Aventin Blog: Gunther
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Donnerstag, 25. Juni 2015

Nibelungen Sage 4/28 | Wie Siegfried nach Worms kam

Zu Worms, der alten Burgundenstadt am Rhein, wuchs Kriemhild, die Königstochter, zu einer Jungfrau heran, deren Schönheit und adeliger Sinn landauf, landab gepriesen wurden. Sie lebte bei ihrer Mutter Ute und ihren drei Brüdern Gunther, Gernot und Giselher. Von diesen war Gunther, der älteste, nach dem Tode des Vaters König und Herr im Burgungenland geworden. 

Die tapfersten Recken hatten sich um König Gunther und seine Brüder geschart, darunter der grimme Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart, ferner Ortwin von Metz, die Markgrafen Gere und Eckewart und Hagens Freund, der kühne und ritterliche Sänger Volker von Alzey. Alle blickten voll Stolz auf Kriemhild und waren ihr in Treue ergeben. 

Einst hatte Kriemhild einen seltsamen Traum. Sie sah ihren Lieblingsfalken emporsteigen, höher und höher, bis plötzlich zwei Adler ungestüm aus dem Gewölk herabstießen und ihn mit scharfen Krallen zu Tode schlugen. In bitterer Qual erwachte sie, und da sie den Traum nicht zu deuten wusste, wandte sie sich um Rat und Trost an ihre Mutter.

Frau Ute bedachte sich nicht lange: "Der Falke, den du aufgezogen hast, ist ein edler Mann. Gott hat ihn für dich bestimmt, und er möge ihn in Gnaden schützen und schirmen, dass du nicht seinen frühen Tod beweinen musst."

Doch von solcher Deutung mochte Kriemhild nicht hören. "Was sprecht Ihr mir von einem Manne, liebe Mutter?" sagte sie. "Unvermählt will ich bleiben mein Leben lang, und nie wird mir Leid kommen aus der Liebe zu einem Mann."

"Das sind vorschnelle Worte", verwies sie die Mutter, "kein größeres Glück gibt es für eine Jungfrau, als das Weib eines edlen Helden zu werden." "Nein, nein, Mutter!" wehrte Kriemhild abermals ab. "Wie oft hat sich doch gezeigt, dass Liebe nur Leid bringt; ich will sie immer meiden, dann bleibe ich von allem Kummer verschont."

So dachte Kriemhild, und mancher Tag ging dahin, ohne dass ihr Herz für einen der Freier schlug, die sich mit ritterlichem Gefolge in Worms einstellten. Keiner konnte sich eines holden Blickes der Königstochter rühmen. 

Da hörte eines Tages Siegfried auf der väterlichen Burg zu Xanten von der Schönheit Kriemhilds im fernen Burgundenland, und gleich stand sein Sinn danach, um die Herrliche zu werben. Die Eltern rieten ihm ab, denn allenthalben sprach man von dem übergroßen Stolz der Burgundenfürsten. Als aber König Siegmund sah, dass sein Sohn nicht lassen wollte von seinem Vorhaben, willigte er schließlich ein und erbot sich, ihm ein starkes Geleit der tapfersten Recken mit auf die Fahrt zu geben. Doch Siegfried fühlte sich Manns genug, allein für seine Sache zu stehen. Nur zwölf Gefährten wählte er aus zur Reise in König Gunthers Land. Die Rüstkammer musste das Beste hergeben an ritterlichen Waffen, und Königin Sieglinde ließ von ihren Frauen kostbare Gewandung richten. 

So ging es zur Brautfahrt ins Burgundenland. Rheinaufwärts trabte die reisige Schar, in lichten Brünnen, das Zaumzeug und die Sättel rot von Gold und im Wehrgehenk Schwerter, die bis zu den Sporen herabreichten. Am siebenten Morgen sahen sie vor sich die Mauern der alten Königsstadt Worms, und als sie durch das Tor einritten, strömten die Leute in den Gassen zusammen und bewunderten laut den prächtigen Zug der fremden Recken. Sogleich waren auch Ritter und Knappen zur Stelle, um die Gäste nach altem Brauch in die Herberge zu geleiten, aber Siegfried drängte es, ohne Säumen König Gunther zu sehen. Man wies ihm einen großen Saal: "Dort werdet Ihr den König inmitten seiner Mannen finden."

Schon hatte sich die Kunde von der Ankunft der fremden Ritter in der Königsburg verbreitet, aber niemand wusste Gunther ihre Namen oder das Land, aus dem sie kamen, zu nennen. Da riet Ortwin von Metz: "Schickt nach meinem Oheim Hagen, der kennt sich aus in allen Ländern und Burgen weit und breit!"

Hagen kam und trat ans Fenster. Unten im Burghof standen noch die fremden Recken, über die Maßen stattlich anzuschauen. Nie hatte er sie gesehen, aber er wusste sogleich und sprach es aus: "Das können nur Fürsten oder Fürstenboten sein, so reich sind ihre Waffen und so edel ihre Rosse. Und dort in ihrer Mitte der junge Held, das muss Siegfried sein, der Sohn König Siegmunds von Niederland. Durch alle Länder geht sein Ruhm: er erschlug den Drachen am Quell bei der Linde und badete in seinem Blute, dass kein Schwert ihm ans Leben kann, und dann ritt er auf Grani in die dunklen Waldberge, wo er den Nibelungenhort gewann und die Tarnkappe Alberichs, die unsichtbar macht und die Stärke von zwölf Männern verleiht. Kein Held in allen Landen mag es ihm gleichtun, und mich dünkt, keiner geringen Sache wegen hat er den Weg zu uns gemacht."

Da ging Gunther sogleich mit all seinen Mannen hinunter in den Hof, solch edlen Gast zu begrüßen. "Seid uns willkommen, fremder Held!" sprach er zu Siegfried. "Woher kommt Ihr, und was führt Euch ins Burgundenland?"

Siegfried verneigte sich vor Gunther und entgegnete: "An meines Vaters Hof vernahm ich, dass nichts der Kühnheit der Burgundenrecken und ihres Königs gleichkomme. Dies zu erproben, bin ich nach Worms geritten mit meinen Gefährten. Siegfried von Niederland bin ich, und um Euer Reich will ich mit Euch kämpfen!"

Zornig brausten die Burgunden auf, als sie diese übermütige Herausforderung vernahmen. Finster blickte Hagen drein, und nach Schwertern rief der kühne Ortwin. Doch Gernot und Giselher mahnten zum Frieden: "Weshalb soll Blut fließen in ungleichem Streit? Als Freunde, nicht als Feinde wollen wir uns finden. Herr Siegfried und seine Heergesellen sollen uns liebe Gäste sein!"

Da ließ Gunther Wein bringen und trank dem Helden aus Niederland auf gute Freundschaft zu. Und Siegfried bezwang seine Kampflust, denn nicht König Gunthers Thron lockte ihn, nach Kriemhild stand sein Sinn.

So blieben Siegfried und seine Gefährten als Gäste in Worms. Da gab es die beste Herberge und fröhliche Kurzweil jeden Tag. Auf dem Burghof maßen sich die Recken im Steinwurf und Speerwerfen, und stets war es Siegfried, der den Preis davontrug. Vom Fenster ihrer Kemenate schaute Kriemhild heimlich zu. Wer war der Fremde, der es allen zuvortat? Nur an ihn dachte sie, nur ihn sah sie, wenn sie so am Fenster stand. Und Siegfrieds Gedanken waren Tag für Tag bei Kriemhild; aber ein volles Jahr ging dahin, ohne dass er sie von Angesicht zu Angesicht sah. 





Dienstag, 23. Juni 2015

Nibelungen Sage 6/28 | Wie Siegfried zum ersten Male Kriemhild sah


Zu Pfingsten war das große Fest angesagt, und bald zogen auf allen Wegen die edlen Herren heran, die von König Gunther geladen waren. Gernot und Giselher hießen die Gäste in Worms willkommen. Zweiunddreißig Fürsten fanden sich ein und an fünftausend Ritter mit ihrem Geleit. Geschäftiges und frohes Treiben herrschte in der ganzen Stadt, und die Frauen richteten das Beste, was sie an Kleidern und Schmuck hatten.

Am Pfingstmorgen begann das Fest. Gunther befragte seine Getreuen, wie man sich den besonderen Dank der Gäste verdienen könne. Da meinte Ortwin von Metz: "Soll das Fest recht gelingen, so lasst die Frauen des Hofes daran teilnehmen, vor allem aber Eure Schwester Kriemhild, die so mancher Held zu sehen gekommen ist." Der Rat gefiel Gunther, und es erging an Frau Ute und Kriemhild die Aufforderung, mit ihren Frauen vor den Gästen zu erscheinen. 

Da gab es kein Säumen. Die schönsten Gewänder und der kostbarste Schmuck wurden hervorgeholt, und hundert Recken standen zum Geleit bereit, als Ute und Kriemhild mit der Schar edler Frauen ihre Gemächer verließen. Sogleich drängten von allen Seiten die Ritter heran, denn niemand wollte sich diesen Augenblick entgehen lassen.

Wie das Morgenrot aus trüben Wolken bricht, so kam Kriemhild daher. Edle Steine funkelten an ihrem Gewand, und wie Rosen blühten ihre Wangen. Keine der Frauen kam ihr an Schönheit gleich, und keiner der Ritter hatte je ein lieblicheres Bild gesehen. Siegfried, der in der Menge der Zuschauer stand, wurde es im Herzen froh und traurig zugleich. "Wie konnte ich nur hoffen, dich zu gewinnen",  ging es ihm durch den Sinn, "das ist ein eitler Wahn! Aber wenn ich dich meiden soll, so wollte ich doch lieber tot sein." Als wäre er auf ein Pergament gemalt, so stand Siegfried da, herrlich vor allen anderen Recken.

Da wandte sich Gernot an seinen Bruder Gunther: "Jetzt ist es an der Zeit, Siegfried zu belohnen für die Dienste, die er uns erwiesen hat. Kriemhild sollte ihm ihren Gruß entbieten, das würde den Helden ehren und noch fester mit uns verbinden." Gunther tat nach Gernots Rat, und Siegfried wurde zu der Königstochter geleitet. Noch tiefer erglühte das Rot auf Kriemhilds Wangen, als sie den Helden vor sich sah. "Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter!" grüßte sie ihn, und voll Anmut neigte er sich vor ihr in Freude und Dank. Nur heimlich wagten sie es, einander mit liebenden Blicken anzuschauen, und nie erlebte Siegfried ein tieferes Glück als in dieser Stunde, da er Kriemhilds Hand in der seinen hielt. Jeder der hochgemuten Recken hätte an seiner Stelle sein mögen.

Zum Münster ging nun der festliche Zug, Siegfried an der Seite der schönen Kriemhild. Dort wurden sie voneinander getrennt, wie es in der Kirche Sitte war, und der Held von Niederland konnte kaum das Ende der Messe erwarten, so sehr verlangte ihn nach der Nähe der Holdseligen, die er im Herzen trug. Als die Ritter und Frauen das Münster verließen, trat er wieder zu Kriemhild, um sie heim zu geleiten, und jetzt erst fand sie Worte des Dankes für sein tapferes Streiten. "Ich tat es für Eure Brüder und für Euch", erwiderte Siegfried, "und ich will nicht ablassen, Euch zu dienen mein Leben lang, wenn Ihr mir Eure Minne gewährt."

Zwölf Tage währte das Fest, und jeden Tag weilte Siegfried an der Seite Kriemhilds bei den Kampfspielen, in denen Gunthers Recken und die fremden Helden miteinander wetteiferten im Schwertstreit und Lanzenstechen. König Gunther kargte nicht mit Speise und Trank, und als die Gäste Abschied nahmen, ließ er ihnen kostbare Gaben reichen. Auch die gefangenen Sachsen und Dänen durften mit ihren Königen den Heimweg antreten. Gunther entließ sie auf Siegfrieds Rat ohne Lösegeld, doch mussten sie für künftige Zeiten Frieden geloben.

Abermals drängte es nun Siegfried zur Heimkehr, denn unerreichbar schien ihm immer noch Kriemhilds Hand. Da war es Giselher, der ihn mit seinen Bitten am Burgundenhof zurückzuhalten suchte. Und wieder ließ Siegfried sich nicht lange bitten. Wie hätte er wegreiten können von Kriemhild, die er nun Tag für Tag sehen durfte!





Montag, 22. Juni 2015

Nibelungen Sage 7/28 | Wie Gunther Brunhild gewann

Brunhild von Gaston Bussière
Nicht lange währte es, da kam an den Rhein die Kunde von einer Königstochter, die auf einer Insel im fernen Nordmeer lebte. Brunhild hieß sie, und groß wie ihre Schönheit war auch ihre Kraft. Wer ihre Hand begehrte, der musste vor dem Isenstein, ihrer hohen Feste, in drei Kampfspielen mit ihr streiten, und verlor er, so war es um sein Leben getan. 

Kaum hatte König Gunther von Brunhild gehört, so stand es bei ihm fest, dass er zum Isenstein fahren und um die Stolze werben müsse. Im Kreis seiner Freunde gab er es bekannt: "Brunhild will ich gewinnen, daran setze ich mein Leben, und was man auch von ihrer Stärke spricht: die Frau möchte ich sehen, der ich es im Waffenkampf nicht zuvortue." Siegfried warnte: "Und hättet Ihr die Kraft von vier Männern, an Brunhild würdet Ihr zuschanden werden." Doch Gunther ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen: "Mag sie noch so stark sein, ich will es unverzagt wagen, und ich hoffe, es ist mir vergönnt, die Herrliche als Königin an den Rhein zu führen."

Da riet Hagen seinem Herrn: "So bittet doch Siegfried um seinen Beistand, er ist der Mann, Euch mit Rat und Tat am besten zu helfen." Gunther zögerte nicht, die Bitte zu tun, und Siegfried entgegnete: "Ich bin dazu bereit, wenn Ihr mir die Hand Eurer Schwester Kriemhild versprecht." Das sagte ihm Gunther sogleich zu, und mit Handschlag und Eid beschworen die beiden ihre Abmachung.

Nun ging es an die Vorbereitungen der gefahrvollen Reise. Siegfrieds Tarnkappe, die er dem Zwerg Alberich abgenommen hatte, durfte nicht fehlen. Dreißigtausend Ritter wollte Gunther zu der Fahrt aufbieten, aber Siegfried sprach sich dagegen aus: "Noch so viele Tausende vermögen nichts gegen Brunhild. Nach alter Recken Weise wollen wir ausziehen, wir beide und sonst niemand als Hagen und Dankwart, so werden tausend Kämpen (Kämpfer) uns nichts anhaben können." Doch riet er, die besten Gewänder und Waffen anzulegen, damit man vor Brunhilds Reichtum in Ehren bestehen könne.

Kriemhild übernahm es, mit dreißig ihrer Mägde kostbare Reisekleidung zu richten, und es wurde nicht gespart an arabischer Seide und Hermelinpelzen, an Goldborten und edlem Gestein. Und als alles aufs prächtigste bereit war, da lag auf dem Rhein schon das Schiff, das die Helden zum Isenstein im grauen Nordmeer tragen sollte. Bald füllte es sich mit Rüstzeug und Vorräten für die lange Reise, die Pferde wurden an Bord geschafft und das Segel gehisst: die Abschiedsstunde war da.

Tränen standen in den Augen Kriemhilds, als sie Siegfried die Hand reichte: "Meinen lieben Bruder empfehle ich Euch, Herr Siegfried. Schützt ihn vor Gefahren im fernen Land!" Siegfried versprach es ihr feierlich: "Mit meinem Leben stehe ich für ihn ein. Wohlbehalten bringe ich ihn zurück an den Rhein, darauf mögt Ihr fest vertrauen."

Der Wind stieß in das Segel, und die Fahrt begann. Gunther nahm selber ein Ruder zur Hand. Siegfried führte das Schiff, denn ihm war der Weg zum Isenstein bekannt. Von den Fenstern winkten die Frauen und Mägde den vier Fahrtgesellen nach, die der Strom rasch rheinabwärts davontrug. 

Am zwölften Morgen erhob sich vor ihnen aus dem Meer eine trutzige Felsenburg. Gunther bestaunte die hohen und starken Mauern und fragte nach dem Herrn der gewaltigen Feste und des Landes ringsum. "Das ist Brunhilds Burg, der Isenstein, und ihr gehört auch das Land", antwortete Siegfried. "Heute noch werden wir die Stolze und ihre Frauen sehen, und ich rate euch, ihr Freunde: gebt einmütig Gunther als unseren Lehensherrn aus, wenn sie euch fragt." Alle waren damit einverstanden. Nicht um Gunthers willen ließ Siegfried sich zu diesem Trug herbei, er tat es der schönen Kriemhild wegen, die er als sein Weib auf die Burg nach Xanten führen wollte. 

Viel edle Frauen zeigten sich in den Fenstern der Burg, ein gar liebliches Bild, als das Schiff am Ufer anlegte. "Welche dieser Jungfrauen würdet Ihr wählen, wenn es in Eurer Macht stände?" fragte Siegfried den König. "Diese dort oben im weißen Kleide", antwortete Gunther. "Da habt Ihr die rechte Wahl getroffen", sagte Siegfried, "es ist die edle Brunhild, nach der Euch Herz und Sinn steht."

Gunther und seine Begleiter stiegen an Land. Siegfried zog ein Ross am Zügel hinter sich und hielt dem König den Steigbügel, als dieser sich in den Sattel schwang. Dann erst holte er sein eigenes Pferd aus dem Schiff und saß auf. Brunhild und ihre Frauen schauten noch immer von den Fenstern aus zu.

Schneeweiß waren die Rosse, auf denen Gunther und Siegfried nun der Burg zuritten, und von gleicher Farbe war ihre Gewandung. Auf Rappen und in schwarzer Rüstung aber sprengten Hagen und Dankwart hinter ihnen her. Edles Gestein funkelte an Sätteln und Zaumzeug, und die Waffen blitzten in der Sonne. So ritten sie unter den Augen der Frauen durch das offene Tor in den Burghof ein.

Brunhilds Mannen eilten herbei, um ihnen die Rosse und die Waffen abzunehmen. Hagen wollte sein Schwert nicht aus der Hand geben, doch Siegfried riet es ihm an, das es in Brunhilds Burg so Sitte sei. Da legten alle ihre Waffen ab.

Brundhild fragte ihr Gesinde, wer die fremden Recken seien. Niemand hatte sie bisher gesehen, aber einer meinte: "Der stolze junge Held dort unten muss Siegfried von Niederland sein." Da glaubte Brunhild, Siegfried sei als Werber gekommen. Sie legte ihre prächtigsten  Kleider an und begab sich mit einem Geleit von mehr als hundert reichgeschmückten Frauen und fünfhundert Recken zu den Gästen. An Siegfried richtete sie zuerst ihren Gruß: "Seid willkommen in diesem Lande, Herr Siegfried! Sagt an, was führt Euch zum Isenstein?" --- "Ich danke für Euren huldvollen Gruß" erwiderte Siegfried, "aber diese Ehre steht als erstem meinem Herrn zu, dem König Gunther von Burgundenland, ich bin nur sein Lehensmann. Er ist gekommen, um Eure Hand zu werben."

"Verhält es sich so", entgegnete Brunhild, "so muss er mit mir kämpfen. Gewinnt er den Sieg, so werde ich sein Weib, verliert er aber, so geht es euch allen ans Leben!"

Da sprach Hagen von Tronje: "Sagt an, welche Kämpfe mein Herr zu bestehen hat. Wohl getraut er sich, einer Frau den Preis abzugewinnen."

"Den Stein muss er werfen, einen Sprung tun und den Speer werfen", entschied Brunhild, "aber habt es nicht gar so eilig, denn es gilt euer Leben!"

Siegfried sprach Gunther heimlich Mut zu, und dieser erwiderte zuversichtlich: "Und müsste ich noch mehr Proben bestehen, ich wäre ohne Zaudern dazu bereit, so viel liegt mir an Eurer Huld, edle Königstochter."

Da ließ Brunhild ihr Streitgewand bringen, einen goldenen Panzer und ein seidenes Waffenhemd, das kein Schwert und keine Lanze versehren konnte. Auch ihr Schild, mit Gold beschlagen und mit Edelsteinen geziert, wurde herbeigetragen. Vier Männer keuchten unter der gewaltigen Last, und drei Männer mussten den riesigen Wurfspeer mit dem mächtigen Schaft und der schweren Eisenspitze heranschaffen. Gar zwölf starke Männer aber waren nötig, den ungefügten Stein herbeizuschleppen, der im Wurf geschleudert werden sollte. Als Kampfplatz werde ein Kreis abgemessen, und wohl siebenhundert Recken umgaben auf Brunhilds Geheiß als Kampfzeugen das Rund. 

Den Burgunden entsank bei diesen Zurüstungen  der Mut. "Selbst der Teufel in der Hölle könnte es nicht aufnehmen mit diesem Weib", knurrte Hagen ingrimmig, als er die Waffen Brunhilds gewahrte, und Dankwart verwünschte laut die unselige Fahrt, die ihr aller Verderben werden musste. 

Inzwischen war Siegfried heimlich zum Schiff geeilt, hatte die Tarnkappe angelegt und kehrte nun unsichtbar auf das Kampffeld zurück. Eben wand Brunhild die Ärmel auf, nahm den Schild zur Hand und hob den gewaltigen Speer zum Zeichen, dass der Kampf beginnen sollte. Verstohlen berührte da Siegfried Gunthers Hand. Der erschrak, als er niemand in seiner Nähe erblickte, aber da vernahm er Siegfrieds leise Stimme: "Sei ohne Sorge, Gunther! Gib mir den Schild und höre, was ich dir sage: du hast nur die Gebärden zu machen, das übrige lass mein Werk sein!" Nie hatte Gunthers Ohr frohere Botschaft vernommen.

Da warf Brunhild den Speer mit solcher Macht, dass er des Königs Schild durchschlug und die Funken aus dem Stahl stoben. Die Männer sanken in die Knie, und aus Siegfrieds Mund brach das Blut. Aber sogleich war der Held wieder auf den Füßen, riss den Speer aus dem Schilde und warf ihn auf Brunhild, den Schaft voran, denn er wollte die schöne Streiterin nicht verletzen. Wieder lohten die Funken aus Schild und Panzerringen, und von der Wucht des Speerwurfes getroffen stürzte Brunhild zu Boden. 

Doch gleich war sie wieder auf und rief Gunther zu: "Dank für den Schuss, edler Ritter!" Denn sie glaubte, der König habe den mächtigen Wurf getan. Zornigen Mutes hub sie nun den Stein, den zwölf Männer herangetragen hatten, schwang ihn in der Hand und schleuderte in zwölf Klafter weit. dann tat sie in voller Rüstung den Sprung, und noch über den Stein hinaus trug sie ihre wundersame Kraft. 

Nun galt es für Gunther, sie im Wurf und Sprung zu übertreffen. Nie hätte er es ohne des Freundes Hilfe vermocht. Wohl hob er die Hand, aber Siegfried war es, der den Stein schleuderte, weit über Brunhilds Marke, und dann ergriff er Gunther und hob sich im Sprung mit ihm noch über die Stelle hinaus, wo der Stein niedergefallen war. Doch niemand sah ihn unter seiner Tarnkappe. Gunther allein, so schien es, hatte Wurf und Sprung getan. 

Roter Zorn wallte in Brunhild auf, als sie sich besiegt sah. Aber sie bezwang sich und rief ihre Mannen zusammen, dass sie Gunther als dem neuen Herrn im Isenland den Treueid leisteten. Da legten die Recken die Waffen nieder und beugten vor Gunther die Knie. Der König aber bot ihnen freundlichen Dank und reichte Brunhild die Hand. An ihrer Seite schritt er dem Rittersaal zu. 

Siegfried hatte inzwischen die Tarnkappe zum Schiff zurückgetragen und erschien nun unter den Rittern im Saal. "Weshalb geginnt denn der Kampf noch nicht?" fragte er listig den König Gunther. Brunhild hörte es und verwunderte sich sehr. "Habt Ihr denn nicht gesehen, Herr Siegfried, dass wir schon um den Sieg gestritten haben und König Gunther Meister geblieben ist?" Rasch kam da Hagens Antwort: "Herr Siegfried war während des Kampfes auf dem Schiff, so hat er noch keine Kunde von dem Sieg unseres Herrn." "Das freut mich", sprach Siegfried, "dass jemand Euren stolzen Sinn gebeugt hat, edle Königin. Nun müsst Ihr Eurem Meister an den Rhein folgen." Ungern vernahm Brunhild diese Worte. "Das will noch bedacht sein", antwortete sie, "meine Vettern und Lehensleute haben da mitzusprechen, wenn ich außer Landes gehen soll." Und sogleich sandte sie Boten aus, um die Großen des Landes zum Isenstein zu laden. 

Tag für Tag kamen nun die Herren zu Brunhilds Fest geritten. Hagen geriet darob in Sorge, er befürchtete eine Hinterlist der Königin. Auch diesmal wusste Siegfried Rat. Unter der Tarnkappe verborgen, fuhr er zu Schiff ins Nibelungenland und brachte nach wenigen Tagen tausend der tapfersten Recken in reisiger Wehr zum Isenstein. Brunhild staunte, als die Schiffe unter schneeweißen Segeln dem Land nahten, und wusste nicht, was das zu bedeuten habe. Da gab Gunther Auskunft: "Meine Heergesellen sind es, die ich unterwegs zurückließ. Siegfried führt sie nun herbei." 

Jetzt endlich war Brunhild bereit zur Fahrt an den Rhein. Dankwart teilte in ihrem Namen mit freigebiger Hand reiche Schätze an alle Gäste aus. Aber zwanzig Reiseschreine ließ sie selbst noch füllen, um im Burgungenland daraus zu spenden. Dann nahm sie Abschied von der Heimat, den Verwandten und Freunden. Zweitausend Ritter traten mit ihr die Reise an, dazu hundert Mägde und sechundachtzig edle Frauen. Auch die tausend Nibelungenrecken, die Siegfried herbeigeholt hatte, waren unter den Fahrtgesellen. Viel fröhliche Kurzweil gab es an Bord, als die Schiffe mit gutem Wind in See stachen.





Sonntag, 21. Juni 2015

Nibelungen Sage 8/28 | Wie Gunther und Siegfried Hochzeit hielten


Neun Tage lang fuhren sie über See, dann ritt Siegfried mit vierundzwanzig Recken auf schnellen Rossen den Schiffen voraus; er sollte die Kunde von der glücklichen Brautwerbung nach Worms bringen. Auf Hagens Rat hatte Gunther ihn darum gebeten, und so wenig ihm auch die Botenrolle zusagte: in Worms war Kriemhild, und da gab es für ihn kein Zögern.

Den Rhein entlang ging es auf jagenden Hufen, doch als die reisige Schar in der Burgundenstadt anlangte, erscholl Jammern und Klagen durch die Gassen. König Gunther war nicht unter den Recken, die da einritten, was mochte ihm zugestoßen sein? Auch Gernot und Giselher, die gleich herbeieilten, befürchteten schlimme Kunde. Siegfried zerstreute ihre Sorgen: "Um König Gunther steht es gut, bald wird er zu Schiff mit Frau Brunhild, seiner Braut, in Worms sein; ich reite ihm als Bote voraus."

Die gleiche frohe Nachricht brachte er ohne Säumen auch Frau Ute und Kriemhild, die sich um Gunther von Herzen gesorgt hatten. Mit Tränen in den Augen  dankte ihm Kriemhild: "All mein Gold möchte ich Euch als Botenlohn geben, Herr Siegfried, wenn Ihr nicht schon übergenug der Schätze hättet. So biete ich Euch denn immerdar meine Huld." Welch reicheren Lohn hätte sich Siegfried da noch wünschen mögen!

Nun wurden Burg und Stadt zum frohen Empfang des hohen Brautpaares und der zahlreichen Gäste aufs prächtigste gerüstet. Geschäftig eiferten die Mannen Gunthers miteinander, den Festplatz am Rhein mit Zelten und Gestühl stattlich herzurichten. Boten baten im ganzen Land die ritterlichen Herren und ihre Frauen zur Hochzeit, und bald zogen die Geladenen auf allen Wegen der in buntem Schmuck prangenden Königsstadt zu.

Als die Schiffe auf dem Strom herannahten, standen vielhundert Ritter und Frauen, gar festlich angetan, zum Empfang am Strand bereit. Auch Frau Ute und ihre Tochter waren auf reichgezäumten Pferden hinausgeritten. Siegfried hatte Kriemhilds Zelter vom Stadttor an am Zügel geführt, und Ortwin hatte Frau Ute geleitet. Kopf an Kopf drängte sich die frohgestimmte Menge.

Die Schiffe legten an, Gunther nahm Brunhilds Hand, und jubelnd begrüßt stiegen die beiden als erste an Land. Kriemhild ging ihnen entgegen, küsste Brunhild und bot ihr herzlichen Gruß: "Meiner Mutter und mir und all unseren Freunden sollt Ihr in diesem Land willkommen sein!" Auch Frau Ute schloss die Braut in die Arme und küsste sie. Alle Augen waren auf Brunhild gerichtet. Ihre Schönheit, von der allenthalben Wunder erzählt wurden, war ohne Makel. Nur eine aus dem Kreis der Frauen übertraf sie: das war Kriemhild, die in der blühenden Anmut ihrer Jugend neben ihr stand.

Zu Ehren der Königsbraut und der hohen Gäste wurde auf der Kampfbahn des Festplatzes am Rhein ein Turnier veranstaltet. Auf ihren Streitrossen ritten die reisigen Recken im Speerkampf gegeneinander. Welch ein Getümmel gab es da, wenn die Scharen zusammenstießen, wenn Lanzen brachen und Schilde splitterten, wenn Sättel leer wurden und Rosse sich bäumten! Immer wieder durchbrach Siegfried mit seinen Nibelungen die Reihen der Gegner. Ihm gebührte die Krone der Ritterschaft.

So ging der Tag dahin in der fröhlichen Lust und Kurzweil der Kampfspiele. Als die Dämmerung anbrach und es kühl vom Wasser herüberwehte, führten die Ritter die Frauen zu dem großen Saal in der Königsburg. Dort waren lange Tafeln köstlich gedeckt, und schöne Sitze standen für die Gäste bereit. In goldenen Becken reichten die Kämmerer das Wasser zum Händewaschen. 

Ehe das Mahl begann, trat Siegfried zu Gunther und sprach: "Die Hand Eurer Schwester habt Ihr mir mit Wort und Eid zugesichert, wenn Brunhild als Herrin in dieses Land käme. Nun ist es wohl Zeit, zu Eurem Wort zu stehen." Gunther erwiderte: "Es ist recht, dass Ihr mich mahnt. Mein Versprechen will ich halten, so gut ich es vermag." Sogleich ließ er Kriemhild herbeiholen und sagte zu ihr: "Einem edlen Recken habe ich dich versprochen, liebe Schwester, und nun steht es bei dir, ob ich mein Wort einlösen kann." Kriemhild brauchte sich nicht lange zu bedenken: der Recke, von dem Gunther sprach, war ihr wohlbekannt. So gab sie zur Antwort: "Lieber Bruder, deinen Wunsch will ich erfüllen und dem Mann angehören, den du mir bestimmt hast." Siegfried strahlte vor Glück, als er diese Worte vernahm.

Da ließ Gunther das Paar in den Kreis der Ritter treten und fragte seine Schwester, ob sie Siegfried zum Mann nehmen wolle. Errötend und ein wenig verschämt, wie es bei Mädchen zu sein pflegt, gab sie ihr Jawort. Wie stolz war Siegfried, als er nun seine Braut vor aller Augen umarmen durfte! Siegfried und Kriemhild erhielten bei Tisch den Ehrenplatz gegenüber Gunther und Brunhild. Da füllten Brunhilds Augen sich mit Tränen und als Gunther sie nach der Ursache ihres Kummers fragte, sagte sie: "Deiner Schwester Kriemhild wegen ist das Herz mir schwer. Einem Lehnsmann gibst du sie zur Frau, welche Schmach!" Gunther erwiderte: "Ohne Not weint Ihr, edle Frau. Siegfried hat selber Burgen und Land, er ist ein König wie ich, und Kriemhild an seiner Seite Königin." Doch Brunhild ließ seine Worte nicht gelten, trotzig verharrte sie den ganzen Abend in ihrem Unmut.

Als das Fest zu Ende war, führte Gunther Brunhild in die Kemenate. Da überkam der Groll sie so heftig, dass sie wieder die streitbare Kämpferin wurde, die sie auf dem Isenstein gewesen war. Sie rang mit Gunther, band ihn mit ihrem Gürtel an Händen und Füßen und hängte ihn an einen Nagel an der Wand. Die ganze Nacht musste er so gebunden da zubringen. Erst als der Morgen anbrach, löste sie ihn von seiner Fessel.

Nach der Messe im Münster, wo Gunther und Brunhild wie auch Siegfried und Kriemhild Krone und königliches Gewand empfingen, klagte Gunther insgeheim dem Helden von Niederland, wie es ihm in der Nacht ergangen war. Wiederum wusste Siegfried Trost und Hilfe. "Ich komme heute am Abend unter der Tarnkappe in deine Kammer", versprach er, "dann soll Brunhild ihr trotziger Mut vergehen."

So geschah es denn auch. Wieder wollte Brunhild das Spiel der vergangenen Nacht beginnen, aber diesmal hatte sie es mit Siegfried zu tun, der unter seiner Wunderkappe verborgen war. Wie grimmig sie sich auch wehrte, der Held bezwang sie mit seiner gewaltigen Kraft. Da ergab sie sich und versprach: "Nie will ich mich wieder gegen dich auflehnen, König Gunther. Ich habe es nun erfahren, dass du der Herr und Meister bist." Siegfried zog ihr heimlich einen goldenen Ring vom Finger und nahm auch ihren Gürtel an sich. Dann verließ er unbemerkt die Kammer.

Brunhild aber hielt ihr Wort. Als Königin nahm sie ihren Platz an König Gunthers Seite ein, und mit ihrem Trotz war auch ihre frühere Stärke nun für immer dahin. Ring und Gürtel schenkte Siegfried später Kriemhild und erzählte ihr, wie er zu beiden gekommen war. Das aber sollte Unheil und Verderben über ihn selbst und manch wackeren Recken bringen.





Donnerstag, 18. Juni 2015

Nibelungen Sage 11/28 | Wie die Königinnen in Streit gerieten


Die beiden Königinnen saßen beisammen und sahen den ritterlichen Spielen im Burghof zu. Stolz blickten sie auf ihre Männer, die sich durch Kraft und Kühnheit vor allen anderen hervortaten, und Kriemhild sagte: "Sieh nur, wie Siegfried der Herrlichste unter allen Recken ist! Ihm müssten all diese Lande hier untertan sein." --- "Ja", entgegnete unwillig Brunhild, "wenn Gunther nicht wäre! Er ist hier der Herr, und er geht als König Siegfried voran." Das wollte Kriemhild nicht zugeben. "Nein", wandte sie ein, "so mächtig und berühmt ist Siegfried, dass er Gunther durchaus ebenbürtig ist."  Hochmütig erwiderte Brunhild: "Als dein Bruder auf dem Isenstein um mich warb, sagte Siegfried selbst, er sei Gunthers Lehnsmann; ich erinnere mich noch ganz genau seiner Worte."

Da begehrte Kriemhild auf: "Nie hätten meine Brüder mich einem Eigenmanne gegeben! Ich bitte dich sehr, solche Worte in Zukunft zu lassen!" Doch Brunhild gab nicht nach in ihrem stolzen Sinn. "Keineswegs lass ich sie" erwiderte sie, "ebenso wenig wie ich verzichten will auf die Dienste der Männer, die uns lehnspflichtig sind." "Auf Siegfrieds Dienste wirst du wohl immer verzichten müssen", gab Kriemhild zornig zurück, "er ist der Erste der Helden, weit vor Gunther, meinem Bruder. Im Übrigen aber wundert es mich, dass er euch zehn Jahre lang nicht dienstbar war, wenn er doch, wie du sagst, euer Lehnsmann ist."

"Überhebe dich nur mit Worten", höhnte Brunhild, "wer von uns beiden den Vorrang hat, das wird sich ja erweisen!"

"Gewiss, heute noch beim Kirchgang wird es sich zeigen!" entgegnete Kriemhild mit zornfunkelndem Blick. In feindlichem Groll schieden die Königinnen voneinander.

Kriemhild liess ihre Frauen die kostbarsten Gewänder und den reichsten Schmuck anlegen. Dann ging sie an ihrer Spitze in königlicher Pracht zur Kirche. An den Stufen des Münsters stand bereits mit ihren Begleiterinnen Brunhild. Hochmütig herrschte sie die Schwägerin an, als diese vorüberschreiten wollte: "Nichts da! Eine Eigenholdin soll nie vor der Königin gehen!" Da loderte Kriemhilds Zorn auf: "Hättest du doch geschwiegen! Jetzt sollst du vor allem Volke hören, was ich seit langem weiß: nicht Gunther hat dich bezwungen, Siegfried war es, der dir zum Herrn und Meister wurde und deinen hochfahrenden Sinn beugte. Willst du ihn und mich jetzt noch deine Eigenholden nennen?"

Tränen stürzten aus Brunhilds Augen, als sie diese Worte vernahm. "Das will ich Gunther sagen!" klagte sie laut.

"Tue es nur", erwiderte Kriemhild, "unsere Freundschaft hat ohnehin ein Ende", und stolzen Schrittes betrat sie mit ihren Frauen vor der Burgundenkönigin das Münster.

Wie lang währten Brunhild diesmal Gesang und Gebete! Nach der Messe wartete sie inmitten ihres Gefolges auf dem Münsterplatz. Kriemhild sollte ihr Rede und Antwort stehen, und hatte Siegfried sich wirklich solcher Tat gerühmt, so konnte es für ihn nur den Tod geben.

Als Kriemhild durch das hohe Portal des Münsters schritt, trat Brunhild ihr entgegen und forderte sie auf, stehen zu bleiben. "Wo sind die Beweise für die bösen Worte, die ich eben von Euch hören musste?" fragte sie mit kalter Stimme. Da wies Kriemhild ihr Ring und Gürtel, die sie einst von Siegfried erhalten hatte, und sprach: "Da habt Ihr die Beweise, die Ihr fordert! Kennt Ihr diesen Ring und diesen Gürtel noch? Siegfried nahm sie Euch in der Nacht, da er Euch bezwang!"

Weinend wandte Brunhild sich ab und ließ Gunther herbeirufen. "In Schimpf und Schande hat mich deine Schwester gestürzt", klagte sie ihm. "Meinen Ring und Gürtel zeigte sie mir zum Zeichen, dass Siegfried mich bezwungen habe. Nimmst du diese Schmach nicht von mir, so kann ich nicht länger mehr hier Königin sein."

Sogleich ließ der König Siegfried kommen und erzählte ihm von dem Streit der beiden Königinnen. "Dass es so weit gekommen ist, tut mir von Herzen leid", sprach Siegfried, "und ich schäme mich der übermütigen Worte, mit denen Kriemhild dein Weib gekränkt hat. Halten wir doch die Frauen an, dass sie in Zukunft alle heftigen Reden lassen!"

Damit schien ihm die Sache abgetan, und auch Gunther wusste keinen besseren Rat.  





Montag, 1. Juni 2015

Nibelungen Sage 28/28 | Wie Gunther, Hagen und Kriemhild endeten

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Da ging Herr Dietrich selbst zur Rüstkammer und waffnete sich. Hildebrand half ihm die Brünne anlegen und reichte ihm Schwert und Schild. Dann geleitete er seinen Herrn zum Saal der Burgunden.

Gunther und Hagen sahen die beiden kommen. "Da naht der Berner", sagte der Tronjer, "nun wird es sich erweisen, wer der Beste im Kampf ist. Ich getraue mir wohl, ihn zu bestehen."

Der Gotenkönig trat heran und stieß den Schild auf. "Meine Mannen habt ihr erschlagen. Jetzt fordere ich als Sühne, dass ihr euch als Geiseln in meine Hand begebt. Kein Hunne wird dann Gewalt über euch haben."

"Das wird nicht geschehen", antwortete sogleich Hagen, "nie soll man von den Burgunden sagen, dass sie sich mit dem Schwert in der Hand feige ergeben haben."

Kein Zureden Dietrichs und Hildebrands half. Stolz lehnten die beiden Burgundenrecken sogar sicheres Geleit in die Heimat ab, das der Gotenkönig ihnen bot. Wieder mussten die Waffen entscheiden, zum letzten Mal.

Der Berner nahm den Schild hoch und drang auf Hagen ein. Balmung, das Nibelungenschwert, blieb nicht müßig in des Tronjers Hand. Dicht schmetterten seine Hiebe auf des Gegners Schild und Helm, doch was vermochte ein müder Arm gegen die gewaltige und frische Kraft des Gotenhelden? Dietrich schlug dem Burgunden eine tiefe Wunde. Dann ließ er den Schild fallen, sprang auf den Wankenden zu und rang mit ihm, bis der Tronjer gebunden in seiner Hand lag. So führte er ihn vor Kriemhild, deren Augen aufleuchteten in grimmiger Freude. Wie hatte sie diesen Augenblick ersehnt!

Bald stand auch Gunther, der letzte der Burgunden, von Dietrich in hartem Kampf bezwungen, gebunden vor der Königin. Spottend grüßte sie ihn: "Seid mir willkommen, König Gunther! Wie freue ich mich, Euch hier vor mir zu sehen!"

Da bat Dietrich für die Gefangenen: "So edle Helden habt Ihr noch nie als Geiseln gehabt, Frau Königin. Schont ihr Leben, ich bitte Euch in alter Freundschaft."

"Gern tue ich, was ich vermag", erwiderte kalt Kriemhild und ließ die beiden gesondert in den Kerker führen. Traurig wandte der Berner sich ab. Er ahnte, dass die Königin schreckliche Rache sann.

Nicht lange währte es, da trat Kriemhild in Hagens Kerker. In unverhohlener Feindseligkeit sprach sie: "Wenn Ihr mir den Nibelungenhort zurückgebt, Hagen von Tronje, so sollt Ihr das Leben behalten und an den Rhein zurückkehren dürfen."

Verächtlich erwiderte Hagen: "Das sind müßige Worte! Mein Eid bindet mich. So lange einer meiner Herren lebt, darf ich den Ort nicht nennen, wo der Hort verborgen ist."

Da fasste Kriemhild einen furchtbaren Entschluss. Sie ließ ihrem Bruder das Haupt abschlagen und trug es selbst an den Haaren in Hagens Kerker. In wildem Grimm lachte der Tronjer auf, als er das blutige Haupt seines Herrn erblickte, und voll Hohn schleuderte der Kriemhild die Worte entgegen: "So habe ich es mir gedacht: Giselher und Gernot sind tot, und nun ist auch Gunther nicht mehr! Jetzt weiß niemand als Gott und ich allein um den Hort. Dir, du Teufelin, soll er nun für immer verborgen sein!"

"So bleibt mir denn nichts als Siegfrieds Schwert", rief sie in wildem Hass, riss Balmung von des Tronjers Seite und trennte ihm mit einem einzigen Hieb den Kopf vom Rumpf.

Entsetzen ergriff die beiden Berner ob der grausigen Tat. Selbst König Etzel klagte: "Da liegt er, in Fesseln erschlagen, der Erste aller Recken! So feind ich ihm war, solches Ende geht mir nahe!" Und der alte Hildebrand rief: "Er brachte mich in große Not, der schreckliche Tronjer, aber seinen schimpflichen Tod will ich doch rächen!" In grimmigem Zorn griff er nach seinem Schwert und streckte Kriemhild tot neben Hagen hin.

Da lagen sie beide in ihrem Blut, die einander tödlichen Hass im Herzen getragen hatten, und tot lagen sie alle, die herrlichen Helden, die in König Etzels Saal beisammen gesessen hatten: die Burgundenfürsten, die kühnen Streiter Iring und Irnfried, Wolfhart, der junge Degen, und der edle Rüdiger von Bechlaren, und mit ihnen lagen da die Scharen ihrer Getreuen.

So endete in Jammer und Leid das Sonnwendfest im Hunnenland.










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