bank, und Tränen kamen ihr in die Augen. "Hat jemand Euch betrübt, Herrin?" fragten die Ritter ihres Gefolges. "Wer es auch sein mag, wir rächen Euer Leid mit seinem Tod!"

"Da unten sitzt er, der Tronjer, der Siegfried meuchlings erschlug", klagte sie, "wer mir die Meintat mit dem Blut des Mörders vergilt, dem werde ich auf den Knien danken, und königlich soll sein Lohn sein!"

Da waffneten sich sechzig Recken zum Kampf mit Hagen und Volker. Kriemhild aber hielt sie zurück. Zu wenige schienen es ihr, um die beiden grimmen Kämpen zu bestehen. Vierhundert Hunnen legten darauf ihre Rüstungen an, und an der Spitze dieser reisigen Schar schritt Kriemhild selbst, die Krone auf dem Haupt, in den Burghof hinab. Noch einmal wollte sie aus dem Munde Hagens das Geständnis seiner Schuld vernehmen, ehe der Tod ihn ereilten sollte.

Volker erblickte sie zuerst. "Da kommt sie, die uns treulos in dieses Land geladen hat, mit ihren Schwertdegen, und Euch gilt es wohl, Herr Hagen", sagte er. "Das weiß ich gewiss, dass sie es auf mich abgesehen hat", erwiderte der Tronjer, "aber wenn Ihr mir zur Seite steht, Freund Volker, werden sie vergeblich gegen uns anrennen." -- An meiner Hilfe soll es nicht fehlen, und käme Etzel selbst an der Spitze seines ganzen Heeres", versicherte der Spielmann. -- "Das lohne Euch Gott, vieledler Volker", dankte ihm der Tronjer, "nichts weiter ist mir not. Mögen sie sich jetzt nur heranwagen, die Hunnenrecken!"

Als Kriemhild näher kam, wollte Volker sich von seinem Sitz erheben, aber Hagen wehrte es ihm: "Nein Freund Volker! Die Hunnen möchten glauben, wir sollten uns furchtsam davonmachen, und der Königin, unserer Todfeindin, wollen wir nicht die Ehre antun, sie nach Rittersitte zu grüßen."

Breit legte er sein Schwert über die Knie. Es war vordem Siegfrieds Schwert gewesen, Balmung hieß es. Kriemhild erkannte es an dem grünen Edelstein, der als Knauf auf dem goldenen Griff saß, und an der rotverzierten Scheide, und wieder kamen ihr die Tränen. Auch Volker griff nach seiner Waffe. Sie lag ihm ebensogut in der Hand wie der Fiedelbogen.

Feindselig blickte die Königin den Tronjer an: "Euer böser Geist hat Euch geraten, in dieses Land zu reiten nach allem, was Ihr mir angetan habt. Niemand hat Euch geladen." -- "Meine Herren sind hierhin geladen", entgegnete Hagen, "und wo sie sind, da bin auch ich."

"Weshalb ich Euch hasse, das wisst Ihr wohl, Herr Hagen von Tronje" fuhr Kriemhild fort, "Siegfried, meinen Mann, habt Ihr gemordet, oder wollt Ihr das leugnen?" -- "Nichts leugne ich", gab Hagen zurück, "ja, ich war es, der Siegfried im Odenwald erschlug. Er musste es entgelten, dass Frau Kriemhild meine Herrin Brunhild beleidigte, und nun räche es, wer da kann!"

"Ihr habt es gehört, ihr Recken", wandte Kriemhild sich an ihre Mannen, "nun ist es an euch, ihm mit dem Schwert zu antworten!" Aber die Hunnen sahen einander mit ängstlichen Blicken an. Sie dachten an die Taten, die vor Zeiten schon der junge Hagen in Etzels Dienst vollbracht hatte, und jetzt saß da ein Mann, ein gewaltiger Recke mit Siegfrieds Schwert, und neben ihm Volker, der kühne Spielmann. Und hätte die Königin Säle voll Gold geboten, niemand fand sich da bereit, in den sicheren Tod zu gehen. Wie Kriemhild auch bat und flehte, einer nach dem anderen wandte sich ab und kehrte in den Palast zurück.

Da gingen die beiden Burgunden wieder zu Gunther und den Seinen, die immer noch wartend im Burghof standen, und Volker forderte sie auf, König Etzels Saal zu betreten. Der Hunnenkönig erhob sich von seinem Sitz, als die Burgundenfürsten mit ihren Begleitern nahten, und grüßte sie mit herzlicher Freude: "Nichts Lieberes konnte mir geschehen, als dass ich so tapfere Recken hier im Hunnenland sehe. Auch die Königin wird euch Dank wissen für euer Kommen." In goldnen Schalen wurde den Gästen Wein gereicht, und in reicher Fülle trugen die Diener köstliche Speisen zu den Tischen. So saßen die Recken vom Rhein mit den Hunnen einträchtig zusammen bis zum Abend.

Den Burgundenfürsten und ihren Rittern war in der Königsburg selbst Herberge bereitet in einem großen Saal, den Etzel für Gäste hatte erbauen lassen. Die Knechte aber wurden auf Kriemhilds Rat außerhalb des Burgbereichs untergebracht, und König Gunther gab ihnen Dankwart als Führer und Schützer mit.

Als die Nacht anbrach, erhoben sich die wegmüden Recken, um ihre Herberge aufzusuchen. Wohlgemut entließ König Etzel sie, aber als sie aus dem Saal kamen, drängten die Hunnen so dicht heran, dass Volker ihnen eiserne Fiedelschläge androhte, wenn sie den Weg nicht freigäben, und Hagen rief: "Gebt uns jetzt Nachtruhe, ihr Hunnenmänner! Morgen in der Frühe sind wir zu allem bereit!"

Der Saal war mit Betten und Decken aufs reichste ausgestattet, aber eine Ahnung kommenden Unheils erfasste Giselher, als er in den weiten Raum eintrat. "Wie prächtig auch die Herberge ist", rief er aus, "ich fürchte, meine Schwester sinnt uns allen Verderben."

"Legt Euch ohne Sorgen zur Ruhe", sprach Hagen ihm zu, "ich will diese Nacht Schildwacht halten und getraue mir wohl, euch zu behüten bis an den Morgen."

Alle sagten ihm Dank, und er nahm Schwert und Schild zur Hand, wie es auf Schildwacht Brauch ist. Da trat Volker zu ihm und bat: "Lasst mich diese Nacht mit Euch wachen, Freund Hagen!"

Was konnte dem Tronjer lieber sein! In Waffen gingen die beiden vor den Saal, um die Nachtruhe der Burgunden zu hüten. Volker aber tat seinen Gefährten noch einen weiteren Liebesdienst. Er lehnte den Schild an die Wand und griff nach seiner Fiedel. Auf der Treppe sitzend, strich er die Saiten, dass die Töne voll und mächtig in den Saal drangen. Sanfter und lieblicher wurde dann sein Spiel, bis auch dem Letzten da drinnen die sorgenvollen Gedanken vergingen und der Schlummer kam. Da nahm er wieder den Schild zur Hand und trat auf seinen Platz an Hagens Seite.

Mitten in der Nacht sah er plötzlich in der Ferne Helme im Sternenlicht glänzen. Eine Hunnenschar schlich heran, die Kriemhild ausgesandt hatte, den schlafenden Hagen zu töten. Abermals schlug der Plan fehl. Einer der Hunnen entdeckte die Schildwachen an der Tür und erkannte den Tronjer und den schwertmächtigen Fiedler. Da machten sie sich sogleich verstohlen davon. Volker rief ihnen noch nach: "Im Dunkel schleicht ihr heran, um uns im Schlaf zu morden! Feige Bösewichter seid ihr, aber keine Recken!"

Keine Antwort kam aus der Nacht. Kriemhild aber erfuhr noch vor Tagesanbruch, dass auch dieser zweite Anschlag misslungen war.







Montag, 1. Juni 2015

Nibelungen Sage 28/28 | Wie Gunther, Hagen und Kriemhild endeten

aventin.blogspot.com

Da ging Herr Dietrich selbst zur Rüstkammer und waffnete sich. Hildebrand half ihm die Brünne anlegen und reichte ihm Schwert und Schild. Dann geleitete er seinen Herrn zum Saal der Burgunden.

Gunther und Hagen sahen die beiden kommen. "Da naht der Berner", sagte der Tronjer, "nun wird es sich erweisen, wer der Beste im Kampf ist. Ich getraue mir wohl, ihn zu bestehen."

Der Gotenkönig trat heran und stieß den Schild auf. "Meine Mannen habt ihr erschlagen. Jetzt fordere ich als Sühne, dass ihr euch als Geiseln in meine Hand begebt. Kein Hunne wird dann Gewalt über euch haben."

"Das wird nicht geschehen", antwortete sogleich Hagen, "nie soll man von den Burgunden sagen, dass sie sich mit dem Schwert in der Hand feige ergeben haben."

Kein Zureden Dietrichs und Hildebrands half. Stolz lehnten die beiden Burgundenrecken sogar sicheres Geleit in die Heimat ab, das der Gotenkönig ihnen bot. Wieder mussten die Waffen entscheiden, zum letzten Mal.

Der Berner nahm den Schild hoch und drang auf Hagen ein. Balmung, das Nibelungenschwert, blieb nicht müßig in des Tronjers Hand. Dicht schmetterten seine Hiebe auf des Gegners Schild und Helm, doch was vermochte ein müder Arm gegen die gewaltige und frische Kraft des Gotenhelden? Dietrich schlug dem Burgunden eine tiefe Wunde. Dann ließ er den Schild fallen, sprang auf den Wankenden zu und rang mit ihm, bis der Tronjer gebunden in seiner Hand lag. So führte er ihn vor Kriemhild, deren Augen aufleuchteten in grimmiger Freude. Wie hatte sie diesen Augenblick ersehnt!

Bald stand auch Gunther, der letzte der Burgunden, von Dietrich in hartem Kampf bezwungen, gebunden vor der Königin. Spottend grüßte sie ihn: "Seid mir willkommen, König Gunther! Wie freue ich mich, Euch hier vor mir zu sehen!"

Da bat Dietrich für die Gefangenen: "So edle Helden habt Ihr noch nie als Geiseln gehabt, Frau Königin. Schont ihr Leben, ich bitte Euch in alter Freundschaft."

"Gern tue ich, was ich vermag", erwiderte kalt Kriemhild und ließ die beiden gesondert in den Kerker führen. Traurig wandte der Berner sich ab. Er ahnte, dass die Königin schreckliche Rache sann.

Nicht lange währte es, da trat Kriemhild in Hagens Kerker. In unverhohlener Feindseligkeit sprach sie: "Wenn Ihr mir den Nibelungenhort zurückgebt, Hagen von Tronje, so sollt Ihr das Leben behalten und an den Rhein zurückkehren dürfen."

Verächtlich erwiderte Hagen: "Das sind müßige Worte! Mein Eid bindet mich. So lange einer meiner Herren lebt, darf ich den Ort nicht nennen, wo der Hort verborgen ist."

Da fasste Kriemhild einen furchtbaren Entschluss. Sie ließ ihrem Bruder das Haupt abschlagen und trug es selbst an den Haaren in Hagens Kerker. In wildem Grimm lachte der Tronjer auf, als er das blutige Haupt seines Herrn erblickte, und voll Hohn schleuderte der Kriemhild die Worte entgegen: "So habe ich es mir gedacht: Giselher und Gernot sind tot, und nun ist auch Gunther nicht mehr! Jetzt weiß niemand als Gott und ich allein um den Hort. Dir, du Teufelin, soll er nun für immer verborgen sein!"

"So bleibt mir denn nichts als Siegfrieds Schwert", rief sie in wildem Hass, riss Balmung von des Tronjers Seite und trennte ihm mit einem einzigen Hieb den Kopf vom Rumpf.

Entsetzen ergriff die beiden Berner ob der grausigen Tat. Selbst König Etzel klagte: "Da liegt er, in Fesseln erschlagen, der Erste aller Recken! So feind ich ihm war, solches Ende geht mir nahe!" Und der alte Hildebrand rief: "Er brachte mich in große Not, der schreckliche Tronjer, aber seinen schimpflichen Tod will ich doch rächen!" In grimmigem Zorn griff er nach seinem Schwert und streckte Kriemhild tot neben Hagen hin.

Da lagen sie beide in ihrem Blut, die einander tödlichen Hass im Herzen getragen hatten, und tot lagen sie alle, die herrlichen Helden, die in König Etzels Saal beisammen gesessen hatten: die Burgundenfürsten, die kühnen Streiter Iring und Irnfried, Wolfhart, der junge Degen, und der edle Rüdiger von Bechlaren, und mit ihnen lagen da die Scharen ihrer Getreuen.

So endete in Jammer und Leid das Sonnwendfest im Hunnenland.










LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...