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Donnerstag, 25. Juni 2015

Nibelungen Sage 4/28 | Wie Siegfried nach Worms kam

Zu Worms, der alten Burgundenstadt am Rhein, wuchs Kriemhild, die Königstochter, zu einer Jungfrau heran, deren Schönheit und adeliger Sinn landauf, landab gepriesen wurden. Sie lebte bei ihrer Mutter Ute und ihren drei Brüdern Gunther, Gernot und Giselher. Von diesen war Gunther, der älteste, nach dem Tode des Vaters König und Herr im Burgungenland geworden. 

Die tapfersten Recken hatten sich um König Gunther und seine Brüder geschart, darunter der grimme Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart, ferner Ortwin von Metz, die Markgrafen Gere und Eckewart und Hagens Freund, der kühne und ritterliche Sänger Volker von Alzey. Alle blickten voll Stolz auf Kriemhild und waren ihr in Treue ergeben. 

Einst hatte Kriemhild einen seltsamen Traum. Sie sah ihren Lieblingsfalken emporsteigen, höher und höher, bis plötzlich zwei Adler ungestüm aus dem Gewölk herabstießen und ihn mit scharfen Krallen zu Tode schlugen. In bitterer Qual erwachte sie, und da sie den Traum nicht zu deuten wusste, wandte sie sich um Rat und Trost an ihre Mutter.

Frau Ute bedachte sich nicht lange: "Der Falke, den du aufgezogen hast, ist ein edler Mann. Gott hat ihn für dich bestimmt, und er möge ihn in Gnaden schützen und schirmen, dass du nicht seinen frühen Tod beweinen musst."

Doch von solcher Deutung mochte Kriemhild nicht hören. "Was sprecht Ihr mir von einem Manne, liebe Mutter?" sagte sie. "Unvermählt will ich bleiben mein Leben lang, und nie wird mir Leid kommen aus der Liebe zu einem Mann."

"Das sind vorschnelle Worte", verwies sie die Mutter, "kein größeres Glück gibt es für eine Jungfrau, als das Weib eines edlen Helden zu werden." "Nein, nein, Mutter!" wehrte Kriemhild abermals ab. "Wie oft hat sich doch gezeigt, dass Liebe nur Leid bringt; ich will sie immer meiden, dann bleibe ich von allem Kummer verschont."

So dachte Kriemhild, und mancher Tag ging dahin, ohne dass ihr Herz für einen der Freier schlug, die sich mit ritterlichem Gefolge in Worms einstellten. Keiner konnte sich eines holden Blickes der Königstochter rühmen. 

Da hörte eines Tages Siegfried auf der väterlichen Burg zu Xanten von der Schönheit Kriemhilds im fernen Burgundenland, und gleich stand sein Sinn danach, um die Herrliche zu werben. Die Eltern rieten ihm ab, denn allenthalben sprach man von dem übergroßen Stolz der Burgundenfürsten. Als aber König Siegmund sah, dass sein Sohn nicht lassen wollte von seinem Vorhaben, willigte er schließlich ein und erbot sich, ihm ein starkes Geleit der tapfersten Recken mit auf die Fahrt zu geben. Doch Siegfried fühlte sich Manns genug, allein für seine Sache zu stehen. Nur zwölf Gefährten wählte er aus zur Reise in König Gunthers Land. Die Rüstkammer musste das Beste hergeben an ritterlichen Waffen, und Königin Sieglinde ließ von ihren Frauen kostbare Gewandung richten. 

So ging es zur Brautfahrt ins Burgundenland. Rheinaufwärts trabte die reisige Schar, in lichten Brünnen, das Zaumzeug und die Sättel rot von Gold und im Wehrgehenk Schwerter, die bis zu den Sporen herabreichten. Am siebenten Morgen sahen sie vor sich die Mauern der alten Königsstadt Worms, und als sie durch das Tor einritten, strömten die Leute in den Gassen zusammen und bewunderten laut den prächtigen Zug der fremden Recken. Sogleich waren auch Ritter und Knappen zur Stelle, um die Gäste nach altem Brauch in die Herberge zu geleiten, aber Siegfried drängte es, ohne Säumen König Gunther zu sehen. Man wies ihm einen großen Saal: "Dort werdet Ihr den König inmitten seiner Mannen finden."

Schon hatte sich die Kunde von der Ankunft der fremden Ritter in der Königsburg verbreitet, aber niemand wusste Gunther ihre Namen oder das Land, aus dem sie kamen, zu nennen. Da riet Ortwin von Metz: "Schickt nach meinem Oheim Hagen, der kennt sich aus in allen Ländern und Burgen weit und breit!"

Hagen kam und trat ans Fenster. Unten im Burghof standen noch die fremden Recken, über die Maßen stattlich anzuschauen. Nie hatte er sie gesehen, aber er wusste sogleich und sprach es aus: "Das können nur Fürsten oder Fürstenboten sein, so reich sind ihre Waffen und so edel ihre Rosse. Und dort in ihrer Mitte der junge Held, das muss Siegfried sein, der Sohn König Siegmunds von Niederland. Durch alle Länder geht sein Ruhm: er erschlug den Drachen am Quell bei der Linde und badete in seinem Blute, dass kein Schwert ihm ans Leben kann, und dann ritt er auf Grani in die dunklen Waldberge, wo er den Nibelungenhort gewann und die Tarnkappe Alberichs, die unsichtbar macht und die Stärke von zwölf Männern verleiht. Kein Held in allen Landen mag es ihm gleichtun, und mich dünkt, keiner geringen Sache wegen hat er den Weg zu uns gemacht."

Da ging Gunther sogleich mit all seinen Mannen hinunter in den Hof, solch edlen Gast zu begrüßen. "Seid uns willkommen, fremder Held!" sprach er zu Siegfried. "Woher kommt Ihr, und was führt Euch ins Burgundenland?"

Siegfried verneigte sich vor Gunther und entgegnete: "An meines Vaters Hof vernahm ich, dass nichts der Kühnheit der Burgundenrecken und ihres Königs gleichkomme. Dies zu erproben, bin ich nach Worms geritten mit meinen Gefährten. Siegfried von Niederland bin ich, und um Euer Reich will ich mit Euch kämpfen!"

Zornig brausten die Burgunden auf, als sie diese übermütige Herausforderung vernahmen. Finster blickte Hagen drein, und nach Schwertern rief der kühne Ortwin. Doch Gernot und Giselher mahnten zum Frieden: "Weshalb soll Blut fließen in ungleichem Streit? Als Freunde, nicht als Feinde wollen wir uns finden. Herr Siegfried und seine Heergesellen sollen uns liebe Gäste sein!"

Da ließ Gunther Wein bringen und trank dem Helden aus Niederland auf gute Freundschaft zu. Und Siegfried bezwang seine Kampflust, denn nicht König Gunthers Thron lockte ihn, nach Kriemhild stand sein Sinn.

So blieben Siegfried und seine Gefährten als Gäste in Worms. Da gab es die beste Herberge und fröhliche Kurzweil jeden Tag. Auf dem Burghof maßen sich die Recken im Steinwurf und Speerwerfen, und stets war es Siegfried, der den Preis davontrug. Vom Fenster ihrer Kemenate schaute Kriemhild heimlich zu. Wer war der Fremde, der es allen zuvortat? Nur an ihn dachte sie, nur ihn sah sie, wenn sie so am Fenster stand. Und Siegfrieds Gedanken waren Tag für Tag bei Kriemhild; aber ein volles Jahr ging dahin, ohne dass er sie von Angesicht zu Angesicht sah. 





Mittwoch, 24. Juni 2015

Nibelungen Sage 5/28 | Wie Siegfried mit den Sachsen und Dänen stritt


Eines Tages ritten Boten des Sachsenkönigs Lüdeger und des Königs Lüdegast vom Dänenland in Worms ein und sagten den Burgunden Krieg an. Binnen zwölf Wochen wollten die feindlichen Könige mit Heeresmacht am Rhein sein und die Burgen brechen, falls die Burgunden nicht bereit seinen, um Frieden zu verhandeln. Voll Sorge berief Gunther seine Brüder und seine Getreuen zur Beratung. Gernot war sogleich für den Kampf: die Ehre lasse keine andere Wahl. Hagen dagegen mahnte zur Vorsicht: "Wir können in so kurzer Zeit nicht unser ganzes Aufgebot an den Feind bringen. Deshalb schlage ich vor, uns die Hilfe Siegfrieds zu sichern, ehe wir den Boten eine Antwort geben."

Siegfried ließ sich nicht zweimal bitten. Er reichte Gunther die Hand: "Gebt mir nur tausend Mann, dann wird es keinem Feind gelingen, Euer Land zu verheeren, und rückte er auch mit dreißigtausend Gewappneten heran!"

Da dankte ihm Gunther frohen Herzens und entließ die fremden Boten mit der Antwort: "Wir sind bereit, die beiden Könige mit Waffen zu empfangen, falls ihnen die Heerfahrt ins Burgundenland nicht noch leid werden sollte!"

Nach Rückkehr der Boten zogen Lüdeger und Lüdegast sogleich mit vierzigtausend Mann zu Felde. Doch auch die Burgunden säumten nicht. Siegfried und Hagen führten ihre Kampfschar über den Rhein, und Volker, der kühne Spielmann, trug die Fahne. Gunther aber blieb auf Siegfrieds Rat daheim in Worms.

Das gab ein rasches Reiten durch den Hessengau bis an die Grenze des Sachsenlandes. Dort ließ Siegfried die Streitmacht in der Obhut Hagens und Gernots zurück und ritt allein auf Kundschaft in die feindliche Mark. Bald traf er auf einen Späher, der dem Heer der Gegner voraus ritt. Einen goldenen Schild trug er an der Linken. Es war Lüdegast, der Dänenkönig.

Kaum hatten die Helden einander erblickt, so spornten sie die Rosse zu ritterlichem Kampf. Die Lanzen zerspellten an den Schilden, aber keiner wankte im Sattel. Nun zogen sie die Schwerter, und dicht stoben die roten Funken aus Helmen und Schilden. So tapfer Lüdegast auch stritt, Siegfried schlug ihm drei tiefen Wunden, und besiegt gab sich der Dänenkönig schließlich in Siegfrieds Hand. Auch dreißig Dänenrecken, die ihm zur Hilfe heransprengten, vermochten sein Los nicht zu wenden. Mann für Mann fielen sie bis auf einen; den ließ Siegfried entkommen, dass er mit zerhauenem und blutigem Helm die schlimme Kunde ins Dänenlager bringen konnte.

Lauter Jubel erhob sich, als Siegfried mit dem gefangenen Dänenkönig bei den Burgunden eintraf. Sogleich wurde der Aufbruch befohlen, und hochgemut trug Volker die Heerfahne voran. Nicht lange brauchten sie zu reiten, da hatten sie vor sich die reisigen Scharen der Sachsen und Dänen. Die Schlacht hub an. Lanzen und Schwerter machten sich an ihr blutiges Werk. Waren die Burgunden auch an Zahl weit unterlegen, Hagen und Volker, Gernot und Ortwin und Dankwart ließen sich nicht schrecken. Durch das wildeste Kampfgetümmel brachen sie sich mit schmetternden Schwerthieben Bahn. Am weitesten aber drang Siegfried mit seinen zwölf Getreuen vor, dorthin, wo Lüdeger, der Sachsenkönig, unter den Seinen hielt. Der stritt ingrimmig, um den Waffenbruder aus dem Nordlande zu rächen; als er aber das Wappenzeichen auf Siegfrieds Schild erkannte, gebot er dem Kampf Einhalt und ließ die Fahne senken: gegen einen solchen Gegner vermochte niemand aufzukommen.

Der Friede wurde den Sachsen und Dänen gewährt, aber die beiden Könige und fünfhundert Mann mussten den Burgunden als Gefangene an den Rhein folgen. Siegesboten eilten dem heimkehrenden Heer voraus. Gernot hatte sie abgesandt, den stolzen Ausgang des Heerzuges in Worms zu melden. Einen von ihnen ließ Kriemhild heimlich zu sich kommen, und sie vernahm, dass Siegfried am herrlichsten von allen gestritten und mit eigener Hand die beiden Könige bezwungen hatte. Mit reichen Geschenken entließ sie den Boten, ihre Freude verschloss sie tief im Herzen. 

Eine frohe Menge säumte die Straßen, als die Sieger mit ihren Gefangenen in Worms einzogen. Auch mancher Kampfverwundete war dabei, und manches Schwert war schartig, mancher Helm und Schild zerhauen. König Gunther bot seinen Getreuen Willkommen und Dank, auch die beiden Könige grüßte er und reichte ihnen die Hand. Frei durften sie umher gehen, nachdem sie gelobt hatten, nicht heimlich aus dem Burgundenland zu entweichen.

Nach sechs Wochen aber sollte vor den Toren der Stadt am Rheinstrand ein Siegesfest gefeiert werden. So hatte König Gunther auf Gernots Vorschlag hin beschlossen. Manch kampfmüder Recke nahm Urlaub bis zu diesem Tag, um daheim seine Wunden zu pflegen. Auch Siegfried kam das Verlangen an, nach Hause zu ziehen, und selbst Gunthers inständige Bitten hätten nicht vermocht, ihn zu halten, wäre nicht der Gedanke an Kriemhild, die Holdselige, gewesen. So blieb er denn mit seinen Gefährten in Worms.





Dienstag, 23. Juni 2015

Nibelungen Sage 6/28 | Wie Siegfried zum ersten Male Kriemhild sah


Zu Pfingsten war das große Fest angesagt, und bald zogen auf allen Wegen die edlen Herren heran, die von König Gunther geladen waren. Gernot und Giselher hießen die Gäste in Worms willkommen. Zweiunddreißig Fürsten fanden sich ein und an fünftausend Ritter mit ihrem Geleit. Geschäftiges und frohes Treiben herrschte in der ganzen Stadt, und die Frauen richteten das Beste, was sie an Kleidern und Schmuck hatten.

Am Pfingstmorgen begann das Fest. Gunther befragte seine Getreuen, wie man sich den besonderen Dank der Gäste verdienen könne. Da meinte Ortwin von Metz: "Soll das Fest recht gelingen, so lasst die Frauen des Hofes daran teilnehmen, vor allem aber Eure Schwester Kriemhild, die so mancher Held zu sehen gekommen ist." Der Rat gefiel Gunther, und es erging an Frau Ute und Kriemhild die Aufforderung, mit ihren Frauen vor den Gästen zu erscheinen. 

Da gab es kein Säumen. Die schönsten Gewänder und der kostbarste Schmuck wurden hervorgeholt, und hundert Recken standen zum Geleit bereit, als Ute und Kriemhild mit der Schar edler Frauen ihre Gemächer verließen. Sogleich drängten von allen Seiten die Ritter heran, denn niemand wollte sich diesen Augenblick entgehen lassen.

Wie das Morgenrot aus trüben Wolken bricht, so kam Kriemhild daher. Edle Steine funkelten an ihrem Gewand, und wie Rosen blühten ihre Wangen. Keine der Frauen kam ihr an Schönheit gleich, und keiner der Ritter hatte je ein lieblicheres Bild gesehen. Siegfried, der in der Menge der Zuschauer stand, wurde es im Herzen froh und traurig zugleich. "Wie konnte ich nur hoffen, dich zu gewinnen",  ging es ihm durch den Sinn, "das ist ein eitler Wahn! Aber wenn ich dich meiden soll, so wollte ich doch lieber tot sein." Als wäre er auf ein Pergament gemalt, so stand Siegfried da, herrlich vor allen anderen Recken.

Da wandte sich Gernot an seinen Bruder Gunther: "Jetzt ist es an der Zeit, Siegfried zu belohnen für die Dienste, die er uns erwiesen hat. Kriemhild sollte ihm ihren Gruß entbieten, das würde den Helden ehren und noch fester mit uns verbinden." Gunther tat nach Gernots Rat, und Siegfried wurde zu der Königstochter geleitet. Noch tiefer erglühte das Rot auf Kriemhilds Wangen, als sie den Helden vor sich sah. "Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter!" grüßte sie ihn, und voll Anmut neigte er sich vor ihr in Freude und Dank. Nur heimlich wagten sie es, einander mit liebenden Blicken anzuschauen, und nie erlebte Siegfried ein tieferes Glück als in dieser Stunde, da er Kriemhilds Hand in der seinen hielt. Jeder der hochgemuten Recken hätte an seiner Stelle sein mögen.

Zum Münster ging nun der festliche Zug, Siegfried an der Seite der schönen Kriemhild. Dort wurden sie voneinander getrennt, wie es in der Kirche Sitte war, und der Held von Niederland konnte kaum das Ende der Messe erwarten, so sehr verlangte ihn nach der Nähe der Holdseligen, die er im Herzen trug. Als die Ritter und Frauen das Münster verließen, trat er wieder zu Kriemhild, um sie heim zu geleiten, und jetzt erst fand sie Worte des Dankes für sein tapferes Streiten. "Ich tat es für Eure Brüder und für Euch", erwiderte Siegfried, "und ich will nicht ablassen, Euch zu dienen mein Leben lang, wenn Ihr mir Eure Minne gewährt."

Zwölf Tage währte das Fest, und jeden Tag weilte Siegfried an der Seite Kriemhilds bei den Kampfspielen, in denen Gunthers Recken und die fremden Helden miteinander wetteiferten im Schwertstreit und Lanzenstechen. König Gunther kargte nicht mit Speise und Trank, und als die Gäste Abschied nahmen, ließ er ihnen kostbare Gaben reichen. Auch die gefangenen Sachsen und Dänen durften mit ihren Königen den Heimweg antreten. Gunther entließ sie auf Siegfrieds Rat ohne Lösegeld, doch mussten sie für künftige Zeiten Frieden geloben.

Abermals drängte es nun Siegfried zur Heimkehr, denn unerreichbar schien ihm immer noch Kriemhilds Hand. Da war es Giselher, der ihn mit seinen Bitten am Burgundenhof zurückzuhalten suchte. Und wieder ließ Siegfried sich nicht lange bitten. Wie hätte er wegreiten können von Kriemhild, die er nun Tag für Tag sehen durfte!





Montag, 22. Juni 2015

Nibelungen Sage 7/28 | Wie Gunther Brunhild gewann

Brunhild von Gaston Bussière
Nicht lange währte es, da kam an den Rhein die Kunde von einer Königstochter, die auf einer Insel im fernen Nordmeer lebte. Brunhild hieß sie, und groß wie ihre Schönheit war auch ihre Kraft. Wer ihre Hand begehrte, der musste vor dem Isenstein, ihrer hohen Feste, in drei Kampfspielen mit ihr streiten, und verlor er, so war es um sein Leben getan. 

Kaum hatte König Gunther von Brunhild gehört, so stand es bei ihm fest, dass er zum Isenstein fahren und um die Stolze werben müsse. Im Kreis seiner Freunde gab er es bekannt: "Brunhild will ich gewinnen, daran setze ich mein Leben, und was man auch von ihrer Stärke spricht: die Frau möchte ich sehen, der ich es im Waffenkampf nicht zuvortue." Siegfried warnte: "Und hättet Ihr die Kraft von vier Männern, an Brunhild würdet Ihr zuschanden werden." Doch Gunther ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen: "Mag sie noch so stark sein, ich will es unverzagt wagen, und ich hoffe, es ist mir vergönnt, die Herrliche als Königin an den Rhein zu führen."

Da riet Hagen seinem Herrn: "So bittet doch Siegfried um seinen Beistand, er ist der Mann, Euch mit Rat und Tat am besten zu helfen." Gunther zögerte nicht, die Bitte zu tun, und Siegfried entgegnete: "Ich bin dazu bereit, wenn Ihr mir die Hand Eurer Schwester Kriemhild versprecht." Das sagte ihm Gunther sogleich zu, und mit Handschlag und Eid beschworen die beiden ihre Abmachung.

Nun ging es an die Vorbereitungen der gefahrvollen Reise. Siegfrieds Tarnkappe, die er dem Zwerg Alberich abgenommen hatte, durfte nicht fehlen. Dreißigtausend Ritter wollte Gunther zu der Fahrt aufbieten, aber Siegfried sprach sich dagegen aus: "Noch so viele Tausende vermögen nichts gegen Brunhild. Nach alter Recken Weise wollen wir ausziehen, wir beide und sonst niemand als Hagen und Dankwart, so werden tausend Kämpen (Kämpfer) uns nichts anhaben können." Doch riet er, die besten Gewänder und Waffen anzulegen, damit man vor Brunhilds Reichtum in Ehren bestehen könne.

Kriemhild übernahm es, mit dreißig ihrer Mägde kostbare Reisekleidung zu richten, und es wurde nicht gespart an arabischer Seide und Hermelinpelzen, an Goldborten und edlem Gestein. Und als alles aufs prächtigste bereit war, da lag auf dem Rhein schon das Schiff, das die Helden zum Isenstein im grauen Nordmeer tragen sollte. Bald füllte es sich mit Rüstzeug und Vorräten für die lange Reise, die Pferde wurden an Bord geschafft und das Segel gehisst: die Abschiedsstunde war da.

Tränen standen in den Augen Kriemhilds, als sie Siegfried die Hand reichte: "Meinen lieben Bruder empfehle ich Euch, Herr Siegfried. Schützt ihn vor Gefahren im fernen Land!" Siegfried versprach es ihr feierlich: "Mit meinem Leben stehe ich für ihn ein. Wohlbehalten bringe ich ihn zurück an den Rhein, darauf mögt Ihr fest vertrauen."

Der Wind stieß in das Segel, und die Fahrt begann. Gunther nahm selber ein Ruder zur Hand. Siegfried führte das Schiff, denn ihm war der Weg zum Isenstein bekannt. Von den Fenstern winkten die Frauen und Mägde den vier Fahrtgesellen nach, die der Strom rasch rheinabwärts davontrug. 

Am zwölften Morgen erhob sich vor ihnen aus dem Meer eine trutzige Felsenburg. Gunther bestaunte die hohen und starken Mauern und fragte nach dem Herrn der gewaltigen Feste und des Landes ringsum. "Das ist Brunhilds Burg, der Isenstein, und ihr gehört auch das Land", antwortete Siegfried. "Heute noch werden wir die Stolze und ihre Frauen sehen, und ich rate euch, ihr Freunde: gebt einmütig Gunther als unseren Lehensherrn aus, wenn sie euch fragt." Alle waren damit einverstanden. Nicht um Gunthers willen ließ Siegfried sich zu diesem Trug herbei, er tat es der schönen Kriemhild wegen, die er als sein Weib auf die Burg nach Xanten führen wollte. 

Viel edle Frauen zeigten sich in den Fenstern der Burg, ein gar liebliches Bild, als das Schiff am Ufer anlegte. "Welche dieser Jungfrauen würdet Ihr wählen, wenn es in Eurer Macht stände?" fragte Siegfried den König. "Diese dort oben im weißen Kleide", antwortete Gunther. "Da habt Ihr die rechte Wahl getroffen", sagte Siegfried, "es ist die edle Brunhild, nach der Euch Herz und Sinn steht."

Gunther und seine Begleiter stiegen an Land. Siegfried zog ein Ross am Zügel hinter sich und hielt dem König den Steigbügel, als dieser sich in den Sattel schwang. Dann erst holte er sein eigenes Pferd aus dem Schiff und saß auf. Brunhild und ihre Frauen schauten noch immer von den Fenstern aus zu.

Schneeweiß waren die Rosse, auf denen Gunther und Siegfried nun der Burg zuritten, und von gleicher Farbe war ihre Gewandung. Auf Rappen und in schwarzer Rüstung aber sprengten Hagen und Dankwart hinter ihnen her. Edles Gestein funkelte an Sätteln und Zaumzeug, und die Waffen blitzten in der Sonne. So ritten sie unter den Augen der Frauen durch das offene Tor in den Burghof ein.

Brunhilds Mannen eilten herbei, um ihnen die Rosse und die Waffen abzunehmen. Hagen wollte sein Schwert nicht aus der Hand geben, doch Siegfried riet es ihm an, das es in Brunhilds Burg so Sitte sei. Da legten alle ihre Waffen ab.

Brundhild fragte ihr Gesinde, wer die fremden Recken seien. Niemand hatte sie bisher gesehen, aber einer meinte: "Der stolze junge Held dort unten muss Siegfried von Niederland sein." Da glaubte Brunhild, Siegfried sei als Werber gekommen. Sie legte ihre prächtigsten  Kleider an und begab sich mit einem Geleit von mehr als hundert reichgeschmückten Frauen und fünfhundert Recken zu den Gästen. An Siegfried richtete sie zuerst ihren Gruß: "Seid willkommen in diesem Lande, Herr Siegfried! Sagt an, was führt Euch zum Isenstein?" --- "Ich danke für Euren huldvollen Gruß" erwiderte Siegfried, "aber diese Ehre steht als erstem meinem Herrn zu, dem König Gunther von Burgundenland, ich bin nur sein Lehensmann. Er ist gekommen, um Eure Hand zu werben."

"Verhält es sich so", entgegnete Brunhild, "so muss er mit mir kämpfen. Gewinnt er den Sieg, so werde ich sein Weib, verliert er aber, so geht es euch allen ans Leben!"

Da sprach Hagen von Tronje: "Sagt an, welche Kämpfe mein Herr zu bestehen hat. Wohl getraut er sich, einer Frau den Preis abzugewinnen."

"Den Stein muss er werfen, einen Sprung tun und den Speer werfen", entschied Brunhild, "aber habt es nicht gar so eilig, denn es gilt euer Leben!"

Siegfried sprach Gunther heimlich Mut zu, und dieser erwiderte zuversichtlich: "Und müsste ich noch mehr Proben bestehen, ich wäre ohne Zaudern dazu bereit, so viel liegt mir an Eurer Huld, edle Königstochter."

Da ließ Brunhild ihr Streitgewand bringen, einen goldenen Panzer und ein seidenes Waffenhemd, das kein Schwert und keine Lanze versehren konnte. Auch ihr Schild, mit Gold beschlagen und mit Edelsteinen geziert, wurde herbeigetragen. Vier Männer keuchten unter der gewaltigen Last, und drei Männer mussten den riesigen Wurfspeer mit dem mächtigen Schaft und der schweren Eisenspitze heranschaffen. Gar zwölf starke Männer aber waren nötig, den ungefügten Stein herbeizuschleppen, der im Wurf geschleudert werden sollte. Als Kampfplatz werde ein Kreis abgemessen, und wohl siebenhundert Recken umgaben auf Brunhilds Geheiß als Kampfzeugen das Rund. 

Den Burgunden entsank bei diesen Zurüstungen  der Mut. "Selbst der Teufel in der Hölle könnte es nicht aufnehmen mit diesem Weib", knurrte Hagen ingrimmig, als er die Waffen Brunhilds gewahrte, und Dankwart verwünschte laut die unselige Fahrt, die ihr aller Verderben werden musste. 

Inzwischen war Siegfried heimlich zum Schiff geeilt, hatte die Tarnkappe angelegt und kehrte nun unsichtbar auf das Kampffeld zurück. Eben wand Brunhild die Ärmel auf, nahm den Schild zur Hand und hob den gewaltigen Speer zum Zeichen, dass der Kampf beginnen sollte. Verstohlen berührte da Siegfried Gunthers Hand. Der erschrak, als er niemand in seiner Nähe erblickte, aber da vernahm er Siegfrieds leise Stimme: "Sei ohne Sorge, Gunther! Gib mir den Schild und höre, was ich dir sage: du hast nur die Gebärden zu machen, das übrige lass mein Werk sein!" Nie hatte Gunthers Ohr frohere Botschaft vernommen.

Da warf Brunhild den Speer mit solcher Macht, dass er des Königs Schild durchschlug und die Funken aus dem Stahl stoben. Die Männer sanken in die Knie, und aus Siegfrieds Mund brach das Blut. Aber sogleich war der Held wieder auf den Füßen, riss den Speer aus dem Schilde und warf ihn auf Brunhild, den Schaft voran, denn er wollte die schöne Streiterin nicht verletzen. Wieder lohten die Funken aus Schild und Panzerringen, und von der Wucht des Speerwurfes getroffen stürzte Brunhild zu Boden. 

Doch gleich war sie wieder auf und rief Gunther zu: "Dank für den Schuss, edler Ritter!" Denn sie glaubte, der König habe den mächtigen Wurf getan. Zornigen Mutes hub sie nun den Stein, den zwölf Männer herangetragen hatten, schwang ihn in der Hand und schleuderte in zwölf Klafter weit. dann tat sie in voller Rüstung den Sprung, und noch über den Stein hinaus trug sie ihre wundersame Kraft. 

Nun galt es für Gunther, sie im Wurf und Sprung zu übertreffen. Nie hätte er es ohne des Freundes Hilfe vermocht. Wohl hob er die Hand, aber Siegfried war es, der den Stein schleuderte, weit über Brunhilds Marke, und dann ergriff er Gunther und hob sich im Sprung mit ihm noch über die Stelle hinaus, wo der Stein niedergefallen war. Doch niemand sah ihn unter seiner Tarnkappe. Gunther allein, so schien es, hatte Wurf und Sprung getan. 

Roter Zorn wallte in Brunhild auf, als sie sich besiegt sah. Aber sie bezwang sich und rief ihre Mannen zusammen, dass sie Gunther als dem neuen Herrn im Isenland den Treueid leisteten. Da legten die Recken die Waffen nieder und beugten vor Gunther die Knie. Der König aber bot ihnen freundlichen Dank und reichte Brunhild die Hand. An ihrer Seite schritt er dem Rittersaal zu. 

Siegfried hatte inzwischen die Tarnkappe zum Schiff zurückgetragen und erschien nun unter den Rittern im Saal. "Weshalb geginnt denn der Kampf noch nicht?" fragte er listig den König Gunther. Brunhild hörte es und verwunderte sich sehr. "Habt Ihr denn nicht gesehen, Herr Siegfried, dass wir schon um den Sieg gestritten haben und König Gunther Meister geblieben ist?" Rasch kam da Hagens Antwort: "Herr Siegfried war während des Kampfes auf dem Schiff, so hat er noch keine Kunde von dem Sieg unseres Herrn." "Das freut mich", sprach Siegfried, "dass jemand Euren stolzen Sinn gebeugt hat, edle Königin. Nun müsst Ihr Eurem Meister an den Rhein folgen." Ungern vernahm Brunhild diese Worte. "Das will noch bedacht sein", antwortete sie, "meine Vettern und Lehensleute haben da mitzusprechen, wenn ich außer Landes gehen soll." Und sogleich sandte sie Boten aus, um die Großen des Landes zum Isenstein zu laden. 

Tag für Tag kamen nun die Herren zu Brunhilds Fest geritten. Hagen geriet darob in Sorge, er befürchtete eine Hinterlist der Königin. Auch diesmal wusste Siegfried Rat. Unter der Tarnkappe verborgen, fuhr er zu Schiff ins Nibelungenland und brachte nach wenigen Tagen tausend der tapfersten Recken in reisiger Wehr zum Isenstein. Brunhild staunte, als die Schiffe unter schneeweißen Segeln dem Land nahten, und wusste nicht, was das zu bedeuten habe. Da gab Gunther Auskunft: "Meine Heergesellen sind es, die ich unterwegs zurückließ. Siegfried führt sie nun herbei." 

Jetzt endlich war Brunhild bereit zur Fahrt an den Rhein. Dankwart teilte in ihrem Namen mit freigebiger Hand reiche Schätze an alle Gäste aus. Aber zwanzig Reiseschreine ließ sie selbst noch füllen, um im Burgungenland daraus zu spenden. Dann nahm sie Abschied von der Heimat, den Verwandten und Freunden. Zweitausend Ritter traten mit ihr die Reise an, dazu hundert Mägde und sechundachtzig edle Frauen. Auch die tausend Nibelungenrecken, die Siegfried herbeigeholt hatte, waren unter den Fahrtgesellen. Viel fröhliche Kurzweil gab es an Bord, als die Schiffe mit gutem Wind in See stachen.





Mittwoch, 17. Juni 2015

Nibelungen Sage 12/28 | Wie Siegfried verraten wurde


Die Schmach, die Kriemhild ihr angetan hatte, brannte in Brunhilds Herzen. Weinend saß sie den ganzen Tag in ihrer Kemenate und sann auf Rache. Da ging Hagen zu ihr und fragte nach der Ursache ihres Kummers. Sie verbarg ihm ihre Gedanken und Wünsche nicht, und Hagen nahm ihre Hand: "Ich gelobe es Euch mit meinem Wort, Herrin, dass Siegfried für seine Freveltat büßen soll. Niemand wird mich wieder fröhlich sehen, ehe dieser Schwur eingelöst ist."

Auch Gernot und Ortwin, die unterdessen hinzugekommen waren, stimmten für Siegfrieds Tod. Giselher aber, der den beiden folgte, riet ab von solcher Tat: "Warum wollt ihr Siegfried ans Leben? Er verdient nicht unseren Hass. Frauen streiten oft um nichtige Dinge." Doch Hagen widersprach ihm in seinem starren Sinn: "Lieber will ich sterben, als dass diese Schande ungerächt bleibt."

König Gunther hielt sich vorerst zurück, als er von des Tronjers Absicht hörte. "Weshalb sollte ich Hass hegen gegen Siegfried?" sagte er. "Er war uns stets ein treuer Freund, und wir haben nur Liebes und Gutes von ihm erfahren. Sein Tod ist für uns kein Gewinn." Aber Hagen ließ nicht ab, auf seinen Herrn einzureden. "Denkt daran, wie viele Länder Euer eigen sind, wenn Siegfried nicht mehr lebt!" Mit solchen Worten brachte er Gunther schließlich dahin, dass er einwilligte in die Ermordung des Helden. Der Tronjer hatte auch schon einen tückischen Plan bereit: "Wir lassen Boten kommen, die uns zum Schein Krieg ansagen. Ihr bietet dann sogleich  Euren Heerbann auf, und Siegfried wird nicht zögern, mit in den Kampf zu ziehen. Ich aber werde Kriemhild das Geheimnis entlocken, wo ihr Mann verwundbar ist, und dann geht es ihm ans Leben."

So wurde es beschlossen, und so geschah es bald. Zweiunddreißig Boten erschienen eines Morgens bei Hof und sagten den Burgunden Fehde an. "Lüdeger und Lüdegast", erklärten sie Gunther, "ziehen mit gewaltiger Heeresmacht heran, um Vergeltung zu üben für das, was Ihr ihnen einst angetan habt."

Gunther zeigte sich bestürzt und zog die Freunde zu Rate. Siegfried aber trat hinzu und fragte: "Weshalb diese besorgten Mienen, König Gunther? Sinnt jemand Böses gegen Euch, so seid meiner Hilfe versichert." Da berichteten der König, Lüdeger und Lüdegast wollten das Burgundenland wieder mit Krieg überziehen, und sofort bot Siegfried ihm an: "Lasst mich mit meinen Mannen gegen sie reiten und ihnen Land und Burgen verheeren, wie es vormals geschah. Ihr aber mögt bis zur Grenze mitziehen, um Eure Mark zu schützen."

Gunther heuchelte Dank und verneigte sich tief vor Siegfried. Der aber ließ gleich seine Schar, Mann und Ross, zur Heerfahrt rüsten. Auch die Burgunden waffneten sich, und Hagen ging zur Kriemhild, als wollte er Abschied nehmen vor ihr. Er traf sie in großer Sorge um Siegfried an. "Wäre er nicht so ungestüm im Kampf", klagte sie dem Tronjer, "dann wäre mir leichter ums Herz. Du bist mein Verwandter, ich empfehle ihn deiner Treue und deinem Schutz."

"Welchen Schutz sollte Siegfried brauchen?" entgegnete Hagen. "Kein Schwert und kein Speer kann ihm doch etwas anhaben, das ist jedermann bekannt." Da gab Kriemhild im Glauben an Hagens Treue das Geheimnis preis: "Als Siegfried sich im Blut des Drachen badete, fiel ihm ein Lindenblatt zwischen die Schultern, und an dieser einzigen Stelle ist er verwundbar, dort musst du ihn schützen."

"Gern", versprach Hagen mit falschem Sinn, "wenn Ihr mir die Stelle durch ein Zeichen kenntlich macht." --- "So will ich mit Seide ein Kreuzchen auf sein Gewand nähen", erbot sich Kriemhild, "das zeigt dir die Stelle an, die des Schutzes bedarf."

Besser hätte Hagens tückische List nicht gelingen können. Wohlgemut ging er zu Gunther und sagte: "Von Kriemhild habe ich verfahren, was ich wissen wollte. Auf den Kriegszug können wir nun verzichten; ich rate Euch, statt dessen eine Jagd anzusagen."

Der König war damit einverstanden, und kaum war Siegfried, Kriemhilds Kreuz an der Schulter, am nächsten Morgen zur Heerfahrt ausgeritten, da ließ Hagen ihm Boten nacheilen und ausrichten: "Lüdeger und Lüdegast haben die Fehde abgesagt, sie wollen Frieden halten mit den Burgunden."

Ungern vernahm Siegfried diese Kunde und wandte sich mit seinen Recken zurück zum Rhein. Gunther empfing ihn mit heuchlerischem Dank: "Gott lohne es Euch, Herr Siegfried, dass Ihr uns Eure Hilfe nicht versagtet. Des Krieges sind wir nun ledig, aber dafür wollen wir morgen in der Frühe ausziehen zur Jagd auf Bären und Wildschweine im Odenwald. Ich bitte Euch von Herzen, unser Jagdgefährte zu sein."

Der Vorschlag war recht nach Siegfrieds Sinn, und frohgemut versprach er, mitzureiten zur Jagd in den Odenwald. 






Samstag, 13. Juni 2015

Nibelungen Sage 16/28 | Wie König Etzel um Kriemhild warb


Dreizehn Jahre schon weilte Kriemhild in Lorsch, da war im Land der Hunnen Frau Helche, die Gemahlin König Etzels, gestorben, und der Hunnenkönig dachte daran, sich aufs neue zu vermählen. Seine Ratgeber schlugen ihm Kriemhild vor, die Witwe Siegfrieds, die in allen Ländern als die edelste der Frauen gerühmt wurde. 

Etzel wandte ein: "Wie könnte das sein? Ich bin Heide, und sie ist Christin, nie wird sie mir ihre Hand geben." Doch die Ratgeber meinten: "Vielleicht ist sie Eures großen Namens und Eurer Macht wegen doch bereit, Königin im Hunnenland zu werden."

Da fragte Etzel, ob jemand unter ihnen die Burgunden am Rhein, ihr Land und ihre Fürsten kenne. Markgraf Rüdiger von Bechlaren antwortete: "Seit ihrer Kindheit sind mir König Gunther, seine Brüder und seine Schwester bekannt, und von Kriemhild lässt sich wohl sagen, dass es keine schönere und edlere Fürstin in der ganzen Welt gibt, seit Frau Helche nicht mehr lebt. Keine ist würdiger als sie, Königin im Hunnenland zu werden."

Wie hätte Etzel da noch zaudern können? Er gab Rüdiger den Auftrag, ins Burgundenland zu reiten und um Kriemhild zu werben, und er versprach ihm reichen Lohn, wenn die Brautfahrt gelinge.

Mit fünfhundert Rittern in reicher Waffenrüstung brach Markgraf Rüdiger auf, nachdem er in Bechlaren Abschied genommen hatte von seiner Frau Gotelind und seiner Tochter, und ritt durch Bayern an den Rhein. Nach zwölf Tagen kam er mit seiner reisigen Schar und den Saumrossen, die kostbare Geschenke trugen, in Worms an. Man staunte die fremden Gäste an, und Hagen erkannte an ihrer Spitze den Markgrafen Rüdiger, den er seit langem nicht mehr gesehen hatte. König Gunther wunderte sich, dass Recken aus dem fernen Hunnenland an den Rhein kamen, aber schon waren Hagen und Ortwin ihnen entgegengeeilt, und der Tronjer begrüßte freudig seinen alten Freund Rüdiger: "Seid uns willkommen, Vogt von Bechlaren, mit Euren tapferen Hunnendegen!"

König Gunther erhob sich, als die Boten Etzels in den Saal traten, reichte dem Markgrafen die Hand und geleitete ihn auf den Ehrensitz. Vom besten Met und Wein ließ er den Gästen den Willkommentrunk schenken, und dann fragte er den Markgrafen, wie es König Etzel und Königin Helche im Hunnenland ergehe. 

Auf diese Frage erhob sich Rüdiger mit seinem ganzen Gefolge und sprach: "König Etzel, mein Herr, entbietet Euch und allen Burgunden Gruß und Freundschaft. Großes Leid hat ihn und sein Volk getroffen: die edle Königin Helche ist tot, ihre Kinder sind verwaist. Nun hat mein Herr mich zu Euch gesandt um die Hand Kriemhilds, Eurer Schwester. Ihr bietet er die Krone des Hunnenlandes."

"Ich will meiner Schwester Nachricht geben", erwiderte Gunther. "Wenn sie einwilligt, habe ich nichts gegen König Etzels Werbung. In drei Tagen sollt Ihr Antwort haben."

Als der Markgraf mit seinem Geleit gegangen war, befragte König Gunther seine Getreuen, ob man Kriemhild zu den Hunnen ziehen lassen solle. Niemand war dagegen als Hagen, der den König warnend mahnte: "Lasst sie  nicht zu den Hunnen! Etzels Macht ist groß, und es könnte uns bitter gereuen, wenn Kriemhild neben ihm Königin würde."

Der junge Giselher hielt ihm entgegen: "Ihr habt meiner Schwester solches Leid zugefügt, Freund Hagen, dass es Euch nunmehr wohl anstände, ihr Treue und guten Willen zu bezeigen." Auch seine beiden Brüder dachten so, und Gernot sagte: "Selbst wenn Kriemhild auf Vergeltung sänne, was möchte sie uns im Hunnenland anhaben? Nie kommen wir dorthin!"

Der Tronjer beharrte auf seiner Warnung, doch die Brüder blieben diesmal fest: ihre Schwester allein sollte die Entscheidung haben. Markgraf Gere überbrachte ihr die Nachricht von Etzels Werbung. "Gott verhüte es, dass Ihr Spott treibt mit mir Armen! Wie könnte ich noch einmal einem Manne gehören?" rief sie in heftigem Schmerz aus. Erst als Gernot und Giselher ihr zuredeten, willigte sie ein, Rüdiger zu empfangen. 

Am nächsten Morgen fand sich Markgraf Rüdiger bei ihr ein. In Trauerkleidung saß sie inmitten ihrer Frauen und ließ sich die Botschaft Etzels ausrichten. Dann antwortete sie: "Markgraf Rüdiger, wer mein Leid kennt, der möchte mir wohl nicht zu neuem Ehebund raten. Ich verlor den Besten der Männer."

"Nichts tröstet mehr im Leid als herzliche Liebe", entgegnete Rüdiger, "und bedenkt auch, edle Frau, dass mein Herr Euch zwölf Kronen bietet und Dreißig Reiche, die er bezwungen hat und darüber Ihr nun Macht haben sollt."

"Was kann mir das bedeuten nach all dem Jammer, den Siegfrieds Tod über mich gebracht hat? Doch bitte ich Euch, mir Bedenkzeit zu geben bis morgen früh, dann sollt Ihr meine Antwort haben", entschied Kriemhild.

Ohne Schlaf und in Tränen lag sie die ganze Nacht. Wie sollte sie je ihren Kummer vergessen? Wie sollte sie je wieder frohen Herzens zu Hofe gehen? Früh am Morgen erschienen die Brüder und rieten ihr, die Werbung Etzels anzunehmen. Auch Frau Ute redete ihr zu. Aber als Markgraf Rüdiger kam, um ihre Antwort zu holen, war sie entschlossen, den Antrag des Hunnenkönigs abzulehnen. "Nie wieder will ich an der Seite eines Mannes leben", beschied sie ihn.

Da machte Rüdiger einen letzten Versuch, ihr Jawort zu erhalten. "Lasst Euer Weinen, edle Frau", sagte er, "ich und meine Mannen stehen mit unserem Leben dafür, dass all Euer Leid vergolten wird an denen, die es Euch zufügten. Und viele tausende von Recken hat König Etzel, die wie wir bis in den Tod für Euch eintreten."

Kriemhild horchte auf, als sie diese Worte vernahm. Es kam ihr der Gedanke, dass sich hier eine Gelegenheit bot, die Meintat an Siegfried zu rächen, und sie ließ sich von dem Markgrafen ungedingte Treue geloben. Um diesen Preis willigte sie ein, die Gemahlin König Etzels zu werden. 








Donnerstag, 11. Juni 2015

Nibelungen Sage 18/28 | Wie Kriemhild auf Rache sann


Dreizehn Jahre schon lebte Kriemhild nun an der Seite König Etzels. Ein Sohn war ihnen geboren worden, der in der Taufe den Namen Ortlieb erhalten hatte. Nichts trübte das Glück und die Eintracht am Königshof. Zwölf Fürsten waren dem Herrscherpaar dienstbar, und Kriemhild sah zu ihrer Freude, dass alle Recken im Hunnenreich ihr mit Leib und Leben ergeben waren. Aber in allem Glanz konnte sie das Leid nicht vergessen, das Hagen ihr angetan hatte. "Hätte ich ihn nur hier im Land", wünschte sie Tag und Nacht, "wie sollte ihn da meine Rache treffen!" Auch an alle im fernen Burgundenland, die ihr teuer waren, an Frau Ute, Gernot und Giselher, dachte sie oft, und es kam sie die Sehnsucht an, ihre Lieben wiederzusehen. 

So bat sie eines Tages König Etzel: "Wenn Ihr mir eine Freude machen wollt, so ladet meine Brüder und ihre Freunde zu Worms an Euren Hof! So lange schon lebe ich bei Euch, und noch nie hat mich jemand aus der Heimat besucht, davon ist mir das Herz schwer." Dass vor allem aber die Rache an Hagen, dem Todfeind, ihr im Sinn lag, sagte sie nicht. 

Etzel nahm ihre Bitte freundlich auf: "Auch mir macht es Kummer, dass die Verwandten am Rhein uns schon so viele Jahre fern sind. Ich will Werbel und Schwemmel, meine beiden Spielleute, nach Worms senden und Eure Brüder mit ihren Getreuen zur Sonnwendfeier nach Etzelnburg laden."

Das war eine frohe Stunde für Kriemhild, als die Boten sich auf den Weg machten! Für Gernot und Giselher gab sie die herzlichsten Grüße mit und bat sie, all ihre Freunde mitzubringen ins Hunnenland. Hagen werde ihnen gewiss ein zuverlässiger Wegführer sein!

Nach zwölf Tagen trafen Werbel und Schwemmel in Worms ein und wurden aufs beste aufgenommen. Sie trugen Gunther ihre Botschaft vor, und dieser nahm sich eine Woche Bedenkzeit, um mit seinen Brüdern und Freunden zu beraten. 

Die meisten Burgunden freuten sich über die Einladung Etzels und waren gern zu der Reise an den Hunnenhof bereit, Hagen von Tronje aber erhob warnend seine Stimme und widerriet dem König: "Ihr habt doch wohl nicht vergessen, was Eure Schwester hier am Rhein geschehen ist? Seit ich ihr den Mann erschlug, sinnt sie auf Rache, und da wollt Ihr zu der Unholden ins Hunnenland reisen? Glaubt nicht den trügerischen Worten der Hunnenboten: es gilt uns der sichere Tod!"

"Du siehst zu schwarz, Freund Hagen", erwiderte Gunther, "längst hat Kriemhild uns verziehen. Mit freundlichem Sinn nahm sie damals Abschied, als sie zu Etzel fuhr." Auch Gernot wandte sich gegen Hagen: "Vielleicht mögt Ihr aus guten Gründen Böses von Kriemhild fürchten, uns aber stände es übel an, wenn wir die Einladung ausschlügen." Giselher riet dazu Hagen mit scharfem Spott: "Wenn Ihr Euch des Lebens nicht sicher fühlt in Kriemhilds Land, Herr Hagen, so bleibt doch hier am Rhein und lasst uns allein die Reise tun!"

Da brauste der Tronjer auf in grimmigem Zorn: "Nie hat man mir Feigheit nachgesagt! Wenn ihr zu der Fahrt entschlossen seid, so wisst denn, dass ich mit euch reiten werde. Doch rate ich euch, die Waffen nicht daheim zu lassen und tausend der besten Recken mit auf den Weg zu nehmen."

Der Rat schien Gunther gut, und sogleich sandte er Boten im Land umher, die tapfersten Degen aufzubieten. Da wurden die Rüstungen angelegt und die Rosse gesattelt, und von allen Burgen zogen sie herbei, und auch Volker, der kühne Spielmann, stellte sich mit dreißig seiner Mannen ein. Von den übrigen wählte Hagen tausend der bewährtesten Streiter aus.

Unterdessen warteten die Hunnenboten mit Ungeduld auf Gunthers Bescheid. Hagen riet seinem Herrn, sie möglichst lange hinzuhalten, damit sie Etzel und Kriemhild nicht zu früh die Nachricht von der Ankunft der Gäste bringen könnten. Erst sieben Tage vor dem Aufbruch der Burgunden durften sie sich auf den Heimweg machen. Eifrig spornten sie ihre Rosse und ritten über Passau und Bechlaren, wo sie dem Bischof Pilgrim und dem Markgrafen Rüdiger die frohe Kunde mitteilten. 

Groß war die Freude Etzels, als er vernahm, dass die Fürsten vom Rhein mit ihren Recken schon so bald schon eintreffen sollten. Kriemhild gab den beiden Spielleuten reichen Botenlohn und fragte sie, wie Hagen die Einladung aufgenommen habe. 

"Heftig hat er die Fahrt widerraten und sie eine Todesreise genannt", ward ihr zur Antwort, "aber dennoch kommt er mit Euren Brüdern, und auch Volker, der kühne Fiedler, ist mit dabei."

"Auf Volker wollte ich gerne verzichten", sagte sie fröhlichen Sinnes, "aber auf Hagen freue ich mich, ihm bin ich besonders gewogen!"






Mittwoch, 10. Juni 2015

Nibelungen Sage 19/28 | Wie die Burgunden zu den Hunnen fuhren


Mehr als tausend Ritter und neuntausend Knechte standen in Worms zur Fahrt an Etzels Hof bereit. Da träumte Frau Ute, alle Vögel lägen tot im Land, und sie riet, die Reise zu lassen. Doch Hagen antwortete: "Wer sich an Träume hält, geht leicht fehl. Unserer Ehre wegen können wir jetzt nicht mehr zurück." Vorher hatte er wohl anders gesprochen, aber als Gernot spottete: "Hagen scheut die Fahrt, weil er an Siegfried denkt", da blieb ihm keine andere Wahl.

Gunther übertrug dem wackeren Rumhold die Sorge für seine Getreuen als Vogt, damit Frauen und Kinder in guter Hut seien. Dann riefen die Hörner zum Aufbruch, die Fähnlein wurden erhoben, und frohen Mutes ging es zu Schiff über den Rhein. Drüben standen die Rosse schon gesattelt, und nicht lange währte der Abschied von den Frauen, die mit den Scheidenden über den Strom gefahren waren. Brunhild weinte, und mit ihr so manche, die dem reisigen Zug nachschaute. Nie sollten sie die hochgemuten Recken wiedersehen! 

In zwölf Tagen führte Hagen die Schar durch das Frankenland bis an die Donau. Der Strom war über die Ufer getreten und weit und breit kein Fährmann zu sehen. Da machte sich Hagen auf die Suche. Ein Schiff fand er nicht, wohl aber führte das Rauschen eines Gießbaches ihn zu einer Stelle, wo zwei Meerfrauen in der kühlen Flut badeten. Als sie den Fremden gewahrten, flüchteten sie erschreckt in den Strom hinaus und ließen ihre Kleider am Strand zurück. Der Tronjer wollte die Schwanenhemden als gute Beute davontragen, da rief ihm eine der Frauen zu: "Gebt Ihr uns das Gewand zurück, edler Herr, so sollt Ihr wissen, wie es Euch auf der Reise ins Hunnenland ergeht."

Wie zwei Wundervögel schwebten sie auf der Flut, und Hagen glaubte ihnen, dass sie mit Zauberkraft die Zukunft zu enthüllen vermöchten. So versprach er, nach ihrem Wunsch zu tun, und erhielt den Bescheid: "Guten Mutes mögt ihr in Etzels Land reiten. Nie gingen Helden so großen Ehren entgegen, wie sie euch allen am Hunnenhof zuteil werden."

Erfreut gab Hagen ihnen die Gewänder zurück. Kaum hatten sie aber die Schwanenhemden übergestreift, da ließ sich die andere Meerfrau vernehmen: "Ich will dich warnen, Hagen! Der Kleider wegen hat meine Muhme dich getäuscht. Tod und Verderben erwarten euch im Hunnenland. Nur des Königs Kaplan wird die Heimat wiedersehen, wenn ihr nicht umkehrt. Noch ist dazu Zeit, ich rate es euch gut!"

In grimmigem Zorn erwiderte Hagen: "Verhöhnen würde man mich, wenn ich meinen Herren und allen Gefährten den Tod an Etzels Hof kündete! Sag mir lieber, wie wir über das Wasser kommen!"

"Drüben am anderen Ufer, eine Strecke flußaufwärts, wohnt der einzige Fährmann", beschied sie ihn, "ihn musst du rufen, wenn ihr nicht lassen wollt von der Reise; aber bitte ihn freundlich und versprich ihm guten Lohn, denn er ist Gelfrats Mann, des Herrn im Bayernland, und dessen Bruders Else, und er ist ein gar ungefüger Geselle."

Hagen rief ihr Dank zu und schritt das Ufer entlang, bis er drüben das Fährhaus erblickte. Mit dem Schwert hub er eine Goldspange hoch und ließ laut die Stimme über das Wasser schallen: "Hol über, Ferge! Reichen Lohn biete ich dir!" Da ließ der Fährmann das Boot vom Strand und kam herüber. Doch als er den fremden Recken erblickte, wurde ihm die Sache leid, und er verweigerte die Überfahrt. "Viel Feinde hat mein Herr, und kein Fremder darf in sein Land", fuhr er den Tronjer an, der sogleich den Fuß an Bord gesetzt hatte, und forderte ihn auf, wieder auszusteigen. Das war jedoch nicht nach Hagens Sinn, und auf der Stelle kam es zum Streit zwischen den beiden. Ingrimmig schlug der Fährmann seine Ruderstange auf Hagens Haupt, dass sie zersprang, aber da zog der Tronjer sein Schwert, fällte den Tobenden mit tödlichem Streich und stieß den Leichnam in die Wogen. Mit dem Schildriemen band er dann die zerbrochene Ruderstange wieder zusammen und lenkte das Boot stromab zu den Gefährten, die am Strand auf ihn warteten.

Den ganzen Tag über war er nun selbst als Fährmann tätig und brachte die Ritter und ihre Waffen sicher über die Flut, während die Rosse nebenher schwammen. Hin und her ging die Wasserfahrt, bis er plötzlich den Kaplan König Gunthers im Schiff bemerkte. Da kamen ihm die Worte der Meerfrau in den Sinn, und ehe jemand ihn zurückhalten konnte, hatte er den erschrockenen Priester über Bord gestürzt. Den Tod hatte der grimme Tronjer dem Unglücklichen zugedacht, um die Weissagung der Meerfrau zuschanden zu machen, und unbarmherzig stieß er ihn wieder ins Wasser zurück, als er nach der rettenden Planke griff. Da wandte der Kaplan sich um und erreichte schwimmend glücklich das Ufer, das er eben verlassen hatte. Nun wusste Hagen, welches Schicksal ihn und die Burgungen im Hunnenland erwartete. Keine Rückkehr gab es mehr!

Daher zerschlug er, als alle drüben waren, das Boot und ließ die Stücke davontreiben. Verwundert fragten ihn die Gefährten, was ihn dazu treibe. "Sollte ein Feigling unter uns sein, so mag er sehen, dass er uns nicht mehr im Stich lassen und heimlich nach Hause entweichen kann", entgegnete finster der Tronjer und stieß die letzte Planke in die Flut.

Auf dem Weg durch das Bayernland hatten sie noch ein weiteres Abenteuer zu bestehen. Hagen hatte es vorausgesehen, als er den Fährmann erschlug. Deshalb ließ er Volker den Vortrab führen und übernahm selber mit seinem Bruder Dankwart die Nachhut. Die erprobten Recken von Tronje ritten mit ihnen. Am Abend vernahmen sie hinter sich und zu beiden Seiten der Straße Hufschlag. Da ließ Dankwart die Helme aufbinden, und Hagen rief durch das Dunkel: "Wer reitet da auf der Straße hinter uns her?"

Es war, wie der Tronjer erwartet hatte, Gelfrat, der Bayernherzog, mit seinem Bruder Else und siebenhundert Reisigen. "Ihr habt mir den Fergen am Fluss erschlagen, nun geht es euch ans Leben!" drohte zornig Gelfrat. "Ich leugne die Tat nicht: er weigerte uns die Überfahrt, deshalb fand er den Tod. Zur Sühne im Schwerterkampf bin ich dir bereit!" rief Hagen zurück und spornte sein Roß.

Es ward ein grimmiges Streiten. Gelfrats Lanze warf den Tronjer aus dem Sattel, doch gleich war dieser wieder auf den Füßen und ging den Bayernfürsten mit dem Schwert an. Wieder geriet er in Not, als Gelfrat ihm mit gewaltigem Streich ein Stück aus dem Schild hieb. Dankwart, der eben Else eine Wunde geschlagen hatte, musste herbeieilen, und von seiner Hand fand der tapfere Herzog den Tod. Da wandten die Bayern sich zur Flucht, und die Tronjer setzten in ungestümer Verfolgung nach, bis Dankwart, froh des Sieges, sie zurückrief. Mehr als hundert Bayern lagen tot auf dem Feld. Den Tronjern war mancher Schild zerhauen, aber sie zählten nur vier Gefallene. 

Kein Feind begegnete ihnen nunmehr im Bayernland, und in Passau hielten die wegmüden Recken gute Rast. Bischof Pilgrim nahm seine Neffen und ihre Getreuen aufs beste auf, und da nicht alle in der Stadt selbst Herberge fanden, schlugen die Knechte auf einer Wiese am Fluss Zelte und Laubhütten auf. Einen Tag und eine Nacht verbrachten sie dort, ehe sie sich auf den Weg machten nach Rüdigers Mark.

An der Grenze trafen sie auf einen schlafenden Ritter. Hagen nahm ihm das Schwert weg. Es war der Markgraf Eckewart, der mit Kriemhild ins Hunnenland gezogen war. Rüdiger hatte ihn ausgeschickt, die Gäste zu begrüßen. "Weh der Schande, dass man mich hier schlafend fand, ein schlechter Grenzhüter bin ich!" klagte er, als er erwachte. Hagen aber gab ihm mit freundlichen Worten sogleich das Schwert zurück und dazu sechs Goldspangen. Da dankte ihm Eckewart bewegt: "Gott lohne Euch Eure Milde, Herr Hagen! Doch lieber wäre mir, ich hätte Euch hier vergebens erwartet, den Siegfrieds Tod hat man in Etzelnburg noch nicht verschmerzt, und ich rate Euch deshalb in Treuen: seid wohl auf der Hut!"

"Sei bedankt für deinen Rat", entgegnete Hagen, "aber vorerst haben wir nur Sorge um eine gute Herberge. Unsere Rosse sind müde und unsere Vorräte aufgezehrt. Ein sorglicher Wirt tut uns allen not."

"Den weiß ich euch", versprach Eckewart. "Marktgraf Rüdiger in Bechlaren ist es. Voll Freude wartet er auf die Gäste vom Rhein. Lasst mich vorausreiten und ihm die Nachricht bringen!"