Aventin Blog: Morgen
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Dienstag, 22. März 2016

Ein schwedisches Waldmärchen | Was ist das Leben?


An einem schönen Sommertag war um die Mittagszeit eine große Stille im Wald eingetreten. Die Vögel steckten ihre Köpfe unter die Flügel und alles ruhte.

Da steckte der Buchfink sein Köpfchen hervor und fragte: "Was ist das Leben?" Alle waren betroffen über diese schwere Frage. Eine Rose entfaltete gerade ihre Knospe und schob behutsam ein Blatt ums andere heraus. Sie sprach: "Das Leben ist eine Entwicklung." Weniger tief veranlagt war der Schmetterling. Lustig flog er von einer Blume zur anderen, naschte da und dort und sagte: "Das Leben ist lauter Freude und Sonnenschein."

Drunten am Boden schleppte sich ein Ameise mit einem Strohhalm, zehnmal länger als sie selbst, und sagte: "Das Leben ist nichts als Mühe und Arbeit." Geschäftig kam ein Biene mit ihrer Tracht von einer Blume zurück und meinte dazu: "Das Leben ist ein Wechsel von Arbeit und Vergnügen."

Wo so weise Reden geführt wurden, steckte der Maulwurf seinen Kopf aus der Erde und sagte: "Das Leben ist ein Kampf im Dunkeln." Die Elster, die selbst nichts weiß und nur vom Spott der anderen lebt, sagte: "Was ihr für weise Reden führt! Man sollte meinen, was ihr für gescheite Leute seid!" 

Es hätte nun einen großen Streit gegeben, wenn nicht ein feiner Regen eingesetzt hätte, der sagte: "Das Leben besteht aus Tränen, nichts als Tränen." Dann zog er weiter zum Meer. Dort brandeten die Wogen und warfen sich mit aller Gewalt gegen die Felsen, kletterten daran in die Höhe und warfen sich dann wieder mit gebrochener Kraft ins Meer zurück und stöhnten: "Das Leben ist ein stetes vergebliches Ringen nach Freiheit."

Hoch über ihnen zog majestätisch ein Adler seine Kreise, der frohlockte: "Das Leben ist ein Streben nach oben." Nicht weit davon stand eine Weide, die hatte der Sturm schon zur Seite geneigt. Sie sprach: "Das Leben ist ein Sich-Neigen unter eine höhere Macht."

Dann kam die Nacht ---

In lautlosem Flug glitt ein Uhu durch das Geäst des Waldes und krächzte: "Das Leben heißt, die Gelegenheit nutzen, wenn die anderen schlafen." Schließlich wurde es wieder ganz still im Wald.

Spät nach Mitternacht ging ein Mann durch die menschenleeren Straßen einer Stadt nach Hause. Der kam von einer Lustbarkeit und sagte so vor sich hin: "Das Leben ist ein ständiges Suchen nach Glück und eine Kette von Enttäuschungen."

Da flammte die Morgenröte auf in ihrer vollen Pracht und sprach: "Wie ich, die Morgenröte, der Beginn des kommenden Tages bin, so ist das Leben der Anbruch der Ewigkeit."







Dienstag, 1. September 2015

Zwei Frösche • Nutzen und Schaden • Fabel von Aesop

In einem außerordentlich heißen Sommer war ein tiefer Sumpf ausgetrocknet und die Frösche, die bisherigen Bewohner desselben, mussten sich nach einem andern Wohnort umsehen. Zwei derselben kamen auf ihrer Wanderschaft zu einem tiefen Brunnen, worin es noch Wasser gab. "Ei! Sieh da!" rief der eine. "Warum wollen wir weitergehen? Lass uns hier hinunterhüpfen!" "Halt!" antwortete der andere, "das Hinunterkommen ist zwar ganz leicht, aber wenn auch der Brunnen eintrocknet, wie willst du dann wieder herauskommen?" 

Was dir heute nutzt, das kann dir morgen schaden, darum denke nach, bevor du handelst.






Donnerstag, 9. April 2015

Der Kaufmann und der Papagei • Heitere Ballade


Ein Kaufmann einen Papagei besaß, 
in Sang und Rede wohl erfahren. 
Der saß als Wächter an des Ladens Pforte 
und sprach zu jedem Kunden kluge Worte. 
Der Menschenkinder Sprache kannte er, 
doch auch seinesgleichen Weisen verstand er. 
Vom Laden ging nach Haus einst sein Gebieter 
und ließ den Papagei zurück als Hüter. 
Ein Kätzlein plötzlich in den Laden sprang, 
um eine Maus zu fangen; todesbang, 
flatterte hin und her der Papagei 
und stieß ein Glas mit Rosenöl entzwei. 
Von seinem Hause kam der Kaufmann wieder 
und setzte sorglos sich im Laden nieder. 
Da sah er Rosenöl all überall, 
im Zorn schlug er das Haupt des Vogels kahl. 
Die Zeit verstrich, der Vogel sprach nicht mehr. 
Da kam die Reu', der Kaufmann seufzte schwer. 

Wär' mir, da auf den Redner 
ich den bösen Schlag geführt, 
doch lahm die Hand gewesen! 

"Wohl gab er frommen Bettlern reiche Spende, 
auf dass sein Tier die Sprache wiederfände; umsonst! 
Als er am vierten Morgen klagend, 
in tausend Sorgen, was zu machen sei, 
dass wieder reden mög' sein Papagei, 
ließ sich mit bloßem Haupt ein Gelehrter blicken, 
den Schädel glatt wie eines Beckens Rücken. 
Da fing der Vogel gleich zu reden an 
und rief dem Weisen zu: "Sag lieber Mann, 
wie wurdest Kahlkopf du zum Kahlen? Sprich! 
Vergossest du vielleicht auch Öl wie ich?" 
Man lachte des Vergleichs, 
dass seine Lage 
der Vogel auf den Weisen übertrage.







Montag, 2. März 2015

Die Stute und der Ackergaul • Fabel von Leo Tolstoi

Eine hübsche Stute war Tag und Nacht auf der Weide und nie vor dem Pflug; ein Ackergaul aber weidete nur des Nachts und musste tagsüber pflügen. Die Stute sagte zum Ackergaul: "Warum rackerst du dich so ab? Ich an deiner Stelle würde einfach nicht hingehen. Und wenn dir der Bauer mit der Peitsche kommt, komm du ihm mit deinen Hufen!"

Am andern Morgen tat der Ackergaul genau das, was ihm die Stute geraten hatte. Und der Bauer sah, wie störrisch der Ackergaul war, und nahm die Stute ins Geschirr, ehe sie recht merkte, was mit ihr geschah.





Dienstag, 17. Februar 2015

Das gestohlene Schwein | Poggio Bracciolini | Fabel aus Italien

aventin.blogspot.com

In einer Stadt der Umgebung Anconas war es Sitte, dass, wer im Winter ein Schwein schlachtete, die ganze Nachbarschaft zum Schmaus einlud. Einer aber, der sich davor gern drücken wollte, fragte seinen Vetter um Rat, wie er das wohl anstellen könnte. Der erwiderte: "Sag nur morgen, dein Schwein ist dir in der Nacht gestohlen worden." Nun stahl ihm der Vetter, ohne dass der andere eine Ahnung davon hatte, in derselben Nacht das Schwein. 

Wie der Bestohlene am anderen Morgen das Schwein nicht mehr fand, lief er zu seinem Vetter und schrie laut: "Mein Schwein ist mir gestohlen worden!" Da sagte der: "Das machst du ganz ausgezeichnet und ganz, wie ich dir es gesagt habe." Wie der Bestohlene nun wieder und wieder die Worte wiederholte und bei Gott schwur, es sei wahr, sagte der Vetter: "Bravo, du verstehst es wirklich ganz prächtig!" Als der Bestohlene nun seine Eidesbeteuerungen abermals erneute, meinte der Vetter: "Siehst du, so muss man es machen. Hab ich dir nicht einen guten Rat gegeben?" 

Lehre:
So straft sich Geiz und Lüge, und so kommt zum Verlust auch noch der Spott.







Samstag, 31. Januar 2015

Der Kaufmann, ein Diener und der Tod | Sage aus dem Maghreb

aventin.blogspot.com

Ein Kaufmann in Maghrebinien besaß zur Lust und Labe seines Alters einen wundervollen Rosengarten und einen Diener, ihn zu pflegen. Als er sich einmal in der kühlen Abendstunde in diesem Garten ergehen wollte, kam sein Diener atemlos gelaufen, warf sich zu seinen Füßen und flehte: "Herr, gib mir dein schnellstes Pferd, dass ich nach Samarkand entfliehen kann. In deinem Garten ist der Tod, und ich weiß, er ist gekommen, um mich zu holen." Der Kaufmann, der seinen Diener liebte, gab ihm sein schnellstes Pferd und einen Beutel Gold, und nachdem der Diener sich unter Dank und Segenswünschen davongemacht hatte, ging er zurück in seinen Garten. Dort traf er einen Jüngling von hohem Ernst und großer Schönheit an. "Guten Abend", sagte der Kaufmann. "Du bist der Tod? Bist du in Geschäften zu mir gekommen?" - "Nein", erwiderte der Tod, "ich verweile hier, mit deiner gütigen Erlaubnis, und erfreue mich an der Schönheit dieser Blumen. Ich bin auf Reisen, aber ich habe keine sonderliche Eile. Morgen erst muss ich in Samarkand sein, um dort deinen Diener zu treffen." 




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