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Samstag, 13. Juni 2015

Nibelungen Sage 16/28 | Wie König Etzel um Kriemhild warb


Dreizehn Jahre schon weilte Kriemhild in Lorsch, da war im Land der Hunnen Frau Helche, die Gemahlin König Etzels, gestorben, und der Hunnenkönig dachte daran, sich aufs neue zu vermählen. Seine Ratgeber schlugen ihm Kriemhild vor, die Witwe Siegfrieds, die in allen Ländern als die edelste der Frauen gerühmt wurde. 

Etzel wandte ein: "Wie könnte das sein? Ich bin Heide, und sie ist Christin, nie wird sie mir ihre Hand geben." Doch die Ratgeber meinten: "Vielleicht ist sie Eures großen Namens und Eurer Macht wegen doch bereit, Königin im Hunnenland zu werden."

Da fragte Etzel, ob jemand unter ihnen die Burgunden am Rhein, ihr Land und ihre Fürsten kenne. Markgraf Rüdiger von Bechlaren antwortete: "Seit ihrer Kindheit sind mir König Gunther, seine Brüder und seine Schwester bekannt, und von Kriemhild lässt sich wohl sagen, dass es keine schönere und edlere Fürstin in der ganzen Welt gibt, seit Frau Helche nicht mehr lebt. Keine ist würdiger als sie, Königin im Hunnenland zu werden."

Wie hätte Etzel da noch zaudern können? Er gab Rüdiger den Auftrag, ins Burgundenland zu reiten und um Kriemhild zu werben, und er versprach ihm reichen Lohn, wenn die Brautfahrt gelinge.

Mit fünfhundert Rittern in reicher Waffenrüstung brach Markgraf Rüdiger auf, nachdem er in Bechlaren Abschied genommen hatte von seiner Frau Gotelind und seiner Tochter, und ritt durch Bayern an den Rhein. Nach zwölf Tagen kam er mit seiner reisigen Schar und den Saumrossen, die kostbare Geschenke trugen, in Worms an. Man staunte die fremden Gäste an, und Hagen erkannte an ihrer Spitze den Markgrafen Rüdiger, den er seit langem nicht mehr gesehen hatte. König Gunther wunderte sich, dass Recken aus dem fernen Hunnenland an den Rhein kamen, aber schon waren Hagen und Ortwin ihnen entgegengeeilt, und der Tronjer begrüßte freudig seinen alten Freund Rüdiger: "Seid uns willkommen, Vogt von Bechlaren, mit Euren tapferen Hunnendegen!"

König Gunther erhob sich, als die Boten Etzels in den Saal traten, reichte dem Markgrafen die Hand und geleitete ihn auf den Ehrensitz. Vom besten Met und Wein ließ er den Gästen den Willkommentrunk schenken, und dann fragte er den Markgrafen, wie es König Etzel und Königin Helche im Hunnenland ergehe. 

Auf diese Frage erhob sich Rüdiger mit seinem ganzen Gefolge und sprach: "König Etzel, mein Herr, entbietet Euch und allen Burgunden Gruß und Freundschaft. Großes Leid hat ihn und sein Volk getroffen: die edle Königin Helche ist tot, ihre Kinder sind verwaist. Nun hat mein Herr mich zu Euch gesandt um die Hand Kriemhilds, Eurer Schwester. Ihr bietet er die Krone des Hunnenlandes."

"Ich will meiner Schwester Nachricht geben", erwiderte Gunther. "Wenn sie einwilligt, habe ich nichts gegen König Etzels Werbung. In drei Tagen sollt Ihr Antwort haben."

Als der Markgraf mit seinem Geleit gegangen war, befragte König Gunther seine Getreuen, ob man Kriemhild zu den Hunnen ziehen lassen solle. Niemand war dagegen als Hagen, der den König warnend mahnte: "Lasst sie  nicht zu den Hunnen! Etzels Macht ist groß, und es könnte uns bitter gereuen, wenn Kriemhild neben ihm Königin würde."

Der junge Giselher hielt ihm entgegen: "Ihr habt meiner Schwester solches Leid zugefügt, Freund Hagen, dass es Euch nunmehr wohl anstände, ihr Treue und guten Willen zu bezeigen." Auch seine beiden Brüder dachten so, und Gernot sagte: "Selbst wenn Kriemhild auf Vergeltung sänne, was möchte sie uns im Hunnenland anhaben? Nie kommen wir dorthin!"

Der Tronjer beharrte auf seiner Warnung, doch die Brüder blieben diesmal fest: ihre Schwester allein sollte die Entscheidung haben. Markgraf Gere überbrachte ihr die Nachricht von Etzels Werbung. "Gott verhüte es, dass Ihr Spott treibt mit mir Armen! Wie könnte ich noch einmal einem Manne gehören?" rief sie in heftigem Schmerz aus. Erst als Gernot und Giselher ihr zuredeten, willigte sie ein, Rüdiger zu empfangen. 

Am nächsten Morgen fand sich Markgraf Rüdiger bei ihr ein. In Trauerkleidung saß sie inmitten ihrer Frauen und ließ sich die Botschaft Etzels ausrichten. Dann antwortete sie: "Markgraf Rüdiger, wer mein Leid kennt, der möchte mir wohl nicht zu neuem Ehebund raten. Ich verlor den Besten der Männer."

"Nichts tröstet mehr im Leid als herzliche Liebe", entgegnete Rüdiger, "und bedenkt auch, edle Frau, dass mein Herr Euch zwölf Kronen bietet und Dreißig Reiche, die er bezwungen hat und darüber Ihr nun Macht haben sollt."

"Was kann mir das bedeuten nach all dem Jammer, den Siegfrieds Tod über mich gebracht hat? Doch bitte ich Euch, mir Bedenkzeit zu geben bis morgen früh, dann sollt Ihr meine Antwort haben", entschied Kriemhild.

Ohne Schlaf und in Tränen lag sie die ganze Nacht. Wie sollte sie je ihren Kummer vergessen? Wie sollte sie je wieder frohen Herzens zu Hofe gehen? Früh am Morgen erschienen die Brüder und rieten ihr, die Werbung Etzels anzunehmen. Auch Frau Ute redete ihr zu. Aber als Markgraf Rüdiger kam, um ihre Antwort zu holen, war sie entschlossen, den Antrag des Hunnenkönigs abzulehnen. "Nie wieder will ich an der Seite eines Mannes leben", beschied sie ihn.

Da machte Rüdiger einen letzten Versuch, ihr Jawort zu erhalten. "Lasst Euer Weinen, edle Frau", sagte er, "ich und meine Mannen stehen mit unserem Leben dafür, dass all Euer Leid vergolten wird an denen, die es Euch zufügten. Und viele tausende von Recken hat König Etzel, die wie wir bis in den Tod für Euch eintreten."

Kriemhild horchte auf, als sie diese Worte vernahm. Es kam ihr der Gedanke, dass sich hier eine Gelegenheit bot, die Meintat an Siegfried zu rächen, und sie ließ sich von dem Markgrafen ungedingte Treue geloben. Um diesen Preis willigte sie ein, die Gemahlin König Etzels zu werden. 








Freitag, 12. Juni 2015

Nibelungen Sage 17/28 | Wie Kriemhild ins Hunnenland fuhr


Kriemhild rüstete nun zu der weiten Reise ins Hunnenland. In ihren Truhen hatte sie noch einen Rest des Nibelungengoldes. Diesen Schatz  wollte sie mitnehmen, um den Hunnen davon zu spenden. Aber auch dieses letzte Gold nahm ihr Hagen, da er argwöhnte, sie wolle ihm zum Schaden mit freigebiger Hand Anhänger werben in der neuen Heimat. Wieder begehrte sie voll Unmut auf, doch Rüdiger tröstete sie heiteren Sinnes: "Weshalb klagt Ihr, edle Herrin, um Eure Schatztruhen? Bei König Etzel findet Ihr so viel Gold, dass Ihr Euer ganzes Leben lang mit vollen Händen davon austeilen könnt."

Ehe Kriemhild aus der Heimat schied, ließ sie noch Seelenmessen lesen für Siegfried. Dann brach sie auf mit Rüdiger und dem getreuen Markgrafen Eckewart, der seit langem in ihren Diensten stand und sich nun erboten hatte, ihr mit fünfhundert Recken ins Hunnenland zu folgen. König Gunther geleitete die scheidende Schwester bis vor die Stadt, Gernot und Giselher aber ritten mit stattlichem Gefolge mit bis zur Donau. Schnelle Boten eilten voraus, um dem König Etzel die frohe Kunde vom Nahen Kriemhilds zu bringen. 

An der Donau kehrten die Brüder um. "Was immer kommen mag, liebe Schwester, meiner Hilfe kannst du stets gewiss sein", versprach Giselher, als er Kriemhild zum Abschied küsste. Durch das Bayernland ging nun die Reise nach Passau, wo Bischof Pilgrim, Frau Utes Bruder, die Gäste freundlich aufnahm, und von dort weiter gen Bechlaren, Rüdigers feste Burg. Mit herzlicher Freude empfingen Frau Gotelind und ihre Tochter Dietlinde die neue Herrin, und frohe Stunden verlebten sie miteinander im festlichen Saal, an dem unten die Donau mächtig vorbeiströmte. Gerne wäre Kriemhild noch länger in Bechlaren geblieben. Zwölf goldene Armspangen schenkte sie zum Abschied der lieblichen Dietlinde, die ihr Herz gewonnen hatte. 

Mit königlichem Gefolge hatte Etzel sich sogleich aufgemacht, als Rüdigers Boten bei ihm eintrafen. Vierundzwanzig Fürsten, darunter sein Bruder Blödel, der kühne Hawart und der schnelle Iring vom Dänenland, Irnfried von Thüringen und der ruhmreiche Dietrich von Bern, und noch Tausende von glänzenden Recken ritten mit ihm, um der neuen Königin zu huldigen. 

Bei Tulln im Donautal trafen sie auf Kriemhild und ihr Geleit. Etzel stieg vom Pferd und grüßte mit edlem Anstand die schöne Braut. Auch die Fürsten kamen zur Begrüßung herbei und empfingen den Dank Kriemhilds. Dann wurden Zelte zur Rast aufgeschlagen und ritterliche Kampfspiele ausgetragen, denen die Frauen zuschauten. Vor allen andern zeichneten sich dabei die jungen Recken des Bernes aus. 

Am nächsten Tag ging es weiter nach Wien, und dort wurde mit königlicher Pracht die Hochzeit des Hunnenkönigs und der Burgundenfürstin gefeiert. Pfingsten begann das Fest, und siebzehn Tage lang dauerte es. Ritterspiele und Lustbarkeiten aller Art folgten einander in buntem Reigen, und nie gab es reichere Geschenke für die Gäste und die Spielleute. Nicht nur Etzel und Kriemhild ließen die Schatztruhen auftun, auch die anderen Fürsten und der Markgraf Rüdiger wetteiferten miteinander an Freigebigkeit. Es war die glanzvollste Hochzeit, die je ein Königspaar beging, und Kriemhild gestand sich, dass sie nie so viel tapfere Recken beisammen gesehen hatte, die ihr dienstbar waren. 

Am achtzehnten Morgen ging die Fahrt weiter, dem Hunnenland zu. Schiffe trugen das königliche Paar und sein Geleit die Donau hinunter bis Etzelnburg, der Hauptstadt des Hunnenreiches. Dort waltete Kriemhild fortan an Frau Helches Statt, und alle, die ihr dienten, rühmten laut ihren hohen Sinn und ihre milde Hand. 






Donnerstag, 11. Juni 2015

Nibelungen Sage 18/28 | Wie Kriemhild auf Rache sann


Dreizehn Jahre schon lebte Kriemhild nun an der Seite König Etzels. Ein Sohn war ihnen geboren worden, der in der Taufe den Namen Ortlieb erhalten hatte. Nichts trübte das Glück und die Eintracht am Königshof. Zwölf Fürsten waren dem Herrscherpaar dienstbar, und Kriemhild sah zu ihrer Freude, dass alle Recken im Hunnenreich ihr mit Leib und Leben ergeben waren. Aber in allem Glanz konnte sie das Leid nicht vergessen, das Hagen ihr angetan hatte. "Hätte ich ihn nur hier im Land", wünschte sie Tag und Nacht, "wie sollte ihn da meine Rache treffen!" Auch an alle im fernen Burgundenland, die ihr teuer waren, an Frau Ute, Gernot und Giselher, dachte sie oft, und es kam sie die Sehnsucht an, ihre Lieben wiederzusehen. 

So bat sie eines Tages König Etzel: "Wenn Ihr mir eine Freude machen wollt, so ladet meine Brüder und ihre Freunde zu Worms an Euren Hof! So lange schon lebe ich bei Euch, und noch nie hat mich jemand aus der Heimat besucht, davon ist mir das Herz schwer." Dass vor allem aber die Rache an Hagen, dem Todfeind, ihr im Sinn lag, sagte sie nicht. 

Etzel nahm ihre Bitte freundlich auf: "Auch mir macht es Kummer, dass die Verwandten am Rhein uns schon so viele Jahre fern sind. Ich will Werbel und Schwemmel, meine beiden Spielleute, nach Worms senden und Eure Brüder mit ihren Getreuen zur Sonnwendfeier nach Etzelnburg laden."

Das war eine frohe Stunde für Kriemhild, als die Boten sich auf den Weg machten! Für Gernot und Giselher gab sie die herzlichsten Grüße mit und bat sie, all ihre Freunde mitzubringen ins Hunnenland. Hagen werde ihnen gewiss ein zuverlässiger Wegführer sein!

Nach zwölf Tagen trafen Werbel und Schwemmel in Worms ein und wurden aufs beste aufgenommen. Sie trugen Gunther ihre Botschaft vor, und dieser nahm sich eine Woche Bedenkzeit, um mit seinen Brüdern und Freunden zu beraten. 

Die meisten Burgunden freuten sich über die Einladung Etzels und waren gern zu der Reise an den Hunnenhof bereit, Hagen von Tronje aber erhob warnend seine Stimme und widerriet dem König: "Ihr habt doch wohl nicht vergessen, was Eure Schwester hier am Rhein geschehen ist? Seit ich ihr den Mann erschlug, sinnt sie auf Rache, und da wollt Ihr zu der Unholden ins Hunnenland reisen? Glaubt nicht den trügerischen Worten der Hunnenboten: es gilt uns der sichere Tod!"

"Du siehst zu schwarz, Freund Hagen", erwiderte Gunther, "längst hat Kriemhild uns verziehen. Mit freundlichem Sinn nahm sie damals Abschied, als sie zu Etzel fuhr." Auch Gernot wandte sich gegen Hagen: "Vielleicht mögt Ihr aus guten Gründen Böses von Kriemhild fürchten, uns aber stände es übel an, wenn wir die Einladung ausschlügen." Giselher riet dazu Hagen mit scharfem Spott: "Wenn Ihr Euch des Lebens nicht sicher fühlt in Kriemhilds Land, Herr Hagen, so bleibt doch hier am Rhein und lasst uns allein die Reise tun!"

Da brauste der Tronjer auf in grimmigem Zorn: "Nie hat man mir Feigheit nachgesagt! Wenn ihr zu der Fahrt entschlossen seid, so wisst denn, dass ich mit euch reiten werde. Doch rate ich euch, die Waffen nicht daheim zu lassen und tausend der besten Recken mit auf den Weg zu nehmen."

Der Rat schien Gunther gut, und sogleich sandte er Boten im Land umher, die tapfersten Degen aufzubieten. Da wurden die Rüstungen angelegt und die Rosse gesattelt, und von allen Burgen zogen sie herbei, und auch Volker, der kühne Spielmann, stellte sich mit dreißig seiner Mannen ein. Von den übrigen wählte Hagen tausend der bewährtesten Streiter aus.

Unterdessen warteten die Hunnenboten mit Ungeduld auf Gunthers Bescheid. Hagen riet seinem Herrn, sie möglichst lange hinzuhalten, damit sie Etzel und Kriemhild nicht zu früh die Nachricht von der Ankunft der Gäste bringen könnten. Erst sieben Tage vor dem Aufbruch der Burgunden durften sie sich auf den Heimweg machen. Eifrig spornten sie ihre Rosse und ritten über Passau und Bechlaren, wo sie dem Bischof Pilgrim und dem Markgrafen Rüdiger die frohe Kunde mitteilten. 

Groß war die Freude Etzels, als er vernahm, dass die Fürsten vom Rhein mit ihren Recken schon so bald schon eintreffen sollten. Kriemhild gab den beiden Spielleuten reichen Botenlohn und fragte sie, wie Hagen die Einladung aufgenommen habe. 

"Heftig hat er die Fahrt widerraten und sie eine Todesreise genannt", ward ihr zur Antwort, "aber dennoch kommt er mit Euren Brüdern, und auch Volker, der kühne Fiedler, ist mit dabei."

"Auf Volker wollte ich gerne verzichten", sagte sie fröhlichen Sinnes, "aber auf Hagen freue ich mich, ihm bin ich besonders gewogen!"






Mittwoch, 10. Juni 2015

Nibelungen Sage 19/28 | Wie die Burgunden zu den Hunnen fuhren


Mehr als tausend Ritter und neuntausend Knechte standen in Worms zur Fahrt an Etzels Hof bereit. Da träumte Frau Ute, alle Vögel lägen tot im Land, und sie riet, die Reise zu lassen. Doch Hagen antwortete: "Wer sich an Träume hält, geht leicht fehl. Unserer Ehre wegen können wir jetzt nicht mehr zurück." Vorher hatte er wohl anders gesprochen, aber als Gernot spottete: "Hagen scheut die Fahrt, weil er an Siegfried denkt", da blieb ihm keine andere Wahl.

Gunther übertrug dem wackeren Rumhold die Sorge für seine Getreuen als Vogt, damit Frauen und Kinder in guter Hut seien. Dann riefen die Hörner zum Aufbruch, die Fähnlein wurden erhoben, und frohen Mutes ging es zu Schiff über den Rhein. Drüben standen die Rosse schon gesattelt, und nicht lange währte der Abschied von den Frauen, die mit den Scheidenden über den Strom gefahren waren. Brunhild weinte, und mit ihr so manche, die dem reisigen Zug nachschaute. Nie sollten sie die hochgemuten Recken wiedersehen! 

In zwölf Tagen führte Hagen die Schar durch das Frankenland bis an die Donau. Der Strom war über die Ufer getreten und weit und breit kein Fährmann zu sehen. Da machte sich Hagen auf die Suche. Ein Schiff fand er nicht, wohl aber führte das Rauschen eines Gießbaches ihn zu einer Stelle, wo zwei Meerfrauen in der kühlen Flut badeten. Als sie den Fremden gewahrten, flüchteten sie erschreckt in den Strom hinaus und ließen ihre Kleider am Strand zurück. Der Tronjer wollte die Schwanenhemden als gute Beute davontragen, da rief ihm eine der Frauen zu: "Gebt Ihr uns das Gewand zurück, edler Herr, so sollt Ihr wissen, wie es Euch auf der Reise ins Hunnenland ergeht."

Wie zwei Wundervögel schwebten sie auf der Flut, und Hagen glaubte ihnen, dass sie mit Zauberkraft die Zukunft zu enthüllen vermöchten. So versprach er, nach ihrem Wunsch zu tun, und erhielt den Bescheid: "Guten Mutes mögt ihr in Etzels Land reiten. Nie gingen Helden so großen Ehren entgegen, wie sie euch allen am Hunnenhof zuteil werden."

Erfreut gab Hagen ihnen die Gewänder zurück. Kaum hatten sie aber die Schwanenhemden übergestreift, da ließ sich die andere Meerfrau vernehmen: "Ich will dich warnen, Hagen! Der Kleider wegen hat meine Muhme dich getäuscht. Tod und Verderben erwarten euch im Hunnenland. Nur des Königs Kaplan wird die Heimat wiedersehen, wenn ihr nicht umkehrt. Noch ist dazu Zeit, ich rate es euch gut!"

In grimmigem Zorn erwiderte Hagen: "Verhöhnen würde man mich, wenn ich meinen Herren und allen Gefährten den Tod an Etzels Hof kündete! Sag mir lieber, wie wir über das Wasser kommen!"

"Drüben am anderen Ufer, eine Strecke flußaufwärts, wohnt der einzige Fährmann", beschied sie ihn, "ihn musst du rufen, wenn ihr nicht lassen wollt von der Reise; aber bitte ihn freundlich und versprich ihm guten Lohn, denn er ist Gelfrats Mann, des Herrn im Bayernland, und dessen Bruders Else, und er ist ein gar ungefüger Geselle."

Hagen rief ihr Dank zu und schritt das Ufer entlang, bis er drüben das Fährhaus erblickte. Mit dem Schwert hub er eine Goldspange hoch und ließ laut die Stimme über das Wasser schallen: "Hol über, Ferge! Reichen Lohn biete ich dir!" Da ließ der Fährmann das Boot vom Strand und kam herüber. Doch als er den fremden Recken erblickte, wurde ihm die Sache leid, und er verweigerte die Überfahrt. "Viel Feinde hat mein Herr, und kein Fremder darf in sein Land", fuhr er den Tronjer an, der sogleich den Fuß an Bord gesetzt hatte, und forderte ihn auf, wieder auszusteigen. Das war jedoch nicht nach Hagens Sinn, und auf der Stelle kam es zum Streit zwischen den beiden. Ingrimmig schlug der Fährmann seine Ruderstange auf Hagens Haupt, dass sie zersprang, aber da zog der Tronjer sein Schwert, fällte den Tobenden mit tödlichem Streich und stieß den Leichnam in die Wogen. Mit dem Schildriemen band er dann die zerbrochene Ruderstange wieder zusammen und lenkte das Boot stromab zu den Gefährten, die am Strand auf ihn warteten.

Den ganzen Tag über war er nun selbst als Fährmann tätig und brachte die Ritter und ihre Waffen sicher über die Flut, während die Rosse nebenher schwammen. Hin und her ging die Wasserfahrt, bis er plötzlich den Kaplan König Gunthers im Schiff bemerkte. Da kamen ihm die Worte der Meerfrau in den Sinn, und ehe jemand ihn zurückhalten konnte, hatte er den erschrockenen Priester über Bord gestürzt. Den Tod hatte der grimme Tronjer dem Unglücklichen zugedacht, um die Weissagung der Meerfrau zuschanden zu machen, und unbarmherzig stieß er ihn wieder ins Wasser zurück, als er nach der rettenden Planke griff. Da wandte der Kaplan sich um und erreichte schwimmend glücklich das Ufer, das er eben verlassen hatte. Nun wusste Hagen, welches Schicksal ihn und die Burgungen im Hunnenland erwartete. Keine Rückkehr gab es mehr!

Daher zerschlug er, als alle drüben waren, das Boot und ließ die Stücke davontreiben. Verwundert fragten ihn die Gefährten, was ihn dazu treibe. "Sollte ein Feigling unter uns sein, so mag er sehen, dass er uns nicht mehr im Stich lassen und heimlich nach Hause entweichen kann", entgegnete finster der Tronjer und stieß die letzte Planke in die Flut.

Auf dem Weg durch das Bayernland hatten sie noch ein weiteres Abenteuer zu bestehen. Hagen hatte es vorausgesehen, als er den Fährmann erschlug. Deshalb ließ er Volker den Vortrab führen und übernahm selber mit seinem Bruder Dankwart die Nachhut. Die erprobten Recken von Tronje ritten mit ihnen. Am Abend vernahmen sie hinter sich und zu beiden Seiten der Straße Hufschlag. Da ließ Dankwart die Helme aufbinden, und Hagen rief durch das Dunkel: "Wer reitet da auf der Straße hinter uns her?"

Es war, wie der Tronjer erwartet hatte, Gelfrat, der Bayernherzog, mit seinem Bruder Else und siebenhundert Reisigen. "Ihr habt mir den Fergen am Fluss erschlagen, nun geht es euch ans Leben!" drohte zornig Gelfrat. "Ich leugne die Tat nicht: er weigerte uns die Überfahrt, deshalb fand er den Tod. Zur Sühne im Schwerterkampf bin ich dir bereit!" rief Hagen zurück und spornte sein Roß.

Es ward ein grimmiges Streiten. Gelfrats Lanze warf den Tronjer aus dem Sattel, doch gleich war dieser wieder auf den Füßen und ging den Bayernfürsten mit dem Schwert an. Wieder geriet er in Not, als Gelfrat ihm mit gewaltigem Streich ein Stück aus dem Schild hieb. Dankwart, der eben Else eine Wunde geschlagen hatte, musste herbeieilen, und von seiner Hand fand der tapfere Herzog den Tod. Da wandten die Bayern sich zur Flucht, und die Tronjer setzten in ungestümer Verfolgung nach, bis Dankwart, froh des Sieges, sie zurückrief. Mehr als hundert Bayern lagen tot auf dem Feld. Den Tronjern war mancher Schild zerhauen, aber sie zählten nur vier Gefallene. 

Kein Feind begegnete ihnen nunmehr im Bayernland, und in Passau hielten die wegmüden Recken gute Rast. Bischof Pilgrim nahm seine Neffen und ihre Getreuen aufs beste auf, und da nicht alle in der Stadt selbst Herberge fanden, schlugen die Knechte auf einer Wiese am Fluss Zelte und Laubhütten auf. Einen Tag und eine Nacht verbrachten sie dort, ehe sie sich auf den Weg machten nach Rüdigers Mark.

An der Grenze trafen sie auf einen schlafenden Ritter. Hagen nahm ihm das Schwert weg. Es war der Markgraf Eckewart, der mit Kriemhild ins Hunnenland gezogen war. Rüdiger hatte ihn ausgeschickt, die Gäste zu begrüßen. "Weh der Schande, dass man mich hier schlafend fand, ein schlechter Grenzhüter bin ich!" klagte er, als er erwachte. Hagen aber gab ihm mit freundlichen Worten sogleich das Schwert zurück und dazu sechs Goldspangen. Da dankte ihm Eckewart bewegt: "Gott lohne Euch Eure Milde, Herr Hagen! Doch lieber wäre mir, ich hätte Euch hier vergebens erwartet, den Siegfrieds Tod hat man in Etzelnburg noch nicht verschmerzt, und ich rate Euch deshalb in Treuen: seid wohl auf der Hut!"

"Sei bedankt für deinen Rat", entgegnete Hagen, "aber vorerst haben wir nur Sorge um eine gute Herberge. Unsere Rosse sind müde und unsere Vorräte aufgezehrt. Ein sorglicher Wirt tut uns allen not."

"Den weiß ich euch", versprach Eckewart. "Marktgraf Rüdiger in Bechlaren ist es. Voll Freude wartet er auf die Gäste vom Rhein. Lasst mich vorausreiten und ihm die Nachricht bringen!"







Dienstag, 9. Juni 2015

Nibelungen Sage 20/28 | Wie die Burgunden in Bechlaren einkehrten


Als Eckewart in Bechlaren ankam und seine Kunde dem Markgrafen überbrachte, begann in der Burg ein geschäftiges Treiben. Die Frauen legten zum Empfang der Gäste den schönsten Schmuck an, und das Gesinde richtete emsig Kammern und Saal. Rüdiger ritt den Freunden vom Rhein vor die Stadt entgegen und begrüßte  sie mit herzlicher Freude. Auf einer Wiese schlugen die Knechte ihre Zelte auf, die Fürsten und ihr ritterliches Gefolge aber geleitete der Markgraf nach Bechlaren. 

Vor dem Burgtor boten Frau Gotelind und ihre Tochter Dietlinde den Gästen Willkommen. Wie es der Brauch erforderte, küssten sie die Fürsten und ihre Getreuesten, den Tronjer Hagen, Dankwart, den Marschalk, und Volker, den kühnen Fiedler. Als Dietlinde zu Hagen kam, zauderte sie eine Weile: zu grimmig schienen ihr sein Blick und seine Züge, und es bedurfte der Mahnung des Vaters, dass sie ihm zum Kuss die Wange bot. Dann reichte Frau Gotelind König Gunther die Hand und führte ihn in den festlichen Saal. Gernot und Rüdiger schlossen sich ihnen an, und an der Seite der lieblichen Dietlinde ging frohen Herzens der junge Giselher. Alle blickten auf das schöne Paar, und nach dem Mahl sprach Hagen es aus, was alle dachten: des Markgrafen Tochter sei wohl würdig, eine Königskrone zu tragen und die Braut Giselhers zu werden. Lauter Beifall der Burgunden dankte ihm, und Rüdiger und Gotelind waren stolz auf die Ehre, die ihrer Tochter und auch ihnen selbst zuteil werden sollte. 

Nach alter Sitte trat das Paar in den Kreis der Ritter, und dort vollzog der Markgraf die Verlobung. Bei der Rückkehr der Burgunden von Etzels Hof sollte Dietlinde als Giselhers Frau mit an den Rhein ziehen, so wurde es von den Fürsten und dem Markgrafen beschlossen. In Freude und Frohsinn ging der Tag zu Ende, und vor allen anderen war es Volker, der Spielmann, der die Stunden mit heiteren Weisen zur Fiedel verschönte. 

Am nächsten Morgen wollten die Burgunden von Bechlaren aufbrechen, aber Rüdiger hielt sie mit bittenden Worten zurück. Drei Tage mussten sie bleiben, und als es am vierten Morgen ans Abschiednehmen ging, gab der Markgraf ihnen erlesene Gastgeschenke mit auf den Weg. Gernot erhielt ein treffliches Schwert, König Gunther eine kostbaren Rüstung, und Hagen, der selbst eine Gabe wählen durfte, erbat sich von Frau Gotelind den Schild ihres Sohnes Nodung, der in der Rabenschlacht gefallen war. 

Noch einmal strich Volker die Fiedel, und Giselher bot seiner Braut den Abschiedskuss. Dann saßen sie auf, die Nibelungenrecken -- so hießen die Burgunden weithin, seit Siegfrieds Hort an den Rhein gekommen war --, und Rüdiger führte sie die Donau entlang dem Hunnenland entgegen. Fünfhundert Recken aus seiner Mark ritten als Geleit mit, und schnelle Boten eilten dem Zug voraus nach Etzelnburg. 






Sonntag, 7. Juni 2015

Nibelungen Sage 22/28 | Wie Hagen und Volker Schildwacht hielten


Als der Berner mit seinen Mannen den Hof der Königsburg verlassen hatte, suchten Hagen und Volker eine Steinbank auf, die den Gemächern der Königin gegenüber stand. Dort setzten sie sich nieder, und die Hunnen umdrängten die beiden, als wären sie seltene Tiere aus fernen Ländern. Auch Kriemhild bemerkte vom Fenster aus den Tronjer und den Spielmann auf der Bank, und Tränen kamen ihr in die Augen. "Hat jemand Euch betrübt, Herrin?" fragten die Ritter ihres Gefolges. "Wer es auch sein mag, wir rächen Euer Leid mit seinem Tod!"

"Da unten sitzt er, der Tronjer, der Siegfried meuchlings erschlug", klagte sie, "wer mir die Meintat mit dem Blut des Mörders vergilt, dem werde ich auf den Knien danken, und königlich soll sein Lohn sein!"

Da waffneten sich sechzig Recken zum Kampf mit Hagen und Volker. Kriemhild aber hielt sie zurück. Zu wenige schienen es ihr, um die beiden grimmen Kämpen zu bestehen. Vierhundert Hunnen legten darauf ihre Rüstungen an, und an der Spitze dieser reisigen Schar schritt Kriemhild selbst, die Krone auf dem Haupt, in den Burghof hinab. Noch einmal wollte sie aus dem Munde Hagens das Geständnis seiner Schuld vernehmen, ehe der Tod ihn ereilten sollte.

Volker erblickte sie zuerst. "Da kommt sie, die uns treulos in dieses Land geladen hat, mit ihren Schwertdegen, und Euch gilt es wohl, Herr Hagen", sagte er. "Das weiß ich gewiss, dass sie es auf mich abgesehen hat", erwiderte der Tronjer, "aber wenn Ihr mir zur Seite steht, Freund Volker, werden sie vergeblich gegen uns anrennen." -- An meiner Hilfe soll es nicht fehlen, und käme Etzel selbst an der Spitze seines ganzen Heeres", versicherte der Spielmann. -- "Das lohne Euch Gott, vieledler Volker", dankte ihm der Tronjer, "nichts weiter ist mir not. Mögen sie sich jetzt nur heranwagen, die Hunnenrecken!"

Als Kriemhild näher kam, wollte Volker sich von seinem Sitz erheben, aber Hagen wehrte es ihm: "Nein Freund Volker! Die Hunnen möchten glauben, wir sollten uns furchtsam davonmachen, und der Königin, unserer Todfeindin, wollen wir nicht die Ehre antun, sie nach Rittersitte zu grüßen."

Breit legte er sein Schwert über die Knie. Es war vordem Siegfrieds Schwert gewesen, Balmung hieß es. Kriemhild erkannte es an dem grünen Edelstein, der als Knauf auf dem goldenen Griff saß, und an der rotverzierten Scheide, und wieder kamen ihr die Tränen. Auch Volker griff nach seiner Waffe. Sie lag ihm ebensogut in der Hand wie der Fiedelbogen.

Feindselig blickte die Königin den Tronjer an: "Euer böser Geist hat Euch geraten, in dieses Land zu reiten nach allem, was Ihr mir angetan habt. Niemand hat Euch geladen." -- "Meine Herren sind hierhin geladen", entgegnete Hagen, "und wo sie sind, da bin auch ich."

"Weshalb ich Euch hasse, das wisst Ihr wohl, Herr Hagen von Tronje" fuhr Kriemhild fort, "Siegfried, meinen Mann, habt Ihr gemordet, oder wollt Ihr das leugnen?" -- "Nichts leugne ich", gab Hagen zurück, "ja, ich war es, der Siegfried im Odenwald erschlug. Er musste es entgelten, dass Frau Kriemhild meine Herrin Brunhild beleidigte, und nun räche es, wer da kann!"

"Ihr habt es gehört, ihr Recken", wandte Kriemhild sich an ihre Mannen, "nun ist es an euch, ihm mit dem Schwert zu antworten!" Aber die Hunnen sahen einander mit ängstlichen Blicken an. Sie dachten an die Taten, die vor Zeiten schon der junge Hagen in Etzels Dienst vollbracht hatte, und jetzt saß da ein Mann, ein gewaltiger Recke mit Siegfrieds Schwert, und neben ihm Volker, der kühne Spielmann. Und hätte die Königin Säle voll Gold geboten, niemand fand sich da bereit, in den sicheren Tod zu gehen. Wie Kriemhild auch bat und flehte, einer nach dem anderen wandte sich ab und kehrte in den Palast zurück.

Da gingen die beiden Burgunden wieder zu Gunther und den Seinen, die immer noch wartend im Burghof standen, und Volker forderte sie auf, König Etzels Saal zu betreten. Der Hunnenkönig erhob sich von seinem Sitz, als die Burgundenfürsten mit ihren Begleitern nahten, und grüßte sie mit herzlicher Freude: "Nichts Lieberes konnte mir geschehen, als dass ich so tapfere Recken hier im Hunnenland sehe. Auch die Königin wird euch Dank wissen für euer Kommen." In goldnen Schalen wurde den Gästen Wein gereicht, und in reicher Fülle trugen die Diener köstliche Speisen zu den Tischen. So saßen die Recken vom Rhein mit den Hunnen einträchtig zusammen bis zum Abend.

Den Burgundenfürsten und ihren Rittern war in der Königsburg selbst Herberge bereitet in einem großen Saal, den Etzel für Gäste hatte erbauen lassen. Die Knechte aber wurden auf Kriemhilds Rat außerhalb des Burgbereichs untergebracht, und König Gunther gab ihnen Dankwart als Führer und Schützer mit.

Als die Nacht anbrach, erhoben sich die wegmüden Recken, um ihre Herberge aufzusuchen. Wohlgemut entließ König Etzel sie, aber als sie aus dem Saal kamen, drängten die Hunnen so dicht heran, dass Volker ihnen eiserne Fiedelschläge androhte, wenn sie den Weg nicht freigäben, und Hagen rief: "Gebt uns jetzt Nachtruhe, ihr Hunnenmänner! Morgen in der Frühe sind wir zu allem bereit!"

Der Saal war mit Betten und Decken aufs reichste ausgestattet, aber eine Ahnung kommenden Unheils erfasste Giselher, als er in den weiten Raum eintrat. "Wie prächtig auch die Herberge ist", rief er aus, "ich fürchte, meine Schwester sinnt uns allen Verderben."

"Legt Euch ohne Sorgen zur Ruhe", sprach Hagen ihm zu, "ich will diese Nacht Schildwacht halten und getraue mir wohl, euch zu behüten bis an den Morgen."

Alle sagten ihm Dank, und er nahm Schwert und Schild zur Hand, wie es auf Schildwacht Brauch ist. Da trat Volker zu ihm und bat: "Lasst mich diese Nacht mit Euch wachen, Freund Hagen!"

Was konnte dem Tronjer lieber sein! In Waffen gingen die beiden vor den Saal, um die Nachtruhe der Burgunden zu hüten. Volker aber tat seinen Gefährten noch einen weiteren Liebesdienst. Er lehnte den Schild an die Wand und griff nach seiner Fiedel. Auf der Treppe sitzend, strich er die Saiten, dass die Töne voll und mächtig in den Saal drangen. Sanfter und lieblicher wurde dann sein Spiel, bis auch dem Letzten da drinnen die sorgenvollen Gedanken vergingen und der Schlummer kam. Da nahm er wieder den Schild zur Hand und trat auf seinen Platz an Hagens Seite.

Mitten in der Nacht sah er plötzlich in der Ferne Helme im Sternenlicht glänzen. Eine Hunnenschar schlich heran, die Kriemhild ausgesandt hatte, den schlafenden Hagen zu töten. Abermals schlug der Plan fehl. Einer der Hunnen entdeckte die Schildwachen an der Tür und erkannte den Tronjer und den schwertmächtigen Fiedler. Da machten sie sich sogleich verstohlen davon. Volker rief ihnen noch nach: "Im Dunkel schleicht ihr heran, um uns im Schlaf zu morden! Feige Bösewichter seid ihr, aber keine Recken!"

Keine Antwort kam aus der Nacht. Kriemhild aber erfuhr noch vor Tagesanbruch, dass auch dieser zweite Anschlag misslungen war.







Samstag, 6. Juni 2015

Nibelungen Sage 23/28 | Wie die Knechte in der Herberge erschlagen wurden


In der Morgenfrühe weckten Hagen und Volker die schlafenden Gefährten. Schon riefen auch die Glocken zur Messe. Da wollten die Männer zum Kirchgang die besten Gewänder hervorholen, Hagen aber riet ihnen: "Legt Eure Rüstungen an und nehmt statt der Rosenkränze die Schwerter zur Hand, statt der seidenen Mäntel die Schilde, denn heute wird es harten Kampf geben." So gingen die Burgunden in reisiger Wehr zum Münster.

Auf dem Kirchplatz setzten sie auf Hagens Geheiß die Schilde bei Fuß und erwarteten dichtgeschart Etzel und Kriemhild mit ihrem Gefolge. Bald nahte der Zug der festlich geschmückten Hunnen, und Etzel fragte beim Anblick der Burgunden erstaunt: "Weshalb geht ihr in Waffen zur Kirche? Hat euch einer meiner Leute ein Leid getan?"

"Kein Leid ist uns geschehen", antwortete Hagen, "es ist vielmehr Sitte bei den Burgunden, auf Festen drei Tage lang Waffen zu tragen." Kalt blickte die Königin den Tronjer an. Nur zu gut wusste sie, dass es solchen Brauch im Burgundenland nicht gab, aber sie schwieg zu Hagens Worten.

Nach der Messe trafen sich die Recken zu ritterlichem Kampfspiel auf dem Burghof. Etzel und Kriemhild schauten vom Fenster aus zu, wie die Scharen gegeneinander ritten, auf der einen Seite die Mannen Gunthers, auf der anderen die Hunnen, die Etzels Bruder Blödel führte. Wie dröhnte da der Hof vom Stampfen der Hufe und den Kampfrufen der Recken! Hell klangen die Schilde, und krachend splitterten die Lanzen, ja, zerbrochene Speerschäfte wirbelten über das Dach der Königshalle. Wie gern hätte Kriemhild gesehen, dass aus dem Spiel blutiger Ernst würde!

Da geschah es, dass Volker gegen einen übermütigen Hunnengrafen anritt und ihn mit einem Lanzenstoß tot vom Pferd warf. Sogleich erhob sich wildes Rachegeschrei in den Reihen der Hunnen, und Waffen wurden drohend gegen Volker geschwungen, aber schon war Hagen mit seinen sechzig Tronjern zur Stelle, um den Freund zu schützen, und Gunther selbst führte tausend Burgunden heran gegen die Übermacht der Gegner. Doch im letzten Augenblick eilte Etzel herbei, um den Streit zu schlichten. "Die Waffen nieder!" rief er seinen Leuten zu. "Nicht mit Absicht hat der Spielmann den Grafen zu Tode getroffen. Wer ihn angreift, hat sein Leben verwirkt!"

Da ließen die Hunnen ab vom Streit, und das Königspaar begab sich mit den Gästen in den Saal, wo die Mittagstafel bereitet war. Ehe sie sich an den Tischen niederließen, trat Kriemhild zu dem Gotenkönig Dietrich, klagte ihm ihr Leid und bat ihn inständig, Siegfrieds Tod an Hagen zu rächen. Doch der Berner wies sie ernst ab: "Die Burgunden sind nicht meine Feinde. Wie sollte ich ihnen in Waffen entgegentreten? Und Ihr, Frau Königin, solltet bedenken, dass man Gästen nicht nach dem Leben trachtet."

Aber Kriemhild wollte nicht lassen von ihrer Rache. Sie wandte sich an Blödel, den Bruder Etzels, und versprach ihm Land und Burgen und Gold und die Hand einer edlen Frau, wenn er den verhassten Tronjer in den Tod schicke. Solchen Lockungen konnte Blödel nicht widerstehen. Auf der Stelle sagte er der Königin seine Hilfe zu. Da er wusste, dass die Burgunden im Saal unter Etzels Schutz standen, fasste er den Plan, die Knechte in der Herberge zu überfallen. Dann musste der Kampf auf beiden Seiten entbrennen, und bei der Übermacht der Hunnen schien ihm das Schicksal Hagens und seiner Gefährten entschieden. "Ich bringe Euch den Tronjer gebunden, und dann mögt Ihr Eure Rache nehmen", versprach er Kriemhild und ging zu seinen Leuten, damit sie sich waffneten.

Während des Mahles ließ Kriemhild ihr Söhnchen Ortlieb in den Saal bringen. Stolz zeigte Etzel den Burgundenfürsten das Kind und sprach die Hoffnung aus, der junge Ortlieb werde dereinst als mächtiger König über seine Länder herrschen und den Burgunden ein treuer Freund sein. Hagens Antwort aber konnte ihm und der Königin wenig gefallen. "Wenn er zum Mann heranwüchse, möchte das wohl sein", sagte der Tronjer, "aber mir scheint, er ist so schwächlich, dass man ihm kein langes Leben geben kann."

Inzwischen hatte Blödel mit tausend Hunnen die Herberge der Knechte erreicht. Dankwart erhob sich vom Tisch und empfing ihn freundlich: "Willkommen hier im Hause, Herr Blödel! Was bringt Ihr uns?"

"Kampf bringe ich Euch", antwortete der Hunne scharf. "Euer Bruder Hagen erschlug Siegfried, jetzt müsst Ihr und Eure Leute mit dem Leben dafür zahlen. Wehrt euch, der Tod ist über euch!" Das waren seine letzten Worte, denn schon hatte Dankwart das Schwert gezogen und ihm mit gewaltigem Streich Helm und Haupt gespalten.

Da stürmten, den Tod ihres Herrn zu rächen, die Hunnenrecken in die Herberge, und ein verzweifelter Kampf hob an. Viele der Knechte hatten keine Waffe zur Hand, da griffen sie nach Bänken und Schemeln und trieben die Mannen Blödels aus dem Saal, in dem bereits Hunderte von Toten in ihrem Blut lagen. Aber immer neue Hunnenscharen eilten herbei, und der gewaltigen Übermacht mussten die tapferen Knechte schließlich erliegen. Mann für Mann fielen sie unter den tödlichen Streichen. Dankwart allein, dem kühnen Kämpen, gelang es, sich eine blutige Gasse durch die Hunnenhaufen zu bahnen und den Königssaal in der Burg zu erreichen.






Freitag, 5. Juni 2015

Nibelungen Sage 24/28 | Wie die Burgunden mit den Hunnen im Saal stritten


Das Schwert in der Hand und die Brünne mit Blut überronnen, trat Dankwart in die Tür und rief seinem Bruder Hagen zu: "Wie sitzt du so ruhig da? Gott vom Himmel sei es geklagt: all unsere Knechte liegen tot in der Herberge, erschlagen von den Hunnen!"

"Dann ist jetzt unsere Stunde da!" rief Hagen zurück und sprang auf. "Hüte die Tür, Bruder Dankwart, und lass keinen Hunnen aus dem Saal!" Und schon fuhr das Schwert des grimmigen Tronjers aus der Scheide. Sein erstes Opfer wurde Ortlieb, das Söhnchen Etzels und Kriemhilds, das eben an den Tischen herumgetragen wurde. Dann streckte er den Wärter des Knaben nieder, und mit einem dritten Streich schlug er dem Spielmann Werbel die rechte Hand ab: "Das hast du für die Botschaft, die du uns ins Burgundenland brachtest!"

Nun war kein Halten mehr. Volker sprang auf und stürzte sich in das Getümmel, und als die Burgundenfürsten sahen, dass Streit nicht mehr zu schlichten war, zogen auch sie die Schwerter und griffen in den Kampf ein. Allen voran drang Giselher auf die Hunnen ein, und schrecklich dröhnte der Kampflärm durch den Saal. Besonders an der Tür, wo Dankwart stand, ging es heiß her. Von draußen und von drinnen warfen sich die Hunnen gegen den kühnen Torhüter, um den Ausgang freizumachen, aber Volker eilte ihm zur Hilfe, und nun schirmten die beiden den Saal besser, als es tausend eiserne Riegel vermocht hätten.

In ihrer Not flehte Kriemhild den Gotenkönig an: "Hilf uns, edler Fürst von Bern! Wenn Hagen mich erreicht, ist es um mich geschehen. Hilf mir und dem König aus dem Saal!" Da stieg der Berner auf einen Tisch und ließ seine Stimme mächtig wie den Klang eines Büffelhornes über die Streitenden hin erschallen. Sogleich senkte König Gunther das Schwert, und die Burgunden folgten seinem Beispiel. Der Kampflärm verstummte, und in die Stille hinein rief Dietrich: "Gebt mir und den Meinen Frieden, ihr Recken vom Rhein, und lasst uns ungefährdet aus dem Saal gehen!"

Dazu erklärte König Gunther sich sogleich bereit: "In Frieden mögt Ihr, edler Herr von Bern, den Saal verlassen und alle mitnehmen, die unter eurem Schutz stehen. Nur die Hunnen, unsere Feinde, müssen bleiben!" Da nahm Dietrich Kriemhild und den König Etzel bei der Hand und führte sie mit seinen Amelungenrecken davon. Ihnen durfte sich auch Markgraf Rüdiger mit seinen Mannen anschließen. Als dem Vater Dietlindes und treuen Freund der Burgunden gewährte der junge Giselher ihm freien Abzug. Im Saal aber entbrannte nun der Kampf aufs neue, und nicht eher ruhten die Waffen, als bis der letzte Hunne erschlagen lag. Doch neuen Angriff befürchtend, riet Gieselher seinen Gefährten, die Toten beiseite zu schaffen, und so warfen sie denn die Leichen die Stiege hinunter vor den Saal.

Dann traten Hagen und Volker vor die Tür, und auf ihre Schilde gelehnt, höhnten sie übermütig die Hunnen. Volker warf einen Speer nach ihnen, dass sie erschreckt zurückwichen, und Hagen verspottete Etzel als Feigling. Ein schlechtes Beispiel habe er gegeben und nicht wie die Burgundenfürsten an der Spitze seiner Mannen gefochten.

Da fasste Etzel seinen Schild und wollte den Tronjer angehen, aber Kriemhild hielt ihn zurück und rief: "Wer mir Hagens Haupt bringt, dem fülle ich des Königs Schild mit rotem Gold, und dazu soll er noch Land haben und reiche Burgen!" Doch vergebens bat sie. Keiner der Hunnen, die um König Etzel standen, wagte es, die grimmigen Recken an der Tür des Saales anzugreifen, und von neuem spottete Volker über hunnische Feigheit: "Das Brot ihres Herrn essen sie Tag für Tag, aber in der Not steht niemand ihm bei!"

Auch dieser Vorwurf blieb ohne Wirkung auf die Mannen Etzels. Da waffnete sich der Markgraf Iring vom Dänenland und trat zum Kampf gegen Hagen an. Seinen Dänen voraus stürmte er gegen den Saal, schoss die Lanze auf Hagens Schild, dass sie splitternd brach, und griff dann gleichzeitig mit dem Tronjer zum Schwert. Dröhnend hallten die Schläge der beiden Kämpen gegen die Mauern des Saales, aber Hagen stand unerschütterlich wie ein Turm. Da lief Iring den Spielmann an, darauf Gunther und Gernot, und immer wieder sprühten die Funken aus Helmen und Panzerringen, ohne dass dem tapferen Dänen ein tödlicher Streich gelang. Schließlich wandte er sich gegen Giselher, und da war es der junge Burgundenheld, der dem Kühnen eine tiefe Wunde schlug, dass er strauchelte und niedersank. Doch mit letzter Kraft sprang er wieder auf, drang abermals auf Hagen ein und traf ihn mit seinem Schwert Waske durch den Helm, dass das Blut hervorschoss.

Wie grimmig verhalt der Tronjer ihm diesen Hieb! Mit gewaltigen Schwertschlägen, die rote Funken aus Schild und Helm stieben ließen, trieb er den Dänen die Stiege hinab und seinen Mannen zu, die bei Kriemhild standen. Die Königin selbst, voll Freude darüber, dass Hagens Streitgewand von Blut gerötet war, nahm dem Tapferen den Schild von der Hand, und dieser band sich zur Kühlung den Helm ab. Bald aber war er von neuem gewaffnet und lief wieder gegen Hagen an.

Doch nun wandte sich das Kampfglück gegen den heldenmütigen Iring. Ein mächtiger Schwerthieb traf ihn durch den Helm, und ehe er den Schild zur Deckung heben konnte, saß Hagens Speer, mit voller Wucht geschleudert, ihm im Haupt, dass der Schaft weit herausragte. Todwund brach der Dänenfürst zusammen.

Laute Klage erhob sich nun unter seinen Mannen. Auch Kriemhild jammerte um den Helden, der von Hagens Hand gefallen war. Noch einmal schlug der Sterbende die Augen auf und mahnte seine Gefährten, um des Goldes der Königin willen nicht ihr Leben einzusetzen. Doch seine Worte waren vergeblich. Ihren toten Herrn zu rächen, stürmten die Dänen gegen den Saal. Sie fielen bis auf den letzten Mann, und mit ihnen gingen in den Tod ihre treuen Waffenbrüder, die Thüringer, unter der Führung des kühnen Irnfried.







Donnerstag, 4. Juni 2015

Nibelungen Sage 25/28 | Wie Kriemhild Feuer an den Saal legen ließ


Endlich durften die Burgunden die Helme abbinden. Auf den Haufen der Gefallenen ließen sie sich zur Rast nieder. Wieder übernahmen Hagen und Volker die Wacht an der Tür vor einem neuen Angriff der Feinde.

Sie brauchten nicht lange zu warten. Ein ganzes Hunnenheer zog heran. Schar auf Schar stürmte gegen den Saal, und den ganzen langen Sommertag hindurch währte der erbitterte Kampf. Erst die anbrechende Nacht setzte dem Ringen ein Ende.

Da standen sie, erschöpft an die Schilde gelehnt, auf dem blutgetränkten Kampfplatz, die streitmüden Recken, und mancher Panzerring war rot verfärbt, aus mancher Wunde sickerte das Blut. Die Not seiner Getreuen ging König Gunther zu Herzen. Mit lauter Stimme rief er nach Etzel und bot ihm Frieden an.

Doch der Hunnenkönig antwortete: "Frieden könnt ihr nun nicht mehr haben. Mein Kind habt ihr erschlagen, und so viele meiner Freunde liegen tot. Keiner von euch soll mit dem Leben davonkommen." Vergebens erinnerte Gunther ihn daran, dass das Unheil mit dem Überfall Blödels auf die Knechte seinen Anfang genommen habe. Etzel, vordem der mildeste aller Wirte, verlangte nach Rache.

Da wandte Gieselher sich an Kriemhild, die zur Seite Etzels stand: "Liebste Schwester, nie hätte ich geglaubt, dass du mich einmal in solche Not brächtest! Stets hielt ich dir die Treue, und kein Leid geschah dir je von mir. Dafür erweise uns jetzt deine Huld und lass uns ziehen!"

Giselhers flehende Worte rührten das steinerne Herz der Königin. "Nun wohl", entgegnete sie, "wenn ihr mir Hagen als Geisel ausliefert, sollt ihr das Leben haben und in die Heimat zurückkehren dürfen, denn ihr seid meine Brüder, und die gleiche Mutter haben wir."

"Das verhüte Gott im Himmel!" rief Gernot. "Und wären wir tausend Brüder, wir gingen alle lieber in den Tod, als dir einen einzigen unserer Mannen als Geisel zu lassen!" Auch Giselher, der junge, bedachte sich keinen Augenblick und stimmte dem Bruder bei: "Nie brach ich einem Freund die Treue, und so soll es bleiben bis in den Tod!"

Nun kannte Kriemhild kein Mitleid mehr mit den Brüdern, die von Hagen nicht lassen wollten. Sie befahl, die Burgungen in den Sall zurückzutreiben, und ließ dann Feuerbrände an seine vier Ecken legen. Bald loderten die Flammen, vom Wind getrieben, hoch auf und ergriffen das Dach. Gierig fraßen sie sich weiter an Stützen und Sparren und schossen zu einem einzigen wabernden Feuermeer zusammen. Brennend stürzte das Gebälk in die Tiefe, Funkengarben regneten herab, beißender Rauch zog in dichten Schwaden durch den Saal, und höllische Glut dörrte den Männern die Kehle.

"An die Wände!" rief Hagen den Gefährten zu. "Und die Schilde hoch, dass die Balken euch nicht erschlagen! Stoßt sie mit den Füßen in die Blutlachen, dann werden die Brände rascher verlöschen!"

So standen sie die ganze Nacht unter ihren Schilden, während das Feuer raste, das glühende Dachwerk herunterprasselte und der Brandrauch ihnen den Atem nahm. Es war eine Nacht des Grauens und des Todes.

Endlich brach der Tag an, und ein kühler Morgenwind kam daher. Giselher verspürte ihn zuerst und rief den Freunden zu: "Es will tagen! Gebe Gott, dass wir noch einmal bessere Stunden erleben, als diese Nacht sie uns brachte!"

Die Gesichter schwarz vom Flammenruß, traten die Überlebenden über verkohltes Gebälk und schwelende Trümmer zusammen und reichten sich die Hände. Sechshundert waren es noch, die das Feuer verschont hatte.







Montag, 1. Juni 2015

Nibelungen Sage 28/28 | Wie Gunther, Hagen und Kriemhild endeten

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Da ging Herr Dietrich selbst zur Rüstkammer und waffnete sich. Hildebrand half ihm die Brünne anlegen und reichte ihm Schwert und Schild. Dann geleitete er seinen Herrn zum Saal der Burgunden.

Gunther und Hagen sahen die beiden kommen. "Da naht der Berner", sagte der Tronjer, "nun wird es sich erweisen, wer der Beste im Kampf ist. Ich getraue mir wohl, ihn zu bestehen."

Der Gotenkönig trat heran und stieß den Schild auf. "Meine Mannen habt ihr erschlagen. Jetzt fordere ich als Sühne, dass ihr euch als Geiseln in meine Hand begebt. Kein Hunne wird dann Gewalt über euch haben."

"Das wird nicht geschehen", antwortete sogleich Hagen, "nie soll man von den Burgunden sagen, dass sie sich mit dem Schwert in der Hand feige ergeben haben."

Kein Zureden Dietrichs und Hildebrands half. Stolz lehnten die beiden Burgundenrecken sogar sicheres Geleit in die Heimat ab, das der Gotenkönig ihnen bot. Wieder mussten die Waffen entscheiden, zum letzten Mal.

Der Berner nahm den Schild hoch und drang auf Hagen ein. Balmung, das Nibelungenschwert, blieb nicht müßig in des Tronjers Hand. Dicht schmetterten seine Hiebe auf des Gegners Schild und Helm, doch was vermochte ein müder Arm gegen die gewaltige und frische Kraft des Gotenhelden? Dietrich schlug dem Burgunden eine tiefe Wunde. Dann ließ er den Schild fallen, sprang auf den Wankenden zu und rang mit ihm, bis der Tronjer gebunden in seiner Hand lag. So führte er ihn vor Kriemhild, deren Augen aufleuchteten in grimmiger Freude. Wie hatte sie diesen Augenblick ersehnt!

Bald stand auch Gunther, der letzte der Burgunden, von Dietrich in hartem Kampf bezwungen, gebunden vor der Königin. Spottend grüßte sie ihn: "Seid mir willkommen, König Gunther! Wie freue ich mich, Euch hier vor mir zu sehen!"

Da bat Dietrich für die Gefangenen: "So edle Helden habt Ihr noch nie als Geiseln gehabt, Frau Königin. Schont ihr Leben, ich bitte Euch in alter Freundschaft."

"Gern tue ich, was ich vermag", erwiderte kalt Kriemhild und ließ die beiden gesondert in den Kerker führen. Traurig wandte der Berner sich ab. Er ahnte, dass die Königin schreckliche Rache sann.

Nicht lange währte es, da trat Kriemhild in Hagens Kerker. In unverhohlener Feindseligkeit sprach sie: "Wenn Ihr mir den Nibelungenhort zurückgebt, Hagen von Tronje, so sollt Ihr das Leben behalten und an den Rhein zurückkehren dürfen."

Verächtlich erwiderte Hagen: "Das sind müßige Worte! Mein Eid bindet mich. So lange einer meiner Herren lebt, darf ich den Ort nicht nennen, wo der Hort verborgen ist."

Da fasste Kriemhild einen furchtbaren Entschluss. Sie ließ ihrem Bruder das Haupt abschlagen und trug es selbst an den Haaren in Hagens Kerker. In wildem Grimm lachte der Tronjer auf, als er das blutige Haupt seines Herrn erblickte, und voll Hohn schleuderte der Kriemhild die Worte entgegen: "So habe ich es mir gedacht: Giselher und Gernot sind tot, und nun ist auch Gunther nicht mehr! Jetzt weiß niemand als Gott und ich allein um den Hort. Dir, du Teufelin, soll er nun für immer verborgen sein!"

"So bleibt mir denn nichts als Siegfrieds Schwert", rief sie in wildem Hass, riss Balmung von des Tronjers Seite und trennte ihm mit einem einzigen Hieb den Kopf vom Rumpf.

Entsetzen ergriff die beiden Berner ob der grausigen Tat. Selbst König Etzel klagte: "Da liegt er, in Fesseln erschlagen, der Erste aller Recken! So feind ich ihm war, solches Ende geht mir nahe!" Und der alte Hildebrand rief: "Er brachte mich in große Not, der schreckliche Tronjer, aber seinen schimpflichen Tod will ich doch rächen!" In grimmigem Zorn griff er nach seinem Schwert und streckte Kriemhild tot neben Hagen hin.

Da lagen sie beide in ihrem Blut, die einander tödlichen Hass im Herzen getragen hatten, und tot lagen sie alle, die herrlichen Helden, die in König Etzels Saal beisammen gesessen hatten: die Burgundenfürsten, die kühnen Streiter Iring und Irnfried, Wolfhart, der junge Degen, und der edle Rüdiger von Bechlaren, und mit ihnen lagen da die Scharen ihrer Getreuen.

So endete in Jammer und Leid das Sonnwendfest im Hunnenland.