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Mittwoch, 1. April 2015

Von Trauer, Qual und Tod • Novelle von Hermann Hesse

Foto Lisa Spreckelmeyer
Wieder schossen aus allen vergessenen Schächten seines Lebens frei gewordene Erinnerungen zu ihm empor, unzählbare: an Gesprächen, an seine Verlobungszeit, an Kleider, die er als Kind getragen, an Ferienmorgen der Studentenzeit, und ordneten sich in Kreisen um einige feste Mittelpunkte: um die Gestalt seiner Frau, um seine Mutter, um den Mörder Wagner, um Teresina. Stellen aus klassischen Schriften  fielen ihm ein und lateinische Sprichwörter, die ihn als Schüler einst ergriffen hatten, und törichte sentimentale Verse aus Volksliedern. Der Schatten seines Vaters stand hinter ihm, er erlebte wieder den Tod seiner Schwiegermutter. Alles, was je durch Auge und Ohr, durch Menschen und Bücher, mit Wonne oder Leid in ihn eingegangen und in ihm untergesunken war, alles schien wieder da zu sein, alles zugleich, aufgerührt und durcheinander gewirbelt, ohne Ordnung, doch voller Sinn, alles wichtig, alles bedeutungsvoll, alles unverloren. Der Andrang wurde zur Qual, zu einer Qual, die von höchster Wollust nicht zu unterscheiden war. Sein Herz schlug rasch, Tränen standen ihm in den Augen. Er begriff, dass er nahe am Wahnsinn stehe, und wusste doch, dass er nicht wahnsinnig werden würde, und blickte zugleich in dies neue Seelenland des Irrsinns mit demselben Erstaunen und Entzücken wie in die Vergangenheit, wie in den See, wie in den Himmel: auch hier war alles zauberhaft, wohllaut und voll Bedeutung. Er begriff, warum im Glauben edler Völker der Wahnsinn für heilig galt. Er begriff alles, alles sprach zu ihm, alles war ihm erschlossen. Es gab keine Worte dafür, es war falsch und hoffnungslos, irgend etwas in Worten ausdenken und verstehen zu wollen! Man musste nur offenstehen, nur bereit sein: dann konnte jedes Ding, dann konnte in unendlichem Zug wie in eine Arche Noahs die ganze Welt in einen hineingehen, und man besaß sie, verstand sie und war eins mit ihr.







Freitag, 20. März 2015

Bäume sind Heiligtümer • Urgesetz des Lebens • H. Hesse

Bäume sind für mich immer die eindringlichsten Prediger gewesen. Ich verehre sie, wenn sie in Völkern und Familien leben, in Wäldern und Hainen. Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie einzeln stehen. Sie sind wie Einsame. Nicht wie Einsiedler, welche aus irgendeiner Schwäche sich davongestohlen haben, sondern wie große, vereinsamte Menschen, wie Beethofen und Nietzsche. In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine: ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen. Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum. Wenn ein Baum umgesägt worden ist und seine nackte Todeswunde der Sonne zeigt, dann kann man auf der lichten Scheibe seines Stumpfes und Grabmals seine ganze Geschichte lesen: in den Jahresringen und Verwachsungen steht aller Kampf, alles Leid, alle Krankheit, alles Glück und Gedeihen treu geschrieben, schmale Jahre und üppige Jahre, überstandene Angriffe, überdauerte Stürme. Und jeder Bauernjunge weiß, dass das härteste und edelste Holz die engsten Ringe hat, dass hoch auf Bergen und in immerwährender Gefahr die unzerstörbarsten, kraftvollsten, vorbildlichsten Stämme wachsen. Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das Einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens. (Hermann Hesse)







Donnerstag, 5. April 2012

Johannes Reuchlin und das Rätsel einer jungen Frau

Ein Rätsel, das im Jahre 1497 eine schöne junge Frau dem Johannes Reuchlin aus Pforzheim im Schwarzwald aufgab.
aventin.blogspot.com
Als ich mit meinen Gespielinnen im Grünen spazieren ging, begegnete mir an der Quelle, an der ich oft wusch, auf der Wasserfläche eine schöne Gestalt, die mich auch begleitete, als ich nach Hause ging. Bald erschien sie in der Nähe, bald verbarg sie sich hinter den steinigen Höhen; schließlich versuchte sie, mich an der Nase herumzuführen und sich an mich zu schmiegen. Ja, sie wollte mir sogar auf meinem Lager beiwohnen. Sie liebt die Sonne mehr als alles andere und verschwindet im Dunkeln betrübt. Sag mir doch: Was es ist?


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Johannes Reuchlin

Er ist der berühmteste Sohn der Stadt Pforzheim. Johannes Reuchlin wurde im Jahre 1455 geboren und trug zeit seines Lebens stolz den Beinamen „Phorcensis“ („aus Pforzheim“). Neben Erasmus von Rotterdam zählt Reuchlin zu den wichtigsten europäischen Humanisten. Eines seiner Hauptanliegen war es, durch Studium der Sprachen die lateinischen, griechischen und hebräischen religiösen und philosophischen Urtexte wieder zu erschließen. Er wurde somit zu einem Vorläufer der Reformation. Reuchlin gilt als Vorbild der Toleranz, da er sich immer vehement für die Aussagen und den Erhalt alten Schrifttums einsetzte.  







Sonntag, 11. März 2012

Sag doch, wer ist's | Rätsel von Hieronymus Emser



aventin.blogspot.com

Er trägt eine Königskrone, sagt die Zeit voraus 
und trägt als Kämpfer einen goldenen Sporn.
Sag doch, wer ist's?


Glatt und rund kommt er aus dem Mutterleib hervor, 
ohne Kopf, Glieder und Lebenshauch. 
Sag doch, wer ist's? 

Wenn die Natur ihm dann hold ist, 
bekommt er Empfindung, Seele, Gestalt, 
nimmt teil am Leben und verfällt auch dem Tod. 
Sag doch, wer ist's? 

Bevor er stirbt, wird er mit heiligem Wasser 
entsühnt und schön weiß gemacht; 
dann geht er für uns Arme ins Feuer. 
Sag doch, wer ist's?


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