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Samstag, 13. Juni 2015

Nibelungen Sage 16/28 | Wie König Etzel um Kriemhild warb


Dreizehn Jahre schon weilte Kriemhild in Lorsch, da war im Land der Hunnen Frau Helche, die Gemahlin König Etzels, gestorben, und der Hunnenkönig dachte daran, sich aufs neue zu vermählen. Seine Ratgeber schlugen ihm Kriemhild vor, die Witwe Siegfrieds, die in allen Ländern als die edelste der Frauen gerühmt wurde. 

Etzel wandte ein: "Wie könnte das sein? Ich bin Heide, und sie ist Christin, nie wird sie mir ihre Hand geben." Doch die Ratgeber meinten: "Vielleicht ist sie Eures großen Namens und Eurer Macht wegen doch bereit, Königin im Hunnenland zu werden."

Da fragte Etzel, ob jemand unter ihnen die Burgunden am Rhein, ihr Land und ihre Fürsten kenne. Markgraf Rüdiger von Bechlaren antwortete: "Seit ihrer Kindheit sind mir König Gunther, seine Brüder und seine Schwester bekannt, und von Kriemhild lässt sich wohl sagen, dass es keine schönere und edlere Fürstin in der ganzen Welt gibt, seit Frau Helche nicht mehr lebt. Keine ist würdiger als sie, Königin im Hunnenland zu werden."

Wie hätte Etzel da noch zaudern können? Er gab Rüdiger den Auftrag, ins Burgundenland zu reiten und um Kriemhild zu werben, und er versprach ihm reichen Lohn, wenn die Brautfahrt gelinge.

Mit fünfhundert Rittern in reicher Waffenrüstung brach Markgraf Rüdiger auf, nachdem er in Bechlaren Abschied genommen hatte von seiner Frau Gotelind und seiner Tochter, und ritt durch Bayern an den Rhein. Nach zwölf Tagen kam er mit seiner reisigen Schar und den Saumrossen, die kostbare Geschenke trugen, in Worms an. Man staunte die fremden Gäste an, und Hagen erkannte an ihrer Spitze den Markgrafen Rüdiger, den er seit langem nicht mehr gesehen hatte. König Gunther wunderte sich, dass Recken aus dem fernen Hunnenland an den Rhein kamen, aber schon waren Hagen und Ortwin ihnen entgegengeeilt, und der Tronjer begrüßte freudig seinen alten Freund Rüdiger: "Seid uns willkommen, Vogt von Bechlaren, mit Euren tapferen Hunnendegen!"

König Gunther erhob sich, als die Boten Etzels in den Saal traten, reichte dem Markgrafen die Hand und geleitete ihn auf den Ehrensitz. Vom besten Met und Wein ließ er den Gästen den Willkommentrunk schenken, und dann fragte er den Markgrafen, wie es König Etzel und Königin Helche im Hunnenland ergehe. 

Auf diese Frage erhob sich Rüdiger mit seinem ganzen Gefolge und sprach: "König Etzel, mein Herr, entbietet Euch und allen Burgunden Gruß und Freundschaft. Großes Leid hat ihn und sein Volk getroffen: die edle Königin Helche ist tot, ihre Kinder sind verwaist. Nun hat mein Herr mich zu Euch gesandt um die Hand Kriemhilds, Eurer Schwester. Ihr bietet er die Krone des Hunnenlandes."

"Ich will meiner Schwester Nachricht geben", erwiderte Gunther. "Wenn sie einwilligt, habe ich nichts gegen König Etzels Werbung. In drei Tagen sollt Ihr Antwort haben."

Als der Markgraf mit seinem Geleit gegangen war, befragte König Gunther seine Getreuen, ob man Kriemhild zu den Hunnen ziehen lassen solle. Niemand war dagegen als Hagen, der den König warnend mahnte: "Lasst sie  nicht zu den Hunnen! Etzels Macht ist groß, und es könnte uns bitter gereuen, wenn Kriemhild neben ihm Königin würde."

Der junge Giselher hielt ihm entgegen: "Ihr habt meiner Schwester solches Leid zugefügt, Freund Hagen, dass es Euch nunmehr wohl anstände, ihr Treue und guten Willen zu bezeigen." Auch seine beiden Brüder dachten so, und Gernot sagte: "Selbst wenn Kriemhild auf Vergeltung sänne, was möchte sie uns im Hunnenland anhaben? Nie kommen wir dorthin!"

Der Tronjer beharrte auf seiner Warnung, doch die Brüder blieben diesmal fest: ihre Schwester allein sollte die Entscheidung haben. Markgraf Gere überbrachte ihr die Nachricht von Etzels Werbung. "Gott verhüte es, dass Ihr Spott treibt mit mir Armen! Wie könnte ich noch einmal einem Manne gehören?" rief sie in heftigem Schmerz aus. Erst als Gernot und Giselher ihr zuredeten, willigte sie ein, Rüdiger zu empfangen. 

Am nächsten Morgen fand sich Markgraf Rüdiger bei ihr ein. In Trauerkleidung saß sie inmitten ihrer Frauen und ließ sich die Botschaft Etzels ausrichten. Dann antwortete sie: "Markgraf Rüdiger, wer mein Leid kennt, der möchte mir wohl nicht zu neuem Ehebund raten. Ich verlor den Besten der Männer."

"Nichts tröstet mehr im Leid als herzliche Liebe", entgegnete Rüdiger, "und bedenkt auch, edle Frau, dass mein Herr Euch zwölf Kronen bietet und Dreißig Reiche, die er bezwungen hat und darüber Ihr nun Macht haben sollt."

"Was kann mir das bedeuten nach all dem Jammer, den Siegfrieds Tod über mich gebracht hat? Doch bitte ich Euch, mir Bedenkzeit zu geben bis morgen früh, dann sollt Ihr meine Antwort haben", entschied Kriemhild.

Ohne Schlaf und in Tränen lag sie die ganze Nacht. Wie sollte sie je ihren Kummer vergessen? Wie sollte sie je wieder frohen Herzens zu Hofe gehen? Früh am Morgen erschienen die Brüder und rieten ihr, die Werbung Etzels anzunehmen. Auch Frau Ute redete ihr zu. Aber als Markgraf Rüdiger kam, um ihre Antwort zu holen, war sie entschlossen, den Antrag des Hunnenkönigs abzulehnen. "Nie wieder will ich an der Seite eines Mannes leben", beschied sie ihn.

Da machte Rüdiger einen letzten Versuch, ihr Jawort zu erhalten. "Lasst Euer Weinen, edle Frau", sagte er, "ich und meine Mannen stehen mit unserem Leben dafür, dass all Euer Leid vergolten wird an denen, die es Euch zufügten. Und viele tausende von Recken hat König Etzel, die wie wir bis in den Tod für Euch eintreten."

Kriemhild horchte auf, als sie diese Worte vernahm. Es kam ihr der Gedanke, dass sich hier eine Gelegenheit bot, die Meintat an Siegfried zu rächen, und sie ließ sich von dem Markgrafen ungedingte Treue geloben. Um diesen Preis willigte sie ein, die Gemahlin König Etzels zu werden. 








Freitag, 12. Juni 2015

Nibelungen Sage 17/28 | Wie Kriemhild ins Hunnenland fuhr


Kriemhild rüstete nun zu der weiten Reise ins Hunnenland. In ihren Truhen hatte sie noch einen Rest des Nibelungengoldes. Diesen Schatz  wollte sie mitnehmen, um den Hunnen davon zu spenden. Aber auch dieses letzte Gold nahm ihr Hagen, da er argwöhnte, sie wolle ihm zum Schaden mit freigebiger Hand Anhänger werben in der neuen Heimat. Wieder begehrte sie voll Unmut auf, doch Rüdiger tröstete sie heiteren Sinnes: "Weshalb klagt Ihr, edle Herrin, um Eure Schatztruhen? Bei König Etzel findet Ihr so viel Gold, dass Ihr Euer ganzes Leben lang mit vollen Händen davon austeilen könnt."

Ehe Kriemhild aus der Heimat schied, ließ sie noch Seelenmessen lesen für Siegfried. Dann brach sie auf mit Rüdiger und dem getreuen Markgrafen Eckewart, der seit langem in ihren Diensten stand und sich nun erboten hatte, ihr mit fünfhundert Recken ins Hunnenland zu folgen. König Gunther geleitete die scheidende Schwester bis vor die Stadt, Gernot und Giselher aber ritten mit stattlichem Gefolge mit bis zur Donau. Schnelle Boten eilten voraus, um dem König Etzel die frohe Kunde vom Nahen Kriemhilds zu bringen. 

An der Donau kehrten die Brüder um. "Was immer kommen mag, liebe Schwester, meiner Hilfe kannst du stets gewiss sein", versprach Giselher, als er Kriemhild zum Abschied küsste. Durch das Bayernland ging nun die Reise nach Passau, wo Bischof Pilgrim, Frau Utes Bruder, die Gäste freundlich aufnahm, und von dort weiter gen Bechlaren, Rüdigers feste Burg. Mit herzlicher Freude empfingen Frau Gotelind und ihre Tochter Dietlinde die neue Herrin, und frohe Stunden verlebten sie miteinander im festlichen Saal, an dem unten die Donau mächtig vorbeiströmte. Gerne wäre Kriemhild noch länger in Bechlaren geblieben. Zwölf goldene Armspangen schenkte sie zum Abschied der lieblichen Dietlinde, die ihr Herz gewonnen hatte. 

Mit königlichem Gefolge hatte Etzel sich sogleich aufgemacht, als Rüdigers Boten bei ihm eintrafen. Vierundzwanzig Fürsten, darunter sein Bruder Blödel, der kühne Hawart und der schnelle Iring vom Dänenland, Irnfried von Thüringen und der ruhmreiche Dietrich von Bern, und noch Tausende von glänzenden Recken ritten mit ihm, um der neuen Königin zu huldigen. 

Bei Tulln im Donautal trafen sie auf Kriemhild und ihr Geleit. Etzel stieg vom Pferd und grüßte mit edlem Anstand die schöne Braut. Auch die Fürsten kamen zur Begrüßung herbei und empfingen den Dank Kriemhilds. Dann wurden Zelte zur Rast aufgeschlagen und ritterliche Kampfspiele ausgetragen, denen die Frauen zuschauten. Vor allen andern zeichneten sich dabei die jungen Recken des Bernes aus. 

Am nächsten Tag ging es weiter nach Wien, und dort wurde mit königlicher Pracht die Hochzeit des Hunnenkönigs und der Burgundenfürstin gefeiert. Pfingsten begann das Fest, und siebzehn Tage lang dauerte es. Ritterspiele und Lustbarkeiten aller Art folgten einander in buntem Reigen, und nie gab es reichere Geschenke für die Gäste und die Spielleute. Nicht nur Etzel und Kriemhild ließen die Schatztruhen auftun, auch die anderen Fürsten und der Markgraf Rüdiger wetteiferten miteinander an Freigebigkeit. Es war die glanzvollste Hochzeit, die je ein Königspaar beging, und Kriemhild gestand sich, dass sie nie so viel tapfere Recken beisammen gesehen hatte, die ihr dienstbar waren. 

Am achtzehnten Morgen ging die Fahrt weiter, dem Hunnenland zu. Schiffe trugen das königliche Paar und sein Geleit die Donau hinunter bis Etzelnburg, der Hauptstadt des Hunnenreiches. Dort waltete Kriemhild fortan an Frau Helches Statt, und alle, die ihr dienten, rühmten laut ihren hohen Sinn und ihre milde Hand. 






Donnerstag, 11. Juni 2015

Nibelungen Sage 18/28 | Wie Kriemhild auf Rache sann


Dreizehn Jahre schon lebte Kriemhild nun an der Seite König Etzels. Ein Sohn war ihnen geboren worden, der in der Taufe den Namen Ortlieb erhalten hatte. Nichts trübte das Glück und die Eintracht am Königshof. Zwölf Fürsten waren dem Herrscherpaar dienstbar, und Kriemhild sah zu ihrer Freude, dass alle Recken im Hunnenreich ihr mit Leib und Leben ergeben waren. Aber in allem Glanz konnte sie das Leid nicht vergessen, das Hagen ihr angetan hatte. "Hätte ich ihn nur hier im Land", wünschte sie Tag und Nacht, "wie sollte ihn da meine Rache treffen!" Auch an alle im fernen Burgundenland, die ihr teuer waren, an Frau Ute, Gernot und Giselher, dachte sie oft, und es kam sie die Sehnsucht an, ihre Lieben wiederzusehen. 

So bat sie eines Tages König Etzel: "Wenn Ihr mir eine Freude machen wollt, so ladet meine Brüder und ihre Freunde zu Worms an Euren Hof! So lange schon lebe ich bei Euch, und noch nie hat mich jemand aus der Heimat besucht, davon ist mir das Herz schwer." Dass vor allem aber die Rache an Hagen, dem Todfeind, ihr im Sinn lag, sagte sie nicht. 

Etzel nahm ihre Bitte freundlich auf: "Auch mir macht es Kummer, dass die Verwandten am Rhein uns schon so viele Jahre fern sind. Ich will Werbel und Schwemmel, meine beiden Spielleute, nach Worms senden und Eure Brüder mit ihren Getreuen zur Sonnwendfeier nach Etzelnburg laden."

Das war eine frohe Stunde für Kriemhild, als die Boten sich auf den Weg machten! Für Gernot und Giselher gab sie die herzlichsten Grüße mit und bat sie, all ihre Freunde mitzubringen ins Hunnenland. Hagen werde ihnen gewiss ein zuverlässiger Wegführer sein!

Nach zwölf Tagen trafen Werbel und Schwemmel in Worms ein und wurden aufs beste aufgenommen. Sie trugen Gunther ihre Botschaft vor, und dieser nahm sich eine Woche Bedenkzeit, um mit seinen Brüdern und Freunden zu beraten. 

Die meisten Burgunden freuten sich über die Einladung Etzels und waren gern zu der Reise an den Hunnenhof bereit, Hagen von Tronje aber erhob warnend seine Stimme und widerriet dem König: "Ihr habt doch wohl nicht vergessen, was Eure Schwester hier am Rhein geschehen ist? Seit ich ihr den Mann erschlug, sinnt sie auf Rache, und da wollt Ihr zu der Unholden ins Hunnenland reisen? Glaubt nicht den trügerischen Worten der Hunnenboten: es gilt uns der sichere Tod!"

"Du siehst zu schwarz, Freund Hagen", erwiderte Gunther, "längst hat Kriemhild uns verziehen. Mit freundlichem Sinn nahm sie damals Abschied, als sie zu Etzel fuhr." Auch Gernot wandte sich gegen Hagen: "Vielleicht mögt Ihr aus guten Gründen Böses von Kriemhild fürchten, uns aber stände es übel an, wenn wir die Einladung ausschlügen." Giselher riet dazu Hagen mit scharfem Spott: "Wenn Ihr Euch des Lebens nicht sicher fühlt in Kriemhilds Land, Herr Hagen, so bleibt doch hier am Rhein und lasst uns allein die Reise tun!"

Da brauste der Tronjer auf in grimmigem Zorn: "Nie hat man mir Feigheit nachgesagt! Wenn ihr zu der Fahrt entschlossen seid, so wisst denn, dass ich mit euch reiten werde. Doch rate ich euch, die Waffen nicht daheim zu lassen und tausend der besten Recken mit auf den Weg zu nehmen."

Der Rat schien Gunther gut, und sogleich sandte er Boten im Land umher, die tapfersten Degen aufzubieten. Da wurden die Rüstungen angelegt und die Rosse gesattelt, und von allen Burgen zogen sie herbei, und auch Volker, der kühne Spielmann, stellte sich mit dreißig seiner Mannen ein. Von den übrigen wählte Hagen tausend der bewährtesten Streiter aus.

Unterdessen warteten die Hunnenboten mit Ungeduld auf Gunthers Bescheid. Hagen riet seinem Herrn, sie möglichst lange hinzuhalten, damit sie Etzel und Kriemhild nicht zu früh die Nachricht von der Ankunft der Gäste bringen könnten. Erst sieben Tage vor dem Aufbruch der Burgunden durften sie sich auf den Heimweg machen. Eifrig spornten sie ihre Rosse und ritten über Passau und Bechlaren, wo sie dem Bischof Pilgrim und dem Markgrafen Rüdiger die frohe Kunde mitteilten. 

Groß war die Freude Etzels, als er vernahm, dass die Fürsten vom Rhein mit ihren Recken schon so bald schon eintreffen sollten. Kriemhild gab den beiden Spielleuten reichen Botenlohn und fragte sie, wie Hagen die Einladung aufgenommen habe. 

"Heftig hat er die Fahrt widerraten und sie eine Todesreise genannt", ward ihr zur Antwort, "aber dennoch kommt er mit Euren Brüdern, und auch Volker, der kühne Fiedler, ist mit dabei."

"Auf Volker wollte ich gerne verzichten", sagte sie fröhlichen Sinnes, "aber auf Hagen freue ich mich, ihm bin ich besonders gewogen!"






Montag, 8. Juni 2015

Nibelungen Sage 21/28 | Wie Kriemhild die Burgunden empfing


König Etzel selbst brachte Kriemhild die Kunde, dass die Burgunden nahten. "Aufs beste wollen wir deine Brüder empfangen", sagte er, "so, wie es Königen und lieben Verwandten geziemt."

"Wie freue ich mich über diese Nachricht!" entgegnete sie und eilte sogleich ans Fenster, um nach den Burgunden Ausschau zu halten. Bei sich aber dachte sie: "Nun ist die Stunde da, auf die ich so lange gewartet habe. Der mir so unermessliches Leid zugefügt hat, dem will ich heimzahlen, was ich vermag." In diesen Gedanken stand sie am Fenster und blickte ins Land hinaus, der Straße nach, auf der nun Hagen gegen Etzelnburg ritt.

Auch Hildebrand, der alte Waffenmeister Dietrichs von Bern, erfuhr von der Ankunft der Burgunden, und ohne Säumen ging er mit der Neuigkeit zu seinem Herrn. Dem Berner wurde das Herz schwer, als er die Kunde des getreuen Alten vernahm. Sogleich ließ er satteln und ritt den Nahenden entgegen.

Hagen erkannte den Gotenkönig schon von weitem. "Da kommt Dietrich von Bern mit seinen tapferen Amelungenrecken", sagte er zu Gunther. "Guter Dienste dürfen wir von ihnen gewiss sein, und wir müssen sie mit allen Ehren empfangen."

So geschah es, und Dietrich dankte mit freundlichen Worten: "Seid mir willkommen, ihr Herren vom Rhein, Herr Gunther, Gernot und Giselher, und auch ihr alten Freunde Hagen, Volker und Dankwart! Doch das sei euch gesagt: gerne sehe ich euch nicht hier im Hunnenland, denn immer noch weint Kriemhild um Siegfried, jeden Morgen höre ich sie klagen."

"Mag sie noch lange weinen und klagen", erwiderte hart und höhnisch Hagen, "Siegfried ist viele Jahre schon tot und begraben, und sie ist nun König Etzels Frau, der mag sie trösten."

Doch der Berner blieb bei seiner Warnung: "Hütet euch vor Kriemhild, das ist mein Rat. Nie wird sie vergessen, wie Siegfried zu Tode kam, und Ihr, König Gunther, solltet das wohl bedenken." Aber Gunther meinte: "Ihr seht wohl zu schwarz, edler Herr von Bern. König Etzel entbot uns zum Sonnwendfest nach Etzelnburg, und auch von meiner Schwester kam uns gute Botschaft. Als willkommene Gäste sind wir ins Hunnenland geladen", und Volker fügte hinzu: "Mag es nun so sein oder anders, jetzt bleibt uns nichts übrig, als an Etzels Hof zu reiten und zu sehen, was uns dort beschieden ist."

So setzten sie unverzagt die Reise fort und langten bald in Etzelnburg an. In geschlossenem Zug ritten sie dort ein, und Kopf an Kopf drängten sich in den Gassen die Hunnen. Alle wollten sie Hagen von Tronje sehen, der Siegfried von Niederland, den stärksten der Helden, erschlagen hatte. Stolz saß er auf seinem Ross, der hochgewachsene grimmige Recke mit den mächtigen Schultern und dem ergrauten Haar unter dem Eisenhelm, und Furcht überlief die Hunnen, als er so mit starrem Antlitz an ihnen vorüberritt.

Kriemhild trat den Burgunden schon im Burghof entgegen, als verlangte es sie, die Gäste mit aufrichtiger Freude zu begrüßen. Aber nur Giselher bot sie die Hand und küsste ihn. Hagen sah es und band sich den Helm fester. "Mit ungleichem Gruß empfängt man uns hier", spottete er, "es scheint, wir haben keine gute Reise getan."

"Man grüßt nur, wen man gerne sieht", antwortete Kriemhild mit kaltem Blick. "Weshalb sollte ich mich über Eure Ankunft freuen, Herr Hagen? Habt Ihr mir etwa den Nibelungenhort aus Worms mitgebracht?" Da lachte der Tronjer grimmig: "Ich hatte an meinem Harnisch, meinem Schild und Schwert genug zu schleppen. Das Gold liegt schon lange im Rhein, und es mag da lieben bleiben bis zum Jüngsten Tag!"

"Nun, um Gold ist es mir nicht zu tun", entgegnete die Königin drohend, "aber noch warte ich auf Vergeltung für einen Mord und Raub." Dann forderte sie die Burgunden auf, die Waffen abzulegen, ehe sie die Königshalle betreten. Sie selbst werde sie in gute Obhut nehmen.

"Nein", gab ihr abermals Hagen spottend zur Antwort, "das geschieht nicht. Es wäre zuviel der Ehre für mich, wenn eine Königin mit eigener Hand meinen Schild zur Herberge trüge. Mein Vater lehrte mich, selbst meine Waffen zu hüten."

Da merke Kriemhild, dass die Burgunden gewarnt waren, und zornig rief sie aus: "Wenn ich den Verräter wüsste, es sollte ihm den Kopf kosten!" Sogleich trat Dietrich von Bern vor: "Ich bin es, der sie gewarnt hatte, aber ich fürchte Eure Rache nicht, Königin." Beschämt wandte Kriemhild sich ab und ging ohne ein Wort der Erwiderung in den Palast zurück.

Dort stand Etzel noch am Fenster und blickte in den Hof hinab. "Wer ist der mächtige Recke dort neben Herrn Dietrich?" fragte er einen seiner Getreuen. -- "Das ist Hagen von Tronje, Aldrians Sohn. So freundlich er jetzt mit dem Fürsten von Bern spricht, er ist ein grimmiger Mann, und wir werden es noch erfahren."

Da erkannte der König den Tronjer wieder, der in jungen Jahren mit Walter und Hildegunde am Hunnenhof geweilt hat, und er dachte zurück an vergangene schöne Zeiten.







Samstag, 6. Juni 2015

Nibelungen Sage 23/28 | Wie die Knechte in der Herberge erschlagen wurden


In der Morgenfrühe weckten Hagen und Volker die schlafenden Gefährten. Schon riefen auch die Glocken zur Messe. Da wollten die Männer zum Kirchgang die besten Gewänder hervorholen, Hagen aber riet ihnen: "Legt Eure Rüstungen an und nehmt statt der Rosenkränze die Schwerter zur Hand, statt der seidenen Mäntel die Schilde, denn heute wird es harten Kampf geben." So gingen die Burgunden in reisiger Wehr zum Münster.

Auf dem Kirchplatz setzten sie auf Hagens Geheiß die Schilde bei Fuß und erwarteten dichtgeschart Etzel und Kriemhild mit ihrem Gefolge. Bald nahte der Zug der festlich geschmückten Hunnen, und Etzel fragte beim Anblick der Burgunden erstaunt: "Weshalb geht ihr in Waffen zur Kirche? Hat euch einer meiner Leute ein Leid getan?"

"Kein Leid ist uns geschehen", antwortete Hagen, "es ist vielmehr Sitte bei den Burgunden, auf Festen drei Tage lang Waffen zu tragen." Kalt blickte die Königin den Tronjer an. Nur zu gut wusste sie, dass es solchen Brauch im Burgundenland nicht gab, aber sie schwieg zu Hagens Worten.

Nach der Messe trafen sich die Recken zu ritterlichem Kampfspiel auf dem Burghof. Etzel und Kriemhild schauten vom Fenster aus zu, wie die Scharen gegeneinander ritten, auf der einen Seite die Mannen Gunthers, auf der anderen die Hunnen, die Etzels Bruder Blödel führte. Wie dröhnte da der Hof vom Stampfen der Hufe und den Kampfrufen der Recken! Hell klangen die Schilde, und krachend splitterten die Lanzen, ja, zerbrochene Speerschäfte wirbelten über das Dach der Königshalle. Wie gern hätte Kriemhild gesehen, dass aus dem Spiel blutiger Ernst würde!

Da geschah es, dass Volker gegen einen übermütigen Hunnengrafen anritt und ihn mit einem Lanzenstoß tot vom Pferd warf. Sogleich erhob sich wildes Rachegeschrei in den Reihen der Hunnen, und Waffen wurden drohend gegen Volker geschwungen, aber schon war Hagen mit seinen sechzig Tronjern zur Stelle, um den Freund zu schützen, und Gunther selbst führte tausend Burgunden heran gegen die Übermacht der Gegner. Doch im letzten Augenblick eilte Etzel herbei, um den Streit zu schlichten. "Die Waffen nieder!" rief er seinen Leuten zu. "Nicht mit Absicht hat der Spielmann den Grafen zu Tode getroffen. Wer ihn angreift, hat sein Leben verwirkt!"

Da ließen die Hunnen ab vom Streit, und das Königspaar begab sich mit den Gästen in den Saal, wo die Mittagstafel bereitet war. Ehe sie sich an den Tischen niederließen, trat Kriemhild zu dem Gotenkönig Dietrich, klagte ihm ihr Leid und bat ihn inständig, Siegfrieds Tod an Hagen zu rächen. Doch der Berner wies sie ernst ab: "Die Burgunden sind nicht meine Feinde. Wie sollte ich ihnen in Waffen entgegentreten? Und Ihr, Frau Königin, solltet bedenken, dass man Gästen nicht nach dem Leben trachtet."

Aber Kriemhild wollte nicht lassen von ihrer Rache. Sie wandte sich an Blödel, den Bruder Etzels, und versprach ihm Land und Burgen und Gold und die Hand einer edlen Frau, wenn er den verhassten Tronjer in den Tod schicke. Solchen Lockungen konnte Blödel nicht widerstehen. Auf der Stelle sagte er der Königin seine Hilfe zu. Da er wusste, dass die Burgunden im Saal unter Etzels Schutz standen, fasste er den Plan, die Knechte in der Herberge zu überfallen. Dann musste der Kampf auf beiden Seiten entbrennen, und bei der Übermacht der Hunnen schien ihm das Schicksal Hagens und seiner Gefährten entschieden. "Ich bringe Euch den Tronjer gebunden, und dann mögt Ihr Eure Rache nehmen", versprach er Kriemhild und ging zu seinen Leuten, damit sie sich waffneten.

Während des Mahles ließ Kriemhild ihr Söhnchen Ortlieb in den Saal bringen. Stolz zeigte Etzel den Burgundenfürsten das Kind und sprach die Hoffnung aus, der junge Ortlieb werde dereinst als mächtiger König über seine Länder herrschen und den Burgunden ein treuer Freund sein. Hagens Antwort aber konnte ihm und der Königin wenig gefallen. "Wenn er zum Mann heranwüchse, möchte das wohl sein", sagte der Tronjer, "aber mir scheint, er ist so schwächlich, dass man ihm kein langes Leben geben kann."

Inzwischen hatte Blödel mit tausend Hunnen die Herberge der Knechte erreicht. Dankwart erhob sich vom Tisch und empfing ihn freundlich: "Willkommen hier im Hause, Herr Blödel! Was bringt Ihr uns?"

"Kampf bringe ich Euch", antwortete der Hunne scharf. "Euer Bruder Hagen erschlug Siegfried, jetzt müsst Ihr und Eure Leute mit dem Leben dafür zahlen. Wehrt euch, der Tod ist über euch!" Das waren seine letzten Worte, denn schon hatte Dankwart das Schwert gezogen und ihm mit gewaltigem Streich Helm und Haupt gespalten.

Da stürmten, den Tod ihres Herrn zu rächen, die Hunnenrecken in die Herberge, und ein verzweifelter Kampf hob an. Viele der Knechte hatten keine Waffe zur Hand, da griffen sie nach Bänken und Schemeln und trieben die Mannen Blödels aus dem Saal, in dem bereits Hunderte von Toten in ihrem Blut lagen. Aber immer neue Hunnenscharen eilten herbei, und der gewaltigen Übermacht mussten die tapferen Knechte schließlich erliegen. Mann für Mann fielen sie unter den tödlichen Streichen. Dankwart allein, dem kühnen Kämpen, gelang es, sich eine blutige Gasse durch die Hunnenhaufen zu bahnen und den Königssaal in der Burg zu erreichen.






Dienstag, 2. Juni 2015

Nibelungen Sage 27/28 | Wie Dietrichs Recken erschlagen wurden


Das Wehklagen um den edlen Rüdiger vernahm ein Recke Dietrichs. Er vermeinte, König Etzel oder Kriemhild selbst habe der Tod ereilt, und brachte die Kunde eilends seinem Herrn. Der schickte um genaue Nachricht in Etzels Palast und erfuhr nun bald zu seinem Schmerz, dass der blutige Kampf im Saal den Markgrafen und all seine Getreuen hinweg gerafft habe. Allen Amelungen rührte die Unglücksbotschaft ans Herz, denn ein treuer Freund war ihnen der milde Herr von Bechlaren allzeit in der Fremde gewesen.

Traurig sann Dietrich vor sich hin. Wie war es zu diesem unseligen Kampf gekommen, und wie hatte der edle Rüdiger den Tod gefunden? Zu gerne hätte er das gewusst, und so sandte er seinen alten Waffenmeister Hildebrand zu den Burgunden, um nähere Kunde zu holen.

Wie er war, ohne Schild und Waffen, wollte sich der Alte sogleich auf den Weg machen. Aber sein Neffe Wolfhart hielt ihn zurück: "Mit Schimpf und Spott werden Euch die Burgunden zurückschicken, wenn Ihr so unritterlich daherkommt. Bei ihnen gilt nur etwas der Mann mit dem Schwert in der Hand." Da legte der Alte seine Rüstung an, und als er fertig war, standen auch seine Mannen in Wehr und Waffen da. Erstaunt fragte er, wohin sie wollten. "Wir lassen Euch nicht allein gehen, Meister Hildebrand! Hagen möchte sonst seinen Spott mit Euch treiben", war die Antwort. Wohl hätte Hildebrand sich lieber ohne Begleiter aufgemacht, aber um die Getreuen nicht zu kränken, nickte er Gewähr.

Als erster erblickte Volker die Amelungenrecken. "Da kommen in Waffen die Berner", rief er den Freunden zu, "nun wird es uns übel ergehen!" An der Stiege setzte Hildebrand den Schild vor Fuß und richtete die Frage, die sein Herr ihm aufgetragen hatte, an die Burgunden: "Sagt an, wie es um den edlen Markgrafen von Bechlaren steht! Wir hörten, hier im Saal habe er den Tod gefunden."

"So habt ihr recht gehört", antwortete Hagen. "Uns allen ist es leid um den Helden, der seinen Schwur mit dem Leben bezahlen musste. Nie wird man ihn genug beweinen."

Laute Klage ging durch die Reihen der Amelungen, und Hildebrand bat: "Gebt uns die Leiche des edlen Herrn, damit wir ihm die Ehre erweisen, die ihm gebührt!" König Gunther war dazu bereit, aber Volker spottete: "holt ihn euch selbst heraus, wir sind eure Knechte nicht!"

Da brauste der ungestüme Wolfhart auf. Scharfe Worte fielen zwischen ihm und dem Fiedler, und ehe der alte Hildebrand seinen Neffen zu hindern vermochte, war dieser die Stiege hinaufgestürmt und lief Volker wie ein Löwe an. Nun war kein Halten mehr. Hinter dem kühnen Wolfhart kämpften sich die Amelungenrecken in den Saal, auch der alte Hildebrand blieb jetzt nicht zurück, ja, noch vor dem Neffen drang er durch die Tür, und wieder erfüllte der eiserne Kampflärm die Halle. Wieder lohten die Funken aus Brünnen und Schilden, und wieder hielt der Tod furchtbare Ernte.

Volker fiel unter den Schwerthieben des grimmigen Hildebrand, Dankwart erlag dem starken Helfrich, und als Wolfhart mit Giselher aneinandergeriet, war es für beide der letzte Kampf: einer traf den anderen durch Helm und Panzer mit tödlichem Streich, und nebeneinander sanken sie tot auf die blutgetränkte Walstatt. Den Tod seines Streitgefährten, des tapferen Spielmanns, zu rächen, drang der Tronjer mit Ingrimm auf Hildebrand ein. Balmung, das Schwert Siegfrieds, schlug dem Alten eine schwere Wunde, und mit dem Schild den Rücken deckend, entkam er mit knapper Not aus dem Saal.

Keiner der Amelungenrecken konnte ihm folgen, denn sie lagen bereits alle erschlagen. Der Kampf war zu Ende. Von den Burgunden aber lebten nur noch Gunther und Hagen. Auf ihre Schwerter gestützt, hielten sie den Freunden einsame Totenwache.

Der Zorn überkam Dietrich, als Hildebrand mit Blut bespritzter Brünne vor ihn trag. "Befahl ich dir, mit den Burgunden, meinen Freunden, zu kämpfen?" fuhr er ihn an. "Mein Schuld ist es nicht", entgegnete der Alte. "Wir baten um Rüdigers Leiche, und Volker weigerte sie uns mit bösem Spott. Hagen aber war es, der mir diese Wunde schlug."

"So lass denn meine Männer sich waffnen", beschied ihn voll Kummer der Berner, "ich will selbst zu den Burgunden gehen."

"Herr", entgegnete ihm traurig der Alte, "was Ihr an Männern noch habt, das steht hier vor Euch: ich allein bin es, die anderen alle liegen tot im Saal."

Nie hatte der Gotenkönig leidvollere Kunde vernommen. In tiefem Schmerz senkte er das Haupt. Er dachte an Wolfhart und all die kühnen jungen Recken, die seine Freude und sein Stolz gewesen waren. "Und wer lebt noch von den Burgunden?" fragte er.

"Niemand als Gunther und Hagen", antwortete der alte Hildebrand.






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