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Dienstag, 23. Februar 2016

Der Spatz und die Ulmer Bürger | Sage aus Deutschland

Als die Bürger der Stadt Ulm im Jahr 1377 begannen, ihr Münster mit dem höchsten Turm im Land zu bauen, trug sich folgende Begebenheit zu: Für das Baugerüst waren die längsten und kräftigsten Stämme in den naheliegenden Wäldern gefällt worden und vor das Stadttor geschafft. Dort aber merkte man, dass das Tor viel zu wenig breit war, um die Stämme hindurch zu bringen. Die klugen Ulmer beratschlagten und hätten gar schon das Tor samt dem schönen Turm darauf eingerissen, da zeigte einer von ihnen, der gerade in die Luft geguckt hatte, nach oben und rief: "ich hab's!" Da sahen die Männer einen kleinen Spatz, der ihnen sonst ganz unnütz dünkte, da er nur die Körner auf dem Feld weg fraß, wie er einen langen Halm in seine Nisthöhle schleppte. Anstatt quer mit ihm hängen zu bleiben, wie die Ulmer mit den Baumstämmen am Stadttor, zog der Spatz den Halm längs durch das kleine Loch. Das taten die Ulmer Bürger ihm nach und konnten ihr Münster doch noch fertig bauen. 

Zur Erinnerung an das kluge Tier setzten sie ihm ein goldenes Denkmal hoch oben auf dem First des Daches vom Münster. Dort kann man den Spatz von Ulm auch heute noch blinken sehen. Die Ulmer tragen seitdem den Spitznamen "Spatzen".





Freitag, 19. Juni 2015

Nibelungen Sage 10/28 | Wie Siegfried und Kriemhild nach Worms geladen wurden


Mit Unmut sah die stolze Brunhild, dass Siegfried und Kriemhild sich so viele Jahre dem Hof zu Worms fernhielten. Eines Tages sprach sie zu König Gunther: "Siegfried ist doch dein Lehnsmann, aber zehn Jahre lang blieb er dir seine Dienste schuldig. Nun ist es wohl Zeit, dass du ihn und Kriemhild aufforderst, an deinem Hof zu erscheinen." Gunther vernahm diese Worte nicht gern, er antwortete: "Sie wohnen uns zu fern. Wie könnte ich ihnen die lange Reise zumuten?" Doch Brunhild ließ nicht nach mit ihrem Drängen: "Wäre ein Lehnsmann noch so mächtig, und wohnte er noch ferner als Siegfried, was sein Herr ihm gebietet, das muss er tun. Und wie glücklich wäre ich", fügte sie hinzu, "wenn ich wieder einmal mit Kriemhild, deiner schönen Schwester, zusammen sein könnte wie damals bei unserer Hochzeit. Keinen größeren Wunsch habe ich." So lange bat sie, bis Gunther einwilligte und versprach: "Ich will ihnen Boten senden und sie zur Sonnwendfeier nach Worms laden."

So geschah es bald. An der Spitze von dreißig Rittern übernahm Markgraf Gere den Botendienst. Er wurde mit seinen Begleitern von Siegfried und Kriemhild aufs beste aufgenommen und richtete die Botschaft aus, die König Gunther ihm aufgetragen hatte. Auch von Brunhild und Frau Ute, von Gernot und Giselher überbrachte er Grüße und freundliche Einladung zum  Sonnwendfest in Worms. Wie hätten Siegfried und Kriemhild da ablehnen können! Selbst König Siegmund erbot sich, mit hundert Mannen die Reise ins Burgundenland mitzumachen. Mit reichen Gaben bedacht, wurden die Boten in die Heimat entlassen. Sie eilten sehr, die gute Nachricht nach Worms zu bringen. 

Gunther sprang vor Freude auf, als er die Kunde vernahm, und Brunhild ließ sich von dem Markgrafen berichten, dass Kriemhild noch so schön sei wie zuvor. Voll Stolz wiesen die Boten auch die kostbaren Geschenke vor, die sie in Xanten erhalten hatten. Hagen aber meinte: "Siegfried mag wohl leicht mit vollen Händen geben, seit er der Herr des Nibelungenhortes ist."

Nun ging es in Worms an ein emsiges Schaffen und Rüsten. Kämmerer, Schenken und Küchenmeister waren tagaus, tagein geschäftig in Gaststuben, in Keller und Küche, um das Fest würdig zu richten, und die Frauen boten ihre ganze Kunst auf, die Kleider, die man beim Hofgelage tragen wollte, mit Goldborten und edlen Steinen zu schmücken.

In prächtigem Zug nahten bald die Gäste von Niederland. Tausend Ritter hatte Siegfried aufgeboten, hundert ritten mit Siegmund, ihrem alten König. Saumtiere trugen schwere Lasten voll der mannigfaltigsten  Kostbarkeiten. Ihren kleinen Sohn hatten Siegfried und Kriemhild in der Heimat zurückgelassen. -- Er sollte seine Eltern nicht mehr wiedersehen. 

Zum Empfang ritten Gunther und Brunhild mit stattlichem Gefolge vor die Stadt. Gunther bot Siegfried und Siegmund freundliches Willkommen, und die beiden Königinnen begrüßten sich so liebevoll, dass freudiger Beifall sich ringsum erhob. Auch die Frauen der Königinnen bezeigten einander ihre Zuneigung mit zierlicher Verneigung und anmutigem Kuss. 

Unverweilt ging es nun durch die Stadt zur Königsburg, wo der große Saal für die Gäste festlich gerichtet war. An langen Tafeln nahmen sie Platz, die Könige und Königinnen mit ihrem ganzen Gefolge, zwölfhundert Ritter und Frauen allein aus Niederland. König Gunther war ihnen ein guter und sorglicher Wirt, und auch Brunhild sah mit freundlicher Huld auf die stattliche Schar der Gäste. Am häufigsten weilte ihr Blick auf Kriemhild, deren Schönheit den lichten Glanz des Goldes übertraf. 

Der nächste Tag begann mit der Frühmesse im Münster, und dann riefen die  Posaunen und Trompeten zum ritterlichen Kampfspiel draußen vor der Stadt. Wieder zerspellten die Lanzen und brachen die Schilde, und kampffroh tummelten die Recken ihre Rosse vor den Augen  der Frauen, die voll Lust dem hin und her wogenden Turnier zuschauten. Auch Gunther und seine Freunde ritten zur Ehre der Gäste in die Schranken. 

Elf Tage gingen so hin mit froher Kurzweil, mit Reiten und Lanzenstechen und in festlicher Tafelrunde. Dann kam der Tag, da Brunhild ihren Groll und Unmut nicht länger zu zügeln vermochte.

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Donnerstag, 18. Juni 2015

Nibelungen Sage 11/28 | Wie die Königinnen in Streit gerieten


Die beiden Königinnen saßen beisammen und sahen den ritterlichen Spielen im Burghof zu. Stolz blickten sie auf ihre Männer, die sich durch Kraft und Kühnheit vor allen anderen hervortaten, und Kriemhild sagte: "Sieh nur, wie Siegfried der Herrlichste unter allen Recken ist! Ihm müssten all diese Lande hier untertan sein." --- "Ja", entgegnete unwillig Brunhild, "wenn Gunther nicht wäre! Er ist hier der Herr, und er geht als König Siegfried voran." Das wollte Kriemhild nicht zugeben. "Nein", wandte sie ein, "so mächtig und berühmt ist Siegfried, dass er Gunther durchaus ebenbürtig ist."  Hochmütig erwiderte Brunhild: "Als dein Bruder auf dem Isenstein um mich warb, sagte Siegfried selbst, er sei Gunthers Lehnsmann; ich erinnere mich noch ganz genau seiner Worte."

Da begehrte Kriemhild auf: "Nie hätten meine Brüder mich einem Eigenmanne gegeben! Ich bitte dich sehr, solche Worte in Zukunft zu lassen!" Doch Brunhild gab nicht nach in ihrem stolzen Sinn. "Keineswegs lass ich sie" erwiderte sie, "ebenso wenig wie ich verzichten will auf die Dienste der Männer, die uns lehnspflichtig sind." "Auf Siegfrieds Dienste wirst du wohl immer verzichten müssen", gab Kriemhild zornig zurück, "er ist der Erste der Helden, weit vor Gunther, meinem Bruder. Im Übrigen aber wundert es mich, dass er euch zehn Jahre lang nicht dienstbar war, wenn er doch, wie du sagst, euer Lehnsmann ist."

"Überhebe dich nur mit Worten", höhnte Brunhild, "wer von uns beiden den Vorrang hat, das wird sich ja erweisen!"

"Gewiss, heute noch beim Kirchgang wird es sich zeigen!" entgegnete Kriemhild mit zornfunkelndem Blick. In feindlichem Groll schieden die Königinnen voneinander.

Kriemhild liess ihre Frauen die kostbarsten Gewänder und den reichsten Schmuck anlegen. Dann ging sie an ihrer Spitze in königlicher Pracht zur Kirche. An den Stufen des Münsters stand bereits mit ihren Begleiterinnen Brunhild. Hochmütig herrschte sie die Schwägerin an, als diese vorüberschreiten wollte: "Nichts da! Eine Eigenholdin soll nie vor der Königin gehen!" Da loderte Kriemhilds Zorn auf: "Hättest du doch geschwiegen! Jetzt sollst du vor allem Volke hören, was ich seit langem weiß: nicht Gunther hat dich bezwungen, Siegfried war es, der dir zum Herrn und Meister wurde und deinen hochfahrenden Sinn beugte. Willst du ihn und mich jetzt noch deine Eigenholden nennen?"

Tränen stürzten aus Brunhilds Augen, als sie diese Worte vernahm. "Das will ich Gunther sagen!" klagte sie laut.

"Tue es nur", erwiderte Kriemhild, "unsere Freundschaft hat ohnehin ein Ende", und stolzen Schrittes betrat sie mit ihren Frauen vor der Burgundenkönigin das Münster.

Wie lang währten Brunhild diesmal Gesang und Gebete! Nach der Messe wartete sie inmitten ihres Gefolges auf dem Münsterplatz. Kriemhild sollte ihr Rede und Antwort stehen, und hatte Siegfried sich wirklich solcher Tat gerühmt, so konnte es für ihn nur den Tod geben.

Als Kriemhild durch das hohe Portal des Münsters schritt, trat Brunhild ihr entgegen und forderte sie auf, stehen zu bleiben. "Wo sind die Beweise für die bösen Worte, die ich eben von Euch hören musste?" fragte sie mit kalter Stimme. Da wies Kriemhild ihr Ring und Gürtel, die sie einst von Siegfried erhalten hatte, und sprach: "Da habt Ihr die Beweise, die Ihr fordert! Kennt Ihr diesen Ring und diesen Gürtel noch? Siegfried nahm sie Euch in der Nacht, da er Euch bezwang!"

Weinend wandte Brunhild sich ab und ließ Gunther herbeirufen. "In Schimpf und Schande hat mich deine Schwester gestürzt", klagte sie ihm. "Meinen Ring und Gürtel zeigte sie mir zum Zeichen, dass Siegfried mich bezwungen habe. Nimmst du diese Schmach nicht von mir, so kann ich nicht länger mehr hier Königin sein."

Sogleich ließ der König Siegfried kommen und erzählte ihm von dem Streit der beiden Königinnen. "Dass es so weit gekommen ist, tut mir von Herzen leid", sprach Siegfried, "und ich schäme mich der übermütigen Worte, mit denen Kriemhild dein Weib gekränkt hat. Halten wir doch die Frauen an, dass sie in Zukunft alle heftigen Reden lassen!"

Damit schien ihm die Sache abgetan, und auch Gunther wusste keinen besseren Rat.  





Montag, 15. Juni 2015

Nibelungen Sage 14/28 | Wie Siegfried beklagt und begraben wurde


In der Morgenfrühe, es war noch dunkel, riefen die Glocken des Münsters. Kriemhild erhob sich, um mit ihren Frauen wie üblich zur Mette zu gehen. Ein Kämmerer, der Licht brachte, fand den Toten vor der Tür der Kemenate und meldete seiner Herrin: "Vor dem Gemach liegt in seinem Blut ein erschlagener Ritter."

Da sank Kriemhild in schlimmer Ahnung ohnmächtig zu Boden, und als sie wieder zu sich kam, schrie sie in ihrem Schmerz so laut, dass es weithin durch den Palast hallte. Tröstend sprachen ihr die Frauen zu: "Vielleicht ist es ein Fremder, der da draußen liegt." Aber Kriemhild klagte in tiefstem Leid: "Nein, Siegfried ist es, mein geliebter Mann! Brunhild hat es geraten, und Hagen hat es getan."

Sie ließ sich zu dem Toten führen, hob sein schönes Haupt mit ihrer weißen Hand und rief in verzweifeltem Jammer aus: "Weh mir Unglücklichen! Unversehrt ist sein Schild, Meuchelmord hat ihn gefällt! Rächen will ich diese schwarze Tat!"

Sogleich sandte sie Nachricht zu Siegmund und den Getreuen ihres Mannes. Niemand wollte die unheilvolle Kunde glauben, bis sie das Weinen vernahmen. Da eilte König Siegmund mit seinen Recken herbei, und laute Klagerufe erfüllten die Gänge und Säle des Palastes. "Weh der unseligen Reise, die meinem lieben Sohn den Tod brachte!" rief der alte König in untröstlichem Schmerz und umarmte die weinende Kriemhild.

Da erhoben die Recken aus Niederland, elfhundert waren es, ihre Schilde und begehrten, den Tod ihres Herrn an Gunther und seinen Gefährten zu rächen. Kriemhild jedoch hielt sie zurück: "Es wäre euer Verderben, zu zahlreich sind die Mannen Gunthers: einer von euch steht gegen dreißig Burgunden. Helft mir jetzt, meinen lieben Mann aufzubahren, und wartet mit mir auf die Stunde der Rache!"

Als es heller Tag war, trugen die Recken ihren toten Herrn auf einer Bahre unter Glockengeläut hinüber ins Münster. Alles Volk strömte aus der Stadt zusammen und trauerte um den lichten Helden, dessen Leben so jäh und gewaltsam geendet hatte. Auch Gunther kam mit Hagen und anderen Gefolgsleuten. Er trat zu Kriemhild und heuchelte Beileid: "Liebe Schwester, dein Leid geht mir zu Herzen. Wir alle müssen klagen um Siegfrieds Tod." Kriemhild erwiderte: "Ginge dir meines Mannes Tod wirklich nahe, so wäre es nicht zu der ruchlosen Tat gekommen."

Gunther und seine Begleiter leugneten ihre Schuld, aber Kriemhild rief: "Wer unschuldig sein will, der mag es erweisen! Er trete hier an die Bahre des Toten heran!"

So geschah es, dass, als Hagen finsteren Blickes herantrat, die Wunden Siegfrieds wieder aufbrachen, und das Blut von neuem strömte. Da war es vor allem Volk erwiesen, dass der Tronjer der Mörder war.

Viele Totenmessen wurden für Siegfried gehalten, und kunstreiche Schmiede fertigten einen Sarg aus Gold und Silber und mit starken Stahlbeschlägen. In diesem Sarg lag Siegfried drei Tage und drei Nächte im Münster aufgebahrt, und Kriemhild hielt im die Totenwacht. Auch die Getreuen, Männer und Frauen, wachten all diese Zeit ohne Unterlass bei ihrem lieben Herrn.

Am vierten Tag trug man ihn zu Grabe. Kriemhild schritt hinter dem Sarg, während die Glocken dumpf erschallten und die Priester die Totengesänge sangen. An der offenen Gruft bat Kriemhild die Mannen Siegfrieds, den Sarg noch einmal zu öffnen. Mit ihrer bleichen Hand hob sie das Haupt des geliebten Toten und küsste zum letztenmal seine Lippen. Dann brach sie unter der Last des Schmerzes zusammen.






Sonntag, 14. Juni 2015

Nibelungen Sage 15/28 | Wie der Nibelungenhort nach Worms kam

Hagen versenkt den Nibelungenhort
Bald nach dem Begräbnis gab König Siegmund seinen Mannen bekannt, dass er heimkehren wolle nach Xanten. Auch Kriemhild bat er, sich zur Reise zu rüsten. Sie sollte an Siegfrieds Statt die Krone von Niederland tragen.

Doch Frau Ute wollte ihre Tochter nicht mehr in die Fremde ziehen lassen. Gernot und Giselher schlossen sich ihren Bitten an, und Giselher versprach der Schwester seinen brüderlichen Schutz. Da sagte Kriemhild zu, in Worms zu bleiben; nur Hagen, den Mörder Siegfrieds, wollte sie nie mehr vor Augen sehen. 

Kriemhilds Entschluss bekümmerte König Siegmund sehr. Traurig schieden er und seine Recken von Siegfrieds Frau, die sie alle liebgewonnen hatten. Von Gunther und Hagen nahmen sie keinen Abschied. Giselher allein geleitete sie, als sie Worms für immer verließen. 

Ein Haus in der Nähe des Münsters nahm die trauernde Kriemhild auf. Täglich ging sie mit ihren Frauen zur Messe und an das Grab Siegfrieds, um für sein Seelenheil zu beten. Frau Ute kam oft, um ihr Trost zu spenden, doch nichts vermochte Kriemhilds Schmerz zu lindern: zu tief eingesenkt in ihr Herz war das Leid um den geliebten Toten. Drei Jahre verbrachte sie so, ohne ein Wort mit Gunther zu sprechen oder Hagen, ihren Todfeind, ein einziges Mal zu sehen. 

Da kam Hagen ein neuer Plan, und sogleich ging er damit zu König Gunther. "Söhnt Euch mit Eurer Schwester aus", riet er ihm, "dann bringen wir den Nibelungenhort in unser Land, und groß wird Euer Gewinn davon sein!"

Der Rat war nach dem Herzen Gunthers, und er sandte Gernot und Giselher als Mittler zu seiner Schwester. "So lange schon trauerst du um Siegfried", redete Gernot Kriemhild freundlich zu, "unser Bruder Gunther hat keine Schuld an seinem Tod, das will er dir bezeigen." --- "Niemand gibt ihm solche Schuld", erwiderte Kriemhild, "Hagen erschlug ihn, und ich Unselige machte ihm die Stelle bekannt, wo der tödliche Stich traf. Wie konnte ich es ahnen, dass er so tödlichen Hass gegen Siegfried trug!"

Auch Giselher bat nun mit warmen Worten für Gunther, und schließlich fand sich Kriemhild zur Versöhnung bereit. Wenn auch ihr Herz nicht dabei mitsprach, sie gab den Brüdern einen Gruß an Gunther mit. Sogleich kam da der König mit seinen Freunden zu ihr und holte sich aus ihrem Mund Verzeihung und Aussöhnung. Nur Hagen ließ sich nicht blicken. Er kannte nur zu wohl seine Schuld und wusste, dass Kriemhild sie niemals vergessen und vergeben würde. Gegen ihn allein blieb ihr Herz in bitterster Feindschaft verhärtet.

Nicht lange dauerte es, da brachten die Brüder Kriemhild so weit, dass sie den Nibelungenhort an den Rhein holen ließ. Siegfried hatte ihn ihr einst als Morgengabe geschenkt, und so gehörte er ihr mit Recht zu eigen. Mit starkem Geleit fuhren Giselher und Gernot ins Nibelungenland, und Alberich, der Hüter, gab ihnen den Schatz heraus. Der war so gewaltig groß, dass zwölf Wagen dreimal am Tag zwischen dem Berg und den Schiffen hin und her fahren mussten, und erst nach vier Tagen war alles Gold und Edelgestein geborgen. 

Mancher der Nibelungenrecken folgte den Burgunden an den Rhein und trat in Kriemhilds Dienste ein. Viele Kammern und Türme in Worms füllte nun der Schatz, und Kriemhild war seine Herrin. Freigebig teilte ihre Hand davon aus, und so zahlreiche Freunde gewann sie sich mit dem Nibelungengold, dass Hagen sich eines Tages warnend an Gunther wandte: "Lassen wir sie noch eine Weile so schalten, so mag es uns übel ergehen. Ich rate Euch deshalb, ihr den Schatz wegzunehmen."

Doch Gunther wollte auf diesen Vorschlag nicht eingehen: "Der Schatz gehört meiner Schwester", erwiderte er, "und sie mag mit ihm tun, was ihr beliebt. Auch schwur ich ihr zu, dass kein Leid mehr von meiner Hand über sie kommen werde."

"Keiner Frau soll man solche Schätze anvertrauen", beharrte Hagen auf seiner Warnung, "Kriemhild bringt es noch dahin, dass Eure Nachsicht Euch bitter gereut. Und wenn Ihr schon selbst nicht handeln wollt, so lasst mich gewähren; ich bin durch keinen Eid gebunden."

Abermals widerstand Gunther nicht, und Hagen nahm Kriemhild gewaltsam die Schlüssel der Schatzkammern weg, so zornig Gernot und Giselher sich auch dagegen wandten. Der grimme Tronjer gab nichts um ihre Bitten und Mahnungen. Ja, als Gunther mit seinen Brüdern auf einer Reise einst von Worms abwesend war, ließ Hagen den Hort an den Rhein schaffen und versenkte ihn heimlich in die Fluten. Alle Knechte, die dabei halfen, band er mit schweren Eiden, niemals die Stelle zu verraten, wo das Gold in den Tiefen des Stromes ruhte. Was halfen Kriemhild ihre Klagen, als Gunther zurückkehrte! Nur mit Worten tadelte der König die räuberische Tat Hagens, seine Freundschaft entzog er ihm nicht.

Kriemhild aber mochte nun nicht länger da bleiben, wo der Tronjer in ihrer Nähe war. Sie verließ Worms und zog zu ihrer Mutter Ute auf den Witwensitz, den diese unweit der Abtei Lorsch besaß. Die Gebeine Siegfrieds ließ sie in das Münster des Klosters überführen, und manches Jahr lebte sie nun in Lorsch in einsamer Trauer um den lieben Toten, dem ihr Herz in unwandelbarer Treue gehörte.