Posts mit dem Label Feuer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Feuer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 4. Juli 2016

Stein und Feuer | Die Lernenden | Fabel von Leonardo da Vinci


Der Stein verwunderte sich sehr, als das Feuer ihn schlug, und sagte zu ihm in strenger Stimme: "Was für ein anmaßender Patron bist du, mich zu belästigen. Mir scheint, du warst im Irrtum, als du mich hernahmst. Tu mir nicht Schmerz an; ich vertrug mich noch mit jedermann." 

Da gab das Feuer zur Antwort: "Sei nur geduldig und du wirst sehen, welch wunderbare Frucht ich mit dir erzeuge." Auf diese Worte hin raffte der Stein sich zusammen und hielt geduldig der Marter stand. 

Da sah er, wie aus ihm neues Feuer geboren wurde, und sah, wie die wundervolle Kraft des Feuers in neuen zahllosen Dingen wirkte und wiederum Neues schuf. 

Lehre:
Das Gleichnis hierzu will sagen: Es sind die Lernenden. Zu Anfang ihrer Studien erschrecken sie und verzagen; dann aber nehmen sie sich selbst in Zucht und tun mit Geduld und strengem Fleiß ihre Arbeit. Und so wird in ihren Studien wunderbare Kraft sein und neue überzeugende Gedanken werden aus ihnen entsprießen. (Leonardo da Vinci)






Freitag, 10. Juni 2016

Die letzte Blume | Zufriedenheit | Parabel von James Thurber


Wie jedermann weiß, verursachte Weltkrieg XII den Zusammenbruch der Zivilisation. Städte und Dörfer verschwanden von der Erde. Alle Haine und Wälder wurden zerstört und alle Gärten und alle Kunstwerke.

Männer, Frauen und Kinder sanken auf eine tiefere Stufe herab, als die primitivsten Tiere. Entmutigt und enttäuscht verließen die Hunde ihre gefallenen Herren. Der bedauernswerte Zustand der einstigen Erdgebieter machte die Kaninchen so kühn, dass sie über sie herfielen.

Bücher, Gemälde und auch die Musik verschwanden von der Erde, und die Menschen saßen herum und taten nichts. Jahre um Jahre verstrichen. Sogar die paar Generäle, die übrig geblieben waren, vergaßen, worum es im letzten Krieg eigentlich gegangen war. Es wuchsen Knaben und Mädchen heran, die einander ausdruckslos anstarrten, denn die Liebe hatte die Erde verlassen. Eines Tages fand ein junges Mädchen, das noch niemals eine Blume gesehen hatte, zufällig die letzte Blume der Erde. Sie erzählte es den anderen Menschen, dass die letzte Blume verwelke. Der einzige, der zuhörte, war ein junger Mann, dem sie beim Herumwandern begegnete. Der junge Mann und das Mädchen pflegten die Blume gemeinsam, und sie begann sich wieder zu erholen.

Eines Tages besuchten eine Biene und ein Kolibri die Blume. Bald darauf waren zwei Blumen da, und dann vier und dann eine große Menge. Haine und Wälder wuchsen wieder. Das junge Mädchen fing an, sich für das Aussehen des jungen Mannes zu interessieren. Der junge Mann entdeckte, dass es angenehm war, das junge Mädchen zu berühren. Die Liebe kam wieder auf die Erde. Ihre Kinder wuchsen kräftig und gesund heran und lernten zu springen und zu lachen. Die Hunde kehrten aus ihrem Exil zurück. Der junge Mann entdeckte, dass man einen Unterschlupf bauen konnte, wenn man einen Stein auf den anderen legte. Bald darauf baute sich jedermann solche Unterkünfte. Städte und Dörfer entstanden. Das Lied kehrte auf die Erde zurück und Troubadoure und Gaukler und Schuster und Schneider und Maler und Dichter und Bildhauer und Wagenschmiede und Soldaten und Leutnants und Hauptleute und Generalmajore und Generale und die Befreier. Manche Leute beschlossen hier zu leben und andere dort. Bald darauf wollten die, welche in die Täler gezogen waren, auf den Hügeln leben und die, welche auf die Hügel gezogen waren, wollten in den Tälern leben. 

Dann aber schürten die Befreier wieder das Feuer der Unzufriedenheit. Und so gab es wieder Krieg auf der Erde.

Diesmal war die Zerstörung so vollständig, dass nichts mehr auf der Erde übrigblieb, außer einem Mann und einer Frau und einer Blume.






Dienstag, 12. April 2016

John Maynard | Ballade von Theodor Fontane


John Maynard!
"Wer ist John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann,
Aushielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron`,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard!"

Die 'Schwalbe' fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund':
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund'."

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
"Feuer!" war es, was da klang.
Ein Qualm aus Kajüt' und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich's dicht,
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?" - "Ja, Herr. Ich bin."-
"Auf den Strand. In die Brandung." - "Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus. Hallo!"
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!"
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die 'Schwalbe' mitten hinein;
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo.

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur eine fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln
Himmelan aus Kirchen und Kapelln,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt.
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

"Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron'
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."






Freitag, 10. Juli 2015

Vom Chaos zum Kosmos • Metamorphosen von Ovid

Ehe das Meer und die Erde bestand und der Himmel, der alles deckt, da besaß die Natur im All nur ein einziges Antlitz, Chaos genannt, eine rohe und ungegliederte Masse, nichts als träges Gewicht, und geballt am nämlichen Orte disharmonierende Samen nur lose vereinigter Dinge. Titan gab es noch nicht, die Welt mit Licht zu erhellen, Phoebe bewirkte noch nicht, dass die Sichel des Mondes sich dehnte, noch nicht schwebte die Erde in Lüften, die rings sich ergossen, hängend im eigenen gleichen Gewichte; nicht streckte die Arme Amphitrite am weit sich dehnenden Saume der Länder. Zwar war Erde daselbst vorhanden und Heer und auch Lufthauch, aber die Erde gewährte nicht Stand, das Wasser kein Schwimmen, lichtlos waren die Lüfte. Es schwankten die Formen der Dinge, eines hemmte das andre, in ein und dem nämlichen Körper kämpften das Kalte und Warme, es rangen das Trockne und Feuchte, Weiches stritt mit dem Harten, was ohne Gewicht, mit dem Schweren. 

Aber es gab eine Schlichtung des Streites: ein Gott, eine bessre Kraft der Natur schied Himmel und Erde und Erde und Wasser, und er trennte den heiteren Himmel vom dickeren Luftdunst. Als er nun alles entwirrt, aus der finsteren Masse entnommen, band er das örtlich Getrennte zusammen in friedlicher Eintracht; und so schnellte die leichte, die feurige Kraft des gewölbten Himmels empor und gewann sich den Platz in der obersten Höhe. Ihr zunächst ist die Luft an Leichtigkeit wie auch im Raume; dichter als sie ist die Erde, die größere Stoffe herbeizog, durch ihre Schwere zusammengepresst; die umfließende Feuchte nahm den Rand in Besitz und umschloss den festeren Erdkreis. 

Als so der Gott, wer immer es war, die Materie geordnet, so sie zerteilt und die Teile zu wirklichen Gliedern gestaltet, ballte er gleich zu Beginn die Erde, damit sie auf jeder Seite sich gänzlich gleiche, zur Form einer riesigen Kugel. Alsdann ließ er die Meere sich breiten; in reißenden Stürmen sollten sie schwellen und rings die Gestade der Erde umgürten. Quellen gesellte er bei, unermessliche Teiche und Seen; mit sich krümmenden Ufern umzog er die Flüsse, die hierhin abwärts rinnen und dorthin; die einen verschwinden im Boden, andre gelangen ins Meer: in freierem Laufe durchströmen sie die Ebne, statt Ufer umzieht sie Küstengelände. Felder ließ er sich dehnen und Täler hernieder sich senken, Wälder sich decken mit Laub und steinige Berge sich heben. Und wie den Himmel zwei Zonen zur Rechten und ebensoviele Links durchschneiden - die fünfte jedoch ist heißer als alle -, so zerteilte der sorgliche Gott die umschlossene Kugel nach den nämlichen Zahlen: es decken fünf Zonen die Erde. Wo sich die mittlere dehnt, da verwehrt es die Hitze zu wohnen; zwei deckt tiefer Schnee; zwei hat er dazwischen geschoben und ihnen Milde verliehn: mit Kälte vermischte er Wärme. 

Luft ist darüber gebreitet; so viel ist sie schwerer als Feuer, als des Wassers Gewicht nachsteht dem Gewichte der Erde. Nebel ließ es daselbst, dort ließ er Wolken sich sammeln, auch die Donner, bestimmt, auf menschliche Herzen zu wirken, und die Winde, die Wetterleuchten erzeugen und Blitze. Doch auch den Winden verwehrte der Weltenschöpfer zu hausen, wo in den Lüften sie wollten; noch jetzt ist es schwer, sie zu zähmen, wenn sie auch, jeder für sich, in den eigenen Zonen sich tummeln, dass sie die Welt nicht zerreißen: so groß ist die Zwietracht der Brüder. Eurus wich zu Aurora zurück, nach dem Reich Nabataea und nach Persien, hinweg zu den Höhn, die im Morgenglanz leuchten; doch dich Gestade, die milde durchsonnt sind von Strahlen des Abends, liegen dem Zephyr am nächsten; ins Land der Scythen, gegen Norden, brauste der schaurige Boreas, aber das Land gegenüber wird vom Auster mit Regen und dauernden Wolken befeuchtet. Über das alles legt er den flüssigen Äther, der jeder Schwere ermangelt und frei ist von jeglichem irdischen Unrat.

Kaum hat er alles durch feste Begrenzung umhagt und geschieden, als die Gestirne, die lang in der Masse gepresst und verborgen waren, allüberall jetzt am Himmel zu leuchten begannen. Auf dass keine der Zonen der lebenden Wesen ermangle, sollten die Sterne, Gestalten von Göttern, den Himmel bevölkern. Glänzenden Fischen gewährten die Wasser die Wohnung, die Erde bot den Tieren das Heim, die beweglichen Lüfte den Vögeln. 

Aber ein reineres Wesen, Gefäß eines höheren Geistes, über die andern zu herrschen befähigt, es fehlte noch immer. Und es entstand der Mensch, sei es, dass ihn aus göttlichem Samen jener Meister erschuf, der Gestalter der besseren Weltform, sei es dass die Erde, die jugendfrische, erst kürzlich vom hohen Äther geschieden, die Samen, die himmelsverwandten, bewahrte. Denn sie mischte des Iapetus Sohn mit dem Wasser des Regens, formte sie dann nach dem Bild der alles regierenden Götter. Während die anderen Wesen gebückt zur Erde sich neigen, ließ er den Menschen das Haupt hochtragen: er sollte den Himmel sehen und aufgerichtet den Blick nach den Sternen erheben. Also war nun die Erde verwandelt: soeben noch formlos roh, ward sie jetzt geschmückt mit den Menschengestalten, den neuen. (Ovid)







Donnerstag, 4. Juni 2015

Nibelungen Sage 25/28 | Wie Kriemhild Feuer an den Saal legen ließ


Endlich durften die Burgunden die Helme abbinden. Auf den Haufen der Gefallenen ließen sie sich zur Rast nieder. Wieder übernahmen Hagen und Volker die Wacht an der Tür vor einem neuen Angriff der Feinde.

Sie brauchten nicht lange zu warten. Ein ganzes Hunnenheer zog heran. Schar auf Schar stürmte gegen den Saal, und den ganzen langen Sommertag hindurch währte der erbitterte Kampf. Erst die anbrechende Nacht setzte dem Ringen ein Ende.

Da standen sie, erschöpft an die Schilde gelehnt, auf dem blutgetränkten Kampfplatz, die streitmüden Recken, und mancher Panzerring war rot verfärbt, aus mancher Wunde sickerte das Blut. Die Not seiner Getreuen ging König Gunther zu Herzen. Mit lauter Stimme rief er nach Etzel und bot ihm Frieden an.

Doch der Hunnenkönig antwortete: "Frieden könnt ihr nun nicht mehr haben. Mein Kind habt ihr erschlagen, und so viele meiner Freunde liegen tot. Keiner von euch soll mit dem Leben davonkommen." Vergebens erinnerte Gunther ihn daran, dass das Unheil mit dem Überfall Blödels auf die Knechte seinen Anfang genommen habe. Etzel, vordem der mildeste aller Wirte, verlangte nach Rache.

Da wandte Gieselher sich an Kriemhild, die zur Seite Etzels stand: "Liebste Schwester, nie hätte ich geglaubt, dass du mich einmal in solche Not brächtest! Stets hielt ich dir die Treue, und kein Leid geschah dir je von mir. Dafür erweise uns jetzt deine Huld und lass uns ziehen!"

Giselhers flehende Worte rührten das steinerne Herz der Königin. "Nun wohl", entgegnete sie, "wenn ihr mir Hagen als Geisel ausliefert, sollt ihr das Leben haben und in die Heimat zurückkehren dürfen, denn ihr seid meine Brüder, und die gleiche Mutter haben wir."

"Das verhüte Gott im Himmel!" rief Gernot. "Und wären wir tausend Brüder, wir gingen alle lieber in den Tod, als dir einen einzigen unserer Mannen als Geisel zu lassen!" Auch Giselher, der junge, bedachte sich keinen Augenblick und stimmte dem Bruder bei: "Nie brach ich einem Freund die Treue, und so soll es bleiben bis in den Tod!"

Nun kannte Kriemhild kein Mitleid mehr mit den Brüdern, die von Hagen nicht lassen wollten. Sie befahl, die Burgungen in den Sall zurückzutreiben, und ließ dann Feuerbrände an seine vier Ecken legen. Bald loderten die Flammen, vom Wind getrieben, hoch auf und ergriffen das Dach. Gierig fraßen sie sich weiter an Stützen und Sparren und schossen zu einem einzigen wabernden Feuermeer zusammen. Brennend stürzte das Gebälk in die Tiefe, Funkengarben regneten herab, beißender Rauch zog in dichten Schwaden durch den Saal, und höllische Glut dörrte den Männern die Kehle.

"An die Wände!" rief Hagen den Gefährten zu. "Und die Schilde hoch, dass die Balken euch nicht erschlagen! Stoßt sie mit den Füßen in die Blutlachen, dann werden die Brände rascher verlöschen!"

So standen sie die ganze Nacht unter ihren Schilden, während das Feuer raste, das glühende Dachwerk herunterprasselte und der Brandrauch ihnen den Atem nahm. Es war eine Nacht des Grauens und des Todes.

Endlich brach der Tag an, und ein kühler Morgenwind kam daher. Giselher verspürte ihn zuerst und rief den Freunden zu: "Es will tagen! Gebe Gott, dass wir noch einmal bessere Stunden erleben, als diese Nacht sie uns brachte!"

Die Gesichter schwarz vom Flammenruß, traten die Überlebenden über verkohltes Gebälk und schwelende Trümmer zusammen und reichten sich die Hände. Sechshundert waren es noch, die das Feuer verschont hatte.







Montag, 3. Juni 2013

Monat Oktober | Geist verdichtet zu Samen | Herbert Fritsche

Alles Pflanzliche, das jetzt, von der Kühle genötigt, aus seinem grünen Herzen heraus des nahenden Winters ansichtig wird, kennt nur eine einzige Methode des Überdauerns, wenn es nicht Baum oder Gesträuch ist, sondern: die Zusammenziehung des eigenen Wesens in den Samen. Gewiss, auch Tanne und Linde, Apfelbaum und Himbeerbusch haben ihre Samenbildung, jedoch dient sie lediglich der Verbreitung der Art, während das pflanzliche Einzelwesen auch ohne die Flucht in den Samen den Winter überdauert. Anders steht es mit denjenigen Geschöpfen der Flora, die nunmehr endgültig zu welken beginnen und auf den weiten Komposthaufen der Landschaft geraten. Ihre Auferstehung im nächsten Lenz geht vom Samen her vonstatten. 

Im April lernen wir vor dem Katheder des großen Paracelsus, dass die Pflanze - wie jede Kreatur - Anteil hat an den drei Prinzipien Sal, Mercurius und Sulphur: mit der Verwurzelung ist ihr salinisches, erdenfestes Prinzip gegeben, mit Stängel und Blätterfülle ihr merkurisches Strömen und Vermitteln zwischen Erdensein und Kosmos-Kräften, mit der Blüte das sulphurische Verströmen und sublimieren in Farbe und Duft. Nun ist es gerade die Blüte, der brennende Sulphur, woraus sich ein neues Sal-Gebilde formt: der Same. 

Der Same gleicht winterlicher Erde: rund, kahl und ohne jedes Entfaltetsein, ist er dennoch Leben in der Latenz, reicher an unsichtbaren Potenzen als alles, was sich dereinst aus ihm in die Manifestation hinein verausgaben wird. Die Kugel, die im kleinsten Raume das Größtmögliche birgt und ballt, die Gestalt des Samenkorns darf als verinnerlichtes Feuer aufgefasst werden, das sich erhärtet hat zu geheimer Erdfigur und der Erde anheimgegeben werden will, um darin zu wurzeln, auf dass es aus der Wurzel grüne und blühe. Was ein Pflanzensame im Sinne seiner Potenzenballungen bedeutet, das können wir an einem Beispiel aus der Welt der Genussmittel erkennen. Trinken wir chinesischen Tee, der aus Blattorganen bereitet ist - atmenden, assimilierenden Blattorganen, die überdies, bei der Tee-Vorbereitung, einem langwierigen Fermentationsprozeß  unterworfen wurden -, so nehmen wir, was wenig bekannt ist, bei normaler Zubereitung ein Getränk ein, dessen Gehalt an Coffein (Thein ist chemisch dasselbe wie Coffein) stärker ist als der der gleichen Menge ebenfalls normal zubereiteten Kaffees. Dennoch wirkt der Tee, eben weil er aus Blättern stammt, als Philosophengetränk, das tiefgründige Gespräch befördernd und das weitausholende Denken anregend. Die Tasse Kaffee, aus Pflanzensamen - den Kaffeebohnen - zubereitet, Pflanzensamen, die überdies im Röstprozeß noch feurig aktiviert wurden, enthält zwar etwas weniger Coffein als die Tasse Tee, aber sie wirkt elektrisierend bis in jeden Nerv, trommelt das Gedankenleben bis zur Ideenflucht mobil und überstürzt das Hirn mit Katarakten von Einfällen: aus dem Coffein, das den Tee zum Philosophen- oder Diplomatengetränk machte, ist das Coffein des Literaten- und Journalistengetränks geworden, das Weckmittel, welches Menschen und Geister verquecksilbert und zu raschen Reaktionen aufpeitscht. 

Kraftvolle Naturen lieben den Oktober vor allen anderen Monaten. Man muss ihn nur aus rechter Haltung menschgemäßen Kräftigseins verstehen: Kräutersame, lodernd buntes Laub, brausender Sturm und Hirschbrunst besagen alle dasselbe, nämlich dass es nicht der Sinn des Winters ist, uns verarmen zu lassen oder gar zu töten, sondern dass jetzt Hand angelegt werden muss, um, von kühler Luft erfrischt und von überwältigender Farbensymphonie angefeuert, des Jahres Natur- und Schicksalsgeschenke einzukellern im tiefsten Herzen, von wo her alle Entscheidungen fallen, die der Welt vom Menschen her zuteil werden - im Sinne der Worte aus dem buddhistischen Dhammapadam:

Vom Herzen gehn die Dinge aus,
sind herzgeboren, herzgefügt ...






Montag, 23. April 2012

Prinz Eugen, der edle Ritter | Ballade von Ferdinand Freiligrath

aventin.blogspot.com

Zelte, Posten, Werda-Rufer! Lustge Nacht am Donauufer! Pferde stehn im Kreis herum angebunden an den Pflöcken. An den engen Sattelböcken hangen Karabiner schwer. Um das Feuer auf der Erde, vor den Hufen seiner Pferde, liegt das östreichsche Pikett. 

Auf dem Mantel liegt ein jeder, von den Tschakos weht die Feder. Leutnant würfelt und Kornett. Neben seinem müden Schecken ruht auf einer wollnen Decken der Trompeter ganz allein: „Lasst die Knöchel, lasst die Karten! Kaiserliche Feldstandarten wird ein Reiterlied erfreun!

Vor acht Tagen die Affäre hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, in gehörgen Reim gebracht; selber auch gesetzt die Noten; drum, ihr Weißen und ihr Roten, merket auf und gebet acht!“

Und er singt die neue Weise einmal, zweimal, dreimal leise denen Reitersleuten vor; und wie er zum letzten Male endet, bricht mit einem Male los der volle kräftge Chor:

„Prinz Eugen, der edle Ritter!“ Hei, das klang wie Ungewitter weit ins Türkenlager hin. Der Trompeter tät den Schnurrbart streichen und sich auf die Seite schleichen zu der Marketenderin.






Dienstag, 10. April 2012

Das Höhlengleichnis | Antike Philosophie

aventin.blogspot.com

Das Höhlengleichnis ist eines der bekanntesten Gleichnisse der antiken Philosophie. Es dient bis heute als Standardlehrbeispiel zur Einführung in die Erkenntnistheorie. Platons Lehrer Sokrates verdeutlicht im Gleichnis seinem Gesprächspartner Glaukon den Bildungsweg des Philosophen. Eingebettet ist dieses Gleichnis in die Frage Glaukons nach dem Wesen des Guten und in den Kontext der beiden vorhergehenden Gleichnisse, des Sonnengleichnisses und des Liniengleichnisses, die beide das Verständnis des Höhlengleichnisses vorbereiten. (Wikipedia)

„Und jetzt will ich dir ein Gleichnis für uns Menschen sagen, wenn wir wahrhaft erzogen sind und wenn wir es nicht sind. Denke dir, es lebten Menschen in einer Art unterirdischer Höhle, und längs der ganzen Höhle zöge sich eine breite Öffnung hin, die zum Licht hinaufführt. In dieser Höhle wären sie von Kindheit an gewesen und hätten Fesseln an den Schenkeln und am Hals, so dass sie sich nicht von der Stelle rühren könnten und beständig geradeaus schauen müssten. Oben in der Ferne sei ein Feuer, und das gebe ihnen von hinten her Licht. Zwischen dem Feuer aber und diesen Gefesselten führe oben ein Weg entlang. Denke dir, dieser Weg hätte an seiner Seite eine Mauer, ähnlich wie ein Gerüst, das die Gaukler vor sich, den Zuschauern gegenüber, zu errichten pflegen, um darauf ihre Kunststücke vorzuführen.“ „Ja, ich denke es mir so.“ „Weiter denke dir, es trügen Leute an dieser Mauer vorüber, aber so, dass es über sie hinweg ragt, allerhand Geräte, auch Bildsäulen von Menschen und Tieren aus Stein oder Holz und überhaupt Erzeugnisse menschlicher Arbeit. Einzige dieser Leute werden sich dabei vermutlich unterhalten, andere werden nichts sagen.“ „Welch seltsames Gleichnis! Welch seltsame Gefangene!“ „Sie gleichen uns! Haben nun diese Gefangenen wohl von sich selber und voneinander etwas anderes gesehen als ihre Schatten, die das Feuer auf die Wand der Höhle wirft, der sie gegenüber sitzen?“ „Wie sollten sie! Sie können ja ihr Leben lang nicht den Kopf drehen!“ „Ferner: Von den Gegenständen, die oben vorüber getragen werden? Doch ebenfalls nur den Schatten?“ „Zweifellos.“ „Und wenn sie miteinander sprechen können, so werden sie in der Regel doch wohl von diesen Schatten reden, die da auf ihrer Wand vorüber gehen.“ „Unbedingt.“ „Und wenn ihr Gefängnis auch ein Echo von der Wand zurück wirft, sobald ein Vorübergehender spricht, so werden sie gewiss nichts anderes für den Sprecher halten, als den vorüber kommenden Schatten.“ „Entschieden nicht.“ „Überhaupt, sie werden nichts anderes für wirklich halten als diese Schatten von Gegenständen menschlicher Arbeit.“ „Ja, ganz unbedingt“. „Nun denke dir, wie es ihnen ergeht, wenn sie frei werden, die Fesseln abstreifen und von der Unwissenheit geheilt werden. Es kann doch nicht anders sein als so. Wenn einer losgemacht wird, sofort aufstehen muss, den Hals wenden, vorwärst schreiten und hinauf nach dem Lichte schauen muss – das alles aber verursacht ihm natürlich Schmerzen, und das Licht blendet ihn so, dass er die Gegenstände, deren Schatten es bis dahin sah, nicht erkennen kann -, was wird es dann wohl sagen, wenn man ihm erklärt: bis dahin habe er nur eitlen Tand gesehen; jetzt sei er der Wahrheit viel näher und sähe besser; denn die Gegenstände hätten höhere Wirklichkeit, denen er jetzt zugewendet sei! Und weiter, wenn man auf die einzelnen Gegenstände hin zeigt und ihn fragt, was sie bedeuten. Er würde doch keine einzige Antwort geben können und würde glauben, was er bis dahin gesehen, hätte mehr Wirklichkeit, als was man ihm jetzt zeigt.“ „Weit mehr.“ „Und zwingt man ihn, das Licht selber anzusehen, so schmerzen ihn doch die Augen. Er wird sich umkehren, wird zu den alten Schatten eilen, die er doch ansehen kann, und wird sie für heller halten als das, was man ihm zeigt.“ „Ja, das wird es tun.“ „Und zieht man ihn gar den rauen steilen Aufgang mit Gewalt hinauf und lässt nicht ab, bis man ihn hervor ins Sonnenlicht gezogen hat, so steht er doch Qualen aus, wehrt sich unwillig, und, ist er oben im Licht, so hat er die Augen voller Glanz und kann kein einziges von den Dingen sehen, die wir wirklich nennen.“ „Nein, wenn es plötzlich geschieht, nicht.“ „Er muss sich erst an das Licht gewöhnen, wenn er die Gegenstände oben sehen will. Zuerst wird er wohl am besten die Schatten erkennen, später die Spiegelungen von Menschen und anderen Gegenständen im Wasser, dann sie selber. Weiter wird er die Himmelskörper sehen und den Himmel selber, und zwar besser bei Nacht die Sterne und den Mond, als bei Tage die Sonne und ihre Strahlen.“ „Freilich.“ Schließlich wird er in die Sonne selber sehen können, also nicht bloß ihre Spiegelbilder im Wasser und anderswo hier unten erblicken, sondern sie selber oben an ihrem Ort. Er wird ihr Wesen begreifen.“ „Unbedingt.“ „Und dann vermag er den Schluss zu ziehen, dass sie es ist, die Jahreszeiten und Jahre hervor bringt, die über die ganze sichtbare Welt waltet und von der im gewissen Sinne alles, was man sieht, ausgeht.“ „Es ist klar, dass er hierhin zuletzt gelangt.“ „Nun weiter! Wenn er jetzt an die alte Wohnung zurück denkt und an die dortige Weisheit und an seine Mitgefangenen, so preist er sich doch glücklich über den Wechsel und bedauert jene.“ „Gewiss.“ „Und wie denkt er über die Ehrungen und Lobsprüche und Geschenke, die man dort unten voneinander erhielt? Nämlich dann, wenn einer die vorbei kommenden Schatten recht genau erkannte und sich am besten einprägte, welche zuerst, welche nachher und welche zu gleicher Zeit zu erscheinen pflegten, wodurch er dann die in Aussicht stehenden gut erraten konnte. Wird es ihn nun noch danach verlangen? Wird er die Leute beneiden, die unten in Ansehen stehen und die Macht in Händen haben? Oder wird es ihm so ergehen, wie es bei Homer steht? D.h. Wird er weiter lieber Ackerknecht bei einem armen Manne sein und alles aushalten wollen, als jenen Wahn teilen und jene Reden führen?“ „Ja, ich glaube, er erträgt lieber alles, als dass er jenes Leben führt.“ „Denke dir nun auch dies: Er würde hinunter steigen und sich auf den alten Platz setzen. Wird er nicht die Augen voller Finsternis haben, wenn er so plötzlich aus der Sonne kommt?“ „Ganz und gar.“ „Und während seine Augen noch stumpf sind und hin und her irren, muss er um die Wette mit den dauernd Gefangenen wieder jene Schatten zu erkennen suchen. Nehmen wir nun noch die Zeit, bis er sich an das Dunkel gewöhnt hat, nicht ganz kurz an, so wird man ihn doch auslachen und sagen, er käme von seinem Aufstieg mit schlechten Augen zurück. Es lohne sich nicht, den Versuch zum Aufstieg zu machen. Wer aber andere frei machen und hinauf führen will, den wird man töten, wenn man seiner habhaft wird und ihn töten kann.“ „Gewiss.“ 

„Nun musst du dies ganze Gleichnis mit unserer voraus gegangenen Darlegung zusammen halten, lieber Glaukon. Setze an Stelle der Gefängniswohnung die durch den Gesichtssinn geoffenbarte Welt und an Stelle des Licht spendenden Feuers die Kraft der Sonne. Wenn du dir fernen unter dem Aufstieg und dem Kennenlernen der Oberwelt die Wanderung der Seele zur denkbaren Welt hinauf denkst, so verstehst du meine Meinung, die du ja zu hören wünschst, durchaus richtig. Gott weiß, ob ich die Wahrheit gefunden habe! Meine Ansicht jedenfalls geht dahin, dass es in der erkennbaren Welt die Idee des Guten ist, die man zuletzt und mit Mühe gewahr wird. Ist man aber ihrer ansichtig geworden, so muss man zu der Überzeugung kommen, dass alles Rechte und Schöne in der ganzen Welt von ihr ausgeht. In der sichtbaren Welt schafft sie das Licht und den Herren des Lichts; in der denkbaren Welt ist sie selber Herrin und gibt Wahrheit und Vernunft. Und wer mit Vernunft handeln will, in seinem persönlichen Leben oder als Staatsmann, der muss sie sehen lernen.“





Sonntag, 11. März 2012

Sag doch, wer ist's | Rätsel von Hieronymus Emser



aventin.blogspot.com

Er trägt eine Königskrone, sagt die Zeit voraus 
und trägt als Kämpfer einen goldenen Sporn.
Sag doch, wer ist's?


Glatt und rund kommt er aus dem Mutterleib hervor, 
ohne Kopf, Glieder und Lebenshauch. 
Sag doch, wer ist's? 

Wenn die Natur ihm dann hold ist, 
bekommt er Empfindung, Seele, Gestalt, 
nimmt teil am Leben und verfällt auch dem Tod. 
Sag doch, wer ist's? 

Bevor er stirbt, wird er mit heiligem Wasser 
entsühnt und schön weiß gemacht; 
dann geht er für uns Arme ins Feuer. 
Sag doch, wer ist's?


▃ ▅ ▆ ▇   Antwort   ▇ ▆ ▅ ▃







LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...