Im Land der Rujuks - Heinrich Böll | AVENTIN Blog --

Im Land der Rujuks - Heinrich Böll

Im Land der Rujuks – Heinrich Böll – Satire
Im Land der Rujuks 

Im Land der Rujuks – Heinrich Böll – Satire 


Die großen Fähigkeiten von James Wodruff sind schon früh einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt geworden, und wenn ich kurz von diesen Fähigkeiten berichte, statte ich eine alte Dankesschuld ab, denn immerhin — obwohl ich seit Jahren mit ihm verkracht bin –, James Wodruff war mein Lehrer.

Er hatte (hat noch) den einzigen Lehrstuhl für Rujukforschung inne, den es auf dieser Welt gibt, gilt mit Recht als der Begründer der Rujukforschung, und wenn er auch innerhalb der letzten dreißig Jahre nur zwei Schüler gehabt hat, so ist sein Verdienst nicht zu unterschätzen.

Denn er hat diesen Volksstamm entdeckt, seine Sprache, seine Sitten, seine Religion erforscht, hat zwei Expeditionen auf eine unwirtliche Insel südlich Australiens geleitet, und sein Verdienst bleibt, wenn er auch Irrtümern unterlegen ist, unschätzbar für die Wissenschaft.

Sein erster Schüler war Bill van der Lohe, von dem aber nur zu berichten ist, dass er sich im Hafen von Sydney eines Besseren besann, Geldwechsler wurde, heiratete, Kinder zeugte und später im Inneren Australiens eine Rinderfarm betrieb: Bill ging der Wissenschaft verloren.

Wodruffs zweiter Schüler war ich: Dreizehn Jahre meines Lebens habe ich darauf verwandt, Sprache, Sitte und Religion der Rujuks zu erlernen. Fünf weitere Jahre verbrachte ich damit, Medizin zu studieren, um als Arzt bei den Rujuks zu leben, doch verzichtete ich darauf, das Staatsexamen abzulegen, weil die Rujuks — mit Recht — sich nicht für die Diplome europäischer Hochschulen, sondern für die Fähigkeiten eines Arztes interessieren.

Außerdem war nach achtzehnjährigem Studium meine Ungeduld, wirkliche Rujuks kennenzulernen, zu einer Krise gekommen, und ich wollte keine Woche, wollte keinen Tag mehr warten, um endlich lebende Exemplare eines Volkes zu sehen, dessen Sprache ich fließend sprach.

Ich packte also Rucksäcke, Koffer, eine transportable Apotheke, meinen Instrumentenkasten, überprüfte meine Travellerscheckbuch, machte — für alle Fälle — mein Testament, denn ich besitze ein Landhaus in der Eifel und bin Inhaber der Nutzungsrechte eines Obstgutes am Rhein. Dann nahm ich ein Taxi zum Flugplatz, löste eine Flugkarte nach Sydney, von wo mich ein Walfänger mitnehmen sollte.

Mein Lehrer James Wodruff begleitete mich. Er selbst war zu hinfällig, noch eine Expedition zu riskieren, drückte mir aber zum Abschied noch einmal seine berühmte Schrift >Volk nahe der AntArktis< in die Hand, obwohl er genau wusste, dass ich diese Schrift auswendig herzusagen verstand.

Bevor ich das Flugzeug bestieg, rief Wodruff mir zu: »Bruwal doidoi duraboi!«, was (frei übersetzt) heißen könnte: Mögen die Geister der Luft dich beschützen! Genau würde es wohl heißen: Der Wind möge keine widerspenstigen Geister gegen dich senden!, denn die Rujuks leben vom Fischfang und die Gunst des Windes ist ihnen heilig.

Der Wind sandte keine widerspenstigen Geister gegen uns, und ich landete wohlbehalten in Sydney, bestieg dort den Walfänger, wurde acht Tage später an einer winzigen Insel ausgesetzt, die, wie mein Lehrer mir versichert hatte, von den P-Rujuks bewohnt sein sollte, die sich von den eigentlichen Rujuks dadurch unterscheiden, dass ihr ABC das >P< enthält.

Doch die Insel erwies sich als unbewohnt, jedenfalls von den Rujuks unbewohnt. Ich irrte einen Tag lang zwischen mageren Wiesen und steilen Felsen umher, fand zwar Spuren von Rujuks-Häusern, zu deren Bau sie eine Art Fischleim als Mörtel benutzten, aber der einzige Mensch, den ich auf dieser Insel traf, war ein Waschbärjäger, der für europäische Zoos unterwegs war.

Ich fand ihn betrunken in seinem Zelt, und als ich ihn geweckt, ihn von meiner Harmlosigkeit überzeugt hatte, fragte er mich in ziemlich ordinärem Englisch nach einer gewissen Rita Hayworth. Da ich den Namen nicht genau verstand, schrieb er ihn auf einen Zettel und rollte dabei lüstern die Augen. Ich kannte eine Frau dieses Namens nicht und konnte ihm auch keine Auskunft geben.

Drei Tage war ich gezwungen, die Gesellschaft dieses Banausen zu ertragen, der fast nur von Filmen sprach. Endlich konnte ich ihm gegen Überschreibung von Travellerschecks im Wert von 80 Dollar ein Schlauchboot abhandeln, und unter Lebensgefahr ruderte ich bei stiller See zu der acht Kilometer entfernten Insel hinüber, auf der die eigentlichen Rujuks wohnen sollten.

Diese Angabe wenigstens erwies sich als richtig. Schon von weitem sah ich Menschen am Ufer stehen, sah Netze aufgehängt, sah einen Bootsschuppen, und heftig rudernd und winkend näherte ich mich dem Ufer, den Ruf auf den Lippen: »Joi wuba, joi wuba, buweida guhal!« (Vom Meer, vom Meer, komme ich, euch zu helfen, Brüder!)

Doch als ich dem Ufer näher gekommen war, sah ich, dass die Aufmerksamkeit der dort Stehenden einem anderen Fahrzeug galt: das Tuckern eines Motorbootes näherte sich von Westen, Tücher wurden geschwenkt, und ich landete völlig unbeachtet auf der Insel meiner Sehnsucht, denn das Motorboot kam fast gleichzeitig mit mir an, und alle rannten zum Landungssteg.

Ich zog müde mein Boot auf den Strand, entkorkte die Kognakflasche meiner transportablen Apotheke und nahm einen tiefen Schluck. Wäre ich ein Dichter, würde ich sagen: Ein Traum brach mir entzwei, obwohl Träume ja nicht brechen können.

Ich wartete also ab, bis sich das Postboot entfernt hatte, schulterte mein Gepäck und ging auf ein Gebäude zu, das die schlichte Aufschrift »Bar« trug. Ein bärtiger Rujuk hockte dort auf einem Stuhl und las eine Postkarte.

Ich sank erschöpft auf eine hölzerne Bank und sagte leise: »Doidoi kruw mali.« (Der Wind hat meine Kehle ausgedörrt.) Der Alte legte die Karte beiseite, sah mich erstaunt an und sagte in einem Gemisch aus Rujuk und Film-Englisch: »Komm her, mein Junge, sprich deutlich. Willste Bier oder Whisky?«

»Whisky«, sagte ich matt.

Er stand auf, schob mir die Postkarte zu und sagte: »Da lies, was mein Enkel mir schreibt.«

Die Karte trug den Poststempel Hollywood, und auf der Rückseite stand ein einziger Satz: Zeuger meines Erzeugers, komm übers große Wasser, hier rollen die Dollars.

Ich blieb bis zur Ankunft des nächsten Postbootes auf der Insel, saß abends in der Bar und vertrank meine Travellerschecks. Kein einziger dort sprach mehr reines Rujuk, nur wurde oft der Name einer Frau erwähnt, die ich zuerst für eine mythische Figur hielt, deren Ursprung mir aber inzwischen klar geworden ist: Zarah Leander.

Ich musste gestehen, dass auch ich die Rujuk-Forschung aufgab. Zwar flog ich zu Wodruff zurück und ließ mich mit ihm noch auf einen Streit ein über die Anwendung der Vokabel »buhal«, denn ich blieb dabei, dass es Wasser bedeute, Wodruff aber versteifte sich darauf, es bedeute Liebe.

Doch längst schon sind mir diese Probleme nicht mehr so wichtig. Ich habe mein Landhaus vermietet, züchte Obst und spiele immer noch mit dem Gedanken, mein medizinisches Studium durchs Staatsexamen zu krönen, aber ich bin nun fünfundvierzig geworden, und was ich einst mit wissenschaftlichem Ernst betrieb, betreibe ich nun als Liebhaberei, worüber Wodruff besonders empört ist.

Während der Arbeit an meinen Obstbäumen singe ich Rujuk-Lieder vor mich hin, besonders das eine liebe ich sehr:

Woi suhal buwacha
bruwal nui loha
graga bahu, graga wiuwa
moha deiwa buwacha.

(Warum treibt es dich in die Ferne, mein Sohn,
haben dich alle guten Geister verlassen?
Keine Fische gibt es dort, keine Gnade,
und deine Mutter weint um ihren Sohn.)

Auch zum Fluchen eignet sich die Rujuk-Sprache. Wenn die Großhändler mich betrügen wollen, sage ich leise vor mich hin: »Graga weita« (keinen Segen soll es dir bringen), oder: »Pichal gromchit« (die Gräte soll dir im Hals steckenbleiben), einen der schlimmsten Flüche der Rujuks.

Aber wer auf dieser Erde versteht schon Rujuk, außer Wodruff, dem ich hin und wieder eine Kiste Äpfel schicke und eine Postkarte mit den Worten: »Wahu bahui« (Verehrter Meister, du irrst), worauf er mir zu antworten pflegt, ebenfalls auf einer Postkarte: »Hugai« (Abtrünniger), und ich zünde mir meine Pfeife an und blicke auf den Rhein hinunter, der schon so lange da unten vorüber fließt.

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Autor: Heinrich Böll

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    Die großen Fähigkeiten von James Wodruff sind schon früh einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt geworden, und wenn ich kurz von diesen Fähigkeiten berichte, statte ich eine alte Dankesschuld ab, denn immerhin — obwohl ich seit Jahren mit ihm verkracht bin –, James Wodruff war mein Lehrer.