Hier ist Tibten – Heinrich Böll | AVENTIN Blog --

Hier ist Tibten – Heinrich Böll

Hier ist Tibten – Heinrich Böll – Novelle
Hier ist Tibten   

Hier ist Tibten – Heinrich Böll – Novelle  


Herzlose Menschen begreifen nicht, dass ich so viel Sorgfalt und Demut auf eine Beschäftigung verwende, die sie meiner für unwürdig halten.

Meine Beschäftigung mag nicht meinem Bildungsgrad entsprechen, auch war sie nicht der Gegenstand irgendeines der zahlreichen Lieder, die an meiner Wiege gesungen wurden, aber sie macht mir Spaß und ernährt mich: Ich sage den Leuten, wo sie sind.

Zeitgenossen, die abends auf dem Heimatbahnhof in Züge steigen, die sie in ferne Gegenden tragen, die nachts dann auf unserem Bahnhof erwachen, verwirrt ins Dunkel blicken, nicht wissend, ob sie übers Ziel hinaus gefahren oder noch vor dem Ziel sind, möglicherweise gar am Ziel (denn unsere Stadt birgt Sehenswürdigkeiten mannigfacher Art und lockt viele Reisende an), allen diesen sage ich, wo sie sind.

Ich schalte den Lautsprecher ein, sobald ein Zug eingelaufen ist, und die Räder der Lokomotive stillstehen, und ich spreche es zögernd in die Nacht hinein: »Hier ist Tibten – Sie sind in Tibten! Reisende, die das Grab des Tiburtius besuchen wollen, müssen hier aussteigen!«, und von den Bahnsteigen her kommt das Echo bis in meine Kabine zurück: Dunkle Stimme aus dem Dunkeln, die etwas Zweifelhaftes zu verkünden scheint, obwohl sie die nackte Wahrheit spricht.

Manche stürzen dann hastig mit Koffern auf den schwach erleuchteten Bahnsteig, denn Tibten war ihr Ziel, und ich sehe sie die Treppe hinuntersteigen, auf Bahnsteig 1 wieder auftauchen und dem schläfrigen Beamten an der Sperre ihre Fahrkarten übergeben.

Nur selten kommen nachts Leute mit geschäftlichen Ambitionen, Reisende, die bei den Tibtenschen Bleigruben den Bedarf ihrer Firmen zu decken gedenken. Meist sind es Touristen, die das Grab des Tiburtius anlockt, eines römischen Jünglings, der vor 1800 Jahren einer tibtenschen Schönheit wegen Selbstmord beging.

»Er war noch ein Knabe«, steht auf seinem Grabstein, den man in unserem Heimatmuseum bewundern kann, »doch die Liebe überwältigte ihn!« — Er kam aus Rom hierher, um Blei für seinen Vater zu kaufen, der Heereslieferant war.

Gewiss hätte ich nicht fünf Universitäten frequentieren und zwei Doktorgrade erwerben müssen, um Nacht für Nacht ins Dunkel hinein zu sagen: »Hier ist Tibten! Sie sind in Tibten!« Und doch erfüllt mich meine Tätigkeit mit Befriedigung. Ich sage meinen Spruch leise, so, dass die Schlafenden nicht erwachen, die Wachen ihn aber nicht überhören, und ich lege gerade so viel Beschwörung in meine Stimme, dass die Dösenden sich besinnen und überlegen, ob Tibten nicht ihr Ziel war.

Spät am Vormittag dann, wenn ich vom Schlaf erwache und aus dem Fenster schaue, sehe ich jene Reisenden, die nachts der Lockung meiner Stimme erlagen, durch unser Städtchen ziehen, mit jenen Prospekten bewaffnet, die unser Verkehrsbüro großzügig in die ganze Welt verschickt.

Beim Frühstück haben sie schon gelesen, dass Tibten aus dem lateinischen Tiburtinum auf Lauf der Jahrhunderte in seine gegenwärtige Form verschlissen wurde, und sie ziehen nun zum Heimatmuseum, wo sie den Grabstein bewundern, den man dem römischen Werther vor 1800 Jahren setzte: Aus rötlichem Sandstein ist das Profil eines Knaben gemeißelt, der vergebens die Hände nach einem Mädchen ausstreckt. »Er war noch ein Knabe, doch die Liebe überwältigte ihn . . .«

Auf sein jugendliches Alter weisen auch die Gegenstände hin, die man in seinem Grab fand: Figürchen aus elfenbeinfarbigem Stoff; zwei Elefanten, ein Pferd und eine Dogge, die — wie Brusler in seiner 'Theorie über das Grab des Tiburtius' behauptet — einer Art von Schachspiel gedient haben sollen. Doch bezweifle ich diese Theorie, ich bin sicher, dass Tiburtius mit diesen Dingen einfach nur so gespielt hat. Die kleinen Dinger aus Elfenbein sehen genauso aus wie die, die wir beim Einkauf eines halben Pfundes Margarine als Zugabe bekommen, und sie erfüllten denselben Zweck: Kinder spielten mit ihnen . . .

Vielleicht wäre ich hier verpflichtet, auf das ausgezeichnete Werk unseres Heimatschriftstellers Volker von Volkersen hinzuweisen, der unter dem Titel 'Tiburtius, ein römisches Schicksal, das sich in unserer Stadt vollendete' einen ausgezeichneten Roman schrieb. Doch halte ich Volkersens Werk für irreführend, weil auch er Bruslers Theorie über den Zweck des Spielzeugs anhängt.

Ich selbst – – hier muss ich endlich ein Geständnis ablegen – – bin im Besitz der originalen Figürchen, die in Tiburtius’ Grab lagen; ich habe sie im Museum gestohlen, sie durch jene ersetzt, die ich beim Einkauf von einem halben Pfund Margarine als Zugabe bekomme: Zwei Elefanten, ein Pferd und eine Dogge; sie sind weiß wie Tiburtius’ Tiere, sie haben dieselbe Größe, dieselbe Schwere, und – – was mir als das Wichtigste erscheint – – sie erfüllen denselben Zweck.

So kommen Reisende aus der ganzen Welt, um das Grab des Tiburtius und sein Spielzeug zu bewundern. Plakate mit dem Text »Come to Tibten« hängen in den Wartesälen der angelsächsischen Welt, und wenn ich nachts meinen Spruch spreche: »Hier ist Tibten! Sie sind in Tibten! Reisende, die das Grab des Tiburtius besuchen wollen, müssen hier aussteigen – -«, dann locke ich jene Zeitgenossen aus den Zügen, die in heimatlichen Bahnhöfen der Verführung unseres Plakates erlagen.

Gewiss, sie sehen die Sandsteinplatte, deren historische Echtheit nicht zu bezweifeln ist. Sie sehen das rührende Profil eines römischen Jünglings, der von der Liebe überwältigt wurde und sich in einem abgesoffenen Schacht der Bleigruben ertränkte. Und dann gleiten die Augen der Reisenden über die Tierchen: Zwei Elefanten, ein Pferd und eine Dogge — und gerade an diesen können sie die Weisheit dieser Welt studieren, aber sie tun’s nicht.

Gerührte In- und Ausländerinnen häufen Rosen auf das Grab dieses Knaben. Gedichte werden geschrieben; auch meine Tiere, das Pferd und die Dogge (zwei Pfund Margarine musste ich verbrauchen, um in ihren Besitzt zu gelangen!), sind schon Gegenstand lyrischer Versuche geworden. »Spieltest wie wir spielen mit Dogge und Pferd . . .« lautet der Vers aus dem Gedicht eines nicht unbekannten Lyrikers.

Da liegen sie also: Gratiszugaben der Firma 'Klüßhenners Eigelb-Margarine', auf rotem Samt unter dickem Glas in unserem Heimatmuseum: Zeugen meines Margarineverbrauchs.

Oft, bevor ich nachmittags zur Schicht gehe, besuche ich eine Minute das Heimatmuseum und betrachte sie: Sie sehen echt aus, geblich angefärbt und sind nicht im Geringsten von denen zu unterscheiden, die in meiner Schublade liegen, denn ich habe die Originale zu jenen geworfen, die ich beim Einkauf von 'Klüßhenners Margarine' hinzu bekomme, und versuche nun vergebens, sie wieder herauszufinden.

Nachdenklich gehe ich dann zum Dienst, hänge meine Mütze an den Haken, ziehe den Rock aus, lege meine Brote in die Schublade, lege mir Zigarettenpapier, Tabak, die Zeitung zurecht und sage, wenn ein Zug einläuft, den Spruch, den zu sprechen ich verpflichtet bin »Hier ist Tibten! Sie sind in Tibten! Reisende, die das Grab des Tiburtius besuchen wollen, müssen hier aussteigen . . .«

Leise sage ich es, so, dass die Schlafenden nicht erwachen, die Wachen mich nicht überhören, und ich lege gerade so viel Beschwörung in meine Stimme, dass die Dösenden sich besinnen und überlegen, ob Tibten nicht ihr Ziel war.

Und ich begreife nicht, dass man diese Beschäftigung meiner für unwürdig hält . . .

Hier ist Tibten – Heinrich BöllNovelle

Autor*in: Heinrich Böll

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    Herzlose Menschen begreifen nicht, dass ich so viel Sorgfalt und Demut auf eine Beschäftigung verwende, die sie meiner für unwürdig halten. Meine Beschäftigung mag nicht meinem Bildungsgrad entsprechen, auch war sie nicht der Gegenstand irgendeines der zahlreichen Lieder, die an meiner Wiege gesungen wurden, aber sie macht mir Spaß und ernährt mich: Ich sage den Leuten, wo sie sind.