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Montag, 9. Mai 2016

Das Geschenk der Feen | Fabel von Gotthold Ephraim Lessing


Zu der Wiege eines jungen Prinzen, der in der Folge einer der größten Regenten seines Landes ward, traten zwei wohltätige Feen. "Ich schenke diesem meinem Liebling", sagte die eine, "den scharfsichtigen Blick des Adlers, dem in seinem weiten Reich auch die kleinste Mücke nicht entgeht."

"Das Geschenk ist schön", unterbrach sie die zweite Fee. "Der Prinz wird ein einsichtsvoller Monarch werden. Aber der Adler besitzt nicht allein Scharfsichtigkeit, die kleinsten Mücken zu bemerken, er besitzt auch eine edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen. Und diese nehme der Prinz von mir zum Geschenk!"

"Ich danke dir, Schwester, für diese weise Einschränkung", versetzte die erste Fee. "Es ist wahr; viele würden weit größere Könige gewesen sein, wenn sie sich weniger mit ihrem durchdringenden Verstand bis zu den kleinsten Angelegenheiten hätten erniedrigen wollen."





Dienstag, 22. März 2016

Ein schwedisches Waldmärchen | Was ist das Leben?


An einem schönen Sommertag war um die Mittagszeit eine große Stille im Wald eingetreten. Die Vögel steckten ihre Köpfe unter die Flügel und alles ruhte.

Da steckte der Buchfink sein Köpfchen hervor und fragte: "Was ist das Leben?" Alle waren betroffen über diese schwere Frage. Eine Rose entfaltete gerade ihre Knospe und schob behutsam ein Blatt ums andere heraus. Sie sprach: "Das Leben ist eine Entwicklung." Weniger tief veranlagt war der Schmetterling. Lustig flog er von einer Blume zur anderen, naschte da und dort und sagte: "Das Leben ist lauter Freude und Sonnenschein."

Drunten am Boden schleppte sich ein Ameise mit einem Strohhalm, zehnmal länger als sie selbst, und sagte: "Das Leben ist nichts als Mühe und Arbeit." Geschäftig kam ein Biene mit ihrer Tracht von einer Blume zurück und meinte dazu: "Das Leben ist ein Wechsel von Arbeit und Vergnügen."

Wo so weise Reden geführt wurden, steckte der Maulwurf seinen Kopf aus der Erde und sagte: "Das Leben ist ein Kampf im Dunkeln." Die Elster, die selbst nichts weiß und nur vom Spott der anderen lebt, sagte: "Was ihr für weise Reden führt! Man sollte meinen, was ihr für gescheite Leute seid!" 

Es hätte nun einen großen Streit gegeben, wenn nicht ein feiner Regen eingesetzt hätte, der sagte: "Das Leben besteht aus Tränen, nichts als Tränen." Dann zog er weiter zum Meer. Dort brandeten die Wogen und warfen sich mit aller Gewalt gegen die Felsen, kletterten daran in die Höhe und warfen sich dann wieder mit gebrochener Kraft ins Meer zurück und stöhnten: "Das Leben ist ein stetes vergebliches Ringen nach Freiheit."

Hoch über ihnen zog majestätisch ein Adler seine Kreise, der frohlockte: "Das Leben ist ein Streben nach oben." Nicht weit davon stand eine Weide, die hatte der Sturm schon zur Seite geneigt. Sie sprach: "Das Leben ist ein Sich-Neigen unter eine höhere Macht."

Dann kam die Nacht ---

In lautlosem Flug glitt ein Uhu durch das Geäst des Waldes und krächzte: "Das Leben heißt, die Gelegenheit nutzen, wenn die anderen schlafen." Schließlich wurde es wieder ganz still im Wald.

Spät nach Mitternacht ging ein Mann durch die menschenleeren Straßen einer Stadt nach Hause. Der kam von einer Lustbarkeit und sagte so vor sich hin: "Das Leben ist ein ständiges Suchen nach Glück und eine Kette von Enttäuschungen."

Da flammte die Morgenröte auf in ihrer vollen Pracht und sprach: "Wie ich, die Morgenröte, der Beginn des kommenden Tages bin, so ist das Leben der Anbruch der Ewigkeit."







Montag, 15. Februar 2016

Der Adler und die Dohle | Arroganz | Fabel von Aesop

Ein Adler stürzte sich hoch aus der Luft auf ein Lamm, fasste es mit seinen Krallen und trug es mit Leichtigkeit davon. Eine Dohle hatte dies mit angesehen, und da sie sich ebenso stark glaubte wie der Adler, flog sie auf einen Widder zu. Aber vergeblich bemühte sie sich, ihn fortzubringen, sie verwickelte sich in die Wolle und konnte nun auch nicht wieder davonfliegen. 

Als ein Hirte sie zappeln sah, haschte er sie, beschnitt ihr die Flügel und nahm sie seinen Kindern zum Spielzeug mit. "Ei! Ei!" riefen hocherfreut die Kinder, "wie nennt man diesen Vogel?" "Vor einer Stunde noch", antwortete der Vater, "hielt er sich für einen Adler, musste aber bald einsehen, dass er nur eine kleine Dohle ist." 

Lehre:
Wage dich nicht an Dinge, die deine Kräfte übersteigen; es gibt sonst zum Schaden noch Spott.





Montag, 23. November 2015

Der Adler und die Schildkröte • Torheit • Fabel von Aesop


Eine Schildkröte bat einen Adler, ihr Unterricht im Fliegen zu geben. Der Adler suchte es ihr auszureden, aber je mehr er sich bemühte, ihr das Törichte ihres Wunsches klarzumachen, desto mehr beharrte sie darauf. Ihrer dringenden Bitten müde, nahm der Adler sie dann endlich mit in die Luft und ließ sie ungefähr turmhoch los aus seinen Fängen, damit sie fliege; zerschmettert lag sie auf der Erde und musste so ihre Torheit büßen. 

Lehre: 
Trachte nicht nach Dingen, die die Natur dir versagt hat. Was die Natur versagt, kann niemand geben.





Dienstag, 14. April 2015

Die beiden Hähne und der Adler • Fabel von Aesop

Von zwei Hähnen, welche um Hennen miteinander kämpften, behielt der eine die Oberhand über den andern. Der Überwundene zog sich zurück und verbarg sich an einem dunklen Orte; der Sieger aber flog aufwärts, stellte sich auf ein hohes Dach und krähte mit lauter Stimme. Da schoss jählings ein Adler herab und nahm ihn mit sich fort. Nunmehr kam der Versteckte ungehindert wieder aus seinem Verschlupf hervor und gesellte sich zu den Hennen.


Wer zuletzt kräht, kräht am besten und wer hoch steigt, wird tief fallen!







Donnerstag, 5. Februar 2015

Der Adler und der Fuchs | Freundschaft | Fabel von Aesop

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Der Adler und der Fuchs hatten Freundschaft geschlossen und kamen überein, fortan als Nachbarn beieinander zu hausen; sie glaubten, das würde ihre Freundschaft festigen. Der Adler errichtete also seinen Horst im Wipfel eines hohen Baumes, und der Fuchs grub für seine Jungen einen Bau in einem Busch gleich darunter.

Einmal war nun der Fuchs auf die Jagd gegangen und dem Adler fehlte es an Nahrung für seine Kinder. Da schoss er herab in den Busch und raubte die kleinen Füchslein, die sie zusammen verzehrten. Als der Fuchs heimkam, musste er sehen, was geschehen war. Aber mehr noch als der Tod seiner Jungen schmerzte es ihn, dass er sich nicht rächen konnte. Denn wie sollte er wohl, der Erdgebundene, dem Vogel beikommen? Nur aus der Ferne konnte er seinen Feind verfluchen. 

Aber nicht lange darauf sollte es der Adler büßen, dass er die Freundschaft verraten hatte. Auf dem Felde opferten nämlich die Bauern eines Tages den Göttern eine Ziege. Da flog er hinzu und raubte von dem Altar weg ein Stück des Opfertieres. Dabei bemerkte er nicht, dass er auch ein glühendes Stück Holz mit fortschleppte. Kaum aber hatte er die Beute in seinen Horst gebracht, so sprang der Wind auf, um im Nu stand das Nest aus dürrem Reisig in hellen Flammen, und seine Jungen, die noch nicht flügge waren, stürzten halb verbrannt zu Boden. Da setzte der Fuchs heran und verschlang sie vor den Augen des Adlers, eines nach dem anderen.

Lehre:
Wahre Freundschaft hält ewig. Wer Unrecht sät, der wird Unglück ernten.





Freitag, 23. Januar 2015

Der durchbohrte Adler | Doppelter Schmerz | Fabel von Aesop

aventin.blogspot.com

Ein Adler saß hoch oben auf einem Felsen und spähte nach Beute aus. Da schoss ein Bogenschütze nach ihm. Der Pfeil durchbohrte ihn und blieb in seiner Brust stecken, sodass der befiederte Schaft  noch herausragte. 

Diesen Schaft vor Augen sprach der Adler: "Das macht mir doppelten Schmerz, dass ich durch meine eigenen Federn sterben muss."

Lehre:
Doppelt schmerzt es, wenn man sich mit den eigenen Waffen geschlagen sieht!







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