Nicht nur zur Weihnachtszeit - VIII - | AVENTIN Blog --

Nicht nur zur Weihnachtszeit - VIII -

Nicht nur zur Weihnachtszeit - VIII - Heinrich Böll - Satire
Nicht nur zur Weihnachtszeit  

Nicht nur zur Weihnachtszeit - VIII - Heinrich Böll - Satire  


Schon kurz nach dem ersten Jahrestag der ständigen Weihnachtsfeier gingen beunruhigende Gerüchte um: mein Vetter Johannes sollte sich von einem befreundeten Arzt ein Gutachten haben ausstellen lassen, auf wie lange wohl die Lebenszeit meiner Tante noch zu bemessen wäre, ein wahrhaft finsteres Gerücht, das ein bedenkliches Licht auf eine allabendlich friedlich versammelte Familie wirft. 

Das Gutachten soll vernichtend für Johannes gewesen sein. Sämtliche Organe meiner Tante, die zeitlebens sehr solide war, sind völlig intakt, die Lebensdauer ihres Vaters hat achtundsiebzig, die ihrer Mutter sechsundachtzig Jahre betragen. 

Meine Tante selbst ist zweiundsechzig, und so besteht kein Grund, ihr ein baldiges seliges Ende zu prophezeien. Nicht weniger, so finde ich, es ihr zu wünschen.

Als meinte Tante dann mitten im Sommer einmal erkrankte -- Erbrechen und Durchfall suchten diese arme Frau heim --, wurde gemunkelt, sie sei vergiftet worden, aber ich erkläre hier ausdrücklich, dass dieses Gerücht einfach eine Erfindung übelmeinender Verwandter ist.

Es ist eindeutig erwiesen, dass es sich um eine Infektion handelte, die von einem Enkel eingeschleppt wurde. Analysen, die mit den Exkrementen meiner Tante vorgenommen wurden, ergaben aber auch nicht die geringste Spur von Gift.

Im gleichen Sommer zeigten sich bei Johannes die ersten gesellschaftsfeindlichen Bestrebungen: er trat aus seinem Gesangsverein aus, erklärte, auch schriftlich, dass er an der Pflege des deutschen Liedes nicht mehr teilzunehmen gedenke.

Allerdings, ich darf hier einflechten, dass er immer, trotz des akademischen Grades, den er errang, ein ungebildeter Mensch war. Für die 'Virhymnia' aber war es ein großer Verlust, auf seinen Bass verzichten zu müssen.

Mein Schwager Karl fing an, sich heimlich mit Auswanderungsbüros in Verbindung zu setzen. 

Das Land seiner Träume musste besondere Eigenschaften haben: es durften dort keine Tannenbäume gedeihen, deren Import musste verboten oder durch hohe Zölle unmöglich gemacht sein. Außerdem -- das seiner Frau wegen -- musste dort das Geheimnis der Spekulatiusherstellung unbekannt und das Singen von Weihnachtsliedern verboten sein. 

Karl erklärte sich dafür auch bereit, harte körperliche Arbeit auf sich zu nehmen.

Inzwischen sind seine Versuche vom Fluch der Heimlichkeit befreit, weil sich auch in meinem Onkel eine vollkommene und sehr plötzliche Wandlung vollzogen hat. Diese geschah auf so unerfreulicher Ebene, dass wir wirklich Grund hatten, zu erschrecken.

Dieser biedere Mensch, von dem ich nur sagen kann, dass er ebenso hartnäckig wie herzensgut ist, wurde auf Wegen beobachtet, die einfach unsittlich sind, es auch bleiben werden, solange die Welt besteht. 

Es sind von ihm Dinge bekannt geworden, auch durch Zeugen belegt, auf die nur das Wort 'Ehebruch' angewandt werden kann. Und das Schrecklichste ist, er leugnet es schon nicht mehr, sondern stellt für sich den Anspruch, in Verhältnissen und Bedingungen zu leben, die moralische Sondergesetze berechtigt erscheinen lassen müssten.

Ungeschickterweise wurde diese plötzliche Wandlung gerade zu dem Zeitpunkt offenbar, wo der zweite Termin gegen die beiden Geistlichen seiner Pfarre fällig geworden war.

Onkel Franz muss dort als Zeuge, als verkappter Kläger, einen solch minderwertigen Eindruck gemacht haben, dass es ihm allein zuzuschreiben ist, dass auch der zweite Termin günstig für die beiden Geistlichen ausfiel.

Aber das alles ist Onkel Franz inzwischen gleichgültig geworden: bei ihm ist der Verfall komplett, schon vollzogen.

Er war auch der erste, der die Idee hatte, sich von einem Schauspieler bei der abendlichen Feier vertreten zu lassen. Er hatte einen arbeitslosen Bonvivant aufgetrieben, der ihn vierzehn Tage lang so vorzüglich nachahmte, dass nicht einmal seine Frau die ausgewechselte Identität bemerkte.

Auch seine Kinder bemerkten es nicht. Es war einer der Enkel, der während einer kleinen Singpause plötzlich in den Ruf ausbrach: »Opa hat Ringelsocken an«, wobei er triumphierend das Hosenbein des Bonvivants hochhob.

Für den armen Künstler muss diese Szene schrecklich gewesen sein, auch die Familie war bestürzt, und um Unheil zu vermeiden, stimmte man, wie so oft schon in peinlichen Situationen, schnell ein Lied an.

Nachdem die Tante zu Bett gegangen, war die Identität des Künstlers schnell festgestellt. Es war das Signal zum fast völligen Zusammenbruch der Familie. 

Nicht nur zur Weihnachtszeit - VIII - Heinrich Böll - Satire

Autor: Heinrich Böll

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    Schon kurz nach dem ersten Jahrestag der ständigen Weihnachtsfeier gingen beunruhigende Gerüchte um: mein Vetter Johannes sollte sich von einem befreundeten Arzt ein Gutachten haben ausstellen lassen, auf wie lange wohl die Lebenszeit meiner Tante noch zu bemessen wäre.