Nicht nur zur Weihnachtszeit - XII - | AVENTIN Blog --

Nicht nur zur Weihnachtszeit - XII -

Nicht nur zur Weihnachtszeit - XII - Heinrich Böll - Satire - Ende
Nicht nur zur Weihnachtszeit   

Nicht nur zur Weihnachtszeit - XII - Heinrich Böll - Satire - Ende -  

Inzwischen ist es mir gelungen, durchzusetzen, dass die Kinder durch Wachspuppen ersetzt werden. Die Anschaffung war zwar kostspielig - - Onkel Franz scheute lange davor zurück - - , aber es war nicht länger zu verantworten, die Kinder täglich mit Marzipan zu füttern und sie Lieder singen zu lassen, die ihnen auf die Dauer psychisch schaden können. 

Die Anschaffung der Puppen erwies sich als nützlich, weil Karl und Lucie wirklich auswanderten und auch Johannes seine Kinder aus dem Haushalt des Vaters zog.

Zwischen großen Überseekisten stehend, habe ich mich von Karl, Lucie und den Kindern verabschiedet, sie erschienen mir glücklich, wenn auch etwas beunruhigt zu sein.

Auch Johannes ist aus unserer Stadt weggezogen. Irgendwo ist er damit beschäftigt, einen Bezirk seiner Partei umzuorganisieren.

Onkel Franz ist lebensmüde geworden. Mit klagender Stimme erzählte er mir neulich, dass man immer wieder vergisst, die Puppen abzustauben. Überhaupt machen ihm die Dienstboten Schwierigkeiten, und die Schauspieler scheinen zur Disziplinlosigkeit zu neigen. Sie trinken mehr, als ihnen zusteht, und einige sind dabei ertappt worden, dass sie sich maßlos Zigarren und Zigaretten einsteckten. Ich riet meinem Onkel daher ihnen gefärbtes Wasser vorzusetzen und Pappzigarren anzuschaffen.

Die einzig Zuverlässigen sind meine Tante und der Prälat. Sie plaudern miteinander über die gute alte Zeit, kichern und scheinen recht vergnügt zu sein. Sie unterbrechen ihr Gespräch nur, wenn ein Lied angestimmt wird.

Jedenfalls: die Feier wird fortgesetzt.

Mein Vetter Franz hat auch eine merkwürdige Entwicklung genommen. Er ist als Laienbruder in ein Kloster der Umgebung aufgenommen worden. Als ich ihn zum ersten Mal in der Kutte sah, war ich erschreckt: diese große Gestalt mit der zerschlagenen Nase und den dicken Lippen, sein schwermütiger Blick - - er erinnerte mich mehr an einen Sträfling als an einen Mönch.

Es schien fast, als habe er meine Gedanken erraten. »Wir sind mit dem Leben bestraft«, sagte er leise zu mir.

Ich folgte ihm ins Sprechzimmer. Wir unterhielten uns stockend, und er war offenbar erleichtert, als die Glocke ihn wieder zum Gebet in die Kirche rief.

Ich blieb nachdenklich stehen, als er ging. Er eilte sehr, und seine Eile schien wirklich aufrichtig zu sein.

Nicht nur zur Weihnachtszeit - XII - Heinrich Böll - Satire - Ende

Autor: Heinrich Böll

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    Inzwischen ist es mir gelungen, durchzusetzen, dass die Kinder durch Wachspuppen ersetzt werden. Die Anschaffung war zwar kostspielig, aber es war nicht länger zu verantworten, die Kinder täglich mit Marzipan zu füttern und sie Lieder singen zu lassen.