Aventin Blog: Liebe
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Dienstag, 12. April 2016

John Maynard | Ballade von Theodor Fontane


John Maynard!
"Wer ist John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann,
Aushielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron`,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard!"

Die 'Schwalbe' fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund':
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund'."

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
"Feuer!" war es, was da klang.
Ein Qualm aus Kajüt' und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich's dicht,
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?" - "Ja, Herr. Ich bin."-
"Auf den Strand. In die Brandung." - "Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus. Hallo!"
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!"
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die 'Schwalbe' mitten hinein;
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo.

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur eine fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln
Himmelan aus Kirchen und Kapelln,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt.
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

"Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron'
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."






Dienstag, 8. März 2016

Der Garten des Herrn Ming | Von der Liebe | Gedicht von James Krüss


Im stillen Gartenreiche
Des alten Gärtners Ming,
Da schwimmt in einem Teiche
Ein Wasserrosending.

Den alten Ming in China
Entzückt sie ungemein,
Er nennt sie Cathrina,
Chinesisch: Ka-Ta-Rain.

Mit einer Pluderhose
Und sehr verliebtem Sinn
Geht er zu seiner Rose hin.

Er singt ein Lied und fächelt
Der Rose Kühlung zu.
Die Rose aber lächelt
Nur für den Goldfisch Wu.

Sie liebt das goldne Fischchen,
Das oft vorüberschießt
Und auf den Blättertischchen
Den Rosenduft genießt.

Doch Wu, der Goldfisch-Knabe,
Der lockre Bube, gibt
Ihr weder Gruß noch Gabe,
Weil er ein Hühnchen liebt.

Er liebt Shu-Shu, das kleine,
Goldrote Hühnerding.
Jedoch Shu-Shu, die Feine,
Liebt nur den Gärtner Ming.

So liebt Herr Ming Cathrina,
Cathrina liebt den Wu
Wu liebt Shu-Shu aus China,
Den Gärtner liebt Shu-Shu.

Man liebt sich sanft und leise.
Doch keiner liebt zurück.
Und niemand in dem Kreise
Hat in der Liebe Glück.

Sie leben und sie warten,
Sind traurig und verliebt
In diesem kleinen Garten,
Von dem es viele gibt.





Samstag, 5. März 2016

Gott ist eine allgemeine Erfahrung | Von Liebe und Hoffnung | C.G. Jung


'Gott ist eine allgemeine Erfahrung, die nur von einem blöden Rationalismus und einer entsprechenden Theologie verdunkelt wird.' (C.G. Jung)

Christliche Religion ist offensichtlich kein großes Thema mehr und Kirchen und Beichtstühle bleiben deshalb immer öfter leer und die Institutionen finden immer weniger Zulauf. Und das, obwohl die seelischen Nöte der Menschen in unserer Zeit immer größer werden. Liegt es vielleicht am fehlendem Inhalt oder an der Langeweile, die diese Einrichtungen und ihre Theologen verbreiten? Heutzutage wird das große Thema der christlichen Religionen, die Liebe, in noch so banalen Schlagertexten wesentlich lebensnäher behandelt als in vielen Sonntagspredigten. Und weil es so ist und die christliche Theologie oft wirklich nicht mehr zu sagen hat als über Seele, Sünde und Erlösung nur noch dogmatisch zu stottern, entschwindet den noch Gläubigen jegliche Begeisterung und niemand fühlt sich mehr von der Lehre innerlich berührt. Eine Religion, die sich einer Befreiung widersetzt und gewisse Themen zwanghaft tabuisiert, hat ihre Zukunft bereits hinter sich. Die ursprüngliche Botschaft, Liebe ist Leben, indem auch Liebe gelebt wird, für sich, die anderen und die Natur, scheint vergessen worden zu sein. 

Jeder Mensch habe Vertrauen auf die Liebe und die Hoffnung, seinen eigenen Weg im Leben zu gehen. Der Kosmos tut sein Übriges und die Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte, Gläubige und Ungläubige, Wissende und Unwissende.  




Freitag, 26. Februar 2016

Psychologie Alltag | Beispiel 10€ Schein | Menschen verlieren nie ihren Wert

In einer Klasse hält ein Lehrer einen 10€ Schein in die Luft und fragt : "Wer will ihn haben?" Natürlich heben alle Schüler die Hand. Dann zerknittert der Lehrer den Schein und fragt: "Wollt ihr den immer noch?" Wieder heben alle die Hände. Der Lehrer wirft den zerknüllten Schein auf den Boden, trampelt darauf und fragt weiter: "Wollt ihr ihn denn jetzt immer noch?" Und wieder heben alle Schüler die Hände. Dann sagt der Lehrer: "Ihr habt heute eine wichtige Lektion gelernt! Egal was ich mit diesem 10€ Schein mache, ihr wollt ihn trotzdem immer haben, weil sein Wert sich nicht verändert. Er ist immer 10 Euro wert. 
In Eurem Leben werdet ihr mehrmals verzweifelt sein und von manchen Menschen weg gestoßen, verarscht oder sogar gehasst werden und ihr werdet das Gefühl haben, Nichts mehr wert zu sein. Doch seid Euch immer eines bewusst - egal welche Qualen ihr erleben müsst, wie viele Menschen Euch auch wegstoßen mögen... - für Menschen, die Euch lieben, werdet ihr nie weniger wert sein! Auch wenn ihr arm seid, keinen Reichtum besitzt oder nichts mehr habt, verliert ihr nie Euren Wert."





Freitag, 29. Januar 2016

Farbenphänomene | Rot | Johann Wolfgang Goethe

Man entferne bei dieser Benennung alles, was im Roten einen Eindruck von Gelb oder Blau machen könnte. Man denke sich ein ganz reines Rot, einen vollkommenen, auf einer weißen Porzellanschale aufgetrockneten Karmin. Wir haben diese Farbe ihrer hohen Würde wegen manchmal Purpur genannt, ob wir gleichwohl wissen, dass der Purpur der Alten sich mehr nach der blauen Seite hinzog. 

Wer die prismatische Entstehung des Purpurs kennt, der wird nicht paradox finden, wenn wir behaupten, dass dieser Farbe teils actu, teils potentia alle anderen Farben enthalte. Wenn wir beim Gelben und Blauen eine strebende Steigerung ins Rote gesehen und dabei unsere Gefühle bemerkt haben, so lässt sich denken, dass nun in der Vereinigung der gesteigerten Pole eine eigentliche Beruhigung, die wir eine ideale Befriedigung nennen möchten, stattfinden könne. Und so entsteht bei physischen  Phänomenen diese höchste aller Farbenerscheinungen aus dem Zusammentreten zweier entgegengesetzten Enden, die sich zu einer Vereinigung nach und nach selbst vorbereitet haben. 





Donnerstag, 24. Dezember 2015

Ich sehn' mich so nach einem Land ⋅ Weihnachten ⋅ Hermann Hesse


Ich sehn' mich so nach einem Land
der Ruhe und Geborgenheit.
Ich glaub', ich hab's einmal gekannt,
als ich den Sternenhimmel weit
und klar vor meinen Augen sah,
unendlich großes Weltenall.

Und etwas dann mit mir geschah:
Ich ahnte, spürte auf einmal,
dass alles: Sterne, Berg und Tal,
ob ferne Länder, fremdes Volk,
sei es der Mond, sei's Sonnnenstrahl,
dass Regen, Schnee und jede Wolk,
dass all das in mir drin ich find,
verkleinert, einmalig und schön.

Ich muss gar nicht zu jedem hin,
ich spür das Schwingen, spür die Tön'
eines jeden Dinges, nah und fern,
wenn ich mich öffne und werd' still
in Ehrfurcht vor dem großen Herrn,
der all dies schuf und halten will.

Ich glaube, das war der Moment,
den sicher jeder von uns kennt,
in dem der Mensch zur Lieb' bereit:
Ich glaub, da ist Weihnachten nicht weit! 









Montag, 21. Dezember 2015

Schon wieder ist fast ein Jahr vorbei ⋅ Adventgedanken


Schon wieder ist fast ein Jahr vorbei, ein Jahr unseres Lebensweges, den wir mit den verschiedensten Menschen gegangen sind. Wen haben wir, wer hat uns begleitet? Wen oder was haben wir gesucht? Gefunden? Verloren?

Manche suchen auf ihren Wanderungen auch gern nach den unscheinbaren Dingen. Es muss nicht immer alles großartig, zauberhaft oder überwältigend sein. Was wir an unseren Mitmenschen besonders gern mögen, sind doch die Kleinigkeiten. Und gerade diese sind so wichtig, weil sie das Leben ausmachen. Da sein dürfen, wach sein, lebendig sein in einer Welt, die uns immer tristere Zukunftsvisionen einräumen will. Ganz Mensch sein dürfen, mit Herz und Verstand, mit Gefühl, Vertrauen und Toleranz. Aber auch NEIN sagen können inmitten einer so geschäftigen, gar nicht adventlichen Zeit. Wütend werden über all das, was das Leben bedroht. Doch dabei auch zart bleiben, weich sein und das ganz ohne Gewalt. Leise Worte und sanfte Gesten finden und zeigen, dass man auch verletzlich ist. Sich den Mitmenschen, einem Kind, einsamen oder alten Menschen zuwenden, besonders jenen, die in Not sind. Den Boden wieder unter den Füßen spüren und sich dabei selbst wiederfinden.

Was will man uns heute nicht alles einreden! Das Ego ist gefragt! Man müsse sich selbst behaupten, brauche Stehvermögen und Emanzipation! Gebrauche deine Ellenbogen, zu was hat man sie denn! Erfolg, Macht und Ansehen sind von Nöten um vorwärts zu kommen!

Aber das geht nur auf Kosten seiner Selbst und der Anderen. Ist das der Sinn des Lebens? Und wo bleibt die Liebe?

Um sich von all dem zu lösen, dazu gehört schon ein großes Stück Verwegenheit. Der Verfasser wünscht deshalb allen Lesern den Mut, diese Verwegenheit, welche letztendlich zur Freiheit für sich und alle anderen führt, zu finden und zu gewinnen. Die Freiheit eines neuen verantwortlichen Bewusstseins mit dem Blick auf das Ganze!






Freitag, 18. Dezember 2015

Es war keine Liebe darin • Geschichte zum Advent


Es war an einem Tag kurz vor Weihnachten. Ich besuchte einen alten Bekannten im Altenheim. Zu dem Zimmer des alten Herrn der alleine für sich wohnte, war gerade eben noch der Paketzustelldienst gekommen. Darum wunderte ich mich nicht, dass auf mein Klopfen zunächst keine Antwort kam. "Aha, das Weihnachtspaket!" dachte ich. Tatsächlich, als es endlich hieß: "Herein!" stand der alte Herr vor dem Tisch und stocherte in dem eben geöffneten Paket. Man sah auf den ersten Blick, dass es ein Paket mit teueren Geschenken war. 

Später hörte ich, dass die Absenderin, die Tochter des alten Herrn, eine reiche Geschäftsfrau sei. Soweit ich sehen konnte, befanden sich im Paket Zigarren, Tabak, Cognac, Kaviar, Sekt, Lederartikel und noch vieles mehr - alles, was man sich nur ersehnen konnte. 

Der alte Herr aber machte zu all dem nur ein mürrisches Gesicht. Kein Fünkchen Freude war zu sehen. "Aber Herr Huber", sagte ich jetzt, "wie kann man vor solch einem Weihnachtspaket ein so  trauriges Gesicht machen? Da sind doch nur gute und wertvolle Sachen darin!" Da sah mich der alte Herr an und sagte: "Da ist keine Liebe darin!" Dann begann er von der reichen Tochter zu erzählen. Augenscheinlich hat sie das Paket von den Angestellten packen lassen. Auf einer billigen vorgedruckten Weihnachtskarte stand geschrieben: "Deine Tochter Luise und Schwiegersohn". Sonst nichts! Kein persönlicher Weihnachtswunsch, kein Besuch und auch keine Einladung wie: "Feiere das Fest mit uns!"







Dienstag, 1. Dezember 2015

Altes Lied über die Liebe • Ballade • Heinrich Heine


Es war ein alter König,
Sein Herz war schwer, 
Sein Haupt war grau;
Der arme alte König,
Er nahm eine junge Frau.

Es war ein schöner Page,
Blond war sein Haupt, 
Leicht war sein Sinn;
Er trug die seidene Schleppe
Der jungen Königin.

Kennst du das alte Lied?
Es klingt so süß, 
Es klingt so trüb!
Sie mussten beide sterben,
Sie hatten sich viel zu lieb.





Donnerstag, 22. Oktober 2015

Über die Wunder dieser Welt • Novelle von Ralph Waldo Emerson

Foto: pigs.de - FZ18
"Es gibt keine Wunder mehr." Gibt es sie wirklich nicht mehr? Seit wann? Heute Nachmittag gab es sie noch, als ich in den Wald ging und, vor dem tosenden Wind geschützt, in einen hellen, wundersamen Sonnenschein trat. 

Wer kann einen Tannenzapfen betrachten oder das Harz, das aus der Rinde tropft, oder ein Blatt, dieses in sich vollkommene Stück der Pflanzenwelt, wie es im Sonnenlicht leuchtet; wer kann in dem stillen, bewaldeten Tal das fröhliche Zirpen der Grillen hören oder über einen hohen Felsgrat gehen, der wie ein natürlicher Damm das Moor überquert; wer kann den ziehenden Wolken nachsehen oder zu seinen Füßen ein Moos oder einen Stein anschauen und behaupten, es gebe keine Wunder mehr? Sag mir, guter Freund und gute Freundin, wann dieser Hügel, auf dem du stehst, durch vulkanische Kraft aus der Erdoberfläche getrieben wurde. Hebe den Kieselstein auf, betrachte seine grauen Flächen und scharfen Kristalleinschlüsse, und sage mir, durch welch feurige Sintflut die Minerale wie Wachs zerschmolzen und wie dieser Stein, als wäre der Erdball ein glühender Mörser, seine Gestalt erhielt. Der Kiesel selbst spricht die Wahrheit aus und bezeugt endlosen Zeitaltern, dass es also geschah. Sag mir, wo wird diese Luft erzeugt, die so dünn und blau und beweglich ist, die dich umfächelt, in der dein Leben schwebt und die sich der Lungen nur als eines Organs bedient, diese Luft, aus der du melodische Worte bildest? 

Mich drängt mein Wissensdurst, das Geheimnis der Natur zu ergründen. Warum kann die Geologie, warum kann die Botanik nicht sprechen und mir sagen, was früher war und was jetzt ist, während ich durch die Wälder gehe und mich frage, wann das Vorgebirge sich aufwarf wie eine Blase auf glühendem Stahl? Dann blickte ich nach oben und sah, wie die Sonne am weiten Himmel stand. Ich hörte den Wind brausen, und das Wasser glitzerte im Tal. Das sind die Kräfte, die jene Erscheinungen hervorbrachten und die immer noch tätig sind. Ja, sie sprechen noch immer mit mächtiger, klarer Stimme für diejenigen, die sie verstehen.






Samstag, 14. März 2015

Von der Liebe eines Moslems und einer Christin • Maghrebinische Geschichte

Ein junger Moslem namens Hassan liebte eine kaum entknospte Christin namens Myriam. Der religiöse Eifer ihrer Sippen aber vereitelte ihre Vereinigung. Da die beiden sehr schön waren, nahm alles Volk an ihrem Kummer teil. Die Liebe dieser beiden hätte sein können wie die der hundertblättrigen Rose zur tausendstimmigen Nachtigall. 

Dann geschah, dass Myriam vor Kummer auf den Tod erkrankte. Da machte, von so viel Leid ergriffen, einer der großen Weisen des Landes, der Wunderrabbi Schalom Mardochaj, sich auf und ging hin zu ihr, um ihr nach Kräften beizustehen. Er traf sie sterbend an. "Bestelle Hassan", so flüsterte die Schöne dem gütigen Gelehrten zu, "dass ich, um wenigstens im Jenseits mit ihm vereint zu sein, dem Christentum entsage und mich bekenne zur alleinseligmachenden Lehre des Propheten." Damit senkte sie die Neumonde der Lider über die Gebetsnischen der Augen und war entschlafen. 

Schwankend unter dem Gewitter der Ergriffenheit begab sich Rabbi Schalom Mardochaj, der große Talmudist, zu Hassan, um ihm die letzten Worte der Geliebten zu bestellen. Unterwegs geriet er in einen Menschenauflauf. Ein junger Bursche hatte sich vom Minarett der ehrwürdigen Moschee gestürzt und lag sterbend auf dem Pflaster. Von einer fürchterlichen Ahnung überfallen, bebend im Gemüt, drängte Rabbi Schalom sich durch die schaulustige Menge. Er sah Hassan, der noch schwach die Lippen regte. Um die letzten Worte des Sterbenden zu hören, neigte Rabbi Schalom sich über ihn. "Bestelle Myriam", so hauchte Hassan, "dass ich, um wenigstens im Jenseits mit ihr vereint zu sein, der Lehre des Propheten entsage und im Glauben an das alleinseligmachende Christentum gestorben bin." Dann brachen seine Augen und sein Mund blieb stumm. 

Da richtete der gütige und wahre Rabbi Schalom Mardochaj sich auf und sprach zum Volk: "Seht, ihr Toren! Selbst im Jenseits werden sie nicht zueinander kommen wegen dem Starrsinn, mit welchem ihr anhängt an Namen, um zu dienen dem einen und alleinigen Gott!"






Donnerstag, 26. Februar 2015

Über die Macht der Liebe • Novelle von Turgenjeff

Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein Hund lief vor mir her. Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als wittere er vor sich ein Wild. Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit gelb gerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Nest gefallen - heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee - und hockte unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügel ausstreckend. 

Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baum sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel - und völlig zerzaust, verstört, mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leib wollte er es schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfasste ihn, er opferte sich selbst. Als welch riesengroßes Untier musste ihm der Hund erscheinen! Und dennoch hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Ast zu bleiben vermocht. ... Eine Macht, stärker als sein Wille, riss ihn von dort herab. Mein Hund hielt inne, wich zurück. ... Sichtlich begriff auch er diese Macht. Schnell rief ich den Verblüfften zurück - und entfernte mich. Ehrfurcht im Herzen. 

Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe. Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und seine Schrecken. Die Liebe allein erhält und bewegt unser ganzes Leben.






Freitag, 6. Februar 2015

Von den Tugenden und dem Streben nach oben | Zitat von Goethe

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Über allen Tugenden steht das beständige Streben nach oben, das Ringen mit sich selbst, das unersättliche Verlangen nach größerer Reinheit, Weisheit, Güte und Liebe. 





Sonntag, 9. Juni 2013

Monat April | Wiedergeburt des Jahres | Herbert Fritsche


Aller Reife geht das Spiel voran. Das kleine Mädchen spielt sich von der Puppenstube her zur Mutter, der Knabe vom Aquarium her zum Forscher hin oder, wie das Kind Goethe, vom spielerischen Aufbau eines aus den Welten-Elementen Stein, Pflanze, Tier und Feuer gefügten Altares zur Rolle des bevollmächtigten priesterlichen Verkünders der Geheimnisse. So tobt denn im Aprilwetter die Jugend des Jahres, zwischen Graupelschauer, Sonnenschein, erstem Gewitter und plötzlichem Rückfall in Eis und Reif wie ein Böcklein hin und her springend, ihr wildes Verspieltsein in des Kosmos Chronik. Das Schüttelnde, Rüttelnde, nirgends solide und dennoch so funkelnd mit Reichtümern Prunkende des April ist einem Kursus in der großen Abhärtung gleichzusetzen, der die Kreaturen nunmehr preisgegeben werden. Die leisen Lenzverkündigungen des März, rosa Pestwurzblüten am Grabenrand, gelbe Sönnchen des Huflattichs den Weg entlang, Veilchen im Gras, Seidelbast am Waldessaum und überall die flimmernden Kätzchen der Weiden - es ist all dies auch im April noch da, doch eine kräftigere Küche kocht inzwischen ihre Säfte und Gewürze in den herben Tag. Es wird Zeit, die Frühlingskräuter zu ernten und in Suppen- oder Salatform auf den Tisch zu bringen.

Ob der Abend kühl ist oder lau, die Amseln sitzen auf den Giebeln und im Obstbaum, der gegen Ende des Monats zu erblühen beginnt, und ihre Strophe betet weltenalte Gebete, die Wiedergeburt des Jahres zu verehren. Im Westen versinkt der Orion, der Weihnachtskünder, dessen riesiges Sternbild in den Septembernächten aus den östlichen Räumen emporzuklimmen beginnt. Die Erde, die tief im Winter den Atem in sich zurückstaute wie ein indischer Yogi, wenn er den Zustand der Vereinigung des höheren Selbst mit der Gottheit, wenn er Samadhi erreichen will, beginnt nun immer stärker auszuatmen: ihre Ätherfülle, die sich weit flutend in die Räume ergießt, tritt gleichsam in den lebendigen Verkehr mit der Welt der Gestirne - und je lebhafter und reicher von Monat zu Monat dieser Austausch zwischen Erdenstern und Himmelsternen vonstatten geht, desto zahlreicher sprossen, als irdische Antwort auf die kosmische Befruchtung, die Blütensterne auf, die Abbilder der Himmelslichter, die schuldlosen Organe der Liebe im Pflanzenreich. 

Alles Lebendige hat seine drei irdischen Formen der Selbstentfaltung: Sal, Mercurius und Sulphur, so lehrte es Paracelsus von Hohenheim, der eigenwüchsige Erneuerer des Einweihungswissens zur Zeit der Renaissance. Sal, das Salz, steht mit seinen stofflich-harten Kubusformen der Kristalle für irdische Verfestigung, Merkurius, das Quecksilber, quecksilbert flüssig, vermittelnd und nach Art des Götterboten Merkur als Bote zwischen Niederem und Höherem hin und her, Sulphur, der Schwefel, endlich deutet auf die geheimnisvolle Existenz des Flammenden, Feurigen, sich Verflüchtigenden hin, auf die Sublimation ins Überweltliche. 

Wer unter Kaskaden von Faulbaumblüten durch einen April-Park schreitet, sei des Feuers der Schöpfung eingedenk, wie es in den Düften lebt und wie es immer nur ein und dasselbe meint und minnt: die Liebe. 






Samstag, 8. Juni 2013

Monat Mai Liebe | solve et coagula | Herbert Fritsche


Niemand kann den Mai erleben, ohne die Frage nach dem Sinn der Liebe zu stellen - es sei denn, dass er als ein Genie des Herzens weder dieser Frage noch ihrer Lösung bedürftig ist. Hat uns der Darwinismus verkündet, die gesamte Welt der Organismen, Farn und Falter, Blume und Nachtigall, Obstbaum und Mensch sei zustande gekommen durch ein Zufallsgemisch toter Stoffe, das bei geeigneten Gestirnstemperaturen von selber zu leben begann und sogleich sich zu hassen, zu zerstückeln und zu vernichten anhob, dass bei diesem irrsinnigen Kampf aller gegen alle aber dieses und jenes Stückchen Leben rein zufällig besser ausgestattet war als das andere, so dass Zufalls-Auslesen im allgemeinen Daseinskampf zustande kamen mit dem Resultat eines Emporstiegs der Organismen vom Schleimklümpchen im Tümpel bis zur Amsel, zum Reh und zum Menschen, hat eben dieser Darwinismus uns also die Welt zur Mördergrube und das Werden der Geschöpfe zu einer Erfolgskrönung von Gangstern gemacht, so lehrt uns der Mai, dass die Liebe eine überwältigende Macht im Leben ist. Kosmogonisch ist der eros, weltenschaffend. Und dennoch findet sich auch viel Leidbringendes, Unvollkommenes und Unglückseliges in den Welten. 

Das Erlebnis Mai ist das Erlebnis der Liebe. Das wirre und wunderliche Massenkonzert der Laubfrösche in den Hecken am Teich, die Gaukelflüge der Feldermäuse, das brummende Umherschwärmen der Maikäfer, die Lieder der Vögel und die Katarakte des Weißdorn-Blüten-schaums: alles weiß nur von Liebe zu plaudern, zu singen, zu tanzen, zu schweben oder zu duften. Lauschen wir weiter nach innen, so werden uns die Stimmen der alten Weisen vernehmlich, der wortgewaltigen heiligen Schriften, der Stifter der Hochreligionen. Gott oder Kosmos ist die Liebe, das ist die Botschaft eines jeden unter ihnen. Wenn Gott die Liebe ist, so braucht diese Liebe, um sich als Liebe leben zu können, ein Du. Liebe will sich in sich selbst als Liebe ergreifen und bestätigt sehen, aber das vermag sie nur, wenn ein gegenüber vorhanden ist, das geliebt werden kann. Wenn Gott die Liebe ist, benötigt er eine Welt als Du, um seine Liebe leben zu können. Nun kann aber immer nur ein freies Du für die Liebe ein gültiges Du sein, denn ein gefesseltes oder willenlos betäubtes Du genügt dem Liebenden niemals. Die geschaffene Welt, das Du zu Gott hin, musste ausgestattet werden mit dem Samen der Freiheit, um das wirkliche und gültige Du sein zu können. So wie die Liebe sich leben will, um sich in sich selbst bestätigt zu sehen, so will auch die Freiheit sich leben. Das kann nur geschehen, wenn sie sich selbst ergreift, wenn sie in den Eigenstand des Freiseins tritt. Dies aber bedeutet, im Hinblick auf Gott, Abirrung, Sonderung, Sünde, Sündenfall. 

Nur was sich abkehrt vom Gebundensein an Gott, verwirklicht die Freiheit, weil jede Haltung, die nicht ins Freie vorstößt, Gebundensein bedeutet. Der verlorene Sohn, der alles Leid, alle Sonderung und Sünde ins All gebracht hat, hat dennoch auf geheimnisvolle Weise das Du, das die Welt Gott gegenüber ist, zu einem gültigen, einem freien Du gemacht. Deshalb geht der Vater dem verlorenen Sohne, der schließlich in Freiheit und mit einer selbsterrungenen Erfahrungsfülle heimkehrt, mit weit größerer Liebe entgegen, als er sie für den anderen Sohn hegt, der lediglich bei ihm blieb. Das Mysterium des verlorenen Sohnes ist mit dem Mysterium der Liebe eng verbunden - so eng, wie die Forderung des Liebenden an alles Geliebte, das in Freiheit die Liebe erwidern soll, mit dieser Freiheit verbunden ist. 

Alle Irrungen, Täuschungen und Illusionen des Liebeslebens fügt der Mai zu einer süßen Symphonie. Wenn wir sie vernehmen, dürfen wir nicht meinen, es sei ein Lied von Lug und Trug. Alles Suchen wird insgeheim bewegt von der Gewißheit, dass es ein finden gibt - und alle Freiheit ist nur ein Spannungsmoment um jener Einheit willen, die für den Menschen mit der überaus seltenen echten Ehe gegeben ist und für den Kosmos mit dem Werdeziel der Welten, der Wiederbringung aller geschaffenen Dinge ins Liebeslicht der Gottheit.





Dienstag, 27. März 2012

Pygmalion und Galatea | Metamorphosen von Ovid

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Der Künstler Pygmalion von Zypern ist aufgrund schlechter Erfahrungen mit sexuell zügellosen Frauen (Propoetiden) zum Frauenfeind geworden und lebt nur noch für seine Arbeit bzw. Bildhauerei. So erschafft sich, ohne sich dessen bewusst zu sein oder speziell an Frauen zu denken, eine Elfenbeinstatue, die fast wie eine lebendige Frau aussieht. Er behandelt das Abbild mit der Zeit auch immer mehr wie einen echten Menschen und verliebt sich schließlich und endlich in seine eigene Kunstfigur. 

Am Festtag der Venus fleht Pygmalion die Götter mit folgenden Worten an: „Ihr Götter, ihr vermögt mir alles zu geben. Gebt mir ein Frau die nur ihr gleicht“. Er traute sich nicht zu sagen, seine Statue möge zum Menschen werden, doch bittet er darum, seine künftige Frau möge so sein wie die von ihm erschaffene Statue. 

Venus, die Göttin der Liebe, versteht sein Gebet und als er nach Hause zurückkehrt und die Statue wie üblich zu liebkosen beginnt, wird diese langsam lebendig. Aus der Verbindung geht ein Kind namens Paphos hervor. Im 18. Jahrhundert erhält die zum Leben erweckte Statue den Namen Galatea.





Mittwoch, 7. März 2012

Philemon und Baucis | Mythologie | Metamorphosen von Ovid


aventin.blogspot.comAlle erstarrten und billigten mitnichten solcherlei Worte. Besonders Lelex, ein Mann in Jahren und im Geiste gereift, erzählte folgendes: „Des Himmels Gewalt ist unendlich und grenzenlos. Was immer die Götter nur wollen, sogleich ist es vollendet. Hört, damit ihr nicht zweifelt! Es stehen auf dem phrygischen Hügel, von mittlerer Mauer umschlossen, nebeneinander Eiche und Linde. Ich selber sah den Ort, denn Pittheus sandte mich einstmals in die Gefilde des Pelops, die sein Vater früher regierte. Nahe dabei befindet sich ein Teich, einst wohnliche Gegend, doch jetzt hausen dort im Wasser sumpfliebende Hühner und Taucher. Jupiter kam einmal in Menschengestalt dorthin, wie auch der Enkel des Atlas, der Stabsträger, welcher ohne Flügel erschien, mit seinem Vater. Sie gingen tausend Behausungen ab, ein Obdach zu finden, tausend Behausungen wurden ihnen versperrt. Nur eine Behausung, klein, mit Stroh und mit Schilfrohr gedeckt, empfing sie. Dort hausten die alte fromme Baucis und der gleichfalls betagte Philemon, welche seit ihrer frühen Jugend verbunden waren. Sie waren in dieser Hütte gealtert und machten aus ihrer Armut kein Hehl, sie ertrugen sie mit Gelassenheit. Egal, ob man nach Herr oder Diener hier fragte, es blieb sich gleich: Diese Zwei waren die ganze Familie, beide befehligten und beide gehorchten.

Wie nun die Himmelsbewohner das winzige Häuschen erreichten und mit gesenktem Kopfe die niedere Türe durchschritten, lud sie der Greis sofort ein, es sich auf dem bereiteten Sitz behaglich zu machen. Die emsige Baucis breitete darüber schnell ein raues Gewebe und zerteilte im Herde die laue Asche. Sie schürte das vorherige Feuer an, legte Blätter und trockene Rinde nach und entfachte es mit altersgeschwächtem Atem zu Flammen. Sie holte vom Estrich ganz klein gespaltenes Kienholz und dürres Reisig und schob es dem ehernen Kessel zerkleinert unter. Dann entblätterte sie den Kohl, den der liebe Gemahl im bewässertem Garten eingesammelt hatte, mit doppelzinkiger Gabel, hob den schwärzlichen Schweinerücken vom finsteren Balken, der schon lange aufbewahrt wurde, und schnitt ein kleines Stück davon ab, um es hernach im siedenden Wasser auf dem Herd zu kochen. 

Beide verkürzten den Gästen mit Geplauder die Zeit, damit ihnen nicht langweilig wurde. Sie füllten eine Wanne mit großem Henkel aus Buchenholz, welche am Pflocke hing, mit lauem Wasser, damit sich die Gäste die Glieder wärmen konnten. Im Raume gab es noch eine weiche Seegras Matratze, welche auf dem Divan lag, dessen Gestell und Füße aus Weidenholz bestanden. Diese war mit Decken zugedeckt, da sie nur an festlichen Tagen gebraucht wurde. Alles war billiges, altes Zeug und passte irgendwie zum Divan aus Weidenholz. Sodann legten sich die Götter dort hin. Die Alte, bekleidet mit Schürze, stellte zitternd den Tisch vor die Gäste. Doch es hinkte ein Tischbein, eine Scherbe ward aber schnell unter gelegt und beseitigte die Neigung. Alsdann fegte sie die Tischplatte mit grünem Pfefferminzkraut und tischte auf in irdenen Gefäßen: Grüne und schwarze Oliven der keuschen Minerva, späte Kornelkirschen in flüssige Hefe gelegt, Endivien, Rettich, Käse und Eier, welche man nur leicht in nicht mehr glühender Asche gewendet hatte. Auch ward ein aus Silber getriebener Mischkrug und Becher aus geschnitztem Buchenholz aufgestellt, welche innen mit gelblichem Wachs bestrichen waren. Nach einer kurzen Weile holte sie das warme Essen vom Herde und kredenzte einen noch sehr jungen Wein. Nach dem Essen ward alles zur Seite geräumt und der Nachtisch wurde serviert. Da gab es Nüsse und Feigen, gemischt mit runzligen Datteln, und Pflaumen, duftende Äpfel und frisch gepflückte, purpurne Trauben. Alles ward in weiten Körbchen gebettet und in der Mitte prangte eine glänzende Honigwabe. Zu allem gesellten sich freundliche Mienen und ein guter, nicht geizender Wille. 

aventin.blogspot.comIndes bemerkten sie aber, dass der Krug, der so manchmal geleert ward, sich ganz von selber wieder füllte und dass der Wein sich sachte mehrte. Ängstlich erhoben sie die beiden, bestürzt ob dem Wunder, und die arme Baucis und der ebenso erschrockene Philemon stammelten nun Gebete und flehten für das Mahl und den bescheidenen Tisch um Vergebung. Sogleich schickten sie sich an ihre einzige Gans, die ihnen zu eigen war, welche auch das winzige Häuschen hütete, den göttlichen Gästen zu opfern. Doch die Gans wehrte sich mit regem Flügelschlag und spielte gar lange mit ihnen, sodass die schwächlichen Alten schnell ermüdeten. Just flüchtete die Gans zu den Göttern, die die Schlachtung nun verwehrten und sprachen: „Ja, wir sind Götter. Die bösen Nachbarn werden die Strafe erleiden, die sie verdienen. Doch euch ist vergönnt, frei und ledig vom Unheil zu bleiben. Nur müsst ihr euer Haus verlassen, uns begleiten und mit uns zusammen die steile Höhe dort drüben ersteigen!“ Beide gehorchten und die Götter schritten voran. Sie folgten langsam und, alt wie sie waren auf Stäbe gestützt, erklommen sie sacht die ansteigende Höhe. Wie sie nur noch einen Pfeilschuss weit vom Gipfel des Berges entfernt waren, blickten sie um sich um und sahen, dass die ungastlichen Häuser alle versunken waren. Suchend spähten sie nach dem First ihrer freundlichen Hütte. Ihr Häuschen, das den mächtigen Göttern ein Obdach gewährt hatte, war noch da. Während sie staunend alles sahen und das Unglück der Ihren beklagten, wandelte sich indessen das alte Gebäude, das selbst den Besitzern zu eng war, zum Tempel. Die Holzstützen waren zu Säulen geworden, das einstige rot-gelbe Strohdach schimmerte nun golden und es glänzten Marmorböden und prächtig getriebene Türen. 

Alsdann sprach der Sohn des Saturn in friedlichen Worten: „Sagt, rechtschaffener Greis, und du, würdiges Weib eines solchen Gemahls, was wünscht ihr?“ Philemon besprach sich kurz mit Baucis und teilte sodann den Himmlischen ihrer beider Entscheidung mit: „Priester wollen wir sein und euren Tempel behüten. Und da wir stets die Jahre in Eintracht gelebt haben, soll, wenn wir sterben, uns beide dieselbe Stunde treffen. Ich möchte nie das Grab meiner Gemahlin erblicken, noch sie ihres Gatten Begräbnis vollziehen!“ 

aventin.blogspot.comSprach und der Wunsch ward ihnen erfüllt. Sie waren die Hüter des Tempels, solange sie lebten. Und später, da standen sie von Alter geschwächt einmal vor den heiligen Stufen und besprachen, was hier früher geschah, da sah Philemon, wie Baucis sich umlaubte, und Baucis sah an Philemon dasselbe. Und als schon über beider Gesichter der Wipfel empor wuchs, tauschten sie, solange es noch möglich war, folgende Worte: „Leb wohl, oh du mein Gatte!“ Beide riefen sie zugleich und zugleich verbarg und umhüllte das Laubwerk ihr Antlitz. Noch jetzt zeigen Bewohner von Thynien Fremden die Stämme, die einst aus den beiden Körpern entstanden. Wahrheitsliebende Greise haben mir solches erzählt, was hätten sie mich täuschen sollen? Und wirklich, ich sah um die Äste Kränze geschlungen und sprach und befestigte ebenfalls neue Gewinde: „Gott sei, wenn Götter umsorgten, verehrt soll werden, wer ehrte!“






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