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Dienstag, 21. Juni 2016

Geschichte vom Mäuseturm zu Bingen | Sage aus Deutschland


Wo aus dem Rheinstrom unterhalb von Bingen weiße Klippen gefahrdrohend emporragen und nur einen schmalen Raum -- Binger Loch -- für die Durchfahrt freilassen, da erhebt sich in der Nähe der Ruine Ehrenfels und unweit des Rheinsteins inmitten der schäumenden Fluten ein finsteres Gemäuer. Es ist 'Hattos Turm'. Von Eulen und Fledermäusen umflattert, erscheint er dem Beschauer wie das Haus eines Bösen, wie das Denkmal eines ungeheuren Frevels. 'Mäuseturm' nennt die Sage jenes Gemäuer, von dem der Schiffer mit Grauen das Gesicht abwendet. 
  
Einst lebte zu Mainz ein Erzbischof namens Hatto, dessen Herz rauh, hart und unempfänglich war gegen die Not der Bedrängten. Um diese Zeit brach am Rhein und rings in der Gegend eine große Hungersnot aus, so dass viele Menschen umkamen. Der Bischof jedoch, dessen Speicher voll mit Korn gefüllt waren, öffnete diese nur dem Wucher, aber nicht den Armen seines weiten Sprengels. Als die Not seiner Untertanen größer und größer wurde, fanden sich die hungernden Menschen in Scharen zusammen und flehten den gefühllosen Mann um Erbarmen und Nahrung an. Als sie merkten, dass dies umsonst war, murrten sie und fluchten dem Tyrannen in ohnmächtiger Wut. Aber das Herz des Bischofs regte sich nicht vor Mitleid sondern vor Zorn. Er ergrimmte so sehr, dass er seine Schergen ausschickte, die Murrenden zu fangen und sperrte sie sodann in eine große Scheune ein und ließ Feuer legen. Als die Unglücklichen von den Flammen ergriffen wurden und ihr Todesgeschrei bis in den Bischofspalast drang, bis an die Ohren des Unmenschen und aller derjenigen, die mit ihm an der üppigen Tafel saßen, da rief dieser in teuflischem Hohn: "Hört ihr die Kornmäuslein unten pfeifen?" Da wurde es plötzlich ganz still und die Sonne verhüllte ihr Antlitz. Im Saal wurde es dunkel, und die angezündeten Kerzen vermochten nicht mehr die Dämmerung zu durchbrechen, die den finsteren Mann von nun an umlagerte. Und siehe da! Im Saal begann es sich zu regen, und aus allen Winkeln, aus den Ritzen des Fußbodens, zu den Fenstern herein und von der Decke herab krochen und liefen Scharen nagender Mäuse und erfüllten alsbald alle Gemächer des Palastes. Ohne Scheu sprangen sie auf die Tische und benagten die Speisen vor den Augen der erstaunten Versammlung. Immer neue kamen hinzu, und kein Brotkrümel auf der Tafel blieb verschont und kein Bissen, der zum Mund geführt werden sollte. Da ergriffen Furcht und Entsetzen sie alle, die das sahen, und seine Freunde, seine Knechte und Mägde flohen in die Nähe des Geächteten. Der  aber wollte nur entrinnen, bestieg sodann eilends allein ein Schiff und fuhr den Rhein hinab bis zu jenem Turm, der von den Wellen des Stroms umspült wird. Dort wähnte er sich vor seinen unersättlichen Peinigern sicher. Doch auch hier wiederum krochen Tausende von Mäusen mit Gepfeife aus alIen Wänden hervor. Vergebens erstieg der Erzbischof Hatto, bebend vor Angst und stumm vor Entsetzen, die höchste Warte. Auch dahin folgten sie ihm, und heißhungrig fielen sie den unmenschlichen Spötter an. Bald war nichts mehr von ihm übrig. So lautet die Sage von jenem einsamen Turm mitten im Rhein.







Dienstag, 24. Mai 2016

Die Lorelei | Ballade von Heinrich Heine


Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin:
Ein Märchen aus uralten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein:
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lorelei getan.









Dienstag, 7. Juli 2015

Die Jungfrau Lorelei • Sage aus Deutschland • St. Goarshausen

In alten Zeiten ließ sich manchmal auf einem Felsen am Rhein bei Abenddämmerung und Mondschein eine Jungfrau sehen. Sie sang mit so lieblicher Stimme, dass alle davon bezaubert wurden, die es hörten. Viele, die vorüberfuhren, wurden an dem Felsenriff im Strom in die Tiefe gerissen, weil sie auf ihr Fahrzeug nicht mehr achteten. Niemand hatte die Jungfrau aus der Nähe gesehen als einige junge Fischer. Zu ihnen gesellte sie sich bisweilen im letzten Abendrot und zeigte ihnen die Stellen, wo sie ihre Netze auswerfen sollten. Jedesmal, wenn sie dem Rat der Jungfrau folgten, machten sie einen reichlichen Fang. Die Jünglinge erzählten weiter, was ihnen begegnet war, und die Geschichte verbreitete sich bald im ganzen Land.

Der Sohn des Pfalzgrafen, der damals in der Nähe sein Hoflager hatte, hörte auch die wundervolle Mär; es gelüstete ihn, die Jungfrau zu sehen. Er tat, als ob er auf die Jagd gehen wollte, nahm den Weg nach Oberwesel; setzte sich dort in einen Nachen und ließ sich stromabwärts fahren. Die Sonne war eben untergegangen, und die ersten Sterne traten am Himmel hervor, da näherte sich das Fahrzeug der Lorelei. "Seht ihr sie dort, die verwünschte Zauberin?" riefen die Schiffer. Der Jüngling hatte sie aber schon erblickt. Sie saß am Abhang des Felsens, nicht weit vom Strome, und band einen Kranz um ihre goldenen Locken. Jetzt vernahm er auch den Klang ihrer Stimme und war bald seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er befahl den Schiffern, am Felsen anzufahren. Aber als er ans Land springen wollte, nahm er den Sprung zu kurz und versank im Strom; die Wogen schlugen schauerlich über ihm zusammen. 

Die Nachricht kam schnell zu den Ohren des Pfalzgrafen. Voll Schmerz und Zorn befahl er seinen Knechten, ihm die Unholdin tot oder lebendig zu bringen. Einer seiner Hauptleute versprach, den Willen des Pfalzgrafen zu vollziehen. Doch bat er sich aus, daß er die Hexe gleich in den Rhein stürzen dürfe, damit sie sich nicht vielleicht durch Zauberkünste wieder aus Kerker und Banden befreie. Der Pfalzgraf war es zufrieden. Nun zog der Hauptmann gegen Abend aus und umstellte mit seinen Reisigen (gewappnete Dienstleute) den Berg. Er selbst nahm drei der beherztesten Männer aus seiner Schar und stieg den Fels hinan. Die Jungfrau saß oben auf der Spitze und hielt eine Schnur von Bernstein in der Hand. Sie sah die Männer kommen und rief ihnen zu, was sie hier suchten. "Dich, Zauberin", antwortete der Hauptmann, "und ich befehle dir, dich sofort in die Fluten hinabzustürzen!" - "Ei", sagte die Jungfrau lachend, "der Rhein mag mich holen!" Bei diesen Worten warf sie die Bernsteinschnur in den Strom hinab und sang mit schauerlichem Ton: "Vater, Vater, geschwind, geschwind, die weißen Rosse schick deinem Kind, es will reiten mit Wogen und Wind!"

Urplötzlich brauste der Strom daher. Der Rhein rauschte, dass weitum Ufer und Höhen mit weißem Gischt bedeckt waren. Zwei Wellen, die fast die Gestalt von zwei weißen Rossen hatten, stiegen mit Blitzesschnelle zur Kuppe des Felsens empor und trugen die Jungfrau hinab in den Strom, wo sie für immer verschwand.







Sonntag, 28. Juni 2015

Nibelungen Sage 1/28 | Wie Siegfried sein Schwert schmiedete


Vor Zeiten erhob sich zu Xanten am Niederrhein eine starke Burg mit festen Ringmauern und trutzigen Türmen. Dort herrschten über die Niederlande König Siegmund und Königin Sieglinde, und dort wuchs, blühend vor Jugend und Kraft, Jung-Siegfried, ihr Sohn heran. Die Eltern hüteten ihn als ihren Stolz, aber schon früh stand sein Sinn nach Taten und Abenteuern draußen in der Welt. Als er eben dem Knabenalter entwachsen war, hielt es ihn nicht mehr daheim hinter den engen Mauern, und Tag für Tag bestürmte er den Vater, ihn ziehen zu lassen. Der gab endlich dem ungestümen Drängen nach, und jubelnd nahm Siegfried Abschied von den Seinen.

Wie er nun seines Weges dahin wanderte, der lockenden blauen Ferne entgegen, sprengten Ritter in reisiger Wehr, mit Lanzen und blitzenden Schwertern, an ihm vorüber. Da strahlten seine Augen, und mit festem Griff umschloss er den Stecken, den er in der Hand trug. Was gab es Herrlicheres in der Welt als ritterliche Wehr und Waffen!

Gegen Abend kam er in einen Wald, und da lag dicht am Wege eine Schmiede. Roter Feuerschein sprang um die dunklen Stämme, und hell erklang weithin der Schlag der Hämmer. Im rußigen Schurzfell stand der Meister am Amboß und ließ die Funken aus weißglühendem Eisen sprühen. Geschäftig werkten die Gesellen am Blasebalg.

Siegfried trat heran und bot seinen Gruß, und klopfenden Herzens fügte er hinzu: "Nehmt mich als Lehrling an, Meister, und lehrt mich die Kunst, tüchtige und scharfe Schwerter zu schmieden!" In der Kraft seiner Jugend stand er vor dem Schmied, und der nickte ohne Zögern Gewähr: "Nur heran, junger Mann! Starke und geschickte Arme gibt es in einer Schmiede nie genug." 

So blieb Siegfried im Walde bei Meister Mime und seinen schwarzen Gesellen. Er lernte die Glut in der Esse schüren und das Eisen mit wuchtigen Hammerschlägen strecken. Und eines Morgens in aller Frühe trat er an den Amboß, um sich ein ritterliches Schwert zu schmieden. So gewaltig schlug er mit dem schwersten Hammer zu, dass das rote Eisen in Stücke sprang und der Amboß tief in den Grund fuhr. Aber aus der letzten Eisenstange wurde ein Schwert, lang und breit und mit scharfer Schneide. Das reckte er hoch empor: "Nun bin ich ein Ritter wie die Mannen meines Vaters, die zu Kampf und Sieg ausziehen!"







Mittwoch, 24. Juni 2015

Nibelungen Sage 5/28 | Wie Siegfried mit den Sachsen und Dänen stritt


Eines Tages ritten Boten des Sachsenkönigs Lüdeger und des Königs Lüdegast vom Dänenland in Worms ein und sagten den Burgunden Krieg an. Binnen zwölf Wochen wollten die feindlichen Könige mit Heeresmacht am Rhein sein und die Burgen brechen, falls die Burgunden nicht bereit seinen, um Frieden zu verhandeln. Voll Sorge berief Gunther seine Brüder und seine Getreuen zur Beratung. Gernot war sogleich für den Kampf: die Ehre lasse keine andere Wahl. Hagen dagegen mahnte zur Vorsicht: "Wir können in so kurzer Zeit nicht unser ganzes Aufgebot an den Feind bringen. Deshalb schlage ich vor, uns die Hilfe Siegfrieds zu sichern, ehe wir den Boten eine Antwort geben."

Siegfried ließ sich nicht zweimal bitten. Er reichte Gunther die Hand: "Gebt mir nur tausend Mann, dann wird es keinem Feind gelingen, Euer Land zu verheeren, und rückte er auch mit dreißigtausend Gewappneten heran!"

Da dankte ihm Gunther frohen Herzens und entließ die fremden Boten mit der Antwort: "Wir sind bereit, die beiden Könige mit Waffen zu empfangen, falls ihnen die Heerfahrt ins Burgundenland nicht noch leid werden sollte!"

Nach Rückkehr der Boten zogen Lüdeger und Lüdegast sogleich mit vierzigtausend Mann zu Felde. Doch auch die Burgunden säumten nicht. Siegfried und Hagen führten ihre Kampfschar über den Rhein, und Volker, der kühne Spielmann, trug die Fahne. Gunther aber blieb auf Siegfrieds Rat daheim in Worms.

Das gab ein rasches Reiten durch den Hessengau bis an die Grenze des Sachsenlandes. Dort ließ Siegfried die Streitmacht in der Obhut Hagens und Gernots zurück und ritt allein auf Kundschaft in die feindliche Mark. Bald traf er auf einen Späher, der dem Heer der Gegner voraus ritt. Einen goldenen Schild trug er an der Linken. Es war Lüdegast, der Dänenkönig.

Kaum hatten die Helden einander erblickt, so spornten sie die Rosse zu ritterlichem Kampf. Die Lanzen zerspellten an den Schilden, aber keiner wankte im Sattel. Nun zogen sie die Schwerter, und dicht stoben die roten Funken aus Helmen und Schilden. So tapfer Lüdegast auch stritt, Siegfried schlug ihm drei tiefen Wunden, und besiegt gab sich der Dänenkönig schließlich in Siegfrieds Hand. Auch dreißig Dänenrecken, die ihm zur Hilfe heransprengten, vermochten sein Los nicht zu wenden. Mann für Mann fielen sie bis auf einen; den ließ Siegfried entkommen, dass er mit zerhauenem und blutigem Helm die schlimme Kunde ins Dänenlager bringen konnte.

Lauter Jubel erhob sich, als Siegfried mit dem gefangenen Dänenkönig bei den Burgunden eintraf. Sogleich wurde der Aufbruch befohlen, und hochgemut trug Volker die Heerfahne voran. Nicht lange brauchten sie zu reiten, da hatten sie vor sich die reisigen Scharen der Sachsen und Dänen. Die Schlacht hub an. Lanzen und Schwerter machten sich an ihr blutiges Werk. Waren die Burgunden auch an Zahl weit unterlegen, Hagen und Volker, Gernot und Ortwin und Dankwart ließen sich nicht schrecken. Durch das wildeste Kampfgetümmel brachen sie sich mit schmetternden Schwerthieben Bahn. Am weitesten aber drang Siegfried mit seinen zwölf Getreuen vor, dorthin, wo Lüdeger, der Sachsenkönig, unter den Seinen hielt. Der stritt ingrimmig, um den Waffenbruder aus dem Nordlande zu rächen; als er aber das Wappenzeichen auf Siegfrieds Schild erkannte, gebot er dem Kampf Einhalt und ließ die Fahne senken: gegen einen solchen Gegner vermochte niemand aufzukommen.

Der Friede wurde den Sachsen und Dänen gewährt, aber die beiden Könige und fünfhundert Mann mussten den Burgunden als Gefangene an den Rhein folgen. Siegesboten eilten dem heimkehrenden Heer voraus. Gernot hatte sie abgesandt, den stolzen Ausgang des Heerzuges in Worms zu melden. Einen von ihnen ließ Kriemhild heimlich zu sich kommen, und sie vernahm, dass Siegfried am herrlichsten von allen gestritten und mit eigener Hand die beiden Könige bezwungen hatte. Mit reichen Geschenken entließ sie den Boten, ihre Freude verschloss sie tief im Herzen. 

Eine frohe Menge säumte die Straßen, als die Sieger mit ihren Gefangenen in Worms einzogen. Auch mancher Kampfverwundete war dabei, und manches Schwert war schartig, mancher Helm und Schild zerhauen. König Gunther bot seinen Getreuen Willkommen und Dank, auch die beiden Könige grüßte er und reichte ihnen die Hand. Frei durften sie umher gehen, nachdem sie gelobt hatten, nicht heimlich aus dem Burgundenland zu entweichen.

Nach sechs Wochen aber sollte vor den Toren der Stadt am Rheinstrand ein Siegesfest gefeiert werden. So hatte König Gunther auf Gernots Vorschlag hin beschlossen. Manch kampfmüder Recke nahm Urlaub bis zu diesem Tag, um daheim seine Wunden zu pflegen. Auch Siegfried kam das Verlangen an, nach Hause zu ziehen, und selbst Gunthers inständige Bitten hätten nicht vermocht, ihn zu halten, wäre nicht der Gedanke an Kriemhild, die Holdselige, gewesen. So blieb er denn mit seinen Gefährten in Worms.





Montag, 22. Juni 2015

Nibelungen Sage 7/28 | Wie Gunther Brunhild gewann

Brunhild von Gaston Bussière
Nicht lange währte es, da kam an den Rhein die Kunde von einer Königstochter, die auf einer Insel im fernen Nordmeer lebte. Brunhild hieß sie, und groß wie ihre Schönheit war auch ihre Kraft. Wer ihre Hand begehrte, der musste vor dem Isenstein, ihrer hohen Feste, in drei Kampfspielen mit ihr streiten, und verlor er, so war es um sein Leben getan. 

Kaum hatte König Gunther von Brunhild gehört, so stand es bei ihm fest, dass er zum Isenstein fahren und um die Stolze werben müsse. Im Kreis seiner Freunde gab er es bekannt: "Brunhild will ich gewinnen, daran setze ich mein Leben, und was man auch von ihrer Stärke spricht: die Frau möchte ich sehen, der ich es im Waffenkampf nicht zuvortue." Siegfried warnte: "Und hättet Ihr die Kraft von vier Männern, an Brunhild würdet Ihr zuschanden werden." Doch Gunther ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen: "Mag sie noch so stark sein, ich will es unverzagt wagen, und ich hoffe, es ist mir vergönnt, die Herrliche als Königin an den Rhein zu führen."

Da riet Hagen seinem Herrn: "So bittet doch Siegfried um seinen Beistand, er ist der Mann, Euch mit Rat und Tat am besten zu helfen." Gunther zögerte nicht, die Bitte zu tun, und Siegfried entgegnete: "Ich bin dazu bereit, wenn Ihr mir die Hand Eurer Schwester Kriemhild versprecht." Das sagte ihm Gunther sogleich zu, und mit Handschlag und Eid beschworen die beiden ihre Abmachung.

Nun ging es an die Vorbereitungen der gefahrvollen Reise. Siegfrieds Tarnkappe, die er dem Zwerg Alberich abgenommen hatte, durfte nicht fehlen. Dreißigtausend Ritter wollte Gunther zu der Fahrt aufbieten, aber Siegfried sprach sich dagegen aus: "Noch so viele Tausende vermögen nichts gegen Brunhild. Nach alter Recken Weise wollen wir ausziehen, wir beide und sonst niemand als Hagen und Dankwart, so werden tausend Kämpen (Kämpfer) uns nichts anhaben können." Doch riet er, die besten Gewänder und Waffen anzulegen, damit man vor Brunhilds Reichtum in Ehren bestehen könne.

Kriemhild übernahm es, mit dreißig ihrer Mägde kostbare Reisekleidung zu richten, und es wurde nicht gespart an arabischer Seide und Hermelinpelzen, an Goldborten und edlem Gestein. Und als alles aufs prächtigste bereit war, da lag auf dem Rhein schon das Schiff, das die Helden zum Isenstein im grauen Nordmeer tragen sollte. Bald füllte es sich mit Rüstzeug und Vorräten für die lange Reise, die Pferde wurden an Bord geschafft und das Segel gehisst: die Abschiedsstunde war da.

Tränen standen in den Augen Kriemhilds, als sie Siegfried die Hand reichte: "Meinen lieben Bruder empfehle ich Euch, Herr Siegfried. Schützt ihn vor Gefahren im fernen Land!" Siegfried versprach es ihr feierlich: "Mit meinem Leben stehe ich für ihn ein. Wohlbehalten bringe ich ihn zurück an den Rhein, darauf mögt Ihr fest vertrauen."

Der Wind stieß in das Segel, und die Fahrt begann. Gunther nahm selber ein Ruder zur Hand. Siegfried führte das Schiff, denn ihm war der Weg zum Isenstein bekannt. Von den Fenstern winkten die Frauen und Mägde den vier Fahrtgesellen nach, die der Strom rasch rheinabwärts davontrug. 

Am zwölften Morgen erhob sich vor ihnen aus dem Meer eine trutzige Felsenburg. Gunther bestaunte die hohen und starken Mauern und fragte nach dem Herrn der gewaltigen Feste und des Landes ringsum. "Das ist Brunhilds Burg, der Isenstein, und ihr gehört auch das Land", antwortete Siegfried. "Heute noch werden wir die Stolze und ihre Frauen sehen, und ich rate euch, ihr Freunde: gebt einmütig Gunther als unseren Lehensherrn aus, wenn sie euch fragt." Alle waren damit einverstanden. Nicht um Gunthers willen ließ Siegfried sich zu diesem Trug herbei, er tat es der schönen Kriemhild wegen, die er als sein Weib auf die Burg nach Xanten führen wollte. 

Viel edle Frauen zeigten sich in den Fenstern der Burg, ein gar liebliches Bild, als das Schiff am Ufer anlegte. "Welche dieser Jungfrauen würdet Ihr wählen, wenn es in Eurer Macht stände?" fragte Siegfried den König. "Diese dort oben im weißen Kleide", antwortete Gunther. "Da habt Ihr die rechte Wahl getroffen", sagte Siegfried, "es ist die edle Brunhild, nach der Euch Herz und Sinn steht."

Gunther und seine Begleiter stiegen an Land. Siegfried zog ein Ross am Zügel hinter sich und hielt dem König den Steigbügel, als dieser sich in den Sattel schwang. Dann erst holte er sein eigenes Pferd aus dem Schiff und saß auf. Brunhild und ihre Frauen schauten noch immer von den Fenstern aus zu.

Schneeweiß waren die Rosse, auf denen Gunther und Siegfried nun der Burg zuritten, und von gleicher Farbe war ihre Gewandung. Auf Rappen und in schwarzer Rüstung aber sprengten Hagen und Dankwart hinter ihnen her. Edles Gestein funkelte an Sätteln und Zaumzeug, und die Waffen blitzten in der Sonne. So ritten sie unter den Augen der Frauen durch das offene Tor in den Burghof ein.

Brunhilds Mannen eilten herbei, um ihnen die Rosse und die Waffen abzunehmen. Hagen wollte sein Schwert nicht aus der Hand geben, doch Siegfried riet es ihm an, das es in Brunhilds Burg so Sitte sei. Da legten alle ihre Waffen ab.

Brundhild fragte ihr Gesinde, wer die fremden Recken seien. Niemand hatte sie bisher gesehen, aber einer meinte: "Der stolze junge Held dort unten muss Siegfried von Niederland sein." Da glaubte Brunhild, Siegfried sei als Werber gekommen. Sie legte ihre prächtigsten  Kleider an und begab sich mit einem Geleit von mehr als hundert reichgeschmückten Frauen und fünfhundert Recken zu den Gästen. An Siegfried richtete sie zuerst ihren Gruß: "Seid willkommen in diesem Lande, Herr Siegfried! Sagt an, was führt Euch zum Isenstein?" --- "Ich danke für Euren huldvollen Gruß" erwiderte Siegfried, "aber diese Ehre steht als erstem meinem Herrn zu, dem König Gunther von Burgundenland, ich bin nur sein Lehensmann. Er ist gekommen, um Eure Hand zu werben."

"Verhält es sich so", entgegnete Brunhild, "so muss er mit mir kämpfen. Gewinnt er den Sieg, so werde ich sein Weib, verliert er aber, so geht es euch allen ans Leben!"

Da sprach Hagen von Tronje: "Sagt an, welche Kämpfe mein Herr zu bestehen hat. Wohl getraut er sich, einer Frau den Preis abzugewinnen."

"Den Stein muss er werfen, einen Sprung tun und den Speer werfen", entschied Brunhild, "aber habt es nicht gar so eilig, denn es gilt euer Leben!"

Siegfried sprach Gunther heimlich Mut zu, und dieser erwiderte zuversichtlich: "Und müsste ich noch mehr Proben bestehen, ich wäre ohne Zaudern dazu bereit, so viel liegt mir an Eurer Huld, edle Königstochter."

Da ließ Brunhild ihr Streitgewand bringen, einen goldenen Panzer und ein seidenes Waffenhemd, das kein Schwert und keine Lanze versehren konnte. Auch ihr Schild, mit Gold beschlagen und mit Edelsteinen geziert, wurde herbeigetragen. Vier Männer keuchten unter der gewaltigen Last, und drei Männer mussten den riesigen Wurfspeer mit dem mächtigen Schaft und der schweren Eisenspitze heranschaffen. Gar zwölf starke Männer aber waren nötig, den ungefügten Stein herbeizuschleppen, der im Wurf geschleudert werden sollte. Als Kampfplatz werde ein Kreis abgemessen, und wohl siebenhundert Recken umgaben auf Brunhilds Geheiß als Kampfzeugen das Rund. 

Den Burgunden entsank bei diesen Zurüstungen  der Mut. "Selbst der Teufel in der Hölle könnte es nicht aufnehmen mit diesem Weib", knurrte Hagen ingrimmig, als er die Waffen Brunhilds gewahrte, und Dankwart verwünschte laut die unselige Fahrt, die ihr aller Verderben werden musste. 

Inzwischen war Siegfried heimlich zum Schiff geeilt, hatte die Tarnkappe angelegt und kehrte nun unsichtbar auf das Kampffeld zurück. Eben wand Brunhild die Ärmel auf, nahm den Schild zur Hand und hob den gewaltigen Speer zum Zeichen, dass der Kampf beginnen sollte. Verstohlen berührte da Siegfried Gunthers Hand. Der erschrak, als er niemand in seiner Nähe erblickte, aber da vernahm er Siegfrieds leise Stimme: "Sei ohne Sorge, Gunther! Gib mir den Schild und höre, was ich dir sage: du hast nur die Gebärden zu machen, das übrige lass mein Werk sein!" Nie hatte Gunthers Ohr frohere Botschaft vernommen.

Da warf Brunhild den Speer mit solcher Macht, dass er des Königs Schild durchschlug und die Funken aus dem Stahl stoben. Die Männer sanken in die Knie, und aus Siegfrieds Mund brach das Blut. Aber sogleich war der Held wieder auf den Füßen, riss den Speer aus dem Schilde und warf ihn auf Brunhild, den Schaft voran, denn er wollte die schöne Streiterin nicht verletzen. Wieder lohten die Funken aus Schild und Panzerringen, und von der Wucht des Speerwurfes getroffen stürzte Brunhild zu Boden. 

Doch gleich war sie wieder auf und rief Gunther zu: "Dank für den Schuss, edler Ritter!" Denn sie glaubte, der König habe den mächtigen Wurf getan. Zornigen Mutes hub sie nun den Stein, den zwölf Männer herangetragen hatten, schwang ihn in der Hand und schleuderte in zwölf Klafter weit. dann tat sie in voller Rüstung den Sprung, und noch über den Stein hinaus trug sie ihre wundersame Kraft. 

Nun galt es für Gunther, sie im Wurf und Sprung zu übertreffen. Nie hätte er es ohne des Freundes Hilfe vermocht. Wohl hob er die Hand, aber Siegfried war es, der den Stein schleuderte, weit über Brunhilds Marke, und dann ergriff er Gunther und hob sich im Sprung mit ihm noch über die Stelle hinaus, wo der Stein niedergefallen war. Doch niemand sah ihn unter seiner Tarnkappe. Gunther allein, so schien es, hatte Wurf und Sprung getan. 

Roter Zorn wallte in Brunhild auf, als sie sich besiegt sah. Aber sie bezwang sich und rief ihre Mannen zusammen, dass sie Gunther als dem neuen Herrn im Isenland den Treueid leisteten. Da legten die Recken die Waffen nieder und beugten vor Gunther die Knie. Der König aber bot ihnen freundlichen Dank und reichte Brunhild die Hand. An ihrer Seite schritt er dem Rittersaal zu. 

Siegfried hatte inzwischen die Tarnkappe zum Schiff zurückgetragen und erschien nun unter den Rittern im Saal. "Weshalb geginnt denn der Kampf noch nicht?" fragte er listig den König Gunther. Brunhild hörte es und verwunderte sich sehr. "Habt Ihr denn nicht gesehen, Herr Siegfried, dass wir schon um den Sieg gestritten haben und König Gunther Meister geblieben ist?" Rasch kam da Hagens Antwort: "Herr Siegfried war während des Kampfes auf dem Schiff, so hat er noch keine Kunde von dem Sieg unseres Herrn." "Das freut mich", sprach Siegfried, "dass jemand Euren stolzen Sinn gebeugt hat, edle Königin. Nun müsst Ihr Eurem Meister an den Rhein folgen." Ungern vernahm Brunhild diese Worte. "Das will noch bedacht sein", antwortete sie, "meine Vettern und Lehensleute haben da mitzusprechen, wenn ich außer Landes gehen soll." Und sogleich sandte sie Boten aus, um die Großen des Landes zum Isenstein zu laden. 

Tag für Tag kamen nun die Herren zu Brunhilds Fest geritten. Hagen geriet darob in Sorge, er befürchtete eine Hinterlist der Königin. Auch diesmal wusste Siegfried Rat. Unter der Tarnkappe verborgen, fuhr er zu Schiff ins Nibelungenland und brachte nach wenigen Tagen tausend der tapfersten Recken in reisiger Wehr zum Isenstein. Brunhild staunte, als die Schiffe unter schneeweißen Segeln dem Land nahten, und wusste nicht, was das zu bedeuten habe. Da gab Gunther Auskunft: "Meine Heergesellen sind es, die ich unterwegs zurückließ. Siegfried führt sie nun herbei." 

Jetzt endlich war Brunhild bereit zur Fahrt an den Rhein. Dankwart teilte in ihrem Namen mit freigebiger Hand reiche Schätze an alle Gäste aus. Aber zwanzig Reiseschreine ließ sie selbst noch füllen, um im Burgungenland daraus zu spenden. Dann nahm sie Abschied von der Heimat, den Verwandten und Freunden. Zweitausend Ritter traten mit ihr die Reise an, dazu hundert Mägde und sechundachtzig edle Frauen. Auch die tausend Nibelungenrecken, die Siegfried herbeigeholt hatte, waren unter den Fahrtgesellen. Viel fröhliche Kurzweil gab es an Bord, als die Schiffe mit gutem Wind in See stachen.





Sonntag, 21. Juni 2015

Nibelungen Sage 8/28 | Wie Gunther und Siegfried Hochzeit hielten


Neun Tage lang fuhren sie über See, dann ritt Siegfried mit vierundzwanzig Recken auf schnellen Rossen den Schiffen voraus; er sollte die Kunde von der glücklichen Brautwerbung nach Worms bringen. Auf Hagens Rat hatte Gunther ihn darum gebeten, und so wenig ihm auch die Botenrolle zusagte: in Worms war Kriemhild, und da gab es für ihn kein Zögern.

Den Rhein entlang ging es auf jagenden Hufen, doch als die reisige Schar in der Burgundenstadt anlangte, erscholl Jammern und Klagen durch die Gassen. König Gunther war nicht unter den Recken, die da einritten, was mochte ihm zugestoßen sein? Auch Gernot und Giselher, die gleich herbeieilten, befürchteten schlimme Kunde. Siegfried zerstreute ihre Sorgen: "Um König Gunther steht es gut, bald wird er zu Schiff mit Frau Brunhild, seiner Braut, in Worms sein; ich reite ihm als Bote voraus."

Die gleiche frohe Nachricht brachte er ohne Säumen auch Frau Ute und Kriemhild, die sich um Gunther von Herzen gesorgt hatten. Mit Tränen in den Augen  dankte ihm Kriemhild: "All mein Gold möchte ich Euch als Botenlohn geben, Herr Siegfried, wenn Ihr nicht schon übergenug der Schätze hättet. So biete ich Euch denn immerdar meine Huld." Welch reicheren Lohn hätte sich Siegfried da noch wünschen mögen!

Nun wurden Burg und Stadt zum frohen Empfang des hohen Brautpaares und der zahlreichen Gäste aufs prächtigste gerüstet. Geschäftig eiferten die Mannen Gunthers miteinander, den Festplatz am Rhein mit Zelten und Gestühl stattlich herzurichten. Boten baten im ganzen Land die ritterlichen Herren und ihre Frauen zur Hochzeit, und bald zogen die Geladenen auf allen Wegen der in buntem Schmuck prangenden Königsstadt zu.

Als die Schiffe auf dem Strom herannahten, standen vielhundert Ritter und Frauen, gar festlich angetan, zum Empfang am Strand bereit. Auch Frau Ute und ihre Tochter waren auf reichgezäumten Pferden hinausgeritten. Siegfried hatte Kriemhilds Zelter vom Stadttor an am Zügel geführt, und Ortwin hatte Frau Ute geleitet. Kopf an Kopf drängte sich die frohgestimmte Menge.

Die Schiffe legten an, Gunther nahm Brunhilds Hand, und jubelnd begrüßt stiegen die beiden als erste an Land. Kriemhild ging ihnen entgegen, küsste Brunhild und bot ihr herzlichen Gruß: "Meiner Mutter und mir und all unseren Freunden sollt Ihr in diesem Land willkommen sein!" Auch Frau Ute schloss die Braut in die Arme und küsste sie. Alle Augen waren auf Brunhild gerichtet. Ihre Schönheit, von der allenthalben Wunder erzählt wurden, war ohne Makel. Nur eine aus dem Kreis der Frauen übertraf sie: das war Kriemhild, die in der blühenden Anmut ihrer Jugend neben ihr stand.

Zu Ehren der Königsbraut und der hohen Gäste wurde auf der Kampfbahn des Festplatzes am Rhein ein Turnier veranstaltet. Auf ihren Streitrossen ritten die reisigen Recken im Speerkampf gegeneinander. Welch ein Getümmel gab es da, wenn die Scharen zusammenstießen, wenn Lanzen brachen und Schilde splitterten, wenn Sättel leer wurden und Rosse sich bäumten! Immer wieder durchbrach Siegfried mit seinen Nibelungen die Reihen der Gegner. Ihm gebührte die Krone der Ritterschaft.

So ging der Tag dahin in der fröhlichen Lust und Kurzweil der Kampfspiele. Als die Dämmerung anbrach und es kühl vom Wasser herüberwehte, führten die Ritter die Frauen zu dem großen Saal in der Königsburg. Dort waren lange Tafeln köstlich gedeckt, und schöne Sitze standen für die Gäste bereit. In goldenen Becken reichten die Kämmerer das Wasser zum Händewaschen. 

Ehe das Mahl begann, trat Siegfried zu Gunther und sprach: "Die Hand Eurer Schwester habt Ihr mir mit Wort und Eid zugesichert, wenn Brunhild als Herrin in dieses Land käme. Nun ist es wohl Zeit, zu Eurem Wort zu stehen." Gunther erwiderte: "Es ist recht, dass Ihr mich mahnt. Mein Versprechen will ich halten, so gut ich es vermag." Sogleich ließ er Kriemhild herbeiholen und sagte zu ihr: "Einem edlen Recken habe ich dich versprochen, liebe Schwester, und nun steht es bei dir, ob ich mein Wort einlösen kann." Kriemhild brauchte sich nicht lange zu bedenken: der Recke, von dem Gunther sprach, war ihr wohlbekannt. So gab sie zur Antwort: "Lieber Bruder, deinen Wunsch will ich erfüllen und dem Mann angehören, den du mir bestimmt hast." Siegfried strahlte vor Glück, als er diese Worte vernahm.

Da ließ Gunther das Paar in den Kreis der Ritter treten und fragte seine Schwester, ob sie Siegfried zum Mann nehmen wolle. Errötend und ein wenig verschämt, wie es bei Mädchen zu sein pflegt, gab sie ihr Jawort. Wie stolz war Siegfried, als er nun seine Braut vor aller Augen umarmen durfte! Siegfried und Kriemhild erhielten bei Tisch den Ehrenplatz gegenüber Gunther und Brunhild. Da füllten Brunhilds Augen sich mit Tränen und als Gunther sie nach der Ursache ihres Kummers fragte, sagte sie: "Deiner Schwester Kriemhild wegen ist das Herz mir schwer. Einem Lehnsmann gibst du sie zur Frau, welche Schmach!" Gunther erwiderte: "Ohne Not weint Ihr, edle Frau. Siegfried hat selber Burgen und Land, er ist ein König wie ich, und Kriemhild an seiner Seite Königin." Doch Brunhild ließ seine Worte nicht gelten, trotzig verharrte sie den ganzen Abend in ihrem Unmut.

Als das Fest zu Ende war, führte Gunther Brunhild in die Kemenate. Da überkam der Groll sie so heftig, dass sie wieder die streitbare Kämpferin wurde, die sie auf dem Isenstein gewesen war. Sie rang mit Gunther, band ihn mit ihrem Gürtel an Händen und Füßen und hängte ihn an einen Nagel an der Wand. Die ganze Nacht musste er so gebunden da zubringen. Erst als der Morgen anbrach, löste sie ihn von seiner Fessel.

Nach der Messe im Münster, wo Gunther und Brunhild wie auch Siegfried und Kriemhild Krone und königliches Gewand empfingen, klagte Gunther insgeheim dem Helden von Niederland, wie es ihm in der Nacht ergangen war. Wiederum wusste Siegfried Trost und Hilfe. "Ich komme heute am Abend unter der Tarnkappe in deine Kammer", versprach er, "dann soll Brunhild ihr trotziger Mut vergehen."

So geschah es denn auch. Wieder wollte Brunhild das Spiel der vergangenen Nacht beginnen, aber diesmal hatte sie es mit Siegfried zu tun, der unter seiner Wunderkappe verborgen war. Wie grimmig sie sich auch wehrte, der Held bezwang sie mit seiner gewaltigen Kraft. Da ergab sie sich und versprach: "Nie will ich mich wieder gegen dich auflehnen, König Gunther. Ich habe es nun erfahren, dass du der Herr und Meister bist." Siegfried zog ihr heimlich einen goldenen Ring vom Finger und nahm auch ihren Gürtel an sich. Dann verließ er unbemerkt die Kammer.

Brunhild aber hielt ihr Wort. Als Königin nahm sie ihren Platz an König Gunthers Seite ein, und mit ihrem Trotz war auch ihre frühere Stärke nun für immer dahin. Ring und Gürtel schenkte Siegfried später Kriemhild und erzählte ihr, wie er zu beiden gekommen war. Das aber sollte Unheil und Verderben über ihn selbst und manch wackeren Recken bringen.





Dienstag, 9. Juni 2015

Nibelungen Sage 20/28 | Wie die Burgunden in Bechlaren einkehrten


Als Eckewart in Bechlaren ankam und seine Kunde dem Markgrafen überbrachte, begann in der Burg ein geschäftiges Treiben. Die Frauen legten zum Empfang der Gäste den schönsten Schmuck an, und das Gesinde richtete emsig Kammern und Saal. Rüdiger ritt den Freunden vom Rhein vor die Stadt entgegen und begrüßte  sie mit herzlicher Freude. Auf einer Wiese schlugen die Knechte ihre Zelte auf, die Fürsten und ihr ritterliches Gefolge aber geleitete der Markgraf nach Bechlaren. 

Vor dem Burgtor boten Frau Gotelind und ihre Tochter Dietlinde den Gästen Willkommen. Wie es der Brauch erforderte, küssten sie die Fürsten und ihre Getreuesten, den Tronjer Hagen, Dankwart, den Marschalk, und Volker, den kühnen Fiedler. Als Dietlinde zu Hagen kam, zauderte sie eine Weile: zu grimmig schienen ihr sein Blick und seine Züge, und es bedurfte der Mahnung des Vaters, dass sie ihm zum Kuss die Wange bot. Dann reichte Frau Gotelind König Gunther die Hand und führte ihn in den festlichen Saal. Gernot und Rüdiger schlossen sich ihnen an, und an der Seite der lieblichen Dietlinde ging frohen Herzens der junge Giselher. Alle blickten auf das schöne Paar, und nach dem Mahl sprach Hagen es aus, was alle dachten: des Markgrafen Tochter sei wohl würdig, eine Königskrone zu tragen und die Braut Giselhers zu werden. Lauter Beifall der Burgunden dankte ihm, und Rüdiger und Gotelind waren stolz auf die Ehre, die ihrer Tochter und auch ihnen selbst zuteil werden sollte. 

Nach alter Sitte trat das Paar in den Kreis der Ritter, und dort vollzog der Markgraf die Verlobung. Bei der Rückkehr der Burgunden von Etzels Hof sollte Dietlinde als Giselhers Frau mit an den Rhein ziehen, so wurde es von den Fürsten und dem Markgrafen beschlossen. In Freude und Frohsinn ging der Tag zu Ende, und vor allen anderen war es Volker, der Spielmann, der die Stunden mit heiteren Weisen zur Fiedel verschönte. 

Am nächsten Morgen wollten die Burgunden von Bechlaren aufbrechen, aber Rüdiger hielt sie mit bittenden Worten zurück. Drei Tage mussten sie bleiben, und als es am vierten Morgen ans Abschiednehmen ging, gab der Markgraf ihnen erlesene Gastgeschenke mit auf den Weg. Gernot erhielt ein treffliches Schwert, König Gunther eine kostbaren Rüstung, und Hagen, der selbst eine Gabe wählen durfte, erbat sich von Frau Gotelind den Schild ihres Sohnes Nodung, der in der Rabenschlacht gefallen war. 

Noch einmal strich Volker die Fiedel, und Giselher bot seiner Braut den Abschiedskuss. Dann saßen sie auf, die Nibelungenrecken -- so hießen die Burgunden weithin, seit Siegfrieds Hort an den Rhein gekommen war --, und Rüdiger führte sie die Donau entlang dem Hunnenland entgegen. Fünfhundert Recken aus seiner Mark ritten als Geleit mit, und schnelle Boten eilten dem Zug voraus nach Etzelnburg. 






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