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Samstag, 13. Juni 2015

Nibelungen Sage 16/28 | Wie König Etzel um Kriemhild warb


Dreizehn Jahre schon weilte Kriemhild in Lorsch, da war im Land der Hunnen Frau Helche, die Gemahlin König Etzels, gestorben, und der Hunnenkönig dachte daran, sich aufs neue zu vermählen. Seine Ratgeber schlugen ihm Kriemhild vor, die Witwe Siegfrieds, die in allen Ländern als die edelste der Frauen gerühmt wurde. 

Etzel wandte ein: "Wie könnte das sein? Ich bin Heide, und sie ist Christin, nie wird sie mir ihre Hand geben." Doch die Ratgeber meinten: "Vielleicht ist sie Eures großen Namens und Eurer Macht wegen doch bereit, Königin im Hunnenland zu werden."

Da fragte Etzel, ob jemand unter ihnen die Burgunden am Rhein, ihr Land und ihre Fürsten kenne. Markgraf Rüdiger von Bechlaren antwortete: "Seit ihrer Kindheit sind mir König Gunther, seine Brüder und seine Schwester bekannt, und von Kriemhild lässt sich wohl sagen, dass es keine schönere und edlere Fürstin in der ganzen Welt gibt, seit Frau Helche nicht mehr lebt. Keine ist würdiger als sie, Königin im Hunnenland zu werden."

Wie hätte Etzel da noch zaudern können? Er gab Rüdiger den Auftrag, ins Burgundenland zu reiten und um Kriemhild zu werben, und er versprach ihm reichen Lohn, wenn die Brautfahrt gelinge.

Mit fünfhundert Rittern in reicher Waffenrüstung brach Markgraf Rüdiger auf, nachdem er in Bechlaren Abschied genommen hatte von seiner Frau Gotelind und seiner Tochter, und ritt durch Bayern an den Rhein. Nach zwölf Tagen kam er mit seiner reisigen Schar und den Saumrossen, die kostbare Geschenke trugen, in Worms an. Man staunte die fremden Gäste an, und Hagen erkannte an ihrer Spitze den Markgrafen Rüdiger, den er seit langem nicht mehr gesehen hatte. König Gunther wunderte sich, dass Recken aus dem fernen Hunnenland an den Rhein kamen, aber schon waren Hagen und Ortwin ihnen entgegengeeilt, und der Tronjer begrüßte freudig seinen alten Freund Rüdiger: "Seid uns willkommen, Vogt von Bechlaren, mit Euren tapferen Hunnendegen!"

König Gunther erhob sich, als die Boten Etzels in den Saal traten, reichte dem Markgrafen die Hand und geleitete ihn auf den Ehrensitz. Vom besten Met und Wein ließ er den Gästen den Willkommentrunk schenken, und dann fragte er den Markgrafen, wie es König Etzel und Königin Helche im Hunnenland ergehe. 

Auf diese Frage erhob sich Rüdiger mit seinem ganzen Gefolge und sprach: "König Etzel, mein Herr, entbietet Euch und allen Burgunden Gruß und Freundschaft. Großes Leid hat ihn und sein Volk getroffen: die edle Königin Helche ist tot, ihre Kinder sind verwaist. Nun hat mein Herr mich zu Euch gesandt um die Hand Kriemhilds, Eurer Schwester. Ihr bietet er die Krone des Hunnenlandes."

"Ich will meiner Schwester Nachricht geben", erwiderte Gunther. "Wenn sie einwilligt, habe ich nichts gegen König Etzels Werbung. In drei Tagen sollt Ihr Antwort haben."

Als der Markgraf mit seinem Geleit gegangen war, befragte König Gunther seine Getreuen, ob man Kriemhild zu den Hunnen ziehen lassen solle. Niemand war dagegen als Hagen, der den König warnend mahnte: "Lasst sie  nicht zu den Hunnen! Etzels Macht ist groß, und es könnte uns bitter gereuen, wenn Kriemhild neben ihm Königin würde."

Der junge Giselher hielt ihm entgegen: "Ihr habt meiner Schwester solches Leid zugefügt, Freund Hagen, dass es Euch nunmehr wohl anstände, ihr Treue und guten Willen zu bezeigen." Auch seine beiden Brüder dachten so, und Gernot sagte: "Selbst wenn Kriemhild auf Vergeltung sänne, was möchte sie uns im Hunnenland anhaben? Nie kommen wir dorthin!"

Der Tronjer beharrte auf seiner Warnung, doch die Brüder blieben diesmal fest: ihre Schwester allein sollte die Entscheidung haben. Markgraf Gere überbrachte ihr die Nachricht von Etzels Werbung. "Gott verhüte es, dass Ihr Spott treibt mit mir Armen! Wie könnte ich noch einmal einem Manne gehören?" rief sie in heftigem Schmerz aus. Erst als Gernot und Giselher ihr zuredeten, willigte sie ein, Rüdiger zu empfangen. 

Am nächsten Morgen fand sich Markgraf Rüdiger bei ihr ein. In Trauerkleidung saß sie inmitten ihrer Frauen und ließ sich die Botschaft Etzels ausrichten. Dann antwortete sie: "Markgraf Rüdiger, wer mein Leid kennt, der möchte mir wohl nicht zu neuem Ehebund raten. Ich verlor den Besten der Männer."

"Nichts tröstet mehr im Leid als herzliche Liebe", entgegnete Rüdiger, "und bedenkt auch, edle Frau, dass mein Herr Euch zwölf Kronen bietet und Dreißig Reiche, die er bezwungen hat und darüber Ihr nun Macht haben sollt."

"Was kann mir das bedeuten nach all dem Jammer, den Siegfrieds Tod über mich gebracht hat? Doch bitte ich Euch, mir Bedenkzeit zu geben bis morgen früh, dann sollt Ihr meine Antwort haben", entschied Kriemhild.

Ohne Schlaf und in Tränen lag sie die ganze Nacht. Wie sollte sie je ihren Kummer vergessen? Wie sollte sie je wieder frohen Herzens zu Hofe gehen? Früh am Morgen erschienen die Brüder und rieten ihr, die Werbung Etzels anzunehmen. Auch Frau Ute redete ihr zu. Aber als Markgraf Rüdiger kam, um ihre Antwort zu holen, war sie entschlossen, den Antrag des Hunnenkönigs abzulehnen. "Nie wieder will ich an der Seite eines Mannes leben", beschied sie ihn.

Da machte Rüdiger einen letzten Versuch, ihr Jawort zu erhalten. "Lasst Euer Weinen, edle Frau", sagte er, "ich und meine Mannen stehen mit unserem Leben dafür, dass all Euer Leid vergolten wird an denen, die es Euch zufügten. Und viele tausende von Recken hat König Etzel, die wie wir bis in den Tod für Euch eintreten."

Kriemhild horchte auf, als sie diese Worte vernahm. Es kam ihr der Gedanke, dass sich hier eine Gelegenheit bot, die Meintat an Siegfried zu rächen, und sie ließ sich von dem Markgrafen ungedingte Treue geloben. Um diesen Preis willigte sie ein, die Gemahlin König Etzels zu werden. 








Mittwoch, 3. Juni 2015

Nibelungen Sage 26/28 | Wie Rüdiger erschlagen ward


Kriemhild glaubte die Burgunden seien alle in den Flammen umgekommen. Doch ihre Späher brachten am Morgen die Kunde, dass viele noch lebten, darunter auch Hagen von Tronje. Da bot sie aufs neue die Hunnenscharen auf und ließ Schilde voll Gold herbeitragen, um die Kämpfer anzuspornen. Mit unermesslichen Schätzen wollte sie dem lohnen, der ihr das Haut des Todfeindes, des verhassten Tronjers, brächte!

Wieder begann das Morden, und wieder sanken Hunderte dahin. Vor der Stiege des Saales häuften sich abermals die Toten, aber keiner der Hunnen kam über die Schwelle, so erbarmungslos mähten die Schwerter Hagens und Volkers und der anderen Burgunden. Zwölfhundert Hunnen vermochten nichts auszurichten gegen sie.

In höchster Not rief da König Etzel den Markgrafen Rüdiger, der voll Kummer dem blutigen Spiel zusah, um Hilfe an. "Wie könnte ich gegen Männer kämpfen, die ich als Gäste in dieses Land brachte und die mir liebe Freunde wurden!" entgegnete ihm fest der edle Rüdiger. Aber Etzel ließ nicht ab mit seinen Bitten, und Kriemhild mahnte den Markgrafen an den Eid, den er ihr bei der Werbung in Worms geleistet hatte: "Ihr habt mir Treue geschworen bis in den Tod, Herr Rüdiger, und als Ritter müsst Ihr diesen Schwur halten!"

"Ja, Leben und Ritterehre habe ich Euch verpfändet, Frau Kriemhild, aber nicht meine Seele", entgegnete er in tiefstem Schmerz, "denkt daran, dass ich meine Tochter Dietlinde dem Fürsten Giselher verlobte! In meinem Haus waren die Burgunden liebe Gäste. Wie könnte ich ihnen Freundschaft und Treue brechen und Unheil bringen über die Meinen?"

"Zum König will ich dich machen, wenn du unser Leid rächst", rief Etzel, "zum König über reiche Länder, und neben mir sollst du herrschen!"

Vergebens beschwor ihn Rüdiger: "Erlasst mir den Kampf! Eine Krone begehre ich nicht." Ja, vergebens erbot er sich, alles zurückzugeben, was er je von Etzel erhalten habe, Land und Burgen; arm wolle er mit seiner Frau und Tochter in die Fremde gehen. Der König und die Königin fielen flehend vor ihm auf die Knie, und wiederum mahnte ihn Kriemhild an seinen Eid.

Da erkannte der treue Mann, dass sein Wort ihn zu dunklem Verhängnis band, und das Herz von Jammer und Qual zerrissen, sprach er: "So sei es denn! Mein Ritterwort löse ich heute mit dem Leben ein. Meine Frau und meine Tochter empfehle ich Eurer Huld."

Traurig wandte er sich zu seinen Recken: "Wir müssen uns waffnen; er geht gegen die Burgunden im Saal." Er legte seine Rüstung an, und an der Spitze seiner Fünfhundert trat er den schweren Gang an.

"Da kommt Rüdiger, der Freund, als Retter in der Not!" frohlockte Giselher, als er ihn erblickte. Aber der Markgraf trat an die Stiege, stellte den Schild vor sich hin und rief in den Saal: "Ihr kühnen Nibelungen, nehmt Schwert und Schild zur Hand! Bisher waren wir Freunde. Nun muss ich euch die Treue aufsagen."

Wie erschraken die Burgunden ob dieser Worte! Vergebens erinnerten Gunther und Gernot den Markgrafen an die Tage der Eintracht und Freundschaft in Bechlaren, vergebens rief Giselher ihm zu: "Wie könnt Ihr mit eigener Hand das Glück Eurer Tochter zerstören?" Rüdiger blieb fest: "Der Schwur, den ich der Königin geleistet habe, bindet mich. Als Mann und Ritter kann ich nicht anders: ich muss mit euch streiten, so schwer es mir ums Herz ist. Gott, der Herr, möge uns gnädig sein!"

Schon hob er den Schild und setzte den Fuß auf die Stiege, da rief Hagen ihm von oben zu: "Auf ein Wort noch, Herr Rüdiger! Den Schild, den Frau Gotelind mir gab, haben die Hunnen mir zerhauen. Hätt ich einen solchen, wie du ihn an der Hand trägst, dann wäre ich mancher Sorgen ledig!" Nicht zweimal brauchte er zu bitten. Rüdiger reichte ihm den eigenen Schild: "Nimm ihn hin, Hagen, und möchtest du ihn glücklich heimführen ins Burgundenland!"

Es war die letzte Gabe, die der Markgraf einem Freund bot. Keiner der Recken schämte sich der Tränen, die ihm in die Augen stiegen. Der grimme Hagen aber dankte bewegt: "Nie wird es solche Milde mehr geben, edler Markgraf. Und solltet Ihr alle Burgunden in den Tod schicken, meine Hand wird nicht das Schwert gegen Euch erheben." Er und auch Volker traten beiseite und gaben Rüdiger den Weg in den Saal frei. Mit ihrem Herrn drangen auch die Fünfhundert aus Bechlaren ein.

Wieder hallten die Schilde von den Schwerthieben, wieder barsten die Helme und rieselte das rote Blut aus den Panzerringen. Hin und Her wogte das grausige Würgen. Immer wieder brach Rüdiger sich Bahn durch das Wilde Getümmel, bis er auf Gernot stieß. Da fuhren beider Schwerter empor, und beiden gelang der tödliche Streich durch Brünne und Helm. Miteinander sanken die Helden in den Tod. Rüdigers Wunde aber hatte das gleiche Schwert geschlagen, das er selbst Gernot in Bechlaren als Gastgeschenk gab.

Laute Klage erscholl von beiden Seiten, und für eine Weile schieg der Lärm der Waffen. Dann tobte der Kampf um so erbitterter weiter, und wie tapfer die Mannen Rüdigers auch stritten, keiner entkam dem grimmigen Wüten Hagens und seiner Gefährten.

Als der letzte Gegner gefallen war, hielten die Burgunden stumme Rast. Müde saßen sie auf Balken und Trümmern, und kein Schwerterklirren, kein Kampflärm drang mehr nach draußen. Da glaubten Etzel und Kriemhild, Rüdiger habe ihnen die Treue gebrochen und wolle den Burgunden freien Abzug geben. Doch als Volker den toten Markgrafen aus dem Saal tragen ließ, erkannten sie, welches Unheil geschehen war, und in bitterem Leid beklagten sie den Tod des Besten, der ihrem Thron nahegestanden hatte.