Nicht nur zur Weihnachtszeit - XI - | AVENTIN Blog --

Nicht nur zur Weihnachtszeit - XI -

Nicht nur zur Weihnachtszeit - XI - Heinrich Böll - Satire
Nicht nur zur Weihnachtszeit  

Nicht nur zur Weihnachtszeit - XI - Heinrich Böll - Satire 


Fast zwei Jahre sind inzwischen verstrichen: eine lange Zeit. Und ich konnte es mir nicht versagen, auf einem meiner abendlichen Spaziergänge einmal am Haus meines Onkels vorbeizugehen, in dem nun keine natürliche Gastlichkeit mehr möglich ist, seitdem fremdes Künstlervolk dort allabendlich herumläuft und die Familienmitglieder sich befremdenden Vergnügungen hingeben.  

Es war ein lauer Sommerabend, als ich dort vorbei kam, und schon als ich um die Ecke in die Kastanienallee einbog, hörte ich den Vers:

weihnachtlich glänzet der Wald . . . 

Ein vorüberfahrender Lastwagen machte den Rest unhörbar, ich schlich mich langsam ans Haus und sah durch einen Spalt, zwischen den Vorhängen ins Zimmer:

Die Ähnlichkeit der anwesenden Mimen mit den Verwandten, die sie darstellten, war so erschreckend, dass ich im Augenblick nicht erkennen konnte, wer nun wirklich an diesem Abend die Aufsicht führte - - so nennen sie es.

Die Zwerge konnte ich nicht sehen, aber hören. Ihr zirpendes Gebimmel bewegte sich auf Wellenlängen, die durch alle Wände dringen. Das Flüstern des Engels war unhörbar. Meine Tante schien wirklich glücklich zu sein: sie plauderte mit dem Prälaten, und erst spät erkannte ich meinen Schwager als einzige, wenn man so sagen darf, reale Person.

Ich erkannte ihn daran, wie er beim Auspusten des Streichholzes die Lippen spitzte. Es scheint doch unverwechselbare Züge der Individualität zu geben. 

Dabei kam mir der Gedanke, dass die Schauspieler offenbar auch mit Zigarren, Zigaretten und Wein traktiert werden - - zudem gibt es ja jeden Abend Spargel. Wenn sie unverschämt sind - - und welcher Künstler wäre das nicht ? - -, bedeutet dies eine erhebliche zusätzliche Verteuerung für meinen Onkel.

Die Kinder spielten mit Puppen und hölzernen Wagen in einer Zimmerecke: sie sahen blass und müde aus. Tatsächlich, vielleicht müsste man auch an sie denken. Mir kam der Gedanke, dass man sie vielleicht durch Wachspuppen ersetzten könnte, solcherart, wie sie in den Schaufenstern der Drogerien als Reklame für Milchpulver und Hautcreme Verwendung finden. Ich finde, die sehen doch recht natürlich aus.

Tatsächlich will ich die Verwandtschaft einmal auf die möglichen Auswirkungen dieser ungewöhnlichen täglichen Erregung auf die kindlichen Gemüter aufmerksam machen. Obwohl eine gewissen Disziplin ihnen ja nichts schadet, scheint man sie hier doch über Gebühr zu beanspruchen.

Ich verließ meinen Beobachtungsposten, als man drinnen anfing 'Stille Nacht' zu singen. Ich konnte das Lied wirklich nicht mehr ertragen. Die Luft ist so lau - - und ich hatte einen Augenblick lang den Eindruck, einer Versammlung von Gespenstern beizuwohnen.

Ein scharfer Appetit auf saure Gurken befiel mich ganz plötzlich und ließ mich leise ahnen, wie sehr Lucie gelitten haben muss.

Nicht nur zur Weihnachtszeit - XI - Heinrich Böll - Satire

Autor: Heinrich Böll

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    Fast zwei Jahre sind inzwischen verstrichen: eine lange Zeit. Und ich konnte es mir nicht versagen, auf einem meiner abendlichen Spaziergänge einmal am Haus meines Onkels vorbeizugehen.