So ein Rummel - Heinrich Böll | AVENTIN Blog --

So ein Rummel - Heinrich Böll

So ein Rummel - Heinrich Böll - Arbeit und Leben - Vita
So ein Rummel  

So ein Rummel - Heinrich Böll - Arbeit und Leben - Vita 


“Die Frau ohne Unterleib” erwies sich als eines der charmantesten Frauenzimmer, das ich je gesehen hatte.

Sie trug einen entzückenden sombreroartigen Strohhut, denn als bescheidene Hausfrau hatte sie sich an die Sonnenseite jener kleinen Terrasse gesetzt, die neben ihrem Wohnwagen angebracht war. Ihre drei Kinder spielten unter der Terrasse ein sehr originelles Spiel, das nannten sie “Neandertaler”.

Die beiden Jüngeren, Junge und Mädchen, mussten das Neandertalpaar abgeben, und der Größere, acht Jahre alt, ein blonder Bengel, der während des Dienstes den Sohn der »dicken Susi« abgeben musste, dieser Bursche spielte den modernen Forscher, der die Neandertaler findet. Er wollte mit aller Gewalt seinen jüngeren Geschwistern die Kinnladen aushängen, um sie in sein Museum zu bringen.

Die Frau ohne Unterleib klopfte mehrmals mit ihren Holzsohlen auf den Boden der Terrasse, denn ein wildes Geschrei drohte unsere beginnende Unterhaltung zu ersticken. Der Kopf des Ältesten erschien über der niedrigen Balustrade, die mit rotblühenden Geranien geschmückt war, und fragte mürrisch: “Ja?” -- “Lass die Quälerei”, sagte seine Mutter mit unterdrückter Belustigung, “spielt doch Bunker oder Totalgeschädigt.”

Der Junge murrte missmutig etwas, das sich fast wie “Quatsch” anhörte, tauchte dann unter und schrie: “Es brennt, das ganze Haus brennt.” Leider konnte ich nicht verfolgen, wie das Spiel “Totalgeschädigt” weiterging, denn die Frau ohne Unterleib fixierte mich jetzt etwas schärfer.

Im Schatten ihres breitrandigen Hutes, durch den warm und rot die Sonne leuchtete, sah sie viel zu jung aus, um Mutter dreier Kinder zu sein und täglich bei fünf Vorstellungen die harten Aufgaben der Frau ohne Unterleib zu erfüllen.

“Sie sind…”, sagte sie.
“Nichts”, sagte ich, “absolut nichts. Sehen Sie mich als einen Vertreter des Nichts an…”
“Sie sind”, fuhr sie ruhig fort, “vermutlich Schwarzhändler gewesen.”
“Jawohl”, sagte ich.

Sie zuckte die Schultern. “Es wird nicht viel zu machen sein. Auf jeden Fall, wo wir Sie auch gebrauchen können, müssen Sie arbeiten, arbeiten, verstehen Sie?”

“Meine Dame”, entgegnete ich, “vielleicht stellen Sie sich das Leben eines Schwarzhändlers allzu rosig vor. Ich, ich war sozusagen an der Front.”

“Wie?”

Sie klopfte wieder mit dem Holzabsatz auf den Boden der Terrasse, denn die Kinder hatten nun ein ziemlich langanhaltendes wildes Geheul angestimmt. Wieder erschien der Kopf des Jungen über der Balustrade. -- “Nun?” fragte er kurz. -- “Spielt jetzt Flüchtling”, sagte die Frau ruhig, “ihr müsst jetzt abhauen aus der brennenden Stadt, verstehst du?”

Wieder verschwand der Kopf des Jungen, und die Frau fragte mich: “Wie?” Oh, sie hatte den Faden durchaus nicht verloren.

“Ganz vorne”, sagte ich, “ich war ganz vorne. Glauben Sie, das war ein leichtes Brot?”

“An der Ecke?”

“Sozusagen am Bahnhof, wissen Sie?”

“Gut. Und nun?”

“Möchte ich irgendeine Beschäftigung haben. Ich bin nicht faul, durchaus nicht faul, meine Dame.”

“Sie verzeihen”, sagte sie. Sie wandte mir jetzt ihr kleines Profil zu und rief in den Wagen hinein. “Carlino, kocht das Wasser noch nicht?”

“Moment”, rief eine gleichgültige Stimme, “ich bin schon beim Aufschütten.”

“Trinkst du mit?”

“Nein.”

“Dann bring zwei Tassen, bitte. Sie trinken doch eine Tasse mit?”

Ich nickte. “Und ich lade Sie zu einer Zigarette ein.”

Das Geschrei unter der Terrasse wurde nun so wild, dass wir kein Wort mehr hätten verstehen können. Die Frau ohne Unterleib beugte sich über den Geranienkasten und rief: “Jetzt müsst ihr fliegen, schnell, schnell… die Russen stehen schon vor dem Dorf…”

“Mein Mann”, sagte sie, sich zurückwendend, “ist nicht da, aber in Personalfragen kann ich …”

Wir wurden unterbrochen von Carlino, einem schmalen, stillen, dunklen Burschen mit einem Haarnetz über dem Kopf, der Tassen und Kaffeekanne brachte. Er blickte mich misstrauisch an.

“Warum willst du nichts trinken?” fragte ihn die Frau, da er sich ganz kurz wieder abwandte.

“Keine Lust”, murmelte er, im Wagen verschwindend.

“In Personalfragen kann ich ziemlich selbständig entscheiden, allerdings etwas müssen Sie schon können. Nichts ist nichts.”

“Meine Dame”, sagte ich demütig, “vielleicht kann ich die Räder schmieren oder die Zelte abbrechen, Traktor fahren oder dem Mann mit den Riesenkräften als Prügelknabe dienen…”

“Traktor fahren”, sagte sie, “ist nicht, und die Räder schmieren ist eine kleine Kunst.”

“Oder bremsen”, sagte ich. “Schiffschaukel bremsen…”

Sie zog hochmütig die Brauen hoch, und zum ersten Male blickte sie mich ein wenig verächtlich an. “Bremsen”, sagte sie kalt, “ist eine Wissenschaft, ich vermute, Sie würden allen Leuten die Hälse brechen. Carlino ist Bremser.”

“Oder…”, wollte ich zaghaft wieder vorschlagen, aber ein kleines dunkelhaariges Mädchen mit einer Narbe über der Stirn kam jetzt eifrig jene kleine Treppe herauf, die mich so lebhaft an ein Fallreep erinnerte. Sie stürzte sich in den Schoß der Mutter und schluchzte empört: “Ich soll sterben…”

“Wie?” fragte die Frau ohne Unterleib entsetzt.

“Ich soll das Flüchtlingskind sein, das erfriert, und Fredi will meine Schuhe und alles verscheuern…”

“Ja”, sagte die Mutter, “wenn ihr Flüchtling spielt.”

“Aber ich”, sagte das Kind, “ich soll sterben. Immer bin ich es, die sterben soll. Wenn wir Bomben spielen, Krieg oder Seiltänzer, immer muss ich sterben.”

“Sag Fredi, er soll sterben, ich hätte gesagt, er sei jetzt an der Reihe mit Sterben.” Das Mädchen entlief.

“Oder?”, fragte mich die Frau ohne Unterleib. Oh, sie verlor den Faden nicht so leicht.

“Oder Nägel gerade klopfen, Kartoffeln schälen, Suppe verteilen, was weiß ich”, rief ich verzweifelt, “geben Sie mir eine Chance…”

Sie drückte die Zigarette aus, goß uns beiden noch einmal ein und blickte mich an, lange und lächelnd, dann sagte sie: “Ich werde Ihnen eine Chance geben. Sie können rechnen, nicht wahr, es gehört sozusagen zu Ihrem bisherigen Beruf, und” --sie druckste ein bisschen -- “ich werde Ihnen die Kasse geben.”

Ich konnte nichts sagen, ich war wirklich sprachlos, ich stand nur auf und küsste ihre kleine Hand. Dann schwiegen wir, es war sehr still, und es war nichts zu hören als ein sanftes Singen von Carlino aus dem Wagen, jenes Singen, dem ich entnehmen konnte, dass er sich rasierte…

So ein Rummel – Heinrich BöllArbeit und Leben - Vita

Autor*in: Heinrich Böll

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    “Die Frau ohne Unterleib” erwies sich als eines der charmantesten Frauenzimmer, das ich je gesehen hatte. Sie trug einen entzückenden sombreroartigen Strohhut, denn als bescheidene Hausfrau hatte sie sich an die Sonnenseite jener kleinen Terrasse gesetzt, die neben ihrem Wohnwagen angebracht war. Ihre drei Kinder spielten unter der Terrasse ein sehr originelles Spiel, das nannten sie “Neandertaler”.