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Mittwoch, 31. Januar 2018

Die Hexenjagd Von der Hexenjagd in Europa und ihren Folgen

Die Hexenjagd Von der Hexenjagd in Europa und ihren Folgen:

In Europa begann die systematische Verfolgung der Hexen im Jahr 1330 in den Pyrenäen. Zwischen 1590 und 1630 erreichten die Hexenprozesse und Hexenverfolgungen einen Höhepunkt, wobei die Zahl der Opfer in die Zehntausende ging.


Mittwoch, 27. Juli 2016

Miniatur von Rohan | Begegnung | Kalenderblatt Juli

aventin.blogspot.com

In dieser Miniatur aus einem der schönsten Gebetbücher, den 'Grandes Heures de Rohan', spielt die Natur so gut wie gar keine Rolle und ist nur ganz symbolhaft durch einen einzelnen Baum auf spitzem Felsen vertreten. Und doch hat das Blatt insofern hier seine besondere Bedeutung, als es noch in einem anderen Sinne ein 'Außenseiter' ist. 

Mit dieser ungewöhnlich ausdrucksvollen Darstellung ist nämlich die Grenze, die die Miniatur vom Tafelbild trennt, fast schon überschritten. Zum Wesen der Miniatur gehört nicht nur das kleine Format der Buchseite, sondern auch das Minutiöse, die ins Kleine gehende Darstellung, ja sogar die 'kleine' Auffassung, die der Künstler von seinem Stoff hat. Der unbekannte Meister von Rohan jedoch hat seiner Szene von der Begegnung Marias mit der heiligen Anna und Zacharias eine Größe des Ausdrucks verliehen, die sehr wohl ein Tafelbild zu tragen vermöchte. Man kann sogar sagen, dass dieses Pathos der Gebärde, diese Beseeltheit der Gesichter, diese Größe der Komposition monumentaler und vergeistigter als manches Werk der damals herrschenden sienesischen Schule erscheint.

Und wenn auch dem Meister von Rohan jene neue Kunstsprache der Naturwahrheit, die wir bei den Miniaturen der Brüder von Limburg rühmen, noch fremd ist, so hat das gotische Ringen um die innere Wahrhaftigkeit hier einen um so dramatischeren Ausdruck gefunden. 






Mittwoch, 29. Juni 2016

Aus einer Handschrift des XV. Jahrhunderts | Kalenderblatt Juni


Neben dem eigentlichen Thema, der Taufe Christi, wird hier das Motiv 'Die Ernte' behandelt. Auf überraschende und reizvolle Weise hat hier der Künstler dem in einen Goldgrund verwobenen Kornfeld eine Raumwirkung gegeben, indem er kleine plastische Figuren hineinstreute, die das Korn und die riesigen Blumen schneiden. Diese Kornblumen und Pechnelken, deren Blautöne einen fast modisch-raffininierten Klang ergeben, zeugen von einer ebenso starken Wirklichkeitsbeobachtung und Daseinsfreude wie die figürlichen Szenen selbst. Zwischen den Schnittern und Schnitterinnen erkennt man zwei herrschaftliche Jagdknechte, deren einer beritten ist und auf der Hand den Falken trägt, während der andere im Kornfeld mit einem Mädchen scharmuziert. 

Man glaubt aus dieser Zeichnung den gelassenen Rhythmus des ländlichen Jahres und das Glück einer selbstverständlichen Ordnung zu spüren, überschattet von der ewigen Wehmut eines uralten Volksliedes:

"Ich hört ein Sichlein rauschen,
Wohl rauschen durch das Korn,
Ich hört eine feine Magd klagen,
Sie hätt ihre Lieb verlorn."

Diese Reproduktion vermittelt eine Ahnung von dem kunstreichen Verfahren, mit dem das Blattgold auf das Pergament gehämmert ist und hierauf dann die deckenden Gouachefarben aufgetragen sind. Das Gold, Lieblingsfarbe des Mittelalters und auf vielen Abbildungen vertreten, wird seit der Ottonischen Zeit häufig als Hintergrund verwendet, als solcher aber später zugunsten der realistischen Tiefenwirkung aufgegeben, die auf der dekorativen Goldfläche nicht zu erzielen ist.  






Freitag, 27. Mai 2016

Im Hafen von Genua | Topographie | Novelle von Emmrich

Die Hafenstadt Genua hat von jeher den Horizont meiner Wünsche gefärbt wie die rosenfingrige Eos den Morgenhimmel der homerischen Helden. Es war ein goldener Tag, an dem das Glück mich in die alte Hafenstadt am Tyrrhenischen Meer verschlug.

In Genua gerät man in die alltäglich Gegenwart eines noch nicht erloschenen Mittelalters. Genua ist die Geburtsstadt des Kolumbus. Es wäre sonderbar, wenn die Historiker das nicht bezweifelt hätten. Aber die Legende stolpert nicht über plumpe Tatsachen. Nirgendwo anders als hier darf der Mann geboren sein, der den neuen Kontinent entdeckte, hier in dieser Stadt, deren kühne Befestigungen  die Vermählung des Gebirges mit dem Meer feiern, hier in dieser Stadt, die der Nabel des Mare Nostrum ist. 

Dicht drängen sich die hohen Häuser auf engem Raum. Die Straßen sind schmal und voll einer warmen Luft der Beweglichkeit, des Eifers der Hilarität. Die unbestimmten Gerüche der Waren, die aus allen Teilen der Welt in den Speichern dieser Stadt zusammenströmen, geben der Atmosphäre das Geheimnisvolle der Ferne, des Unbekannten, des Kostbaren. Die Ausdünstungen der Säcke, des geteerten Holzes, der Häute mischen sich mit Yerba vom Parana, mit Salzfisch, Ananas und Reis aus Karachi und mit Kaffee aus Santos und Java zu einer Symphonia aromatica von köstlichem Reiz für den, der die Nuancen zu unterscheiden weiß. Über allem liegt der Geruch von Meerwasser, Öl und Ruß und diese wunderbare Hitze, in der die Früchte die Köstlichkeit der vollen Reife erreichen. 

Die Fassaden der Renaissance- und Barockpaläste der alten Genueser Familien ragen aus dem Getümmel der Straßenschluchten mit ihren Giebeln bis in die Sonne hinauf. Die Reichtümer, die der Handel in die Stadt gebracht hat, haben in diesen Fassaden ihre Wiederauferstehung gefeiert. Die stillen Höfe, in denen Palmen Springbrunnen beschatten, haben etwas vom Zauber maurischer Architektur. Hier wie Jahrhunderte früher in Byzanz traf der Orient mit dem christlichen Abendland zusammen. Der Mohammedaner, der in das Seitenportal von S. Matteo seine Datteln eingebaut hat, ist hier so zu Haus wie der griechische Agent, der armenische Shipchandler, der Heuerbaas aus Amsterdam und die Jollenführer von der Insel Korsika. Die hundert Sprachen der Mittelmeerküste schwirren durcheinander in dem unbegreiflich verwirrten und unbegreiflich simplen Hafenslang, in dem man sich über die Geschäfte verständigt, die das Money bringen, das bei irgendeinem Drink irgendeines Landes in einer der zahllosen kleinen Trattorias am Hafen zur Auszahlung gelangt und an einem Tage oft dreimal verdient wird. 





Freitag, 13. Mai 2016

Die Menschen haben den Himmel vergessen | Gedanken von Emmrich


Keine einzige Entdeckung hat die Welt des Mittelalters so sehr erschüttert wie die Entdeckung der Tatsache, dass die Erde eine Kugel sei. Die Kardinäle, die den Galilei verbrennen wollten, hatten entschieden ein richtiges Gefühl dafür, wie gefährlich die Wissenschaft dieses Mannes wäre. -- Sie haben ihn nicht verbrannt. Dafür ist die Welt des Mittelalters in Flammen aufgegangen. 

Unterdessen haben die Astronomen Millionen von neuen Sternen entdeckt, unter denen sich möglicherweise einige Dutzend bewohnte Welten befinden. Die Wirkung dieser Entdeckung auf die menschliche Seele ist aber sehr merkwürdig. 

Auch früher war die Welt ein Jammertal. Immerhin lag sie vor den Toren des Paradieses. Das Wichtigste, was es auf ihr gab, war die unsterbliche menschliche Seele. Damals hätten die Leute wohl Grund zu einigem Stolz gehabt. Die Sonne stand am Mittag zu ihren Häupten, und der Mensch war der Mittelpunkt des Kosmos und die Leute waren bescheiden, dankten Gott und dachten an den Himmel. 

Heute, wo wir zu wissen glauben, dass wir lächerliche Mikroben in einer unfassbaren Unendlichkeit sind, haben wir den Himmel vergessen und sind hochmütig geworden. Wir haben allen Respekt vor den irdischen Gegebenheiten verloren und hantieren mit der Welt, als ob sie ein Spielzeug zu unserem Vergnügen wäre. 





Freitag, 11. Dezember 2015

Florenz | Hauptstadt der Toskana | Florentia oder die Blühende


Florenz, Provinz-Hauptstadt der Toskana mit Sitz einer bekannten Universität und eines Erzbischofs, wird wegen ihrer malerischen Lage zu beiden Seiten des Arno auch 'la Bella' genannt. Die Stadt war vom Mittelalter an bis zur Neuzeit Mittelpunkt der geistigen Entwicklung Europas. Von hier ging auch die Schöpfung der italienischen Sprache und Literatur aus, man denke dabei an Dante Alighieri, Giovanni Boccaccio oder Francesco Petrarca, und von hier erwuchs die Blüte der italienischen Kunst.




Sehenswürdigkeiten:


Piazza della Signora  
Palazzo degli Uffizi  
Palazzo Strozzi  
Accademia di Belle Arti  
Ponte Vecchio 
Boboli-Garten 



Zur Geschichte:

  • 50 v. Chr. erhält 'Florentia' die Stadtrechte. 
  • 1282 reißen die Zünfte die Regierung an sich. Ihre Priori (Vorsteher) treten als Signoria an die Spitze der Verwaltung. 
  • 1302 wird Dante auf Lebenszeit aus seiner Heimatstadt Florenz verbannt.
  • 1434 kommt die reiche Kaufmannsfamilie Medici an die Macht. Ihre bedeutendsten Mitglieder sind Cosimo 'Il Vecchio'  und Lorenzo 'Il Magnifico' . Unter diesen beiden wird die Republik Florenz in Europa Mittelpunkt von Kunst, Wissenschaft, Handel und Geldverkehr. 
  • 1494 besetzt Karl VIII.  von Frankreich Florenz und die Medici werden Vertrieben. 
  • 1498 stirbt der Bußprediger Savonarola, ein Gegner der Medici, als Ketzer.
  • 1512 kehren die Medici nach Florenz zurück.
  • 1532 wird Alessandro di Medici von Karl V. als erblicher Herzog eingesetzt, regiert aber nur fünf Jahre. 
  • 1537 wird Alessandro von seinem Vetter Lorenzino ermordet. Nachfolger wird der junge Cosimo I.
  • 1569 wird Cosimo I. von Paps Pius V. als Großherzog bestätigt. 
  • 1737 sterben die Medici aus. Das Haus Lothringen erhält die Toskana als Reichslehen. Habsburg-Lothringen herrscht bis 1859.
  • 1865 Florenz wird Hauptstadt des neuen Königreichs Italien.










Sonntag, 28. Juni 2015

Nibelungen Sage 1/28 | Wie Siegfried sein Schwert schmiedete


Vor Zeiten erhob sich zu Xanten am Niederrhein eine starke Burg mit festen Ringmauern und trutzigen Türmen. Dort herrschten über die Niederlande König Siegmund und Königin Sieglinde, und dort wuchs, blühend vor Jugend und Kraft, Jung-Siegfried, ihr Sohn heran. Die Eltern hüteten ihn als ihren Stolz, aber schon früh stand sein Sinn nach Taten und Abenteuern draußen in der Welt. Als er eben dem Knabenalter entwachsen war, hielt es ihn nicht mehr daheim hinter den engen Mauern, und Tag für Tag bestürmte er den Vater, ihn ziehen zu lassen. Der gab endlich dem ungestümen Drängen nach, und jubelnd nahm Siegfried Abschied von den Seinen.

Wie er nun seines Weges dahin wanderte, der lockenden blauen Ferne entgegen, sprengten Ritter in reisiger Wehr, mit Lanzen und blitzenden Schwertern, an ihm vorüber. Da strahlten seine Augen, und mit festem Griff umschloss er den Stecken, den er in der Hand trug. Was gab es Herrlicheres in der Welt als ritterliche Wehr und Waffen!

Gegen Abend kam er in einen Wald, und da lag dicht am Wege eine Schmiede. Roter Feuerschein sprang um die dunklen Stämme, und hell erklang weithin der Schlag der Hämmer. Im rußigen Schurzfell stand der Meister am Amboß und ließ die Funken aus weißglühendem Eisen sprühen. Geschäftig werkten die Gesellen am Blasebalg.

Siegfried trat heran und bot seinen Gruß, und klopfenden Herzens fügte er hinzu: "Nehmt mich als Lehrling an, Meister, und lehrt mich die Kunst, tüchtige und scharfe Schwerter zu schmieden!" In der Kraft seiner Jugend stand er vor dem Schmied, und der nickte ohne Zögern Gewähr: "Nur heran, junger Mann! Starke und geschickte Arme gibt es in einer Schmiede nie genug." 

So blieb Siegfried im Walde bei Meister Mime und seinen schwarzen Gesellen. Er lernte die Glut in der Esse schüren und das Eisen mit wuchtigen Hammerschlägen strecken. Und eines Morgens in aller Frühe trat er an den Amboß, um sich ein ritterliches Schwert zu schmieden. So gewaltig schlug er mit dem schwersten Hammer zu, dass das rote Eisen in Stücke sprang und der Amboß tief in den Grund fuhr. Aber aus der letzten Eisenstange wurde ein Schwert, lang und breit und mit scharfer Schneide. Das reckte er hoch empor: "Nun bin ich ein Ritter wie die Mannen meines Vaters, die zu Kampf und Sieg ausziehen!"







Dienstag, 23. Juni 2015

Nibelungen Sage 6/28 | Wie Siegfried zum ersten Male Kriemhild sah


Zu Pfingsten war das große Fest angesagt, und bald zogen auf allen Wegen die edlen Herren heran, die von König Gunther geladen waren. Gernot und Giselher hießen die Gäste in Worms willkommen. Zweiunddreißig Fürsten fanden sich ein und an fünftausend Ritter mit ihrem Geleit. Geschäftiges und frohes Treiben herrschte in der ganzen Stadt, und die Frauen richteten das Beste, was sie an Kleidern und Schmuck hatten.

Am Pfingstmorgen begann das Fest. Gunther befragte seine Getreuen, wie man sich den besonderen Dank der Gäste verdienen könne. Da meinte Ortwin von Metz: "Soll das Fest recht gelingen, so lasst die Frauen des Hofes daran teilnehmen, vor allem aber Eure Schwester Kriemhild, die so mancher Held zu sehen gekommen ist." Der Rat gefiel Gunther, und es erging an Frau Ute und Kriemhild die Aufforderung, mit ihren Frauen vor den Gästen zu erscheinen. 

Da gab es kein Säumen. Die schönsten Gewänder und der kostbarste Schmuck wurden hervorgeholt, und hundert Recken standen zum Geleit bereit, als Ute und Kriemhild mit der Schar edler Frauen ihre Gemächer verließen. Sogleich drängten von allen Seiten die Ritter heran, denn niemand wollte sich diesen Augenblick entgehen lassen.

Wie das Morgenrot aus trüben Wolken bricht, so kam Kriemhild daher. Edle Steine funkelten an ihrem Gewand, und wie Rosen blühten ihre Wangen. Keine der Frauen kam ihr an Schönheit gleich, und keiner der Ritter hatte je ein lieblicheres Bild gesehen. Siegfried, der in der Menge der Zuschauer stand, wurde es im Herzen froh und traurig zugleich. "Wie konnte ich nur hoffen, dich zu gewinnen",  ging es ihm durch den Sinn, "das ist ein eitler Wahn! Aber wenn ich dich meiden soll, so wollte ich doch lieber tot sein." Als wäre er auf ein Pergament gemalt, so stand Siegfried da, herrlich vor allen anderen Recken.

Da wandte sich Gernot an seinen Bruder Gunther: "Jetzt ist es an der Zeit, Siegfried zu belohnen für die Dienste, die er uns erwiesen hat. Kriemhild sollte ihm ihren Gruß entbieten, das würde den Helden ehren und noch fester mit uns verbinden." Gunther tat nach Gernots Rat, und Siegfried wurde zu der Königstochter geleitet. Noch tiefer erglühte das Rot auf Kriemhilds Wangen, als sie den Helden vor sich sah. "Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter!" grüßte sie ihn, und voll Anmut neigte er sich vor ihr in Freude und Dank. Nur heimlich wagten sie es, einander mit liebenden Blicken anzuschauen, und nie erlebte Siegfried ein tieferes Glück als in dieser Stunde, da er Kriemhilds Hand in der seinen hielt. Jeder der hochgemuten Recken hätte an seiner Stelle sein mögen.

Zum Münster ging nun der festliche Zug, Siegfried an der Seite der schönen Kriemhild. Dort wurden sie voneinander getrennt, wie es in der Kirche Sitte war, und der Held von Niederland konnte kaum das Ende der Messe erwarten, so sehr verlangte ihn nach der Nähe der Holdseligen, die er im Herzen trug. Als die Ritter und Frauen das Münster verließen, trat er wieder zu Kriemhild, um sie heim zu geleiten, und jetzt erst fand sie Worte des Dankes für sein tapferes Streiten. "Ich tat es für Eure Brüder und für Euch", erwiderte Siegfried, "und ich will nicht ablassen, Euch zu dienen mein Leben lang, wenn Ihr mir Eure Minne gewährt."

Zwölf Tage währte das Fest, und jeden Tag weilte Siegfried an der Seite Kriemhilds bei den Kampfspielen, in denen Gunthers Recken und die fremden Helden miteinander wetteiferten im Schwertstreit und Lanzenstechen. König Gunther kargte nicht mit Speise und Trank, und als die Gäste Abschied nahmen, ließ er ihnen kostbare Gaben reichen. Auch die gefangenen Sachsen und Dänen durften mit ihren Königen den Heimweg antreten. Gunther entließ sie auf Siegfrieds Rat ohne Lösegeld, doch mussten sie für künftige Zeiten Frieden geloben.

Abermals drängte es nun Siegfried zur Heimkehr, denn unerreichbar schien ihm immer noch Kriemhilds Hand. Da war es Giselher, der ihn mit seinen Bitten am Burgundenhof zurückzuhalten suchte. Und wieder ließ Siegfried sich nicht lange bitten. Wie hätte er wegreiten können von Kriemhild, die er nun Tag für Tag sehen durfte!





Montag, 22. Juni 2015

Nibelungen Sage 7/28 | Wie Gunther Brunhild gewann

Brunhild von Gaston Bussière
Nicht lange währte es, da kam an den Rhein die Kunde von einer Königstochter, die auf einer Insel im fernen Nordmeer lebte. Brunhild hieß sie, und groß wie ihre Schönheit war auch ihre Kraft. Wer ihre Hand begehrte, der musste vor dem Isenstein, ihrer hohen Feste, in drei Kampfspielen mit ihr streiten, und verlor er, so war es um sein Leben getan. 

Kaum hatte König Gunther von Brunhild gehört, so stand es bei ihm fest, dass er zum Isenstein fahren und um die Stolze werben müsse. Im Kreis seiner Freunde gab er es bekannt: "Brunhild will ich gewinnen, daran setze ich mein Leben, und was man auch von ihrer Stärke spricht: die Frau möchte ich sehen, der ich es im Waffenkampf nicht zuvortue." Siegfried warnte: "Und hättet Ihr die Kraft von vier Männern, an Brunhild würdet Ihr zuschanden werden." Doch Gunther ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen: "Mag sie noch so stark sein, ich will es unverzagt wagen, und ich hoffe, es ist mir vergönnt, die Herrliche als Königin an den Rhein zu führen."

Da riet Hagen seinem Herrn: "So bittet doch Siegfried um seinen Beistand, er ist der Mann, Euch mit Rat und Tat am besten zu helfen." Gunther zögerte nicht, die Bitte zu tun, und Siegfried entgegnete: "Ich bin dazu bereit, wenn Ihr mir die Hand Eurer Schwester Kriemhild versprecht." Das sagte ihm Gunther sogleich zu, und mit Handschlag und Eid beschworen die beiden ihre Abmachung.

Nun ging es an die Vorbereitungen der gefahrvollen Reise. Siegfrieds Tarnkappe, die er dem Zwerg Alberich abgenommen hatte, durfte nicht fehlen. Dreißigtausend Ritter wollte Gunther zu der Fahrt aufbieten, aber Siegfried sprach sich dagegen aus: "Noch so viele Tausende vermögen nichts gegen Brunhild. Nach alter Recken Weise wollen wir ausziehen, wir beide und sonst niemand als Hagen und Dankwart, so werden tausend Kämpen (Kämpfer) uns nichts anhaben können." Doch riet er, die besten Gewänder und Waffen anzulegen, damit man vor Brunhilds Reichtum in Ehren bestehen könne.

Kriemhild übernahm es, mit dreißig ihrer Mägde kostbare Reisekleidung zu richten, und es wurde nicht gespart an arabischer Seide und Hermelinpelzen, an Goldborten und edlem Gestein. Und als alles aufs prächtigste bereit war, da lag auf dem Rhein schon das Schiff, das die Helden zum Isenstein im grauen Nordmeer tragen sollte. Bald füllte es sich mit Rüstzeug und Vorräten für die lange Reise, die Pferde wurden an Bord geschafft und das Segel gehisst: die Abschiedsstunde war da.

Tränen standen in den Augen Kriemhilds, als sie Siegfried die Hand reichte: "Meinen lieben Bruder empfehle ich Euch, Herr Siegfried. Schützt ihn vor Gefahren im fernen Land!" Siegfried versprach es ihr feierlich: "Mit meinem Leben stehe ich für ihn ein. Wohlbehalten bringe ich ihn zurück an den Rhein, darauf mögt Ihr fest vertrauen."

Der Wind stieß in das Segel, und die Fahrt begann. Gunther nahm selber ein Ruder zur Hand. Siegfried führte das Schiff, denn ihm war der Weg zum Isenstein bekannt. Von den Fenstern winkten die Frauen und Mägde den vier Fahrtgesellen nach, die der Strom rasch rheinabwärts davontrug. 

Am zwölften Morgen erhob sich vor ihnen aus dem Meer eine trutzige Felsenburg. Gunther bestaunte die hohen und starken Mauern und fragte nach dem Herrn der gewaltigen Feste und des Landes ringsum. "Das ist Brunhilds Burg, der Isenstein, und ihr gehört auch das Land", antwortete Siegfried. "Heute noch werden wir die Stolze und ihre Frauen sehen, und ich rate euch, ihr Freunde: gebt einmütig Gunther als unseren Lehensherrn aus, wenn sie euch fragt." Alle waren damit einverstanden. Nicht um Gunthers willen ließ Siegfried sich zu diesem Trug herbei, er tat es der schönen Kriemhild wegen, die er als sein Weib auf die Burg nach Xanten führen wollte. 

Viel edle Frauen zeigten sich in den Fenstern der Burg, ein gar liebliches Bild, als das Schiff am Ufer anlegte. "Welche dieser Jungfrauen würdet Ihr wählen, wenn es in Eurer Macht stände?" fragte Siegfried den König. "Diese dort oben im weißen Kleide", antwortete Gunther. "Da habt Ihr die rechte Wahl getroffen", sagte Siegfried, "es ist die edle Brunhild, nach der Euch Herz und Sinn steht."

Gunther und seine Begleiter stiegen an Land. Siegfried zog ein Ross am Zügel hinter sich und hielt dem König den Steigbügel, als dieser sich in den Sattel schwang. Dann erst holte er sein eigenes Pferd aus dem Schiff und saß auf. Brunhild und ihre Frauen schauten noch immer von den Fenstern aus zu.

Schneeweiß waren die Rosse, auf denen Gunther und Siegfried nun der Burg zuritten, und von gleicher Farbe war ihre Gewandung. Auf Rappen und in schwarzer Rüstung aber sprengten Hagen und Dankwart hinter ihnen her. Edles Gestein funkelte an Sätteln und Zaumzeug, und die Waffen blitzten in der Sonne. So ritten sie unter den Augen der Frauen durch das offene Tor in den Burghof ein.

Brunhilds Mannen eilten herbei, um ihnen die Rosse und die Waffen abzunehmen. Hagen wollte sein Schwert nicht aus der Hand geben, doch Siegfried riet es ihm an, das es in Brunhilds Burg so Sitte sei. Da legten alle ihre Waffen ab.

Brundhild fragte ihr Gesinde, wer die fremden Recken seien. Niemand hatte sie bisher gesehen, aber einer meinte: "Der stolze junge Held dort unten muss Siegfried von Niederland sein." Da glaubte Brunhild, Siegfried sei als Werber gekommen. Sie legte ihre prächtigsten  Kleider an und begab sich mit einem Geleit von mehr als hundert reichgeschmückten Frauen und fünfhundert Recken zu den Gästen. An Siegfried richtete sie zuerst ihren Gruß: "Seid willkommen in diesem Lande, Herr Siegfried! Sagt an, was führt Euch zum Isenstein?" --- "Ich danke für Euren huldvollen Gruß" erwiderte Siegfried, "aber diese Ehre steht als erstem meinem Herrn zu, dem König Gunther von Burgundenland, ich bin nur sein Lehensmann. Er ist gekommen, um Eure Hand zu werben."

"Verhält es sich so", entgegnete Brunhild, "so muss er mit mir kämpfen. Gewinnt er den Sieg, so werde ich sein Weib, verliert er aber, so geht es euch allen ans Leben!"

Da sprach Hagen von Tronje: "Sagt an, welche Kämpfe mein Herr zu bestehen hat. Wohl getraut er sich, einer Frau den Preis abzugewinnen."

"Den Stein muss er werfen, einen Sprung tun und den Speer werfen", entschied Brunhild, "aber habt es nicht gar so eilig, denn es gilt euer Leben!"

Siegfried sprach Gunther heimlich Mut zu, und dieser erwiderte zuversichtlich: "Und müsste ich noch mehr Proben bestehen, ich wäre ohne Zaudern dazu bereit, so viel liegt mir an Eurer Huld, edle Königstochter."

Da ließ Brunhild ihr Streitgewand bringen, einen goldenen Panzer und ein seidenes Waffenhemd, das kein Schwert und keine Lanze versehren konnte. Auch ihr Schild, mit Gold beschlagen und mit Edelsteinen geziert, wurde herbeigetragen. Vier Männer keuchten unter der gewaltigen Last, und drei Männer mussten den riesigen Wurfspeer mit dem mächtigen Schaft und der schweren Eisenspitze heranschaffen. Gar zwölf starke Männer aber waren nötig, den ungefügten Stein herbeizuschleppen, der im Wurf geschleudert werden sollte. Als Kampfplatz werde ein Kreis abgemessen, und wohl siebenhundert Recken umgaben auf Brunhilds Geheiß als Kampfzeugen das Rund. 

Den Burgunden entsank bei diesen Zurüstungen  der Mut. "Selbst der Teufel in der Hölle könnte es nicht aufnehmen mit diesem Weib", knurrte Hagen ingrimmig, als er die Waffen Brunhilds gewahrte, und Dankwart verwünschte laut die unselige Fahrt, die ihr aller Verderben werden musste. 

Inzwischen war Siegfried heimlich zum Schiff geeilt, hatte die Tarnkappe angelegt und kehrte nun unsichtbar auf das Kampffeld zurück. Eben wand Brunhild die Ärmel auf, nahm den Schild zur Hand und hob den gewaltigen Speer zum Zeichen, dass der Kampf beginnen sollte. Verstohlen berührte da Siegfried Gunthers Hand. Der erschrak, als er niemand in seiner Nähe erblickte, aber da vernahm er Siegfrieds leise Stimme: "Sei ohne Sorge, Gunther! Gib mir den Schild und höre, was ich dir sage: du hast nur die Gebärden zu machen, das übrige lass mein Werk sein!" Nie hatte Gunthers Ohr frohere Botschaft vernommen.

Da warf Brunhild den Speer mit solcher Macht, dass er des Königs Schild durchschlug und die Funken aus dem Stahl stoben. Die Männer sanken in die Knie, und aus Siegfrieds Mund brach das Blut. Aber sogleich war der Held wieder auf den Füßen, riss den Speer aus dem Schilde und warf ihn auf Brunhild, den Schaft voran, denn er wollte die schöne Streiterin nicht verletzen. Wieder lohten die Funken aus Schild und Panzerringen, und von der Wucht des Speerwurfes getroffen stürzte Brunhild zu Boden. 

Doch gleich war sie wieder auf und rief Gunther zu: "Dank für den Schuss, edler Ritter!" Denn sie glaubte, der König habe den mächtigen Wurf getan. Zornigen Mutes hub sie nun den Stein, den zwölf Männer herangetragen hatten, schwang ihn in der Hand und schleuderte in zwölf Klafter weit. dann tat sie in voller Rüstung den Sprung, und noch über den Stein hinaus trug sie ihre wundersame Kraft. 

Nun galt es für Gunther, sie im Wurf und Sprung zu übertreffen. Nie hätte er es ohne des Freundes Hilfe vermocht. Wohl hob er die Hand, aber Siegfried war es, der den Stein schleuderte, weit über Brunhilds Marke, und dann ergriff er Gunther und hob sich im Sprung mit ihm noch über die Stelle hinaus, wo der Stein niedergefallen war. Doch niemand sah ihn unter seiner Tarnkappe. Gunther allein, so schien es, hatte Wurf und Sprung getan. 

Roter Zorn wallte in Brunhild auf, als sie sich besiegt sah. Aber sie bezwang sich und rief ihre Mannen zusammen, dass sie Gunther als dem neuen Herrn im Isenland den Treueid leisteten. Da legten die Recken die Waffen nieder und beugten vor Gunther die Knie. Der König aber bot ihnen freundlichen Dank und reichte Brunhild die Hand. An ihrer Seite schritt er dem Rittersaal zu. 

Siegfried hatte inzwischen die Tarnkappe zum Schiff zurückgetragen und erschien nun unter den Rittern im Saal. "Weshalb geginnt denn der Kampf noch nicht?" fragte er listig den König Gunther. Brunhild hörte es und verwunderte sich sehr. "Habt Ihr denn nicht gesehen, Herr Siegfried, dass wir schon um den Sieg gestritten haben und König Gunther Meister geblieben ist?" Rasch kam da Hagens Antwort: "Herr Siegfried war während des Kampfes auf dem Schiff, so hat er noch keine Kunde von dem Sieg unseres Herrn." "Das freut mich", sprach Siegfried, "dass jemand Euren stolzen Sinn gebeugt hat, edle Königin. Nun müsst Ihr Eurem Meister an den Rhein folgen." Ungern vernahm Brunhild diese Worte. "Das will noch bedacht sein", antwortete sie, "meine Vettern und Lehensleute haben da mitzusprechen, wenn ich außer Landes gehen soll." Und sogleich sandte sie Boten aus, um die Großen des Landes zum Isenstein zu laden. 

Tag für Tag kamen nun die Herren zu Brunhilds Fest geritten. Hagen geriet darob in Sorge, er befürchtete eine Hinterlist der Königin. Auch diesmal wusste Siegfried Rat. Unter der Tarnkappe verborgen, fuhr er zu Schiff ins Nibelungenland und brachte nach wenigen Tagen tausend der tapfersten Recken in reisiger Wehr zum Isenstein. Brunhild staunte, als die Schiffe unter schneeweißen Segeln dem Land nahten, und wusste nicht, was das zu bedeuten habe. Da gab Gunther Auskunft: "Meine Heergesellen sind es, die ich unterwegs zurückließ. Siegfried führt sie nun herbei." 

Jetzt endlich war Brunhild bereit zur Fahrt an den Rhein. Dankwart teilte in ihrem Namen mit freigebiger Hand reiche Schätze an alle Gäste aus. Aber zwanzig Reiseschreine ließ sie selbst noch füllen, um im Burgungenland daraus zu spenden. Dann nahm sie Abschied von der Heimat, den Verwandten und Freunden. Zweitausend Ritter traten mit ihr die Reise an, dazu hundert Mägde und sechundachtzig edle Frauen. Auch die tausend Nibelungenrecken, die Siegfried herbeigeholt hatte, waren unter den Fahrtgesellen. Viel fröhliche Kurzweil gab es an Bord, als die Schiffe mit gutem Wind in See stachen.





Sonntag, 21. Juni 2015

Nibelungen Sage 8/28 | Wie Gunther und Siegfried Hochzeit hielten


Neun Tage lang fuhren sie über See, dann ritt Siegfried mit vierundzwanzig Recken auf schnellen Rossen den Schiffen voraus; er sollte die Kunde von der glücklichen Brautwerbung nach Worms bringen. Auf Hagens Rat hatte Gunther ihn darum gebeten, und so wenig ihm auch die Botenrolle zusagte: in Worms war Kriemhild, und da gab es für ihn kein Zögern.

Den Rhein entlang ging es auf jagenden Hufen, doch als die reisige Schar in der Burgundenstadt anlangte, erscholl Jammern und Klagen durch die Gassen. König Gunther war nicht unter den Recken, die da einritten, was mochte ihm zugestoßen sein? Auch Gernot und Giselher, die gleich herbeieilten, befürchteten schlimme Kunde. Siegfried zerstreute ihre Sorgen: "Um König Gunther steht es gut, bald wird er zu Schiff mit Frau Brunhild, seiner Braut, in Worms sein; ich reite ihm als Bote voraus."

Die gleiche frohe Nachricht brachte er ohne Säumen auch Frau Ute und Kriemhild, die sich um Gunther von Herzen gesorgt hatten. Mit Tränen in den Augen  dankte ihm Kriemhild: "All mein Gold möchte ich Euch als Botenlohn geben, Herr Siegfried, wenn Ihr nicht schon übergenug der Schätze hättet. So biete ich Euch denn immerdar meine Huld." Welch reicheren Lohn hätte sich Siegfried da noch wünschen mögen!

Nun wurden Burg und Stadt zum frohen Empfang des hohen Brautpaares und der zahlreichen Gäste aufs prächtigste gerüstet. Geschäftig eiferten die Mannen Gunthers miteinander, den Festplatz am Rhein mit Zelten und Gestühl stattlich herzurichten. Boten baten im ganzen Land die ritterlichen Herren und ihre Frauen zur Hochzeit, und bald zogen die Geladenen auf allen Wegen der in buntem Schmuck prangenden Königsstadt zu.

Als die Schiffe auf dem Strom herannahten, standen vielhundert Ritter und Frauen, gar festlich angetan, zum Empfang am Strand bereit. Auch Frau Ute und ihre Tochter waren auf reichgezäumten Pferden hinausgeritten. Siegfried hatte Kriemhilds Zelter vom Stadttor an am Zügel geführt, und Ortwin hatte Frau Ute geleitet. Kopf an Kopf drängte sich die frohgestimmte Menge.

Die Schiffe legten an, Gunther nahm Brunhilds Hand, und jubelnd begrüßt stiegen die beiden als erste an Land. Kriemhild ging ihnen entgegen, küsste Brunhild und bot ihr herzlichen Gruß: "Meiner Mutter und mir und all unseren Freunden sollt Ihr in diesem Land willkommen sein!" Auch Frau Ute schloss die Braut in die Arme und küsste sie. Alle Augen waren auf Brunhild gerichtet. Ihre Schönheit, von der allenthalben Wunder erzählt wurden, war ohne Makel. Nur eine aus dem Kreis der Frauen übertraf sie: das war Kriemhild, die in der blühenden Anmut ihrer Jugend neben ihr stand.

Zu Ehren der Königsbraut und der hohen Gäste wurde auf der Kampfbahn des Festplatzes am Rhein ein Turnier veranstaltet. Auf ihren Streitrossen ritten die reisigen Recken im Speerkampf gegeneinander. Welch ein Getümmel gab es da, wenn die Scharen zusammenstießen, wenn Lanzen brachen und Schilde splitterten, wenn Sättel leer wurden und Rosse sich bäumten! Immer wieder durchbrach Siegfried mit seinen Nibelungen die Reihen der Gegner. Ihm gebührte die Krone der Ritterschaft.

So ging der Tag dahin in der fröhlichen Lust und Kurzweil der Kampfspiele. Als die Dämmerung anbrach und es kühl vom Wasser herüberwehte, führten die Ritter die Frauen zu dem großen Saal in der Königsburg. Dort waren lange Tafeln köstlich gedeckt, und schöne Sitze standen für die Gäste bereit. In goldenen Becken reichten die Kämmerer das Wasser zum Händewaschen. 

Ehe das Mahl begann, trat Siegfried zu Gunther und sprach: "Die Hand Eurer Schwester habt Ihr mir mit Wort und Eid zugesichert, wenn Brunhild als Herrin in dieses Land käme. Nun ist es wohl Zeit, zu Eurem Wort zu stehen." Gunther erwiderte: "Es ist recht, dass Ihr mich mahnt. Mein Versprechen will ich halten, so gut ich es vermag." Sogleich ließ er Kriemhild herbeiholen und sagte zu ihr: "Einem edlen Recken habe ich dich versprochen, liebe Schwester, und nun steht es bei dir, ob ich mein Wort einlösen kann." Kriemhild brauchte sich nicht lange zu bedenken: der Recke, von dem Gunther sprach, war ihr wohlbekannt. So gab sie zur Antwort: "Lieber Bruder, deinen Wunsch will ich erfüllen und dem Mann angehören, den du mir bestimmt hast." Siegfried strahlte vor Glück, als er diese Worte vernahm.

Da ließ Gunther das Paar in den Kreis der Ritter treten und fragte seine Schwester, ob sie Siegfried zum Mann nehmen wolle. Errötend und ein wenig verschämt, wie es bei Mädchen zu sein pflegt, gab sie ihr Jawort. Wie stolz war Siegfried, als er nun seine Braut vor aller Augen umarmen durfte! Siegfried und Kriemhild erhielten bei Tisch den Ehrenplatz gegenüber Gunther und Brunhild. Da füllten Brunhilds Augen sich mit Tränen und als Gunther sie nach der Ursache ihres Kummers fragte, sagte sie: "Deiner Schwester Kriemhild wegen ist das Herz mir schwer. Einem Lehnsmann gibst du sie zur Frau, welche Schmach!" Gunther erwiderte: "Ohne Not weint Ihr, edle Frau. Siegfried hat selber Burgen und Land, er ist ein König wie ich, und Kriemhild an seiner Seite Königin." Doch Brunhild ließ seine Worte nicht gelten, trotzig verharrte sie den ganzen Abend in ihrem Unmut.

Als das Fest zu Ende war, führte Gunther Brunhild in die Kemenate. Da überkam der Groll sie so heftig, dass sie wieder die streitbare Kämpferin wurde, die sie auf dem Isenstein gewesen war. Sie rang mit Gunther, band ihn mit ihrem Gürtel an Händen und Füßen und hängte ihn an einen Nagel an der Wand. Die ganze Nacht musste er so gebunden da zubringen. Erst als der Morgen anbrach, löste sie ihn von seiner Fessel.

Nach der Messe im Münster, wo Gunther und Brunhild wie auch Siegfried und Kriemhild Krone und königliches Gewand empfingen, klagte Gunther insgeheim dem Helden von Niederland, wie es ihm in der Nacht ergangen war. Wiederum wusste Siegfried Trost und Hilfe. "Ich komme heute am Abend unter der Tarnkappe in deine Kammer", versprach er, "dann soll Brunhild ihr trotziger Mut vergehen."

So geschah es denn auch. Wieder wollte Brunhild das Spiel der vergangenen Nacht beginnen, aber diesmal hatte sie es mit Siegfried zu tun, der unter seiner Wunderkappe verborgen war. Wie grimmig sie sich auch wehrte, der Held bezwang sie mit seiner gewaltigen Kraft. Da ergab sie sich und versprach: "Nie will ich mich wieder gegen dich auflehnen, König Gunther. Ich habe es nun erfahren, dass du der Herr und Meister bist." Siegfried zog ihr heimlich einen goldenen Ring vom Finger und nahm auch ihren Gürtel an sich. Dann verließ er unbemerkt die Kammer.

Brunhild aber hielt ihr Wort. Als Königin nahm sie ihren Platz an König Gunthers Seite ein, und mit ihrem Trotz war auch ihre frühere Stärke nun für immer dahin. Ring und Gürtel schenkte Siegfried später Kriemhild und erzählte ihr, wie er zu beiden gekommen war. Das aber sollte Unheil und Verderben über ihn selbst und manch wackeren Recken bringen.





Freitag, 19. Juni 2015

Nibelungen Sage 10/28 | Wie Siegfried und Kriemhild nach Worms geladen wurden


Mit Unmut sah die stolze Brunhild, dass Siegfried und Kriemhild sich so viele Jahre dem Hof zu Worms fernhielten. Eines Tages sprach sie zu König Gunther: "Siegfried ist doch dein Lehnsmann, aber zehn Jahre lang blieb er dir seine Dienste schuldig. Nun ist es wohl Zeit, dass du ihn und Kriemhild aufforderst, an deinem Hof zu erscheinen." Gunther vernahm diese Worte nicht gern, er antwortete: "Sie wohnen uns zu fern. Wie könnte ich ihnen die lange Reise zumuten?" Doch Brunhild ließ nicht nach mit ihrem Drängen: "Wäre ein Lehnsmann noch so mächtig, und wohnte er noch ferner als Siegfried, was sein Herr ihm gebietet, das muss er tun. Und wie glücklich wäre ich", fügte sie hinzu, "wenn ich wieder einmal mit Kriemhild, deiner schönen Schwester, zusammen sein könnte wie damals bei unserer Hochzeit. Keinen größeren Wunsch habe ich." So lange bat sie, bis Gunther einwilligte und versprach: "Ich will ihnen Boten senden und sie zur Sonnwendfeier nach Worms laden."

So geschah es bald. An der Spitze von dreißig Rittern übernahm Markgraf Gere den Botendienst. Er wurde mit seinen Begleitern von Siegfried und Kriemhild aufs beste aufgenommen und richtete die Botschaft aus, die König Gunther ihm aufgetragen hatte. Auch von Brunhild und Frau Ute, von Gernot und Giselher überbrachte er Grüße und freundliche Einladung zum  Sonnwendfest in Worms. Wie hätten Siegfried und Kriemhild da ablehnen können! Selbst König Siegmund erbot sich, mit hundert Mannen die Reise ins Burgundenland mitzumachen. Mit reichen Gaben bedacht, wurden die Boten in die Heimat entlassen. Sie eilten sehr, die gute Nachricht nach Worms zu bringen. 

Gunther sprang vor Freude auf, als er die Kunde vernahm, und Brunhild ließ sich von dem Markgrafen berichten, dass Kriemhild noch so schön sei wie zuvor. Voll Stolz wiesen die Boten auch die kostbaren Geschenke vor, die sie in Xanten erhalten hatten. Hagen aber meinte: "Siegfried mag wohl leicht mit vollen Händen geben, seit er der Herr des Nibelungenhortes ist."

Nun ging es in Worms an ein emsiges Schaffen und Rüsten. Kämmerer, Schenken und Küchenmeister waren tagaus, tagein geschäftig in Gaststuben, in Keller und Küche, um das Fest würdig zu richten, und die Frauen boten ihre ganze Kunst auf, die Kleider, die man beim Hofgelage tragen wollte, mit Goldborten und edlen Steinen zu schmücken.

In prächtigem Zug nahten bald die Gäste von Niederland. Tausend Ritter hatte Siegfried aufgeboten, hundert ritten mit Siegmund, ihrem alten König. Saumtiere trugen schwere Lasten voll der mannigfaltigsten  Kostbarkeiten. Ihren kleinen Sohn hatten Siegfried und Kriemhild in der Heimat zurückgelassen. -- Er sollte seine Eltern nicht mehr wiedersehen. 

Zum Empfang ritten Gunther und Brunhild mit stattlichem Gefolge vor die Stadt. Gunther bot Siegfried und Siegmund freundliches Willkommen, und die beiden Königinnen begrüßten sich so liebevoll, dass freudiger Beifall sich ringsum erhob. Auch die Frauen der Königinnen bezeigten einander ihre Zuneigung mit zierlicher Verneigung und anmutigem Kuss. 

Unverweilt ging es nun durch die Stadt zur Königsburg, wo der große Saal für die Gäste festlich gerichtet war. An langen Tafeln nahmen sie Platz, die Könige und Königinnen mit ihrem ganzen Gefolge, zwölfhundert Ritter und Frauen allein aus Niederland. König Gunther war ihnen ein guter und sorglicher Wirt, und auch Brunhild sah mit freundlicher Huld auf die stattliche Schar der Gäste. Am häufigsten weilte ihr Blick auf Kriemhild, deren Schönheit den lichten Glanz des Goldes übertraf. 

Der nächste Tag begann mit der Frühmesse im Münster, und dann riefen die  Posaunen und Trompeten zum ritterlichen Kampfspiel draußen vor der Stadt. Wieder zerspellten die Lanzen und brachen die Schilde, und kampffroh tummelten die Recken ihre Rosse vor den Augen  der Frauen, die voll Lust dem hin und her wogenden Turnier zuschauten. Auch Gunther und seine Freunde ritten zur Ehre der Gäste in die Schranken. 

Elf Tage gingen so hin mit froher Kurzweil, mit Reiten und Lanzenstechen und in festlicher Tafelrunde. Dann kam der Tag, da Brunhild ihren Groll und Unmut nicht länger zu zügeln vermochte.

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Grausamkeiten früher und heute • Novelle von Hermann Hesse

Hermann Hesse
Die Grausamkeiten im Mittelalter sind in Wirklichkeit keine. Ein Mensch des Mittelalters würde den ganzen Stil unseres heutigen Lebens noch ganz anders als grausam, entsetzlich und barbarisch verabscheuen! Jede Zeit, jede Kultur, jede Sitte und Tradition hat ihren Stil, hat ihre ihr zukommenden Zartheiten und Härten, Schönheiten und Grausamkeiten, hält gewisse Leiden für selbstverständlich, nimmt gewisse Übel geduldig hin. Zum wirklichen Leiden, zur Hölle wird das menschliche Leben nur da, wo zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen einander überschneiden. Ein Mensch der Antike, der im Mittelalter hätte leben müssen, wäre daran jämmerlich erstickt, ebenso wie ein Wilder inmitten unsrer Zivilisation ersticken müsste. Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstile hineingerät, dass ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Sitte, jede Geborgenheit und Unschuld verlorengeht. Natürlich spürt das nicht jeder gleich stark. Eine Natur wie Nietzsche hat das Elend seiner Zeit um mehr als eine Generation voraus erleiden müssen - was er einsam und unverstanden auszukosten hatte, das erleiden heute Tausende. (Hermann Hesse)





Mittwoch, 17. Juni 2015

Nibelungen Sage 12/28 | Wie Siegfried verraten wurde


Die Schmach, die Kriemhild ihr angetan hatte, brannte in Brunhilds Herzen. Weinend saß sie den ganzen Tag in ihrer Kemenate und sann auf Rache. Da ging Hagen zu ihr und fragte nach der Ursache ihres Kummers. Sie verbarg ihm ihre Gedanken und Wünsche nicht, und Hagen nahm ihre Hand: "Ich gelobe es Euch mit meinem Wort, Herrin, dass Siegfried für seine Freveltat büßen soll. Niemand wird mich wieder fröhlich sehen, ehe dieser Schwur eingelöst ist."

Auch Gernot und Ortwin, die unterdessen hinzugekommen waren, stimmten für Siegfrieds Tod. Giselher aber, der den beiden folgte, riet ab von solcher Tat: "Warum wollt ihr Siegfried ans Leben? Er verdient nicht unseren Hass. Frauen streiten oft um nichtige Dinge." Doch Hagen widersprach ihm in seinem starren Sinn: "Lieber will ich sterben, als dass diese Schande ungerächt bleibt."

König Gunther hielt sich vorerst zurück, als er von des Tronjers Absicht hörte. "Weshalb sollte ich Hass hegen gegen Siegfried?" sagte er. "Er war uns stets ein treuer Freund, und wir haben nur Liebes und Gutes von ihm erfahren. Sein Tod ist für uns kein Gewinn." Aber Hagen ließ nicht ab, auf seinen Herrn einzureden. "Denkt daran, wie viele Länder Euer eigen sind, wenn Siegfried nicht mehr lebt!" Mit solchen Worten brachte er Gunther schließlich dahin, dass er einwilligte in die Ermordung des Helden. Der Tronjer hatte auch schon einen tückischen Plan bereit: "Wir lassen Boten kommen, die uns zum Schein Krieg ansagen. Ihr bietet dann sogleich  Euren Heerbann auf, und Siegfried wird nicht zögern, mit in den Kampf zu ziehen. Ich aber werde Kriemhild das Geheimnis entlocken, wo ihr Mann verwundbar ist, und dann geht es ihm ans Leben."

So wurde es beschlossen, und so geschah es bald. Zweiunddreißig Boten erschienen eines Morgens bei Hof und sagten den Burgunden Fehde an. "Lüdeger und Lüdegast", erklärten sie Gunther, "ziehen mit gewaltiger Heeresmacht heran, um Vergeltung zu üben für das, was Ihr ihnen einst angetan habt."

Gunther zeigte sich bestürzt und zog die Freunde zu Rate. Siegfried aber trat hinzu und fragte: "Weshalb diese besorgten Mienen, König Gunther? Sinnt jemand Böses gegen Euch, so seid meiner Hilfe versichert." Da berichteten der König, Lüdeger und Lüdegast wollten das Burgundenland wieder mit Krieg überziehen, und sofort bot Siegfried ihm an: "Lasst mich mit meinen Mannen gegen sie reiten und ihnen Land und Burgen verheeren, wie es vormals geschah. Ihr aber mögt bis zur Grenze mitziehen, um Eure Mark zu schützen."

Gunther heuchelte Dank und verneigte sich tief vor Siegfried. Der aber ließ gleich seine Schar, Mann und Ross, zur Heerfahrt rüsten. Auch die Burgunden waffneten sich, und Hagen ging zur Kriemhild, als wollte er Abschied nehmen vor ihr. Er traf sie in großer Sorge um Siegfried an. "Wäre er nicht so ungestüm im Kampf", klagte sie dem Tronjer, "dann wäre mir leichter ums Herz. Du bist mein Verwandter, ich empfehle ihn deiner Treue und deinem Schutz."

"Welchen Schutz sollte Siegfried brauchen?" entgegnete Hagen. "Kein Schwert und kein Speer kann ihm doch etwas anhaben, das ist jedermann bekannt." Da gab Kriemhild im Glauben an Hagens Treue das Geheimnis preis: "Als Siegfried sich im Blut des Drachen badete, fiel ihm ein Lindenblatt zwischen die Schultern, und an dieser einzigen Stelle ist er verwundbar, dort musst du ihn schützen."

"Gern", versprach Hagen mit falschem Sinn, "wenn Ihr mir die Stelle durch ein Zeichen kenntlich macht." --- "So will ich mit Seide ein Kreuzchen auf sein Gewand nähen", erbot sich Kriemhild, "das zeigt dir die Stelle an, die des Schutzes bedarf."

Besser hätte Hagens tückische List nicht gelingen können. Wohlgemut ging er zu Gunther und sagte: "Von Kriemhild habe ich verfahren, was ich wissen wollte. Auf den Kriegszug können wir nun verzichten; ich rate Euch, statt dessen eine Jagd anzusagen."

Der König war damit einverstanden, und kaum war Siegfried, Kriemhilds Kreuz an der Schulter, am nächsten Morgen zur Heerfahrt ausgeritten, da ließ Hagen ihm Boten nacheilen und ausrichten: "Lüdeger und Lüdegast haben die Fehde abgesagt, sie wollen Frieden halten mit den Burgunden."

Ungern vernahm Siegfried diese Kunde und wandte sich mit seinen Recken zurück zum Rhein. Gunther empfing ihn mit heuchlerischem Dank: "Gott lohne es Euch, Herr Siegfried, dass Ihr uns Eure Hilfe nicht versagtet. Des Krieges sind wir nun ledig, aber dafür wollen wir morgen in der Frühe ausziehen zur Jagd auf Bären und Wildschweine im Odenwald. Ich bitte Euch von Herzen, unser Jagdgefährte zu sein."

Der Vorschlag war recht nach Siegfrieds Sinn, und frohgemut versprach er, mitzureiten zur Jagd in den Odenwald. 






Dienstag, 16. Juni 2015

Nibelungen Sage 13/28 | Wie Siegfried erschlagen wurde


Die Pirschgeräte waren schon aufgeladen, und die Pferde standen gesattelt, als Siegfried Kriemhild am nächsten Morgen zum Abschied küsste. "Gott lass mich dich gesund und froh wiedersehen, liebe Frau", sagte er und reicht ihr die Hand. Unter Tränen suchte sie ihn zurückzuhalten. "Lass heute die Jagd", bat sie, "ich hatte in der Nacht einen schrecklichen Traum. Zwei wilde Keiler sah ich auf der Heide hinter dir herstürmen, und die Blumen wurden rot von deinem Blut. Ich fürchte, Verräter trachten dir nach dem Leben."

Siegfried lachte ihrer schlimmer Ahnung: "Weit und breit habe ich keinen Feind. Deine Brüder und ihre Recken sind meine Freunde. Wessen Verrat soll ich da fürchten?"

"Und doch droht dir Unheil", entgegnete sie unter neuen Tränen: "In einem anderen Traum sah ich, wie zwei Berge über dir zusammenstürzten, dass du nicht mehr zu sehen warst. Es zerreißt mir das Herz, wenn du jetzt von mir gehst."

Doch Siegfried ließ sich nicht halten, so sorglos war sein Sinn. "Bald bin ich wieder zurück", versprach er, schloss Kriemhild in die Arme und küsste sie. Wie hätte ihm der Gedanke kommen können, dass er es zum letztenmal tat, dass es ein Abschied war für immer!

Frohen Mutes ritten die Jagdgesellen, Gunther und Siegfried an der Spitze, über den Rhein. Gar stattlich war die Schar, denn niemand wollte das Weidwerk versäumen. Nur Gernot und Giselher waren in der Burg zurückgeblieben. Saumtiere trugen Wein und Speise nach, wie es bei einer Königsjagd Brauch war.

So gelangten sie an den grünen Saum eines Waldes, und Hagen schlug vor, jeder solle allein das Jagdglück versuchen, damit man sehe, wem der Preis zukomme. Siegfried zog mit einem alten Jäger und einem Spürhund in den Tann. Was der Hund da im Dickicht aufstöberte, wurde von Siegfrieds Hand zur Strecke gebracht. Ein Wisent, ein Elch und vier Auerochsen waren bald seine Beute, dazu viele Hirsche und Hinden (Hirschkühe). Ein wilder Eber setzte sich zur Wehr und nahm wütend den Verfolger an, doch ein einziger Schwerthieb streckte ihn nieder. Wer hatte je solch reiche Jagdbeute gesehen! Die anderen Jäger kamen herbei und baten: "Lasst doch einen Teil des Wildes für uns, Herr Siegfried! Wenn Ihr so weitermacht, räumt Ihr heute fürwahr noch den ganzen Tann."

Nach einiger Zeit ließ Gunther die Jagd abblasen. Die Weidgesellen sollten sich auf dem Lagerplatz vor dem Wald zum Imbiss einfinden. Auch Siegfried wandte das Ross und ritt zurück. Da brach plötzlich ein Bär, den der Schall des Hornes aufgestört hatte, durch das Geäst. "Der soll mit zum Lager, das gibt lustige Kurzweil!" rief Siegfried und sprengte ihm nach bis zu einer engen Schlucht, wo das Tier sich geborgen wähnte. Aber Siegfried sprang aus dem Sattel, drang zu Fuß in die Kluft ein und band den Bären, dass er sich nicht mehr zu regen vermochte. Dann schaffte er ihn auf seinem Ross zum Lagerplatz, wo alles herbeieilte, um das Untier zu bestaunen. Mit ein paar Griffen löste Siegfried ihm die Fesseln, und von den wütenden Hunden verfolgt, suchte der Braune waldwärts zu entkommen. Nun gab es die Kurzweil, die Siegfried sich ausgedacht hatte. Das Tier geriet auf seiner Flucht in die Küche und warf Kessel und Pfannen um, dass manch köstliche Speise in die Asche fiel und die Küchenknechte erschreckt davonsprangen. So wild tobte der Bär umher, dass die Jäger ihn mit der Waffe angingen, aber niemand vermochte ihn einzuholen als Siegfried, der ihn mit dem Schwert niederstreckte. Da erklang aus aller Munde Lob: keinen zweiten Jäger gab es wie ihn!

Auf dem grünen Anger ließen sich nun die müden Jagdgefährten nieder, und Gunthers Diener trugen ihnen vom Besten auf. Nur die Schenken ließen sich nicht blicken. Das verwunderte Siegfried sehr. "Wo bleibt denn der Wein?" fragte er. "Es ist doch nicht Brauch, die Jäger nach langem Weidwerk dürsten zu lassen."

"Das ist Hagens Schuld", antwortete falschzüngig König Gunther, und der Tronjer erklärte mit gleicher Argheit: "Ich glaubte, die Jagd sollte im Spessart sein, deshalb habe ich den Wein dorthin geschickt. Aber ich weiß hier in der Nähe einen kühlen Quell, der mag uns Durstige laben."

Das hörte Siegfried gern. Sogleich erhob er sich und folgte Hagen. Gunther und die übrigen schlossen sich den beiden an. Bald wies der Tronjer auf eine hohe Linde: "Dort fließt der Quell!" Aber als Siegfried hineilen wollte, hielt er ihn zurück: "Ich hörte, dass niemand sich im Wettlauf mit dem Helden aus Niederland messen mag. Hier könnten wir es einmal erproben, wenn er dazu willens ist."

Siegfried war sofort bereit: "Gern lauf ich mit euch beiden um die Wette, Gunther und Hagen, ja, ich will es in voller Jagdrüstung tun, mit Waffen und Schild, und ihr mögt alles ablegen, was euch hinderlich ist."

Gunther und Hagen taten nach seinem Geheiß, aber vergeblich rangen sie um den Sieg. Mochten sie auch wie zwei wilde Panther dahinspringen über den grünen Anger, Siegfried war vor ihnen am Quell. Doch er trank nicht sogleich. Schwert, Bogen und Köcher nahm er ab, den Speer lehnte er an den Stamm der Linde, und den Schild legte er am Brunnen nieder. Höflich wartete er, bis König Gunther getrunken hatte. Erst dann beugte er sich nieder zu der kühlen Flut.

Rasch trug Hagen, indes der Held sich labte, Bogen und Schwert beiseite. Dann fasste er den Speer von der Linde und schoss ihn durch das Kreuz auf des Knienden Gewand, dass das Blut in hohem Strahl aus der Wunde sprang. Jäh fuhr Siegfried auf, der Speerschaft ragte ihm aus der Schulter. Nach Schwert und Bogen griff er, während der Mörder in wilder Flucht davoneilte, doch er fand die Waffen nicht. Da packte er den Schild, der am Brunnen lag, sprang in gewaltigen Sätzen dem fliehenden Tronjer nach und schlug auf ihn ein, dass er taumelte und zu Boden stürzte. Hätte er ein Schwert zur Hand gehabt, um Hagen wäre es geschehen gewesen. 

Doch  nun schwanden dem Helden die Kräfte. Bleich sank er in die Blumen des Angers, und das Blut floss in Strömen aus der Todeswunde. "Weh, ihr Feiglinge", klagte er zornig, "heimtückisch erschlagen habt ihr mich, der ich euch stets treu war. Mit Schanden sollt ihr geschieden sein von allen guten Recken!"

Viele Ritter waren herbeigeeilt und umstanden den sterbenden Helden. Und manch einer, der auf Treue und Ehre hielt, beklagte die unselige Tat. Auch Gunther wollte seine Trauer bezeigen. Doch der Todwunde wies ihn verächtlich ab: "Der braucht nicht zu jammern, der die Schuld an dem Unheil trägt." Mit kaltem Hohn ließ sich da Hagen vernehmen: "Ich weiß nicht, was euch hier reut. Nun hat all unsere Not ein Ende. Wohl mir, dass ich dem Übermütigen den Todesstreich versetzte!"

"Ja", entgegnete ihm Siegfried, "Ihr mögt Euch leicht rühmen. Hätte ich Euren wölfischen Sinn erkannt, so wäre Euch die Meintat nicht gelungen. Nun jammert mich nichts so sehr wie Kriemhild, mein Weib, und mein unmündiger Sohn. Für immer wird an ihm die Schande hängen, dass die eigenen Verwandten ihm den Vater meuchlings erschlugen." Und mit letzter Kraft in der Stimme wandte der Sterbende sich an Gunther: "Wollt Ihr jemand noch Treue bezeigen, so empfehle ich Euch mein liebes Weib. Sie ist ja Eure Schwester, und an ihr mögt Ihr Euren Fürstensinn erweisen. Das aber sei euch noch gesagt: mein Tod wird Unheil bringen über euch alle!"

Rot färbten sich die Blumen ringsum, als der Held mit dem Tode rang. Doch nicht lange währte seine Not, denn allzu tief hatte die Mordwaffe ihn getroffen. Starr und bleich lag der gefällte Recke bald da auf dem blumendurchwirkten Anger. 

Die Ritter legten den Toten auf einen goldenen Schild und hielten Rat, wie sie Hagens Tat verheimlichen könnten. Einige schlugen vor: "Wir wollen sagen, Räuber hätten Siegfried erschlagen, als er auf der Jagd allein durch den Tann ritt."

Aber davon wollte der grimme Tronjer nichts wissen: "Mich kümmert es nicht, wenn Kriemhild erfährt, wer es getan hat. Mag sie jammern, die unsere Herrin so tödlich gekränkt hat, ich habe kein Mitleid mit ihr."

Am Abend brachten die Ritter den Toten über den Rhein, und Hagen ließ ihn in der Nacht vor Kriemhilds Kemenate legen. 






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