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Dienstag, 9. Juni 2015

Nibelungen Sage 20/28 | Wie die Burgunden in Bechlaren einkehrten


Als Eckewart in Bechlaren ankam und seine Kunde dem Markgrafen überbrachte, begann in der Burg ein geschäftiges Treiben. Die Frauen legten zum Empfang der Gäste den schönsten Schmuck an, und das Gesinde richtete emsig Kammern und Saal. Rüdiger ritt den Freunden vom Rhein vor die Stadt entgegen und begrüßte  sie mit herzlicher Freude. Auf einer Wiese schlugen die Knechte ihre Zelte auf, die Fürsten und ihr ritterliches Gefolge aber geleitete der Markgraf nach Bechlaren. 

Vor dem Burgtor boten Frau Gotelind und ihre Tochter Dietlinde den Gästen Willkommen. Wie es der Brauch erforderte, küssten sie die Fürsten und ihre Getreuesten, den Tronjer Hagen, Dankwart, den Marschalk, und Volker, den kühnen Fiedler. Als Dietlinde zu Hagen kam, zauderte sie eine Weile: zu grimmig schienen ihr sein Blick und seine Züge, und es bedurfte der Mahnung des Vaters, dass sie ihm zum Kuss die Wange bot. Dann reichte Frau Gotelind König Gunther die Hand und führte ihn in den festlichen Saal. Gernot und Rüdiger schlossen sich ihnen an, und an der Seite der lieblichen Dietlinde ging frohen Herzens der junge Giselher. Alle blickten auf das schöne Paar, und nach dem Mahl sprach Hagen es aus, was alle dachten: des Markgrafen Tochter sei wohl würdig, eine Königskrone zu tragen und die Braut Giselhers zu werden. Lauter Beifall der Burgunden dankte ihm, und Rüdiger und Gotelind waren stolz auf die Ehre, die ihrer Tochter und auch ihnen selbst zuteil werden sollte. 

Nach alter Sitte trat das Paar in den Kreis der Ritter, und dort vollzog der Markgraf die Verlobung. Bei der Rückkehr der Burgunden von Etzels Hof sollte Dietlinde als Giselhers Frau mit an den Rhein ziehen, so wurde es von den Fürsten und dem Markgrafen beschlossen. In Freude und Frohsinn ging der Tag zu Ende, und vor allen anderen war es Volker, der Spielmann, der die Stunden mit heiteren Weisen zur Fiedel verschönte. 

Am nächsten Morgen wollten die Burgunden von Bechlaren aufbrechen, aber Rüdiger hielt sie mit bittenden Worten zurück. Drei Tage mussten sie bleiben, und als es am vierten Morgen ans Abschiednehmen ging, gab der Markgraf ihnen erlesene Gastgeschenke mit auf den Weg. Gernot erhielt ein treffliches Schwert, König Gunther eine kostbaren Rüstung, und Hagen, der selbst eine Gabe wählen durfte, erbat sich von Frau Gotelind den Schild ihres Sohnes Nodung, der in der Rabenschlacht gefallen war. 

Noch einmal strich Volker die Fiedel, und Giselher bot seiner Braut den Abschiedskuss. Dann saßen sie auf, die Nibelungenrecken -- so hießen die Burgunden weithin, seit Siegfrieds Hort an den Rhein gekommen war --, und Rüdiger führte sie die Donau entlang dem Hunnenland entgegen. Fünfhundert Recken aus seiner Mark ritten als Geleit mit, und schnelle Boten eilten dem Zug voraus nach Etzelnburg. 






Montag, 8. Juni 2015

Nibelungen Sage 21/28 | Wie Kriemhild die Burgunden empfing


König Etzel selbst brachte Kriemhild die Kunde, dass die Burgunden nahten. "Aufs beste wollen wir deine Brüder empfangen", sagte er, "so, wie es Königen und lieben Verwandten geziemt."

"Wie freue ich mich über diese Nachricht!" entgegnete sie und eilte sogleich ans Fenster, um nach den Burgunden Ausschau zu halten. Bei sich aber dachte sie: "Nun ist die Stunde da, auf die ich so lange gewartet habe. Der mir so unermessliches Leid zugefügt hat, dem will ich heimzahlen, was ich vermag." In diesen Gedanken stand sie am Fenster und blickte ins Land hinaus, der Straße nach, auf der nun Hagen gegen Etzelnburg ritt.

Auch Hildebrand, der alte Waffenmeister Dietrichs von Bern, erfuhr von der Ankunft der Burgunden, und ohne Säumen ging er mit der Neuigkeit zu seinem Herrn. Dem Berner wurde das Herz schwer, als er die Kunde des getreuen Alten vernahm. Sogleich ließ er satteln und ritt den Nahenden entgegen.

Hagen erkannte den Gotenkönig schon von weitem. "Da kommt Dietrich von Bern mit seinen tapferen Amelungenrecken", sagte er zu Gunther. "Guter Dienste dürfen wir von ihnen gewiss sein, und wir müssen sie mit allen Ehren empfangen."

So geschah es, und Dietrich dankte mit freundlichen Worten: "Seid mir willkommen, ihr Herren vom Rhein, Herr Gunther, Gernot und Giselher, und auch ihr alten Freunde Hagen, Volker und Dankwart! Doch das sei euch gesagt: gerne sehe ich euch nicht hier im Hunnenland, denn immer noch weint Kriemhild um Siegfried, jeden Morgen höre ich sie klagen."

"Mag sie noch lange weinen und klagen", erwiderte hart und höhnisch Hagen, "Siegfried ist viele Jahre schon tot und begraben, und sie ist nun König Etzels Frau, der mag sie trösten."

Doch der Berner blieb bei seiner Warnung: "Hütet euch vor Kriemhild, das ist mein Rat. Nie wird sie vergessen, wie Siegfried zu Tode kam, und Ihr, König Gunther, solltet das wohl bedenken." Aber Gunther meinte: "Ihr seht wohl zu schwarz, edler Herr von Bern. König Etzel entbot uns zum Sonnwendfest nach Etzelnburg, und auch von meiner Schwester kam uns gute Botschaft. Als willkommene Gäste sind wir ins Hunnenland geladen", und Volker fügte hinzu: "Mag es nun so sein oder anders, jetzt bleibt uns nichts übrig, als an Etzels Hof zu reiten und zu sehen, was uns dort beschieden ist."

So setzten sie unverzagt die Reise fort und langten bald in Etzelnburg an. In geschlossenem Zug ritten sie dort ein, und Kopf an Kopf drängten sich in den Gassen die Hunnen. Alle wollten sie Hagen von Tronje sehen, der Siegfried von Niederland, den stärksten der Helden, erschlagen hatte. Stolz saß er auf seinem Ross, der hochgewachsene grimmige Recke mit den mächtigen Schultern und dem ergrauten Haar unter dem Eisenhelm, und Furcht überlief die Hunnen, als er so mit starrem Antlitz an ihnen vorüberritt.

Kriemhild trat den Burgunden schon im Burghof entgegen, als verlangte es sie, die Gäste mit aufrichtiger Freude zu begrüßen. Aber nur Giselher bot sie die Hand und küsste ihn. Hagen sah es und band sich den Helm fester. "Mit ungleichem Gruß empfängt man uns hier", spottete er, "es scheint, wir haben keine gute Reise getan."

"Man grüßt nur, wen man gerne sieht", antwortete Kriemhild mit kaltem Blick. "Weshalb sollte ich mich über Eure Ankunft freuen, Herr Hagen? Habt Ihr mir etwa den Nibelungenhort aus Worms mitgebracht?" Da lachte der Tronjer grimmig: "Ich hatte an meinem Harnisch, meinem Schild und Schwert genug zu schleppen. Das Gold liegt schon lange im Rhein, und es mag da lieben bleiben bis zum Jüngsten Tag!"

"Nun, um Gold ist es mir nicht zu tun", entgegnete die Königin drohend, "aber noch warte ich auf Vergeltung für einen Mord und Raub." Dann forderte sie die Burgunden auf, die Waffen abzulegen, ehe sie die Königshalle betreten. Sie selbst werde sie in gute Obhut nehmen.

"Nein", gab ihr abermals Hagen spottend zur Antwort, "das geschieht nicht. Es wäre zuviel der Ehre für mich, wenn eine Königin mit eigener Hand meinen Schild zur Herberge trüge. Mein Vater lehrte mich, selbst meine Waffen zu hüten."

Da merke Kriemhild, dass die Burgunden gewarnt waren, und zornig rief sie aus: "Wenn ich den Verräter wüsste, es sollte ihm den Kopf kosten!" Sogleich trat Dietrich von Bern vor: "Ich bin es, der sie gewarnt hatte, aber ich fürchte Eure Rache nicht, Königin." Beschämt wandte Kriemhild sich ab und ging ohne ein Wort der Erwiderung in den Palast zurück.

Dort stand Etzel noch am Fenster und blickte in den Hof hinab. "Wer ist der mächtige Recke dort neben Herrn Dietrich?" fragte er einen seiner Getreuen. -- "Das ist Hagen von Tronje, Aldrians Sohn. So freundlich er jetzt mit dem Fürsten von Bern spricht, er ist ein grimmiger Mann, und wir werden es noch erfahren."

Da erkannte der König den Tronjer wieder, der in jungen Jahren mit Walter und Hildegunde am Hunnenhof geweilt hat, und er dachte zurück an vergangene schöne Zeiten.







Sonntag, 7. Juni 2015

Nibelungen Sage 22/28 | Wie Hagen und Volker Schildwacht hielten


Als der Berner mit seinen Mannen den Hof der Königsburg verlassen hatte, suchten Hagen und Volker eine Steinbank auf, die den Gemächern der Königin gegenüber stand. Dort setzten sie sich nieder, und die Hunnen umdrängten die beiden, als wären sie seltene Tiere aus fernen Ländern. Auch Kriemhild bemerkte vom Fenster aus den Tronjer und den Spielmann auf der Bank, und Tränen kamen ihr in die Augen. "Hat jemand Euch betrübt, Herrin?" fragten die Ritter ihres Gefolges. "Wer es auch sein mag, wir rächen Euer Leid mit seinem Tod!"

"Da unten sitzt er, der Tronjer, der Siegfried meuchlings erschlug", klagte sie, "wer mir die Meintat mit dem Blut des Mörders vergilt, dem werde ich auf den Knien danken, und königlich soll sein Lohn sein!"

Da waffneten sich sechzig Recken zum Kampf mit Hagen und Volker. Kriemhild aber hielt sie zurück. Zu wenige schienen es ihr, um die beiden grimmen Kämpen zu bestehen. Vierhundert Hunnen legten darauf ihre Rüstungen an, und an der Spitze dieser reisigen Schar schritt Kriemhild selbst, die Krone auf dem Haupt, in den Burghof hinab. Noch einmal wollte sie aus dem Munde Hagens das Geständnis seiner Schuld vernehmen, ehe der Tod ihn ereilten sollte.

Volker erblickte sie zuerst. "Da kommt sie, die uns treulos in dieses Land geladen hat, mit ihren Schwertdegen, und Euch gilt es wohl, Herr Hagen", sagte er. "Das weiß ich gewiss, dass sie es auf mich abgesehen hat", erwiderte der Tronjer, "aber wenn Ihr mir zur Seite steht, Freund Volker, werden sie vergeblich gegen uns anrennen." -- An meiner Hilfe soll es nicht fehlen, und käme Etzel selbst an der Spitze seines ganzen Heeres", versicherte der Spielmann. -- "Das lohne Euch Gott, vieledler Volker", dankte ihm der Tronjer, "nichts weiter ist mir not. Mögen sie sich jetzt nur heranwagen, die Hunnenrecken!"

Als Kriemhild näher kam, wollte Volker sich von seinem Sitz erheben, aber Hagen wehrte es ihm: "Nein Freund Volker! Die Hunnen möchten glauben, wir sollten uns furchtsam davonmachen, und der Königin, unserer Todfeindin, wollen wir nicht die Ehre antun, sie nach Rittersitte zu grüßen."

Breit legte er sein Schwert über die Knie. Es war vordem Siegfrieds Schwert gewesen, Balmung hieß es. Kriemhild erkannte es an dem grünen Edelstein, der als Knauf auf dem goldenen Griff saß, und an der rotverzierten Scheide, und wieder kamen ihr die Tränen. Auch Volker griff nach seiner Waffe. Sie lag ihm ebensogut in der Hand wie der Fiedelbogen.

Feindselig blickte die Königin den Tronjer an: "Euer böser Geist hat Euch geraten, in dieses Land zu reiten nach allem, was Ihr mir angetan habt. Niemand hat Euch geladen." -- "Meine Herren sind hierhin geladen", entgegnete Hagen, "und wo sie sind, da bin auch ich."

"Weshalb ich Euch hasse, das wisst Ihr wohl, Herr Hagen von Tronje" fuhr Kriemhild fort, "Siegfried, meinen Mann, habt Ihr gemordet, oder wollt Ihr das leugnen?" -- "Nichts leugne ich", gab Hagen zurück, "ja, ich war es, der Siegfried im Odenwald erschlug. Er musste es entgelten, dass Frau Kriemhild meine Herrin Brunhild beleidigte, und nun räche es, wer da kann!"

"Ihr habt es gehört, ihr Recken", wandte Kriemhild sich an ihre Mannen, "nun ist es an euch, ihm mit dem Schwert zu antworten!" Aber die Hunnen sahen einander mit ängstlichen Blicken an. Sie dachten an die Taten, die vor Zeiten schon der junge Hagen in Etzels Dienst vollbracht hatte, und jetzt saß da ein Mann, ein gewaltiger Recke mit Siegfrieds Schwert, und neben ihm Volker, der kühne Spielmann. Und hätte die Königin Säle voll Gold geboten, niemand fand sich da bereit, in den sicheren Tod zu gehen. Wie Kriemhild auch bat und flehte, einer nach dem anderen wandte sich ab und kehrte in den Palast zurück.

Da gingen die beiden Burgunden wieder zu Gunther und den Seinen, die immer noch wartend im Burghof standen, und Volker forderte sie auf, König Etzels Saal zu betreten. Der Hunnenkönig erhob sich von seinem Sitz, als die Burgundenfürsten mit ihren Begleitern nahten, und grüßte sie mit herzlicher Freude: "Nichts Lieberes konnte mir geschehen, als dass ich so tapfere Recken hier im Hunnenland sehe. Auch die Königin wird euch Dank wissen für euer Kommen." In goldnen Schalen wurde den Gästen Wein gereicht, und in reicher Fülle trugen die Diener köstliche Speisen zu den Tischen. So saßen die Recken vom Rhein mit den Hunnen einträchtig zusammen bis zum Abend.

Den Burgundenfürsten und ihren Rittern war in der Königsburg selbst Herberge bereitet in einem großen Saal, den Etzel für Gäste hatte erbauen lassen. Die Knechte aber wurden auf Kriemhilds Rat außerhalb des Burgbereichs untergebracht, und König Gunther gab ihnen Dankwart als Führer und Schützer mit.

Als die Nacht anbrach, erhoben sich die wegmüden Recken, um ihre Herberge aufzusuchen. Wohlgemut entließ König Etzel sie, aber als sie aus dem Saal kamen, drängten die Hunnen so dicht heran, dass Volker ihnen eiserne Fiedelschläge androhte, wenn sie den Weg nicht freigäben, und Hagen rief: "Gebt uns jetzt Nachtruhe, ihr Hunnenmänner! Morgen in der Frühe sind wir zu allem bereit!"

Der Saal war mit Betten und Decken aufs reichste ausgestattet, aber eine Ahnung kommenden Unheils erfasste Giselher, als er in den weiten Raum eintrat. "Wie prächtig auch die Herberge ist", rief er aus, "ich fürchte, meine Schwester sinnt uns allen Verderben."

"Legt Euch ohne Sorgen zur Ruhe", sprach Hagen ihm zu, "ich will diese Nacht Schildwacht halten und getraue mir wohl, euch zu behüten bis an den Morgen."

Alle sagten ihm Dank, und er nahm Schwert und Schild zur Hand, wie es auf Schildwacht Brauch ist. Da trat Volker zu ihm und bat: "Lasst mich diese Nacht mit Euch wachen, Freund Hagen!"

Was konnte dem Tronjer lieber sein! In Waffen gingen die beiden vor den Saal, um die Nachtruhe der Burgunden zu hüten. Volker aber tat seinen Gefährten noch einen weiteren Liebesdienst. Er lehnte den Schild an die Wand und griff nach seiner Fiedel. Auf der Treppe sitzend, strich er die Saiten, dass die Töne voll und mächtig in den Saal drangen. Sanfter und lieblicher wurde dann sein Spiel, bis auch dem Letzten da drinnen die sorgenvollen Gedanken vergingen und der Schlummer kam. Da nahm er wieder den Schild zur Hand und trat auf seinen Platz an Hagens Seite.

Mitten in der Nacht sah er plötzlich in der Ferne Helme im Sternenlicht glänzen. Eine Hunnenschar schlich heran, die Kriemhild ausgesandt hatte, den schlafenden Hagen zu töten. Abermals schlug der Plan fehl. Einer der Hunnen entdeckte die Schildwachen an der Tür und erkannte den Tronjer und den schwertmächtigen Fiedler. Da machten sie sich sogleich verstohlen davon. Volker rief ihnen noch nach: "Im Dunkel schleicht ihr heran, um uns im Schlaf zu morden! Feige Bösewichter seid ihr, aber keine Recken!"

Keine Antwort kam aus der Nacht. Kriemhild aber erfuhr noch vor Tagesanbruch, dass auch dieser zweite Anschlag misslungen war.







Samstag, 6. Juni 2015

Nibelungen Sage 23/28 | Wie die Knechte in der Herberge erschlagen wurden


In der Morgenfrühe weckten Hagen und Volker die schlafenden Gefährten. Schon riefen auch die Glocken zur Messe. Da wollten die Männer zum Kirchgang die besten Gewänder hervorholen, Hagen aber riet ihnen: "Legt Eure Rüstungen an und nehmt statt der Rosenkränze die Schwerter zur Hand, statt der seidenen Mäntel die Schilde, denn heute wird es harten Kampf geben." So gingen die Burgunden in reisiger Wehr zum Münster.

Auf dem Kirchplatz setzten sie auf Hagens Geheiß die Schilde bei Fuß und erwarteten dichtgeschart Etzel und Kriemhild mit ihrem Gefolge. Bald nahte der Zug der festlich geschmückten Hunnen, und Etzel fragte beim Anblick der Burgunden erstaunt: "Weshalb geht ihr in Waffen zur Kirche? Hat euch einer meiner Leute ein Leid getan?"

"Kein Leid ist uns geschehen", antwortete Hagen, "es ist vielmehr Sitte bei den Burgunden, auf Festen drei Tage lang Waffen zu tragen." Kalt blickte die Königin den Tronjer an. Nur zu gut wusste sie, dass es solchen Brauch im Burgundenland nicht gab, aber sie schwieg zu Hagens Worten.

Nach der Messe trafen sich die Recken zu ritterlichem Kampfspiel auf dem Burghof. Etzel und Kriemhild schauten vom Fenster aus zu, wie die Scharen gegeneinander ritten, auf der einen Seite die Mannen Gunthers, auf der anderen die Hunnen, die Etzels Bruder Blödel führte. Wie dröhnte da der Hof vom Stampfen der Hufe und den Kampfrufen der Recken! Hell klangen die Schilde, und krachend splitterten die Lanzen, ja, zerbrochene Speerschäfte wirbelten über das Dach der Königshalle. Wie gern hätte Kriemhild gesehen, dass aus dem Spiel blutiger Ernst würde!

Da geschah es, dass Volker gegen einen übermütigen Hunnengrafen anritt und ihn mit einem Lanzenstoß tot vom Pferd warf. Sogleich erhob sich wildes Rachegeschrei in den Reihen der Hunnen, und Waffen wurden drohend gegen Volker geschwungen, aber schon war Hagen mit seinen sechzig Tronjern zur Stelle, um den Freund zu schützen, und Gunther selbst führte tausend Burgunden heran gegen die Übermacht der Gegner. Doch im letzten Augenblick eilte Etzel herbei, um den Streit zu schlichten. "Die Waffen nieder!" rief er seinen Leuten zu. "Nicht mit Absicht hat der Spielmann den Grafen zu Tode getroffen. Wer ihn angreift, hat sein Leben verwirkt!"

Da ließen die Hunnen ab vom Streit, und das Königspaar begab sich mit den Gästen in den Saal, wo die Mittagstafel bereitet war. Ehe sie sich an den Tischen niederließen, trat Kriemhild zu dem Gotenkönig Dietrich, klagte ihm ihr Leid und bat ihn inständig, Siegfrieds Tod an Hagen zu rächen. Doch der Berner wies sie ernst ab: "Die Burgunden sind nicht meine Feinde. Wie sollte ich ihnen in Waffen entgegentreten? Und Ihr, Frau Königin, solltet bedenken, dass man Gästen nicht nach dem Leben trachtet."

Aber Kriemhild wollte nicht lassen von ihrer Rache. Sie wandte sich an Blödel, den Bruder Etzels, und versprach ihm Land und Burgen und Gold und die Hand einer edlen Frau, wenn er den verhassten Tronjer in den Tod schicke. Solchen Lockungen konnte Blödel nicht widerstehen. Auf der Stelle sagte er der Königin seine Hilfe zu. Da er wusste, dass die Burgunden im Saal unter Etzels Schutz standen, fasste er den Plan, die Knechte in der Herberge zu überfallen. Dann musste der Kampf auf beiden Seiten entbrennen, und bei der Übermacht der Hunnen schien ihm das Schicksal Hagens und seiner Gefährten entschieden. "Ich bringe Euch den Tronjer gebunden, und dann mögt Ihr Eure Rache nehmen", versprach er Kriemhild und ging zu seinen Leuten, damit sie sich waffneten.

Während des Mahles ließ Kriemhild ihr Söhnchen Ortlieb in den Saal bringen. Stolz zeigte Etzel den Burgundenfürsten das Kind und sprach die Hoffnung aus, der junge Ortlieb werde dereinst als mächtiger König über seine Länder herrschen und den Burgunden ein treuer Freund sein. Hagens Antwort aber konnte ihm und der Königin wenig gefallen. "Wenn er zum Mann heranwüchse, möchte das wohl sein", sagte der Tronjer, "aber mir scheint, er ist so schwächlich, dass man ihm kein langes Leben geben kann."

Inzwischen hatte Blödel mit tausend Hunnen die Herberge der Knechte erreicht. Dankwart erhob sich vom Tisch und empfing ihn freundlich: "Willkommen hier im Hause, Herr Blödel! Was bringt Ihr uns?"

"Kampf bringe ich Euch", antwortete der Hunne scharf. "Euer Bruder Hagen erschlug Siegfried, jetzt müsst Ihr und Eure Leute mit dem Leben dafür zahlen. Wehrt euch, der Tod ist über euch!" Das waren seine letzten Worte, denn schon hatte Dankwart das Schwert gezogen und ihm mit gewaltigem Streich Helm und Haupt gespalten.

Da stürmten, den Tod ihres Herrn zu rächen, die Hunnenrecken in die Herberge, und ein verzweifelter Kampf hob an. Viele der Knechte hatten keine Waffe zur Hand, da griffen sie nach Bänken und Schemeln und trieben die Mannen Blödels aus dem Saal, in dem bereits Hunderte von Toten in ihrem Blut lagen. Aber immer neue Hunnenscharen eilten herbei, und der gewaltigen Übermacht mussten die tapferen Knechte schließlich erliegen. Mann für Mann fielen sie unter den tödlichen Streichen. Dankwart allein, dem kühnen Kämpen, gelang es, sich eine blutige Gasse durch die Hunnenhaufen zu bahnen und den Königssaal in der Burg zu erreichen.






Freitag, 5. Juni 2015

Nibelungen Sage 24/28 | Wie die Burgunden mit den Hunnen im Saal stritten


Das Schwert in der Hand und die Brünne mit Blut überronnen, trat Dankwart in die Tür und rief seinem Bruder Hagen zu: "Wie sitzt du so ruhig da? Gott vom Himmel sei es geklagt: all unsere Knechte liegen tot in der Herberge, erschlagen von den Hunnen!"

"Dann ist jetzt unsere Stunde da!" rief Hagen zurück und sprang auf. "Hüte die Tür, Bruder Dankwart, und lass keinen Hunnen aus dem Saal!" Und schon fuhr das Schwert des grimmigen Tronjers aus der Scheide. Sein erstes Opfer wurde Ortlieb, das Söhnchen Etzels und Kriemhilds, das eben an den Tischen herumgetragen wurde. Dann streckte er den Wärter des Knaben nieder, und mit einem dritten Streich schlug er dem Spielmann Werbel die rechte Hand ab: "Das hast du für die Botschaft, die du uns ins Burgundenland brachtest!"

Nun war kein Halten mehr. Volker sprang auf und stürzte sich in das Getümmel, und als die Burgundenfürsten sahen, dass Streit nicht mehr zu schlichten war, zogen auch sie die Schwerter und griffen in den Kampf ein. Allen voran drang Giselher auf die Hunnen ein, und schrecklich dröhnte der Kampflärm durch den Saal. Besonders an der Tür, wo Dankwart stand, ging es heiß her. Von draußen und von drinnen warfen sich die Hunnen gegen den kühnen Torhüter, um den Ausgang freizumachen, aber Volker eilte ihm zur Hilfe, und nun schirmten die beiden den Saal besser, als es tausend eiserne Riegel vermocht hätten.

In ihrer Not flehte Kriemhild den Gotenkönig an: "Hilf uns, edler Fürst von Bern! Wenn Hagen mich erreicht, ist es um mich geschehen. Hilf mir und dem König aus dem Saal!" Da stieg der Berner auf einen Tisch und ließ seine Stimme mächtig wie den Klang eines Büffelhornes über die Streitenden hin erschallen. Sogleich senkte König Gunther das Schwert, und die Burgunden folgten seinem Beispiel. Der Kampflärm verstummte, und in die Stille hinein rief Dietrich: "Gebt mir und den Meinen Frieden, ihr Recken vom Rhein, und lasst uns ungefährdet aus dem Saal gehen!"

Dazu erklärte König Gunther sich sogleich bereit: "In Frieden mögt Ihr, edler Herr von Bern, den Saal verlassen und alle mitnehmen, die unter eurem Schutz stehen. Nur die Hunnen, unsere Feinde, müssen bleiben!" Da nahm Dietrich Kriemhild und den König Etzel bei der Hand und führte sie mit seinen Amelungenrecken davon. Ihnen durfte sich auch Markgraf Rüdiger mit seinen Mannen anschließen. Als dem Vater Dietlindes und treuen Freund der Burgunden gewährte der junge Giselher ihm freien Abzug. Im Saal aber entbrannte nun der Kampf aufs neue, und nicht eher ruhten die Waffen, als bis der letzte Hunne erschlagen lag. Doch neuen Angriff befürchtend, riet Gieselher seinen Gefährten, die Toten beiseite zu schaffen, und so warfen sie denn die Leichen die Stiege hinunter vor den Saal.

Dann traten Hagen und Volker vor die Tür, und auf ihre Schilde gelehnt, höhnten sie übermütig die Hunnen. Volker warf einen Speer nach ihnen, dass sie erschreckt zurückwichen, und Hagen verspottete Etzel als Feigling. Ein schlechtes Beispiel habe er gegeben und nicht wie die Burgundenfürsten an der Spitze seiner Mannen gefochten.

Da fasste Etzel seinen Schild und wollte den Tronjer angehen, aber Kriemhild hielt ihn zurück und rief: "Wer mir Hagens Haupt bringt, dem fülle ich des Königs Schild mit rotem Gold, und dazu soll er noch Land haben und reiche Burgen!" Doch vergebens bat sie. Keiner der Hunnen, die um König Etzel standen, wagte es, die grimmigen Recken an der Tür des Saales anzugreifen, und von neuem spottete Volker über hunnische Feigheit: "Das Brot ihres Herrn essen sie Tag für Tag, aber in der Not steht niemand ihm bei!"

Auch dieser Vorwurf blieb ohne Wirkung auf die Mannen Etzels. Da waffnete sich der Markgraf Iring vom Dänenland und trat zum Kampf gegen Hagen an. Seinen Dänen voraus stürmte er gegen den Saal, schoss die Lanze auf Hagens Schild, dass sie splitternd brach, und griff dann gleichzeitig mit dem Tronjer zum Schwert. Dröhnend hallten die Schläge der beiden Kämpen gegen die Mauern des Saales, aber Hagen stand unerschütterlich wie ein Turm. Da lief Iring den Spielmann an, darauf Gunther und Gernot, und immer wieder sprühten die Funken aus Helmen und Panzerringen, ohne dass dem tapferen Dänen ein tödlicher Streich gelang. Schließlich wandte er sich gegen Giselher, und da war es der junge Burgundenheld, der dem Kühnen eine tiefe Wunde schlug, dass er strauchelte und niedersank. Doch mit letzter Kraft sprang er wieder auf, drang abermals auf Hagen ein und traf ihn mit seinem Schwert Waske durch den Helm, dass das Blut hervorschoss.

Wie grimmig verhalt der Tronjer ihm diesen Hieb! Mit gewaltigen Schwertschlägen, die rote Funken aus Schild und Helm stieben ließen, trieb er den Dänen die Stiege hinab und seinen Mannen zu, die bei Kriemhild standen. Die Königin selbst, voll Freude darüber, dass Hagens Streitgewand von Blut gerötet war, nahm dem Tapferen den Schild von der Hand, und dieser band sich zur Kühlung den Helm ab. Bald aber war er von neuem gewaffnet und lief wieder gegen Hagen an.

Doch nun wandte sich das Kampfglück gegen den heldenmütigen Iring. Ein mächtiger Schwerthieb traf ihn durch den Helm, und ehe er den Schild zur Deckung heben konnte, saß Hagens Speer, mit voller Wucht geschleudert, ihm im Haupt, dass der Schaft weit herausragte. Todwund brach der Dänenfürst zusammen.

Laute Klage erhob sich nun unter seinen Mannen. Auch Kriemhild jammerte um den Helden, der von Hagens Hand gefallen war. Noch einmal schlug der Sterbende die Augen auf und mahnte seine Gefährten, um des Goldes der Königin willen nicht ihr Leben einzusetzen. Doch seine Worte waren vergeblich. Ihren toten Herrn zu rächen, stürmten die Dänen gegen den Saal. Sie fielen bis auf den letzten Mann, und mit ihnen gingen in den Tod ihre treuen Waffenbrüder, die Thüringer, unter der Führung des kühnen Irnfried.







Dienstag, 2. Juni 2015

Nibelungen Sage 27/28 | Wie Dietrichs Recken erschlagen wurden


Das Wehklagen um den edlen Rüdiger vernahm ein Recke Dietrichs. Er vermeinte, König Etzel oder Kriemhild selbst habe der Tod ereilt, und brachte die Kunde eilends seinem Herrn. Der schickte um genaue Nachricht in Etzels Palast und erfuhr nun bald zu seinem Schmerz, dass der blutige Kampf im Saal den Markgrafen und all seine Getreuen hinweg gerafft habe. Allen Amelungen rührte die Unglücksbotschaft ans Herz, denn ein treuer Freund war ihnen der milde Herr von Bechlaren allzeit in der Fremde gewesen.

Traurig sann Dietrich vor sich hin. Wie war es zu diesem unseligen Kampf gekommen, und wie hatte der edle Rüdiger den Tod gefunden? Zu gerne hätte er das gewusst, und so sandte er seinen alten Waffenmeister Hildebrand zu den Burgunden, um nähere Kunde zu holen.

Wie er war, ohne Schild und Waffen, wollte sich der Alte sogleich auf den Weg machen. Aber sein Neffe Wolfhart hielt ihn zurück: "Mit Schimpf und Spott werden Euch die Burgunden zurückschicken, wenn Ihr so unritterlich daherkommt. Bei ihnen gilt nur etwas der Mann mit dem Schwert in der Hand." Da legte der Alte seine Rüstung an, und als er fertig war, standen auch seine Mannen in Wehr und Waffen da. Erstaunt fragte er, wohin sie wollten. "Wir lassen Euch nicht allein gehen, Meister Hildebrand! Hagen möchte sonst seinen Spott mit Euch treiben", war die Antwort. Wohl hätte Hildebrand sich lieber ohne Begleiter aufgemacht, aber um die Getreuen nicht zu kränken, nickte er Gewähr.

Als erster erblickte Volker die Amelungenrecken. "Da kommen in Waffen die Berner", rief er den Freunden zu, "nun wird es uns übel ergehen!" An der Stiege setzte Hildebrand den Schild vor Fuß und richtete die Frage, die sein Herr ihm aufgetragen hatte, an die Burgunden: "Sagt an, wie es um den edlen Markgrafen von Bechlaren steht! Wir hörten, hier im Saal habe er den Tod gefunden."

"So habt ihr recht gehört", antwortete Hagen. "Uns allen ist es leid um den Helden, der seinen Schwur mit dem Leben bezahlen musste. Nie wird man ihn genug beweinen."

Laute Klage ging durch die Reihen der Amelungen, und Hildebrand bat: "Gebt uns die Leiche des edlen Herrn, damit wir ihm die Ehre erweisen, die ihm gebührt!" König Gunther war dazu bereit, aber Volker spottete: "holt ihn euch selbst heraus, wir sind eure Knechte nicht!"

Da brauste der ungestüme Wolfhart auf. Scharfe Worte fielen zwischen ihm und dem Fiedler, und ehe der alte Hildebrand seinen Neffen zu hindern vermochte, war dieser die Stiege hinaufgestürmt und lief Volker wie ein Löwe an. Nun war kein Halten mehr. Hinter dem kühnen Wolfhart kämpften sich die Amelungenrecken in den Saal, auch der alte Hildebrand blieb jetzt nicht zurück, ja, noch vor dem Neffen drang er durch die Tür, und wieder erfüllte der eiserne Kampflärm die Halle. Wieder lohten die Funken aus Brünnen und Schilden, und wieder hielt der Tod furchtbare Ernte.

Volker fiel unter den Schwerthieben des grimmigen Hildebrand, Dankwart erlag dem starken Helfrich, und als Wolfhart mit Giselher aneinandergeriet, war es für beide der letzte Kampf: einer traf den anderen durch Helm und Panzer mit tödlichem Streich, und nebeneinander sanken sie tot auf die blutgetränkte Walstatt. Den Tod seines Streitgefährten, des tapferen Spielmanns, zu rächen, drang der Tronjer mit Ingrimm auf Hildebrand ein. Balmung, das Schwert Siegfrieds, schlug dem Alten eine schwere Wunde, und mit dem Schild den Rücken deckend, entkam er mit knapper Not aus dem Saal.

Keiner der Amelungenrecken konnte ihm folgen, denn sie lagen bereits alle erschlagen. Der Kampf war zu Ende. Von den Burgunden aber lebten nur noch Gunther und Hagen. Auf ihre Schwerter gestützt, hielten sie den Freunden einsame Totenwache.

Der Zorn überkam Dietrich, als Hildebrand mit Blut bespritzter Brünne vor ihn trag. "Befahl ich dir, mit den Burgunden, meinen Freunden, zu kämpfen?" fuhr er ihn an. "Mein Schuld ist es nicht", entgegnete der Alte. "Wir baten um Rüdigers Leiche, und Volker weigerte sie uns mit bösem Spott. Hagen aber war es, der mir diese Wunde schlug."

"So lass denn meine Männer sich waffnen", beschied ihn voll Kummer der Berner, "ich will selbst zu den Burgunden gehen."

"Herr", entgegnete ihm traurig der Alte, "was Ihr an Männern noch habt, das steht hier vor Euch: ich allein bin es, die anderen alle liegen tot im Saal."

Nie hatte der Gotenkönig leidvollere Kunde vernommen. In tiefem Schmerz senkte er das Haupt. Er dachte an Wolfhart und all die kühnen jungen Recken, die seine Freude und sein Stolz gewesen waren. "Und wer lebt noch von den Burgunden?" fragte er.

"Niemand als Gunther und Hagen", antwortete der alte Hildebrand.






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