Posts mit dem Label Ortwin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ortwin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 25. Juni 2015

Nibelungen Sage 4/28 | Wie Siegfried nach Worms kam

Zu Worms, der alten Burgundenstadt am Rhein, wuchs Kriemhild, die Königstochter, zu einer Jungfrau heran, deren Schönheit und adeliger Sinn landauf, landab gepriesen wurden. Sie lebte bei ihrer Mutter Ute und ihren drei Brüdern Gunther, Gernot und Giselher. Von diesen war Gunther, der älteste, nach dem Tode des Vaters König und Herr im Burgungenland geworden. 

Die tapfersten Recken hatten sich um König Gunther und seine Brüder geschart, darunter der grimme Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart, ferner Ortwin von Metz, die Markgrafen Gere und Eckewart und Hagens Freund, der kühne und ritterliche Sänger Volker von Alzey. Alle blickten voll Stolz auf Kriemhild und waren ihr in Treue ergeben. 

Einst hatte Kriemhild einen seltsamen Traum. Sie sah ihren Lieblingsfalken emporsteigen, höher und höher, bis plötzlich zwei Adler ungestüm aus dem Gewölk herabstießen und ihn mit scharfen Krallen zu Tode schlugen. In bitterer Qual erwachte sie, und da sie den Traum nicht zu deuten wusste, wandte sie sich um Rat und Trost an ihre Mutter.

Frau Ute bedachte sich nicht lange: "Der Falke, den du aufgezogen hast, ist ein edler Mann. Gott hat ihn für dich bestimmt, und er möge ihn in Gnaden schützen und schirmen, dass du nicht seinen frühen Tod beweinen musst."

Doch von solcher Deutung mochte Kriemhild nicht hören. "Was sprecht Ihr mir von einem Manne, liebe Mutter?" sagte sie. "Unvermählt will ich bleiben mein Leben lang, und nie wird mir Leid kommen aus der Liebe zu einem Mann."

"Das sind vorschnelle Worte", verwies sie die Mutter, "kein größeres Glück gibt es für eine Jungfrau, als das Weib eines edlen Helden zu werden." "Nein, nein, Mutter!" wehrte Kriemhild abermals ab. "Wie oft hat sich doch gezeigt, dass Liebe nur Leid bringt; ich will sie immer meiden, dann bleibe ich von allem Kummer verschont."

So dachte Kriemhild, und mancher Tag ging dahin, ohne dass ihr Herz für einen der Freier schlug, die sich mit ritterlichem Gefolge in Worms einstellten. Keiner konnte sich eines holden Blickes der Königstochter rühmen. 

Da hörte eines Tages Siegfried auf der väterlichen Burg zu Xanten von der Schönheit Kriemhilds im fernen Burgundenland, und gleich stand sein Sinn danach, um die Herrliche zu werben. Die Eltern rieten ihm ab, denn allenthalben sprach man von dem übergroßen Stolz der Burgundenfürsten. Als aber König Siegmund sah, dass sein Sohn nicht lassen wollte von seinem Vorhaben, willigte er schließlich ein und erbot sich, ihm ein starkes Geleit der tapfersten Recken mit auf die Fahrt zu geben. Doch Siegfried fühlte sich Manns genug, allein für seine Sache zu stehen. Nur zwölf Gefährten wählte er aus zur Reise in König Gunthers Land. Die Rüstkammer musste das Beste hergeben an ritterlichen Waffen, und Königin Sieglinde ließ von ihren Frauen kostbare Gewandung richten. 

So ging es zur Brautfahrt ins Burgundenland. Rheinaufwärts trabte die reisige Schar, in lichten Brünnen, das Zaumzeug und die Sättel rot von Gold und im Wehrgehenk Schwerter, die bis zu den Sporen herabreichten. Am siebenten Morgen sahen sie vor sich die Mauern der alten Königsstadt Worms, und als sie durch das Tor einritten, strömten die Leute in den Gassen zusammen und bewunderten laut den prächtigen Zug der fremden Recken. Sogleich waren auch Ritter und Knappen zur Stelle, um die Gäste nach altem Brauch in die Herberge zu geleiten, aber Siegfried drängte es, ohne Säumen König Gunther zu sehen. Man wies ihm einen großen Saal: "Dort werdet Ihr den König inmitten seiner Mannen finden."

Schon hatte sich die Kunde von der Ankunft der fremden Ritter in der Königsburg verbreitet, aber niemand wusste Gunther ihre Namen oder das Land, aus dem sie kamen, zu nennen. Da riet Ortwin von Metz: "Schickt nach meinem Oheim Hagen, der kennt sich aus in allen Ländern und Burgen weit und breit!"

Hagen kam und trat ans Fenster. Unten im Burghof standen noch die fremden Recken, über die Maßen stattlich anzuschauen. Nie hatte er sie gesehen, aber er wusste sogleich und sprach es aus: "Das können nur Fürsten oder Fürstenboten sein, so reich sind ihre Waffen und so edel ihre Rosse. Und dort in ihrer Mitte der junge Held, das muss Siegfried sein, der Sohn König Siegmunds von Niederland. Durch alle Länder geht sein Ruhm: er erschlug den Drachen am Quell bei der Linde und badete in seinem Blute, dass kein Schwert ihm ans Leben kann, und dann ritt er auf Grani in die dunklen Waldberge, wo er den Nibelungenhort gewann und die Tarnkappe Alberichs, die unsichtbar macht und die Stärke von zwölf Männern verleiht. Kein Held in allen Landen mag es ihm gleichtun, und mich dünkt, keiner geringen Sache wegen hat er den Weg zu uns gemacht."

Da ging Gunther sogleich mit all seinen Mannen hinunter in den Hof, solch edlen Gast zu begrüßen. "Seid uns willkommen, fremder Held!" sprach er zu Siegfried. "Woher kommt Ihr, und was führt Euch ins Burgundenland?"

Siegfried verneigte sich vor Gunther und entgegnete: "An meines Vaters Hof vernahm ich, dass nichts der Kühnheit der Burgundenrecken und ihres Königs gleichkomme. Dies zu erproben, bin ich nach Worms geritten mit meinen Gefährten. Siegfried von Niederland bin ich, und um Euer Reich will ich mit Euch kämpfen!"

Zornig brausten die Burgunden auf, als sie diese übermütige Herausforderung vernahmen. Finster blickte Hagen drein, und nach Schwertern rief der kühne Ortwin. Doch Gernot und Giselher mahnten zum Frieden: "Weshalb soll Blut fließen in ungleichem Streit? Als Freunde, nicht als Feinde wollen wir uns finden. Herr Siegfried und seine Heergesellen sollen uns liebe Gäste sein!"

Da ließ Gunther Wein bringen und trank dem Helden aus Niederland auf gute Freundschaft zu. Und Siegfried bezwang seine Kampflust, denn nicht König Gunthers Thron lockte ihn, nach Kriemhild stand sein Sinn.

So blieben Siegfried und seine Gefährten als Gäste in Worms. Da gab es die beste Herberge und fröhliche Kurzweil jeden Tag. Auf dem Burghof maßen sich die Recken im Steinwurf und Speerwerfen, und stets war es Siegfried, der den Preis davontrug. Vom Fenster ihrer Kemenate schaute Kriemhild heimlich zu. Wer war der Fremde, der es allen zuvortat? Nur an ihn dachte sie, nur ihn sah sie, wenn sie so am Fenster stand. Und Siegfrieds Gedanken waren Tag für Tag bei Kriemhild; aber ein volles Jahr ging dahin, ohne dass er sie von Angesicht zu Angesicht sah. 





Dienstag, 23. Juni 2015

Nibelungen Sage 6/28 | Wie Siegfried zum ersten Male Kriemhild sah


Zu Pfingsten war das große Fest angesagt, und bald zogen auf allen Wegen die edlen Herren heran, die von König Gunther geladen waren. Gernot und Giselher hießen die Gäste in Worms willkommen. Zweiunddreißig Fürsten fanden sich ein und an fünftausend Ritter mit ihrem Geleit. Geschäftiges und frohes Treiben herrschte in der ganzen Stadt, und die Frauen richteten das Beste, was sie an Kleidern und Schmuck hatten.

Am Pfingstmorgen begann das Fest. Gunther befragte seine Getreuen, wie man sich den besonderen Dank der Gäste verdienen könne. Da meinte Ortwin von Metz: "Soll das Fest recht gelingen, so lasst die Frauen des Hofes daran teilnehmen, vor allem aber Eure Schwester Kriemhild, die so mancher Held zu sehen gekommen ist." Der Rat gefiel Gunther, und es erging an Frau Ute und Kriemhild die Aufforderung, mit ihren Frauen vor den Gästen zu erscheinen. 

Da gab es kein Säumen. Die schönsten Gewänder und der kostbarste Schmuck wurden hervorgeholt, und hundert Recken standen zum Geleit bereit, als Ute und Kriemhild mit der Schar edler Frauen ihre Gemächer verließen. Sogleich drängten von allen Seiten die Ritter heran, denn niemand wollte sich diesen Augenblick entgehen lassen.

Wie das Morgenrot aus trüben Wolken bricht, so kam Kriemhild daher. Edle Steine funkelten an ihrem Gewand, und wie Rosen blühten ihre Wangen. Keine der Frauen kam ihr an Schönheit gleich, und keiner der Ritter hatte je ein lieblicheres Bild gesehen. Siegfried, der in der Menge der Zuschauer stand, wurde es im Herzen froh und traurig zugleich. "Wie konnte ich nur hoffen, dich zu gewinnen",  ging es ihm durch den Sinn, "das ist ein eitler Wahn! Aber wenn ich dich meiden soll, so wollte ich doch lieber tot sein." Als wäre er auf ein Pergament gemalt, so stand Siegfried da, herrlich vor allen anderen Recken.

Da wandte sich Gernot an seinen Bruder Gunther: "Jetzt ist es an der Zeit, Siegfried zu belohnen für die Dienste, die er uns erwiesen hat. Kriemhild sollte ihm ihren Gruß entbieten, das würde den Helden ehren und noch fester mit uns verbinden." Gunther tat nach Gernots Rat, und Siegfried wurde zu der Königstochter geleitet. Noch tiefer erglühte das Rot auf Kriemhilds Wangen, als sie den Helden vor sich sah. "Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter!" grüßte sie ihn, und voll Anmut neigte er sich vor ihr in Freude und Dank. Nur heimlich wagten sie es, einander mit liebenden Blicken anzuschauen, und nie erlebte Siegfried ein tieferes Glück als in dieser Stunde, da er Kriemhilds Hand in der seinen hielt. Jeder der hochgemuten Recken hätte an seiner Stelle sein mögen.

Zum Münster ging nun der festliche Zug, Siegfried an der Seite der schönen Kriemhild. Dort wurden sie voneinander getrennt, wie es in der Kirche Sitte war, und der Held von Niederland konnte kaum das Ende der Messe erwarten, so sehr verlangte ihn nach der Nähe der Holdseligen, die er im Herzen trug. Als die Ritter und Frauen das Münster verließen, trat er wieder zu Kriemhild, um sie heim zu geleiten, und jetzt erst fand sie Worte des Dankes für sein tapferes Streiten. "Ich tat es für Eure Brüder und für Euch", erwiderte Siegfried, "und ich will nicht ablassen, Euch zu dienen mein Leben lang, wenn Ihr mir Eure Minne gewährt."

Zwölf Tage währte das Fest, und jeden Tag weilte Siegfried an der Seite Kriemhilds bei den Kampfspielen, in denen Gunthers Recken und die fremden Helden miteinander wetteiferten im Schwertstreit und Lanzenstechen. König Gunther kargte nicht mit Speise und Trank, und als die Gäste Abschied nahmen, ließ er ihnen kostbare Gaben reichen. Auch die gefangenen Sachsen und Dänen durften mit ihren Königen den Heimweg antreten. Gunther entließ sie auf Siegfrieds Rat ohne Lösegeld, doch mussten sie für künftige Zeiten Frieden geloben.

Abermals drängte es nun Siegfried zur Heimkehr, denn unerreichbar schien ihm immer noch Kriemhilds Hand. Da war es Giselher, der ihn mit seinen Bitten am Burgundenhof zurückzuhalten suchte. Und wieder ließ Siegfried sich nicht lange bitten. Wie hätte er wegreiten können von Kriemhild, die er nun Tag für Tag sehen durfte!





LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...