Nicht nur zur Weihnachtszeit - VII - | AVENTIN Blog --

Nicht nur zur Weihnachtszeit - VII -

Nicht nur zur Weihnachtszeit - VII - Heinrich Böll - Satire
Nicht nur zur Weihnachtszeit   

Nicht nur zur Weihnachtszeit - VII - Heinrich Böll - Satire


Das wirkliche Weihnachtsfest verlief ganz normal. Es ging etwas wie ein Aufatmen durch die Familie meines Onkels, da man auch andere Familien nun unter Weihnachtsbäumen versammelt sah, andere auch singen und Spekulatius essen mussten.

Aber die Erleichterung dauerte nur so lange an, wie die weihnachtliche Zeit dauerte. Schon Mitte Januar brach bei meiner Kusine Lucie ein merkwürdiges Leiden aus: beim Anblick der Tannenbäume, die auf den Straßen und Trümmerhaufen herum lagen, brach sie in ein hysterisches Geschluchze aus.

Dann hatte sie einen regelrechten Anfall von Wahnsinn, den man als Nervenzusammenbruch zu kaschieren versuchte. So schlug sie einer Freundin, bei der sie zum Kaffeeklatsch war, die Schüssel aus der Hand, als diese ihr milde lächelnd Spekulatius anbot.

Meine Kusine ist allerdings das, was man eine temperamentvolle Frau nennt; sie schlug ihrer Freundin die Schüssel aus der Hand, nahte sich dann deren Weihnachtsbaum, riss ihn vom Ständer und trampelte auf Glaskugeln, künstlichen Pilzen, Kerzen und Sternen herum, während ein anhaltendes Gebrüll ihrem Mund entströmte.

Die versammelten Damen entflohen, einschließlich der Hausfrau, man ließ Lucie toben, wartete in der Diele auf den Arzt, gezwungen zuzuhören, wie drinnen Porzellan zerschlagen wurde. Es fällt mir schwer, aber ich muss hier berichten, dass Lucie in einer Zwangsjacke abtransportiert wurde.

Anhaltende hypnotische Behandlung brachte das Leiden zwar zum Stillstand, aber die eigentliche Heilung ging nur sehr langsam vor sich. Vor allem schien ihr die Befreiung von der abendlichen Feier, die der Arzt erzwang, zusehends wohl zu tun; nach einigen Tagen schon begann sie wieder aufzublühen.

Und schon nach zehn Tagen konnte der Arzt riskieren, mit ihr über Spekulatius wenigstens zu reden, ihn zu essen, weigerte sie sich jedoch hartnäckig. Dem Arzt kam dann die geniale Idee, sie mit sauren Gurken zu füttern, ihr Salate und kräftige Fleischspeisen anzubieten.

Das war wirklich die Rettung für die arme Lucie. Sie lachte wieder, und sie begann die endlosen therapeutischen Unterredungen, die der Arzt mit ihr pflegte, mit ironischen Bemerkungen zu würzen.

Zwar war die Lücke, die durch ihr Fehlen bei der abendlichen Feier entstand, schmerzlich für meine Tante, wurde aber durch einen Umstand erklärt, der für alle Frauen als hinlängliche Entschuldigung gelten kann, durch Schwangerschaft.

Aber Lucie hatte das geschaffen, was man einen Präzedenzfall nennt: sie hatte bewiesen, dass die Tante zwar litt, wenn jemand fehlte, aber nicht sofort zu schreien begann. Mein Vetter Johannes und sein Schwager Karl versuchten nun auch, die strenge Disziplin zu durchbrechen, indem sie Krankheit vorschützten, geschäftliche Verhinderung oder andere, recht durchsichtige Gründe angaben.

Doch blieb mein Onkel hier erstaunlich hart: mit eiserner Strenge setzte er durch, dass nur in Ausnahmefällen Atteste eingereicht und nur sehr kurze Beurlaubungen beantragt werden konnten. Denn meine Tante merkte jede weiter Lücke sofort und brach in stilles, aber anhaltendes Weinen aus, was zu den bittersten Bedenken Anlass gab.

Nach vier Wochen kehrte Lucie sodann zurück und erklärte sich bereit, an der täglichen Zeremonie wieder teilzunehmen, doch hat ihr Arzt durchgesetzt, dass für sie ein Glas Gurken und ein Teller mit kräftigen Butterbroten bereit gehalten wird, da sich ihr Spekulatiustrauma als unheilbar erwies.

So waren eine Zeit lang durch meinen Onkel, der hier eine unerwartete Härte bewies, alle Disziplinschwierigkeiten aufgehoben. 

Nicht nur zur Weihnachtszeit - VII - Heinrich Böll - Satire

 

Autor: Heinrich Böll

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    Das wirkliche Weihnachtsfest verlief ganz normal. Es ging etwas wie ein Aufatmen durch die Familie meines Onkels, da man auch andere Familien nun unter Weihnachtsbäumen versammelt sah, andere auch singen und Spekulatius essen mussten.