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Dienstag, 10. Mai 2016

Jorinde und Joringel | Märchen der Gebrüder Grimm


Es war einmal ein altes Schloss mitten in einem großen dicken Wald, drin wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sie, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloss nahe kam, so musste er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach; wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie dann in einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schloss.

Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde; sie war schöner als alle andere Mädchen. Die und ein gar schöner Jüngling namens Joringel hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun vertraut zusammen reden könnten, gingen sie im Wald spazieren. »Hüte dich«, sagte Joringel, »dass du nicht so nahe ans Schloss kommst« Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die Turteltaube sang auf den alten Maibuchen. Jorinde und Joringel setzten sich hin im Sonnenschein, sie sahen sich um, waren verirrt und wussten nicht, wie sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg, und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrak und wurde todbang.

Joringel sah nach Jorinde. Aber Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang 'zicküth, zicküth'. Joringel konnte sich nicht regen – er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden. Nun war die Sonne unter; eine Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor. Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam die Frau wieder und da wurde Joringel wieder los. Er fiel vor der Frau auf die Knie und bat, sie möchte ihm seine Jorinde wiedergeben, aber sie sagte, er sollte sie nie wiederhaben.

Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da hütete er die Schafe sieben Jahre lang. Endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schloss: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wiederbekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an, durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blume fände; er suchte bis an den siebten Tag, da fand er die blutrote Blume im Morgenrot. In der Mitte war ein großer Tautropfen, so groß wie die schönste Perle. 

Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloss. Joringel berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen Vögel vernahm; Er ging und fand den Saal, darin war die Zauberin und fütterte die Vögel in den siebentausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie sehr böse, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte nicht an ihn kommen. Er besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wiederfinden? Indem er so zusah, merkte er, dass die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der Tür ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch die Zauberin – nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefasst, so schön, wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen und ging mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.







Dienstag, 12. Januar 2016

Die Bremer Stadtmusikanten ⋅ Märchen ⋅ Brüder Grimm

Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so dass er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen. Der Esel aber merkte, dass kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen. Dort, so meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat. »Nun, was jappst du so, Packan?«, fragte der Esel. »Ach«, sagte der Hund, »weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen totschlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?« »Weißt du was«, sprach der Esel, »ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.« Der Hund war damit zufrieden und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. »Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?« sprach der Esel. »Wer kann da lustig sein, wenn es einem an den Kragen geht«, antwortete die Katze, »weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze als nach Mäusen herumzujagen, hat mich meine Herrin ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer denn wo soll ich hin?« »Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden.« Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. »Du schreist einem durch Mark und Bein«, sprach der Esel, »was hast du vor?« »Da hab ich gut Wetter prophezeit«, sprach der Hahn, »weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Kindlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will. Weil aber morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wolle mich morgen in der Suppe essen und da soll ich mir heute abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, solange ich noch kann.« »Ei was, du Rotkopf«, sagte der Esel, »zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme und wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art haben.« Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle viere zusammen fort. 

Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um, da däuchte ihn, er sähe in der Ferne ein Fünkchen brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müsste nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel: »So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht.« Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch dran täten ihm auch gut. Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war und sahen es bald heller schimmern und es ward immer größer, bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als der größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. »Was siehst du, Grauschimmel?« fragte der Hahn. »Was ich sehe?« antwortete der Esel: »Einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken und Räuber sitzen daran und lassen es sich wohl sein.« »Das wäre was für uns«, sprach der Hahn. »Ja, ja, ach, wären wir da!« sagte der Esel. Da beratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müßten, um die Räuber hinaus zu jagen und fanden endlich ein Mittel. Der Esel mußte sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken springen, die Katze auf den Hund klettern und endlich flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen allesamt an, ihre Musik zu machen: Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, dass die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten nicht anders, als ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war und aßen, als wenn sie vier Wochen hungern sollten. 

Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstätte, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Türe, die Katze auf den Herd bei die warme Asche, und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken; und weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, dass kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: »Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen« und hieß einen von ihnen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgesandte fand alles still, ging in die Küche ein Licht anzuzünden und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, dass es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf, biss ihn ins Bein und als er über den Hof an dem Miste vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß. Der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab: »Kikeriki!« Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach: »Ach, in dem Haus sitzt eine gräuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt, vor der Türe steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungeheuer, das hat mit einer Holzkeule auf mich los geschlagen. Oben auf dem Dache aber, da sitzt der Richter, der rief: "Bringt mir den Schelm her." Da machte ich, dass ich fort kam.« Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, den vier Bremer Musikanten gefiel es aber so wohl darin, dass sie nicht wieder heraus wollten.







Dienstag, 13. Oktober 2015

Die drei Brüder • Märchen • Gebrüder Grimm

Es war ein Mann, der hatte drei Söhne und ein Haus, worin er wohnte. Nun hätte jeder gerne nach seinem Tode das Haus gehabt, dem Vater war aber einer so lieb wie der andere. Da wusste er nicht, wie er es anfangen sollte; verkaufen wollte er das Haus auch nicht, weil es von seinen Voreltern war, sonst hätte er das Geld unter sie geteilt. Da fiel ihm endlich ein Rat ein, und er sprach zu seinen Söhnen 'geht in die Welt und versucht euch, und lerne jeder sein Handwerk, wenn ihr dann wiederkommt, wer das beste Meisterstück macht, der soll das Haus haben.' 
  
Damit waren die Söhne zufrieden, und der älteste wollte ein Hufschmied, der zweite ein Barbier, der dritte aber ein Fechtmeister werden. Darauf bestimmten sie eine Zeit, wo sie wieder nach Haus zusammenkommen wollten, und zogen fort. Es traf sich auch, dass jeder einen tüchtigen Meister fand, wo er was Rechtschaffenes lernte. Der Schmied musste des Königs Pferde beschlagen und dachte 'nun kann dir nichts mehr fehlen, du kriegst das Haus.' Der Barbier rasierte lauter vornehme Herren und meinte auch, das Haus wäre schon sein. Der Fechtmeister kriegte manchen Hieb, biss aber die Zähne zusammen und ließ sich nicht verdrießen, denn er dachte bei sich 'fürchtest du dich vor einem Hieb, so kriegst du das Haus nimmermehr.' 

Als nun die gesetzte Zeit herum war, kamen sie bei ihrem Vater wieder zusammen: sie wussten aber nicht, wie sie die beste Gelegenheit finden sollten, ihre Kunst zu zeigen, saßen beisammen und ratschlagten. Wie sie so saßen, kam auf einmal ein Hase übers Feld dahergelaufen. 'Ei,' sagte der Barbier, 'der kommt wie gerufen,' nahm Becken und Seife, schäumte so lange, bis der Hase in die Nähe kam, dann seifte er ihn in vollem Laufe ein, und rasierte ihm auch in vollem Laufe ein Bärtchen, und dabei schnitt er ihn nicht und tat ihm an keinem Haare weh. 'Das gefällt mir,' sagte der Vater, 'wenn sich die andern nicht gewaltig anstrengen, so ist das Haus dein.' Es währte nicht lang, so kam ein Herr in einem Wagen dahergefahren 'Nun sollt Ihr sehen, Vater, was ich kann,' sprach der Hufschmied, sprang dem Wagen nach, riss dem Pferd, das in einem fortjagte, die vier Hufeisen ab und schlug ihm auch im Jagen vier neue wieder an. 'Du bist ein ganzer Kerl,' sprach der Vater, 'du machst deine Sachen so gut wie dein Bruder; ich weiß nicht, wem ich das Haus geben soll.' Da sprach der dritte 'Vater, lasst mich auch einmal gewähren,' und weil es anfing zu regnen, zog er seinen Degen und schwenkte ihn in Kreuzhieben über seinen Kopf, dass kein Tropfen auf ihn fiel: und als der Regen stärker wurde, und endlich so stark, als ob man mit Kübeln vom Himmel gösse, schwang er den Degen immer schneller und blieb so trocken, als säße er unter Dach und Fach. Wie der Vater das sah, erstaunte er und sprach 'du hast das beste Meisterstück gemacht, das Haus ist dein.' 
  
Die beiden andern Brüder waren damit zufrieden, wie sie vorher gelobt hatten, und weil sie sich einander gern hatten, blieben sie alle drei zusammen im Haus und trieben ihr Handwerk; und da sie so gut ausgelernt hatten und so geschickt waren, verdienten sie viel Geld. 






Dienstag, 30. Juni 2015

Doktor Allwissend | Märchen der Gebrüder Grimm


Es war einmal ein armer Bauer namens Krebs, der fuhr mit zwei Ochsen in die Stadt und verkaufte ein Fuder Holz für zwei Taler an einen Doktor. Wie ihm nun das Geld ausbezahlt wurde, saß der Doktor gerade zu Tisch; da sah der Bauer, wie er schön aß und trank, und das Herz ging ihm danach auf, und er wäre auch gern ein Doktor gewesen. Also blieb er noch ein Weilchen stehen und fragte endlich, ob er nicht auch könnte ein Doktor werden. „O ja", sagte der Doktor, „das ist bald geschehen." „Was muss ich tun?" fragte der Bauer. „Erstens kauf dir ein ABC-Buch, so eins, wo vorn ein Gockelhahn drin ist; zweitens mache deinen Wagen und deine zwei Ochsen zu Geld und schaff dir damit Kleider an und was sonst zur Doktorei gehört; drittens lass dir ein Schild malen mit den Worten: ,Ich bin der Doktor Allwissend’ und lass das oben über deine Haustür nageln!" Der Bauer tat alles, wie es ihm geheißen war. Als er nun ein wenig gedoktert hatte, aber noch nicht viel, ward einem reichen, großen Herrn Geld gestohlen. Da ward ihm von dem Doktor Allwissend gesagt, der in dem und dem Dorfe wohnte und auch wissen müsste, wo das Geld hingekommen wäre. Also ließ der Herr seinen Wagen anspannen, fuhr hinaus ins Dorf und fragte bei ihm an, ob er der Doktor Allwissend wäre. Ja, der wäre er. So sollte er mitgehen und das gestohlene Geld wieder her schaffen. O ja, aber die Grete, seine Frau müsste auch mit. Der Herr war damit zufrieden und ließ sie beide in den Wagen sitzen, und sie fuhren zusammen fort. Als sie auf den adligen Hof kamen, war der Tisch gedeckt; da sollte er erst mitessen. Ja, aber seine Frau, die Grete, auch, sagte er und setzte sich mit ihr hinter den Tisch. Wie nun der erste Bediente mit einer Schüssel schönem Essen kam, stieß der Bauer seine Frau an und sagte: „Grete, das war der erste", und meinte, es wäre derjenige, welcher das erste Essen brächte. Der Bediente aber meinte, er hätte damit sagen wollen: Das ist der erste Dieb; und weil er es nun wirklich war, ward ihm angst, und er sagte draußen zu seinen Kameraden: „Der Doktor weiß alles, wir kommen übel an; er hat gesagt, ich wäre der erste." Der zweite wollte gar nicht herein, er musste aber doch. Wie er nun mit seiner Schüssel herein kam, stieß der Bauer seine Frau an: „Grete, das ist der zweite." Dem Bedienten ward ebenfalls angst, und er machte, dass er hinauskam. Dem dritten ging es nicht besser; der Bauer sagte wieder: „Grete, das ist der dritte." Der vierte musste eine verdeckte Schüssel hereintragen, und der Herr sprach zum Doktor, er sollte seine Kunst zeigen und raten, was darunter läge; es waren aber Krebse. Der Bauer sah die Schüssel an, wusste nicht, wie er sich helfen sollte, und sprach: „Ach, ich armer Krebs!" Wie der Herr das hörte, rief er: „Da, er weiß es, nun weiß er auch, wer das Geld hat."  
Dem Bedienten aber ward gewaltig angst, und er blinzelte den Doktor an, er möchte einmal herauskommen. Wie er nun hinauskam, gestanden sie ihm alle viere, sie hätten das Geld gestohlen; sie wollten es ja gerne herausgeben und ihm eine schwere Summe dazu, wenn er sie nicht verraten wollte; es ginge ihnen sonst an den Hals. Sie führten ihn auch hin, wo das Geld versteckt lag. Damit war der Doktor zufrieden, ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch und sprach: „Herr, nun will ich in meinem Buch suchen, wo das Geld steckt." Der fünfte Bediente aber kroch in den Ofen und wollte hören, ob der Doktor noch mehr wüsste. Der saß aber und schlug sein ABC-Buch auf, blätterte hin und her und suchte den Gockelhahn. Weil er ihn nicht gleich finden konnte, sprach er: „Du bist doch darin und musst auch heraus." Da glaubte der im Ofen, er wäre gemeint, sprang voller Schrecken heraus und rief: „Der Mann weiß alles." Nun zeigte der Doktor Allwissend dem Herrn, wo das Geld lag, sagte aber nicht, wer es gestohlen hatte, bekam von beiden Seiten viel Geld zur Belohnung und ward ein berühmter Mann.





Sonntag, 14. Juni 2015

Nibelungen Sage 15/28 | Wie der Nibelungenhort nach Worms kam

Hagen versenkt den Nibelungenhort
Bald nach dem Begräbnis gab König Siegmund seinen Mannen bekannt, dass er heimkehren wolle nach Xanten. Auch Kriemhild bat er, sich zur Reise zu rüsten. Sie sollte an Siegfrieds Statt die Krone von Niederland tragen.

Doch Frau Ute wollte ihre Tochter nicht mehr in die Fremde ziehen lassen. Gernot und Giselher schlossen sich ihren Bitten an, und Giselher versprach der Schwester seinen brüderlichen Schutz. Da sagte Kriemhild zu, in Worms zu bleiben; nur Hagen, den Mörder Siegfrieds, wollte sie nie mehr vor Augen sehen. 

Kriemhilds Entschluss bekümmerte König Siegmund sehr. Traurig schieden er und seine Recken von Siegfrieds Frau, die sie alle liebgewonnen hatten. Von Gunther und Hagen nahmen sie keinen Abschied. Giselher allein geleitete sie, als sie Worms für immer verließen. 

Ein Haus in der Nähe des Münsters nahm die trauernde Kriemhild auf. Täglich ging sie mit ihren Frauen zur Messe und an das Grab Siegfrieds, um für sein Seelenheil zu beten. Frau Ute kam oft, um ihr Trost zu spenden, doch nichts vermochte Kriemhilds Schmerz zu lindern: zu tief eingesenkt in ihr Herz war das Leid um den geliebten Toten. Drei Jahre verbrachte sie so, ohne ein Wort mit Gunther zu sprechen oder Hagen, ihren Todfeind, ein einziges Mal zu sehen. 

Da kam Hagen ein neuer Plan, und sogleich ging er damit zu König Gunther. "Söhnt Euch mit Eurer Schwester aus", riet er ihm, "dann bringen wir den Nibelungenhort in unser Land, und groß wird Euer Gewinn davon sein!"

Der Rat war nach dem Herzen Gunthers, und er sandte Gernot und Giselher als Mittler zu seiner Schwester. "So lange schon trauerst du um Siegfried", redete Gernot Kriemhild freundlich zu, "unser Bruder Gunther hat keine Schuld an seinem Tod, das will er dir bezeigen." --- "Niemand gibt ihm solche Schuld", erwiderte Kriemhild, "Hagen erschlug ihn, und ich Unselige machte ihm die Stelle bekannt, wo der tödliche Stich traf. Wie konnte ich es ahnen, dass er so tödlichen Hass gegen Siegfried trug!"

Auch Giselher bat nun mit warmen Worten für Gunther, und schließlich fand sich Kriemhild zur Versöhnung bereit. Wenn auch ihr Herz nicht dabei mitsprach, sie gab den Brüdern einen Gruß an Gunther mit. Sogleich kam da der König mit seinen Freunden zu ihr und holte sich aus ihrem Mund Verzeihung und Aussöhnung. Nur Hagen ließ sich nicht blicken. Er kannte nur zu wohl seine Schuld und wusste, dass Kriemhild sie niemals vergessen und vergeben würde. Gegen ihn allein blieb ihr Herz in bitterster Feindschaft verhärtet.

Nicht lange dauerte es, da brachten die Brüder Kriemhild so weit, dass sie den Nibelungenhort an den Rhein holen ließ. Siegfried hatte ihn ihr einst als Morgengabe geschenkt, und so gehörte er ihr mit Recht zu eigen. Mit starkem Geleit fuhren Giselher und Gernot ins Nibelungenland, und Alberich, der Hüter, gab ihnen den Schatz heraus. Der war so gewaltig groß, dass zwölf Wagen dreimal am Tag zwischen dem Berg und den Schiffen hin und her fahren mussten, und erst nach vier Tagen war alles Gold und Edelgestein geborgen. 

Mancher der Nibelungenrecken folgte den Burgunden an den Rhein und trat in Kriemhilds Dienste ein. Viele Kammern und Türme in Worms füllte nun der Schatz, und Kriemhild war seine Herrin. Freigebig teilte ihre Hand davon aus, und so zahlreiche Freunde gewann sie sich mit dem Nibelungengold, dass Hagen sich eines Tages warnend an Gunther wandte: "Lassen wir sie noch eine Weile so schalten, so mag es uns übel ergehen. Ich rate Euch deshalb, ihr den Schatz wegzunehmen."

Doch Gunther wollte auf diesen Vorschlag nicht eingehen: "Der Schatz gehört meiner Schwester", erwiderte er, "und sie mag mit ihm tun, was ihr beliebt. Auch schwur ich ihr zu, dass kein Leid mehr von meiner Hand über sie kommen werde."

"Keiner Frau soll man solche Schätze anvertrauen", beharrte Hagen auf seiner Warnung, "Kriemhild bringt es noch dahin, dass Eure Nachsicht Euch bitter gereut. Und wenn Ihr schon selbst nicht handeln wollt, so lasst mich gewähren; ich bin durch keinen Eid gebunden."

Abermals widerstand Gunther nicht, und Hagen nahm Kriemhild gewaltsam die Schlüssel der Schatzkammern weg, so zornig Gernot und Giselher sich auch dagegen wandten. Der grimme Tronjer gab nichts um ihre Bitten und Mahnungen. Ja, als Gunther mit seinen Brüdern auf einer Reise einst von Worms abwesend war, ließ Hagen den Hort an den Rhein schaffen und versenkte ihn heimlich in die Fluten. Alle Knechte, die dabei halfen, band er mit schweren Eiden, niemals die Stelle zu verraten, wo das Gold in den Tiefen des Stromes ruhte. Was halfen Kriemhild ihre Klagen, als Gunther zurückkehrte! Nur mit Worten tadelte der König die räuberische Tat Hagens, seine Freundschaft entzog er ihm nicht.

Kriemhild aber mochte nun nicht länger da bleiben, wo der Tronjer in ihrer Nähe war. Sie verließ Worms und zog zu ihrer Mutter Ute auf den Witwensitz, den diese unweit der Abtei Lorsch besaß. Die Gebeine Siegfrieds ließ sie in das Münster des Klosters überführen, und manches Jahr lebte sie nun in Lorsch in einsamer Trauer um den lieben Toten, dem ihr Herz in unwandelbarer Treue gehörte.




Donnerstag, 11. Juni 2015

Nibelungen Sage 18/28 | Wie Kriemhild auf Rache sann


Dreizehn Jahre schon lebte Kriemhild nun an der Seite König Etzels. Ein Sohn war ihnen geboren worden, der in der Taufe den Namen Ortlieb erhalten hatte. Nichts trübte das Glück und die Eintracht am Königshof. Zwölf Fürsten waren dem Herrscherpaar dienstbar, und Kriemhild sah zu ihrer Freude, dass alle Recken im Hunnenreich ihr mit Leib und Leben ergeben waren. Aber in allem Glanz konnte sie das Leid nicht vergessen, das Hagen ihr angetan hatte. "Hätte ich ihn nur hier im Land", wünschte sie Tag und Nacht, "wie sollte ihn da meine Rache treffen!" Auch an alle im fernen Burgundenland, die ihr teuer waren, an Frau Ute, Gernot und Giselher, dachte sie oft, und es kam sie die Sehnsucht an, ihre Lieben wiederzusehen. 

So bat sie eines Tages König Etzel: "Wenn Ihr mir eine Freude machen wollt, so ladet meine Brüder und ihre Freunde zu Worms an Euren Hof! So lange schon lebe ich bei Euch, und noch nie hat mich jemand aus der Heimat besucht, davon ist mir das Herz schwer." Dass vor allem aber die Rache an Hagen, dem Todfeind, ihr im Sinn lag, sagte sie nicht. 

Etzel nahm ihre Bitte freundlich auf: "Auch mir macht es Kummer, dass die Verwandten am Rhein uns schon so viele Jahre fern sind. Ich will Werbel und Schwemmel, meine beiden Spielleute, nach Worms senden und Eure Brüder mit ihren Getreuen zur Sonnwendfeier nach Etzelnburg laden."

Das war eine frohe Stunde für Kriemhild, als die Boten sich auf den Weg machten! Für Gernot und Giselher gab sie die herzlichsten Grüße mit und bat sie, all ihre Freunde mitzubringen ins Hunnenland. Hagen werde ihnen gewiss ein zuverlässiger Wegführer sein!

Nach zwölf Tagen trafen Werbel und Schwemmel in Worms ein und wurden aufs beste aufgenommen. Sie trugen Gunther ihre Botschaft vor, und dieser nahm sich eine Woche Bedenkzeit, um mit seinen Brüdern und Freunden zu beraten. 

Die meisten Burgunden freuten sich über die Einladung Etzels und waren gern zu der Reise an den Hunnenhof bereit, Hagen von Tronje aber erhob warnend seine Stimme und widerriet dem König: "Ihr habt doch wohl nicht vergessen, was Eure Schwester hier am Rhein geschehen ist? Seit ich ihr den Mann erschlug, sinnt sie auf Rache, und da wollt Ihr zu der Unholden ins Hunnenland reisen? Glaubt nicht den trügerischen Worten der Hunnenboten: es gilt uns der sichere Tod!"

"Du siehst zu schwarz, Freund Hagen", erwiderte Gunther, "längst hat Kriemhild uns verziehen. Mit freundlichem Sinn nahm sie damals Abschied, als sie zu Etzel fuhr." Auch Gernot wandte sich gegen Hagen: "Vielleicht mögt Ihr aus guten Gründen Böses von Kriemhild fürchten, uns aber stände es übel an, wenn wir die Einladung ausschlügen." Giselher riet dazu Hagen mit scharfem Spott: "Wenn Ihr Euch des Lebens nicht sicher fühlt in Kriemhilds Land, Herr Hagen, so bleibt doch hier am Rhein und lasst uns allein die Reise tun!"

Da brauste der Tronjer auf in grimmigem Zorn: "Nie hat man mir Feigheit nachgesagt! Wenn ihr zu der Fahrt entschlossen seid, so wisst denn, dass ich mit euch reiten werde. Doch rate ich euch, die Waffen nicht daheim zu lassen und tausend der besten Recken mit auf den Weg zu nehmen."

Der Rat schien Gunther gut, und sogleich sandte er Boten im Land umher, die tapfersten Degen aufzubieten. Da wurden die Rüstungen angelegt und die Rosse gesattelt, und von allen Burgen zogen sie herbei, und auch Volker, der kühne Spielmann, stellte sich mit dreißig seiner Mannen ein. Von den übrigen wählte Hagen tausend der bewährtesten Streiter aus.

Unterdessen warteten die Hunnenboten mit Ungeduld auf Gunthers Bescheid. Hagen riet seinem Herrn, sie möglichst lange hinzuhalten, damit sie Etzel und Kriemhild nicht zu früh die Nachricht von der Ankunft der Gäste bringen könnten. Erst sieben Tage vor dem Aufbruch der Burgunden durften sie sich auf den Heimweg machen. Eifrig spornten sie ihre Rosse und ritten über Passau und Bechlaren, wo sie dem Bischof Pilgrim und dem Markgrafen Rüdiger die frohe Kunde mitteilten. 

Groß war die Freude Etzels, als er vernahm, dass die Fürsten vom Rhein mit ihren Recken schon so bald schon eintreffen sollten. Kriemhild gab den beiden Spielleuten reichen Botenlohn und fragte sie, wie Hagen die Einladung aufgenommen habe. 

"Heftig hat er die Fahrt widerraten und sie eine Todesreise genannt", ward ihr zur Antwort, "aber dennoch kommt er mit Euren Brüdern, und auch Volker, der kühne Fiedler, ist mit dabei."

"Auf Volker wollte ich gerne verzichten", sagte sie fröhlichen Sinnes, "aber auf Hagen freue ich mich, ihm bin ich besonders gewogen!"