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Freitag, 26. Juni 2015

Die gefährliche Wette ⋅ Novelle von Johann Wolfgang von Goethe

Es ist bekannt, dass die Menschen, sobald es ihnen einigermaßen wohl und nach ihrem Sinne geht, also bald nicht wissen, was sie vor Übermut anfangen sollen.

So hatten wir auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht, das bei einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und in großer Einsamkeit ein paar hübsche Mädchen zu Bewohnerinnen hatte. Man wollte ausruhen, die Zeit verschleudern, verlieben, eine Weile wohlfeil leben und etwas Geld vergeuden. Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhöhten, andere im erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren Rausch aus; die andern hätten ihn gern auf irgendeine mutwillige Weise ausgelassen. Wir hatten ein paar große Zimmer im Seitenflügel nach dem Hof zu. Eine schöne Equipage, die mit vier Pferden hereinrasselte, zog uns an die Fenster. Die Bedienten sprangen vom Bock und halfen einem Herrn von stattlichem, vornehmem Ansehen heraus, der ungeachtet seiner Jahre noch rüstig genug auftrat. Seine große, wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht, und ich weiß nicht, was für ein böser Geist mich anhauchte, so dass ich in einem Augenblick den tollsten Plan erfand und ihn, ohne weiter zu denken, sogleich auszuführen begann.

»Was dünkt euch von diesem Herrn?« fragte ich die Gesellschaft. - »Er sieht aus«, versetzte der eine, »als ob er nicht mit sich spaßen lasse.« - »Ja, ja«, sagte der andre, »er hat ganz das Ansehen so eines vornehmen Rührmichnichtan.« - »Und dessen ungeachtet«, erwiderte ich ganz getrost, »was wettet ihr, ich will ihn bei der Nase zupfen, ohne dass mir deshalb etwas Übles widerfahre; ja ich will mir sogar dadurch einen gnädigen Herrn an ihm verdienen.« »Wenn du es leistest«, sagte Raufbold, »so zahlt dir jeder einen Louisdor.« - »Kassieren Sie das Geld für mich ein«, rief ich aus; »auf Sie verlasse ich mich.« - »Ich möchte lieber einem Löwen ein Haar von der Schnauze raufen«, sagte der Kleine. - »Ich habe keine Zeit zu verlieren«, versetzte ich und sprang die Treppe hinunter.

Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt, dass er einen sehr starken Bart hatte, und vermutete, dass keiner von seinen Leuten rasieren könne. Nun begegnete ich dem Kellner und fragte: »Hat der Fremde nicht nach einem Barbier gefragt?« - »Freilich!« versetzte der Kellner, »und es ist eine rechte Not. Der Kammerdiener des Herrn ist schon zwei Tage zurückgeblieben. Der Herr will seinen Bart absolut los sein, und unser einziger Barbier, wer weiß, wo er in die Nachbarschaft hingegangen.« »So meldet mich an«, versetzte ich; »führt mich als Bartscherer bei dem Herrn nur ein, und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen.« Ich nahm das Rasierzeug, das ich im Hause fand, und folgte dem Kellner.

Der alte Herr empfing mich mit großer Gravität, besah mich von oben bis unten, als ob er meine Geschicklichkeit aus mir herausphysiognomieren wollte. »Versteht Er Sein Handwerk?« sagte er zu mir. »Ich suche meinesgleichen«, versetzte ich, »ohne mich zu rühmen.« Auch war ich meiner Sache gewiss: denn ich hatte früh die edle Kunst getrieben und war besonders deswegen berühmt, weil ich mit der linken Hand rasierte.

Das Zimmer, in welchem der Herr seine Toilette machte, ging nach dem Hof und war gerade so gelegen, dass unsere Freunde füglich hereinsehen konnten, besonders wenn die Fenster offen waren. An gehöriger Vorrichtung fehlte nichts mehr. Der Patron hatte sich gesetzt und das Tuch vorgenommen. Ich trat ganz bescheiden vor ihn hin und sagte: »Exzellenz! mir ist bei Ausübung meiner Kunst das Besondere vorgekommen, dass ich die gemeinen Leute besser und zu mehrerer Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen. Darüber habe ich denn lange nachgedacht und die Ursache bald da, bald dort gesucht, endlich aber gefunden, dass ich meine Sache in freier Luft viel besser mache als in verschlossenen Zimmern. Wollten seine Exzellenz deshalb erlauben, dass ich die Fenster aufmache, so würden Sie den Effekt zu eigener Zufriedenheit gar bald empfinden.« Er gab es zu, ich öffnete das Fenster, gab meinen Freunden einen Wink und fing an, den starken Bart mit großer Anmut einzuseifen. Ebenso behend und leicht strich ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht versäumte, als es an die Oberlippe kam, meinen Gönner bei der Nase zu fassen und sie merklich herüber und hinüber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen wusste, dass die Wettenden zu ihrem größten Vergnügen erkennen und bekennen mussten, ihre Seite habe verloren.

Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel: man sah, dass er sich mit einiger Gefälligkeit betrachtete, und wirklich, es war ein sehr schöner Mann. Dann wendete er sich zu mir mit einem feurigen schwarzen, aber freundlichen Blick und sagte: »Er verdient, mein Freund, vor vielen seinesgleichen gelobt zu werden, denn ich bemerke an Ihm weit weniger Unarten als an andern. So fährt Er nicht zwei-, dreimal über dieselbige Stelle, sondern es ist mit einem Strich getan; auch streicht Er nicht, wie mehrere tun, sein Schermesser in der flachen Hand ab und führt den Unrat nicht der Person über die Nase. Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der linken Hand zu bewundern. Hier ist etwas für Seine Mühe«, fuhr er fort, indem er mir einen Gulden reichte. »Nur eines merk' Er sich: dass man Leute von Stande nicht bei der Nase fasst. Wird Er diese bäurische Sitte künftig vermeiden, so kann Er wohl noch in der Welt sein Glück machen.«

Ich verneigte mich tief, versprach alles mögliche, bat ihn, bei allenfallsiger Rückkehr mich wieder zu beehren, und eilte, was ich konnte, zu unseren jungen Gesellen, die mir zuletzt ziemlich Angst gemacht hatten. Denn sie verführten ein solches Gelächter und ein solches Geschrei, sprangen wie toll in der Stube herum, klatschten und riefen, weckten die Schlafenden und erzählten die Begebenheit immer mit neuem Lachen und Toben, dass ich selbst, als ich ins Zimmer trat, die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen bat, ruhig zu sein, endlich aber mitlachen musste über das Aussehen einer närrischen Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgeführt hatte.

Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens einigermaßen gelegt hatten, hielt ich mich für glücklich; die Goldstücke hatte ich in der Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu, und ich hielt mich für ganz wohl ausgestattet, welches mir um so erwünschter war, als die Gesellschaft beschlossen hatte, des andern Tages auseinander zu gehen. Aber uns war nicht bestimmt, mit Zucht und Ordnung zu scheiden. Die Geschichte war zu reizend, als dass man sie hätte bei sich behalten können, so sehr ich auch gebeten und beschworen hatte, nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu halten. Einer bei uns, der Fahrige genannt, hatte ein Liebesverhältnis mit der Tochter des Hauses. Sie kamen zusammen, und Gott weiß, ob er sie nicht besser zu unterhalten wusste, genug, er erzählt ihr den Spaß, und so wollten sie sich nun zusammen totlachen. Dabei blieb es nicht, sondern das Mädchen brachte die Märe lachend weiter, und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den alten Herrn gelangen.

Wir saßen ruhiger als sonst: denn es war den Tag über genug getobt worden, als auf einmal der kleine Kellner, der uns sehr zugetan war, hereinsprang und rief: »Rettet euch, man wird euch totschlagen!« Wir fuhren auf und wollten mehr wissen; er aber war schon zur Türe wieder hinaus. Ich sprang auf und schob den Nachtriegel vor; schon aber hörten wir an der Türe pochen und schlagen, ja wir glaubten zu hören, dass sie durch eine Axt gespalten werde. Maschinenmäßig zogen wir uns ins zweite Zimmer zurück, alle waren verstummt: »Wir sind verraten«, rief ich aus, »der Teufel hat uns bei der Nase!« 

Raufbold griff nach seinem Degen, ich zeigte hier abermals meine Riesenkraft und schob ohne Beihilfe eine schwere Kommode vor die Türe, die glücklicherweise hereinwärts ging. Doch hörten wir schon das Gepolter im Vorzimmer und die heftigsten Schläge an unsere Türe. Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber rief ich ihm und den übrigen zu: »Rettet euch! hier sind Schläge zu fürchten nicht allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere für den Edelgebornen.« Das Mädchen stürzte herein, dieselbe, die uns verraten hatte, nun verzweifelnd, ihren Liebhaber in Todesgefahr zu wissen. »Fort, fort!« rief sie und fasste ihn an; »fort, fort! ich bring' euch über Böden, Scheunen und Gänge. Kommt alle, der letzte zieht die Leiter nach.« Alles stürzte nun zur Hintertüre hinaus; ich hob noch einen Koffer auf die Kiste, um die schon hereinbrechenden Füllungen der belagerten Türe zurückzuschieben und festzuhalten. Aber meine Beharrlichkeit, mein Trutz wollte mir verderblich werden. Als ich den übrigen nachzueilen rannte, fand ich die Leiter schon aufgezogen und sah alle Hoffnung, mich zu retten, gänzlich versperrt. Da steh' ich nun, ich, der eigentliche Verbrecher, der ich mit heiler Haut, mit ganzen Knochen zu entrinnen schon aufgab. Und wer weiß - doch lasst mich immer dort in Gedanken stehen, da ich jetzt hier gegenwärtig euch das Märchen vorerzählen kann. Nur vernehmt noch, dass diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor.

Der alte Herr, tief gekränkt von Verhöhnung ohne Rache, zog sich's zu Gemüte, und man behauptet, dieses Ereignis habe seinen Tod zur Folge gehabt, wo nicht unmittelbar, doch mitwirkend. Sein Sohn, den Tätern auf die Spur zu gelangen trachtend, erfuhr unglücklicherweise die Teilnahme Raufbolds, und erst nach Jahren hierüber ganz klar, forderte er diesen heraus, und eine Wunde, ihn, den schönen Mann, entstellend, ward ärgerlich für das ganze Leben. Auch seinem Gegner verdarb dieser Handel einige schöne Jahre, durch zufällig sich anschließende Ereignisse.

Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll, so ist euch allen, wohin die gegenwärtige gemeint sei, wohl überklar und deutlich.





Sonntag, 14. Juni 2015

Nibelungen Sage 15/28 | Wie der Nibelungenhort nach Worms kam

Hagen versenkt den Nibelungenhort
Bald nach dem Begräbnis gab König Siegmund seinen Mannen bekannt, dass er heimkehren wolle nach Xanten. Auch Kriemhild bat er, sich zur Reise zu rüsten. Sie sollte an Siegfrieds Statt die Krone von Niederland tragen.

Doch Frau Ute wollte ihre Tochter nicht mehr in die Fremde ziehen lassen. Gernot und Giselher schlossen sich ihren Bitten an, und Giselher versprach der Schwester seinen brüderlichen Schutz. Da sagte Kriemhild zu, in Worms zu bleiben; nur Hagen, den Mörder Siegfrieds, wollte sie nie mehr vor Augen sehen. 

Kriemhilds Entschluss bekümmerte König Siegmund sehr. Traurig schieden er und seine Recken von Siegfrieds Frau, die sie alle liebgewonnen hatten. Von Gunther und Hagen nahmen sie keinen Abschied. Giselher allein geleitete sie, als sie Worms für immer verließen. 

Ein Haus in der Nähe des Münsters nahm die trauernde Kriemhild auf. Täglich ging sie mit ihren Frauen zur Messe und an das Grab Siegfrieds, um für sein Seelenheil zu beten. Frau Ute kam oft, um ihr Trost zu spenden, doch nichts vermochte Kriemhilds Schmerz zu lindern: zu tief eingesenkt in ihr Herz war das Leid um den geliebten Toten. Drei Jahre verbrachte sie so, ohne ein Wort mit Gunther zu sprechen oder Hagen, ihren Todfeind, ein einziges Mal zu sehen. 

Da kam Hagen ein neuer Plan, und sogleich ging er damit zu König Gunther. "Söhnt Euch mit Eurer Schwester aus", riet er ihm, "dann bringen wir den Nibelungenhort in unser Land, und groß wird Euer Gewinn davon sein!"

Der Rat war nach dem Herzen Gunthers, und er sandte Gernot und Giselher als Mittler zu seiner Schwester. "So lange schon trauerst du um Siegfried", redete Gernot Kriemhild freundlich zu, "unser Bruder Gunther hat keine Schuld an seinem Tod, das will er dir bezeigen." --- "Niemand gibt ihm solche Schuld", erwiderte Kriemhild, "Hagen erschlug ihn, und ich Unselige machte ihm die Stelle bekannt, wo der tödliche Stich traf. Wie konnte ich es ahnen, dass er so tödlichen Hass gegen Siegfried trug!"

Auch Giselher bat nun mit warmen Worten für Gunther, und schließlich fand sich Kriemhild zur Versöhnung bereit. Wenn auch ihr Herz nicht dabei mitsprach, sie gab den Brüdern einen Gruß an Gunther mit. Sogleich kam da der König mit seinen Freunden zu ihr und holte sich aus ihrem Mund Verzeihung und Aussöhnung. Nur Hagen ließ sich nicht blicken. Er kannte nur zu wohl seine Schuld und wusste, dass Kriemhild sie niemals vergessen und vergeben würde. Gegen ihn allein blieb ihr Herz in bitterster Feindschaft verhärtet.

Nicht lange dauerte es, da brachten die Brüder Kriemhild so weit, dass sie den Nibelungenhort an den Rhein holen ließ. Siegfried hatte ihn ihr einst als Morgengabe geschenkt, und so gehörte er ihr mit Recht zu eigen. Mit starkem Geleit fuhren Giselher und Gernot ins Nibelungenland, und Alberich, der Hüter, gab ihnen den Schatz heraus. Der war so gewaltig groß, dass zwölf Wagen dreimal am Tag zwischen dem Berg und den Schiffen hin und her fahren mussten, und erst nach vier Tagen war alles Gold und Edelgestein geborgen. 

Mancher der Nibelungenrecken folgte den Burgunden an den Rhein und trat in Kriemhilds Dienste ein. Viele Kammern und Türme in Worms füllte nun der Schatz, und Kriemhild war seine Herrin. Freigebig teilte ihre Hand davon aus, und so zahlreiche Freunde gewann sie sich mit dem Nibelungengold, dass Hagen sich eines Tages warnend an Gunther wandte: "Lassen wir sie noch eine Weile so schalten, so mag es uns übel ergehen. Ich rate Euch deshalb, ihr den Schatz wegzunehmen."

Doch Gunther wollte auf diesen Vorschlag nicht eingehen: "Der Schatz gehört meiner Schwester", erwiderte er, "und sie mag mit ihm tun, was ihr beliebt. Auch schwur ich ihr zu, dass kein Leid mehr von meiner Hand über sie kommen werde."

"Keiner Frau soll man solche Schätze anvertrauen", beharrte Hagen auf seiner Warnung, "Kriemhild bringt es noch dahin, dass Eure Nachsicht Euch bitter gereut. Und wenn Ihr schon selbst nicht handeln wollt, so lasst mich gewähren; ich bin durch keinen Eid gebunden."

Abermals widerstand Gunther nicht, und Hagen nahm Kriemhild gewaltsam die Schlüssel der Schatzkammern weg, so zornig Gernot und Giselher sich auch dagegen wandten. Der grimme Tronjer gab nichts um ihre Bitten und Mahnungen. Ja, als Gunther mit seinen Brüdern auf einer Reise einst von Worms abwesend war, ließ Hagen den Hort an den Rhein schaffen und versenkte ihn heimlich in die Fluten. Alle Knechte, die dabei halfen, band er mit schweren Eiden, niemals die Stelle zu verraten, wo das Gold in den Tiefen des Stromes ruhte. Was halfen Kriemhild ihre Klagen, als Gunther zurückkehrte! Nur mit Worten tadelte der König die räuberische Tat Hagens, seine Freundschaft entzog er ihm nicht.

Kriemhild aber mochte nun nicht länger da bleiben, wo der Tronjer in ihrer Nähe war. Sie verließ Worms und zog zu ihrer Mutter Ute auf den Witwensitz, den diese unweit der Abtei Lorsch besaß. Die Gebeine Siegfrieds ließ sie in das Münster des Klosters überführen, und manches Jahr lebte sie nun in Lorsch in einsamer Trauer um den lieben Toten, dem ihr Herz in unwandelbarer Treue gehörte.