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Mittwoch, 27. Juli 2016

Miniatur von Rohan | Begegnung | Kalenderblatt Juli

aventin.blogspot.com

In dieser Miniatur aus einem der schönsten Gebetbücher, den 'Grandes Heures de Rohan', spielt die Natur so gut wie gar keine Rolle und ist nur ganz symbolhaft durch einen einzelnen Baum auf spitzem Felsen vertreten. Und doch hat das Blatt insofern hier seine besondere Bedeutung, als es noch in einem anderen Sinne ein 'Außenseiter' ist. 

Mit dieser ungewöhnlich ausdrucksvollen Darstellung ist nämlich die Grenze, die die Miniatur vom Tafelbild trennt, fast schon überschritten. Zum Wesen der Miniatur gehört nicht nur das kleine Format der Buchseite, sondern auch das Minutiöse, die ins Kleine gehende Darstellung, ja sogar die 'kleine' Auffassung, die der Künstler von seinem Stoff hat. Der unbekannte Meister von Rohan jedoch hat seiner Szene von der Begegnung Marias mit der heiligen Anna und Zacharias eine Größe des Ausdrucks verliehen, die sehr wohl ein Tafelbild zu tragen vermöchte. Man kann sogar sagen, dass dieses Pathos der Gebärde, diese Beseeltheit der Gesichter, diese Größe der Komposition monumentaler und vergeistigter als manches Werk der damals herrschenden sienesischen Schule erscheint.

Und wenn auch dem Meister von Rohan jene neue Kunstsprache der Naturwahrheit, die wir bei den Miniaturen der Brüder von Limburg rühmen, noch fremd ist, so hat das gotische Ringen um die innere Wahrhaftigkeit hier einen um so dramatischeren Ausdruck gefunden. 






Mittwoch, 29. Juni 2016

Aus einer Handschrift des XV. Jahrhunderts | Kalenderblatt Juni


Neben dem eigentlichen Thema, der Taufe Christi, wird hier das Motiv 'Die Ernte' behandelt. Auf überraschende und reizvolle Weise hat hier der Künstler dem in einen Goldgrund verwobenen Kornfeld eine Raumwirkung gegeben, indem er kleine plastische Figuren hineinstreute, die das Korn und die riesigen Blumen schneiden. Diese Kornblumen und Pechnelken, deren Blautöne einen fast modisch-raffininierten Klang ergeben, zeugen von einer ebenso starken Wirklichkeitsbeobachtung und Daseinsfreude wie die figürlichen Szenen selbst. Zwischen den Schnittern und Schnitterinnen erkennt man zwei herrschaftliche Jagdknechte, deren einer beritten ist und auf der Hand den Falken trägt, während der andere im Kornfeld mit einem Mädchen scharmuziert. 

Man glaubt aus dieser Zeichnung den gelassenen Rhythmus des ländlichen Jahres und das Glück einer selbstverständlichen Ordnung zu spüren, überschattet von der ewigen Wehmut eines uralten Volksliedes:

"Ich hört ein Sichlein rauschen,
Wohl rauschen durch das Korn,
Ich hört eine feine Magd klagen,
Sie hätt ihre Lieb verlorn."

Diese Reproduktion vermittelt eine Ahnung von dem kunstreichen Verfahren, mit dem das Blattgold auf das Pergament gehämmert ist und hierauf dann die deckenden Gouachefarben aufgetragen sind. Das Gold, Lieblingsfarbe des Mittelalters und auf vielen Abbildungen vertreten, wird seit der Ottonischen Zeit häufig als Hintergrund verwendet, als solcher aber später zugunsten der realistischen Tiefenwirkung aufgegeben, die auf der dekorativen Goldfläche nicht zu erzielen ist.  






Samstag, 22. September 2012

Weinlese vor Schloß Saumur | Kalenderblatt September

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Ein Kalenderblatt aus dem unvergleichlichen Stundenbuch des Herzogs von Berry. Ein Stück porträtierter Landschaft, die Verdute eines der herzoglichen Schlösser, mit spürbar echter Stimmung und Beleuchtung. 

Thema des Monats September ist die Weinlese vor Schloss Saumur. Die Turmspitzen mit ihren hohen Windfahnen, die Lilienornamente auf den Zinnen, die zwanzig schlanken Schornsteine, das blüht alles wie ein wildes Beet hoher weißer Blumen in der dunkelblauen Luft. Das Blatt, das eine unglaubliche Beobachtung und Genauigkeit verrät, stammt nur in der oberen Hälfte von den drei Brüdern aus Limburg, der untere Teil ist später  entstanden, fügt sich aber der Atmosphäre des Ganzen glücklich ein.

Dass diese paradiesische Welt, vom Schloss her gesehen, auch ihre Schatten hat, beschreibt Ulrich von Hutten in einem Brief an seinen Freund Pirkheimer: "Und welch ein Lärm! Da blöken die Schafe, brüllt das Rind, bellen die Hunde, auf dem Feld schreien die Arbeiter, die Wagen und Karren knarren, und bei uns zu Hause, die wir nahe an den Wäldern wohnen, hört man auch die Wölfe heulen. Jeden Tag kümmert und sorgt man sich um den folgenden, immer ist man in Bewegung, immer in Unruhe. Da müssen die Äcker umgegraben und wieder umgegraben werden, ist in den Weinbergen zu arbeiten, Bäume muss man setzen, Wiesen bewässern, Schollen brechen, säen, düngen, das Getreide schneiden, dreschen, nun ist die Zeit der Ernte, nun die Weinlese. Ist es dann ein schlechtes Jahr, dann herrscht oft furchtbare Not, furchtbare Armut. Da gibt es dann nichts, was einen nicht zu jeder Stunde aufregt, verwirrt, ängstigt und zermürbt." (Aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry)






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