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Samstag, 22. Oktober 2016

Dienstag, 26. Januar 2016

Die Felsen Mönch und Nonne an der Lenne ⋅ Sage aus Deutschland

Am Lenneufer, unweit eines kleinen Dorfes, liegen an der nach Iserlohn führenden Landstraße ein paar senkrecht aus dem Tal aufrecht stehende Kalkfelsen dicht nebeneinander, welche Heierstein oder auch Mönch und Nonne genannt werden. Beide Felsen ragen rund 100m in die Höhe. Da der Kalk von heller Farbe ist, hebt sich das Gestein deutlich vom Grün der umliegend bewaldeten Berge ab. Über dieser prächtigen Felsgruppe, welche einem menschlichen Paar sehr ähnlich sieht, liegt auf der Höhe des Burgberges eine alte ringförmige Umwallung. Am Fuße des Berges befinden sich mehrere Höhlen, in welchen Knochen aus alter Zeit gefunden wurden. 

So erzählt man sich, dass vor vielen Jahren ein Mönch in einem nahe gelegenen Kloster gelebt habe, der sehr streitsüchtig gewesen sei und von der strengen Ordnung, welcher Mönche im Kloster nun mal unterworfen sind, nichts wissen wollte. Darum sei er ausgebrochen, habe die geistlichen Drohungen seiner Brüder verlacht und sich mit andern Gesellen auf dem Burgberg ein stattliches Ritterschloss erbaut. Auch warb er um die Liebe einer Nonne, welche von ihren Verwandten in einem Frauenkloster untergebracht worden war, welche ihm mit Freuden auf die Burg folgte. Im täglichen Leben hätten beide der Sitte zum Trotz weiter ihre klösterliche Tracht getragen, welche aus langen, weißen Gewändern bestand. Lange Jahre hätten sie so auf dem Burgberg in Freuden und Eintracht gelebt. Nur einmal, als ein sehr heiliger Mann durch diese Gegend gezogen kam und er den beiden, Mönch und Nonne, ihr unsittliches und verwerfliches Leben vorwarf,  hätten sie diesen geradewegs in den Fluss Lenne werfen lassen. Sterbend weissagte der hl. Mann den Untergang der Frevler voraus, und wirklich, während sie noch am Ufer standen und die Worte des Sterbenden vernahmen, zog ein Unwetter auf, unter dessen Blitzen das Schloss mit allem, was darinnen war, in Schutt und Asche gelegt wurde. Die beiden Missetäter, Mönch und Nonne, ebenfalls vom Blitz getroffen, seien zu Stein erstarrt und müssen seitdem zum ewigen Gedenken an ihre Untat dort stehen bis ans Ende der Welt.






Dienstag, 23. Juni 2015

Nibelungen Sage 6/28 | Wie Siegfried zum ersten Male Kriemhild sah


Zu Pfingsten war das große Fest angesagt, und bald zogen auf allen Wegen die edlen Herren heran, die von König Gunther geladen waren. Gernot und Giselher hießen die Gäste in Worms willkommen. Zweiunddreißig Fürsten fanden sich ein und an fünftausend Ritter mit ihrem Geleit. Geschäftiges und frohes Treiben herrschte in der ganzen Stadt, und die Frauen richteten das Beste, was sie an Kleidern und Schmuck hatten.

Am Pfingstmorgen begann das Fest. Gunther befragte seine Getreuen, wie man sich den besonderen Dank der Gäste verdienen könne. Da meinte Ortwin von Metz: "Soll das Fest recht gelingen, so lasst die Frauen des Hofes daran teilnehmen, vor allem aber Eure Schwester Kriemhild, die so mancher Held zu sehen gekommen ist." Der Rat gefiel Gunther, und es erging an Frau Ute und Kriemhild die Aufforderung, mit ihren Frauen vor den Gästen zu erscheinen. 

Da gab es kein Säumen. Die schönsten Gewänder und der kostbarste Schmuck wurden hervorgeholt, und hundert Recken standen zum Geleit bereit, als Ute und Kriemhild mit der Schar edler Frauen ihre Gemächer verließen. Sogleich drängten von allen Seiten die Ritter heran, denn niemand wollte sich diesen Augenblick entgehen lassen.

Wie das Morgenrot aus trüben Wolken bricht, so kam Kriemhild daher. Edle Steine funkelten an ihrem Gewand, und wie Rosen blühten ihre Wangen. Keine der Frauen kam ihr an Schönheit gleich, und keiner der Ritter hatte je ein lieblicheres Bild gesehen. Siegfried, der in der Menge der Zuschauer stand, wurde es im Herzen froh und traurig zugleich. "Wie konnte ich nur hoffen, dich zu gewinnen",  ging es ihm durch den Sinn, "das ist ein eitler Wahn! Aber wenn ich dich meiden soll, so wollte ich doch lieber tot sein." Als wäre er auf ein Pergament gemalt, so stand Siegfried da, herrlich vor allen anderen Recken.

Da wandte sich Gernot an seinen Bruder Gunther: "Jetzt ist es an der Zeit, Siegfried zu belohnen für die Dienste, die er uns erwiesen hat. Kriemhild sollte ihm ihren Gruß entbieten, das würde den Helden ehren und noch fester mit uns verbinden." Gunther tat nach Gernots Rat, und Siegfried wurde zu der Königstochter geleitet. Noch tiefer erglühte das Rot auf Kriemhilds Wangen, als sie den Helden vor sich sah. "Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter!" grüßte sie ihn, und voll Anmut neigte er sich vor ihr in Freude und Dank. Nur heimlich wagten sie es, einander mit liebenden Blicken anzuschauen, und nie erlebte Siegfried ein tieferes Glück als in dieser Stunde, da er Kriemhilds Hand in der seinen hielt. Jeder der hochgemuten Recken hätte an seiner Stelle sein mögen.

Zum Münster ging nun der festliche Zug, Siegfried an der Seite der schönen Kriemhild. Dort wurden sie voneinander getrennt, wie es in der Kirche Sitte war, und der Held von Niederland konnte kaum das Ende der Messe erwarten, so sehr verlangte ihn nach der Nähe der Holdseligen, die er im Herzen trug. Als die Ritter und Frauen das Münster verließen, trat er wieder zu Kriemhild, um sie heim zu geleiten, und jetzt erst fand sie Worte des Dankes für sein tapferes Streiten. "Ich tat es für Eure Brüder und für Euch", erwiderte Siegfried, "und ich will nicht ablassen, Euch zu dienen mein Leben lang, wenn Ihr mir Eure Minne gewährt."

Zwölf Tage währte das Fest, und jeden Tag weilte Siegfried an der Seite Kriemhilds bei den Kampfspielen, in denen Gunthers Recken und die fremden Helden miteinander wetteiferten im Schwertstreit und Lanzenstechen. König Gunther kargte nicht mit Speise und Trank, und als die Gäste Abschied nahmen, ließ er ihnen kostbare Gaben reichen. Auch die gefangenen Sachsen und Dänen durften mit ihren Königen den Heimweg antreten. Gunther entließ sie auf Siegfrieds Rat ohne Lösegeld, doch mussten sie für künftige Zeiten Frieden geloben.

Abermals drängte es nun Siegfried zur Heimkehr, denn unerreichbar schien ihm immer noch Kriemhilds Hand. Da war es Giselher, der ihn mit seinen Bitten am Burgundenhof zurückzuhalten suchte. Und wieder ließ Siegfried sich nicht lange bitten. Wie hätte er wegreiten können von Kriemhild, die er nun Tag für Tag sehen durfte!





Samstag, 20. Juni 2015

Nibelungen Sage 9/28 | Wie Siegfried mit Kriemhild heimkehrte


Nach der Hochzeit hielt es Siegfried nicht mehr lange in Worms. Er ließ seine Mannen zur Fahrt an den Niederrhein rüsten, und auch Kriemhild machte sich zur Reise bereit. Sie freute sich darauf, Siegfrieds Heimat und seine Eltern kennenzulernen. Zweiunddreißig Jungfrauen und fünfhundert Burgundenrecken begleiteten sie nach Xanten. Auch den kühnen Hagen hatte sie gebeten, mit ihr zu ziehen, aber der Tronjer wollte lieber bei König Gunther, seinem Herrn, bleiben. 

Nach Xanten wurden Boten gesandt, die Siegfrieds und Kriemhilds baldige Ankunft meldeten. Keine größere Freude konnte es in der hohen Burg am Rhein geben. Mit reichen Geschenken wurde den Boten gedankt. Dann ritten König Siegmund und Königin Sieglinde mit großem Gefolge den Heimkehrenden ein Stück Weges entgegen, und nach froher Begrüßung, nach Küssen und herzlicher Umarmung ging es zurück nach der Stadt. 

Häuser und Straßen waren dort aufs prächtigste geschmückt und im Saal der Königsburg fanden sich Ritter und Frauen zu fröhlichem Fest zusammen. In ihrem Glück teilte Königin Sieglinde mit freigebiger Hand kostbaren Schmuck an alle Gäste aus, und als die Festfreude aufs höchste gestiegen war, gab König Siegmund bekannt: "Von nun an wird mein Sohn Siegfried die Krone von Niederland tragen. Land und Leute sollen ihm als ihrem Herrn und König untertan sein!" Mit Jubel nahmen alle diese Kunde auf. 

So herrschte fortan Siegfried als König von der hohen Burg in Xanten über das Reich seines Vaters. Als gerechter Herr waltete er über das Land und schnell gingen ihm und Kriemhild zehn Jahre in Glück und Eintracht dahin. Da endlich wurde ihnen auch der ersehnte Sohn geboren. Nach seinem Oheim in Worms gaben sie ihm den Namen Gunther. Zur gleichen Zeit starb, im ganzen Lande betrauert, Frau Sieglinde, Siegfrieds Mutter, und Kriemhild war nun allein Königin. Auch Gunther und Brunhild erhielten einen Sohn, den sie nach dem Helden von Niederland Siegfried nannten. 






Dienstag, 16. Juni 2015

Nibelungen Sage 13/28 | Wie Siegfried erschlagen wurde


Die Pirschgeräte waren schon aufgeladen, und die Pferde standen gesattelt, als Siegfried Kriemhild am nächsten Morgen zum Abschied küsste. "Gott lass mich dich gesund und froh wiedersehen, liebe Frau", sagte er und reicht ihr die Hand. Unter Tränen suchte sie ihn zurückzuhalten. "Lass heute die Jagd", bat sie, "ich hatte in der Nacht einen schrecklichen Traum. Zwei wilde Keiler sah ich auf der Heide hinter dir herstürmen, und die Blumen wurden rot von deinem Blut. Ich fürchte, Verräter trachten dir nach dem Leben."

Siegfried lachte ihrer schlimmer Ahnung: "Weit und breit habe ich keinen Feind. Deine Brüder und ihre Recken sind meine Freunde. Wessen Verrat soll ich da fürchten?"

"Und doch droht dir Unheil", entgegnete sie unter neuen Tränen: "In einem anderen Traum sah ich, wie zwei Berge über dir zusammenstürzten, dass du nicht mehr zu sehen warst. Es zerreißt mir das Herz, wenn du jetzt von mir gehst."

Doch Siegfried ließ sich nicht halten, so sorglos war sein Sinn. "Bald bin ich wieder zurück", versprach er, schloss Kriemhild in die Arme und küsste sie. Wie hätte ihm der Gedanke kommen können, dass er es zum letztenmal tat, dass es ein Abschied war für immer!

Frohen Mutes ritten die Jagdgesellen, Gunther und Siegfried an der Spitze, über den Rhein. Gar stattlich war die Schar, denn niemand wollte das Weidwerk versäumen. Nur Gernot und Giselher waren in der Burg zurückgeblieben. Saumtiere trugen Wein und Speise nach, wie es bei einer Königsjagd Brauch war.

So gelangten sie an den grünen Saum eines Waldes, und Hagen schlug vor, jeder solle allein das Jagdglück versuchen, damit man sehe, wem der Preis zukomme. Siegfried zog mit einem alten Jäger und einem Spürhund in den Tann. Was der Hund da im Dickicht aufstöberte, wurde von Siegfrieds Hand zur Strecke gebracht. Ein Wisent, ein Elch und vier Auerochsen waren bald seine Beute, dazu viele Hirsche und Hinden (Hirschkühe). Ein wilder Eber setzte sich zur Wehr und nahm wütend den Verfolger an, doch ein einziger Schwerthieb streckte ihn nieder. Wer hatte je solch reiche Jagdbeute gesehen! Die anderen Jäger kamen herbei und baten: "Lasst doch einen Teil des Wildes für uns, Herr Siegfried! Wenn Ihr so weitermacht, räumt Ihr heute fürwahr noch den ganzen Tann."

Nach einiger Zeit ließ Gunther die Jagd abblasen. Die Weidgesellen sollten sich auf dem Lagerplatz vor dem Wald zum Imbiss einfinden. Auch Siegfried wandte das Ross und ritt zurück. Da brach plötzlich ein Bär, den der Schall des Hornes aufgestört hatte, durch das Geäst. "Der soll mit zum Lager, das gibt lustige Kurzweil!" rief Siegfried und sprengte ihm nach bis zu einer engen Schlucht, wo das Tier sich geborgen wähnte. Aber Siegfried sprang aus dem Sattel, drang zu Fuß in die Kluft ein und band den Bären, dass er sich nicht mehr zu regen vermochte. Dann schaffte er ihn auf seinem Ross zum Lagerplatz, wo alles herbeieilte, um das Untier zu bestaunen. Mit ein paar Griffen löste Siegfried ihm die Fesseln, und von den wütenden Hunden verfolgt, suchte der Braune waldwärts zu entkommen. Nun gab es die Kurzweil, die Siegfried sich ausgedacht hatte. Das Tier geriet auf seiner Flucht in die Küche und warf Kessel und Pfannen um, dass manch köstliche Speise in die Asche fiel und die Küchenknechte erschreckt davonsprangen. So wild tobte der Bär umher, dass die Jäger ihn mit der Waffe angingen, aber niemand vermochte ihn einzuholen als Siegfried, der ihn mit dem Schwert niederstreckte. Da erklang aus aller Munde Lob: keinen zweiten Jäger gab es wie ihn!

Auf dem grünen Anger ließen sich nun die müden Jagdgefährten nieder, und Gunthers Diener trugen ihnen vom Besten auf. Nur die Schenken ließen sich nicht blicken. Das verwunderte Siegfried sehr. "Wo bleibt denn der Wein?" fragte er. "Es ist doch nicht Brauch, die Jäger nach langem Weidwerk dürsten zu lassen."

"Das ist Hagens Schuld", antwortete falschzüngig König Gunther, und der Tronjer erklärte mit gleicher Argheit: "Ich glaubte, die Jagd sollte im Spessart sein, deshalb habe ich den Wein dorthin geschickt. Aber ich weiß hier in der Nähe einen kühlen Quell, der mag uns Durstige laben."

Das hörte Siegfried gern. Sogleich erhob er sich und folgte Hagen. Gunther und die übrigen schlossen sich den beiden an. Bald wies der Tronjer auf eine hohe Linde: "Dort fließt der Quell!" Aber als Siegfried hineilen wollte, hielt er ihn zurück: "Ich hörte, dass niemand sich im Wettlauf mit dem Helden aus Niederland messen mag. Hier könnten wir es einmal erproben, wenn er dazu willens ist."

Siegfried war sofort bereit: "Gern lauf ich mit euch beiden um die Wette, Gunther und Hagen, ja, ich will es in voller Jagdrüstung tun, mit Waffen und Schild, und ihr mögt alles ablegen, was euch hinderlich ist."

Gunther und Hagen taten nach seinem Geheiß, aber vergeblich rangen sie um den Sieg. Mochten sie auch wie zwei wilde Panther dahinspringen über den grünen Anger, Siegfried war vor ihnen am Quell. Doch er trank nicht sogleich. Schwert, Bogen und Köcher nahm er ab, den Speer lehnte er an den Stamm der Linde, und den Schild legte er am Brunnen nieder. Höflich wartete er, bis König Gunther getrunken hatte. Erst dann beugte er sich nieder zu der kühlen Flut.

Rasch trug Hagen, indes der Held sich labte, Bogen und Schwert beiseite. Dann fasste er den Speer von der Linde und schoss ihn durch das Kreuz auf des Knienden Gewand, dass das Blut in hohem Strahl aus der Wunde sprang. Jäh fuhr Siegfried auf, der Speerschaft ragte ihm aus der Schulter. Nach Schwert und Bogen griff er, während der Mörder in wilder Flucht davoneilte, doch er fand die Waffen nicht. Da packte er den Schild, der am Brunnen lag, sprang in gewaltigen Sätzen dem fliehenden Tronjer nach und schlug auf ihn ein, dass er taumelte und zu Boden stürzte. Hätte er ein Schwert zur Hand gehabt, um Hagen wäre es geschehen gewesen. 

Doch  nun schwanden dem Helden die Kräfte. Bleich sank er in die Blumen des Angers, und das Blut floss in Strömen aus der Todeswunde. "Weh, ihr Feiglinge", klagte er zornig, "heimtückisch erschlagen habt ihr mich, der ich euch stets treu war. Mit Schanden sollt ihr geschieden sein von allen guten Recken!"

Viele Ritter waren herbeigeeilt und umstanden den sterbenden Helden. Und manch einer, der auf Treue und Ehre hielt, beklagte die unselige Tat. Auch Gunther wollte seine Trauer bezeigen. Doch der Todwunde wies ihn verächtlich ab: "Der braucht nicht zu jammern, der die Schuld an dem Unheil trägt." Mit kaltem Hohn ließ sich da Hagen vernehmen: "Ich weiß nicht, was euch hier reut. Nun hat all unsere Not ein Ende. Wohl mir, dass ich dem Übermütigen den Todesstreich versetzte!"

"Ja", entgegnete ihm Siegfried, "Ihr mögt Euch leicht rühmen. Hätte ich Euren wölfischen Sinn erkannt, so wäre Euch die Meintat nicht gelungen. Nun jammert mich nichts so sehr wie Kriemhild, mein Weib, und mein unmündiger Sohn. Für immer wird an ihm die Schande hängen, dass die eigenen Verwandten ihm den Vater meuchlings erschlugen." Und mit letzter Kraft in der Stimme wandte der Sterbende sich an Gunther: "Wollt Ihr jemand noch Treue bezeigen, so empfehle ich Euch mein liebes Weib. Sie ist ja Eure Schwester, und an ihr mögt Ihr Euren Fürstensinn erweisen. Das aber sei euch noch gesagt: mein Tod wird Unheil bringen über euch alle!"

Rot färbten sich die Blumen ringsum, als der Held mit dem Tode rang. Doch nicht lange währte seine Not, denn allzu tief hatte die Mordwaffe ihn getroffen. Starr und bleich lag der gefällte Recke bald da auf dem blumendurchwirkten Anger. 

Die Ritter legten den Toten auf einen goldenen Schild und hielten Rat, wie sie Hagens Tat verheimlichen könnten. Einige schlugen vor: "Wir wollen sagen, Räuber hätten Siegfried erschlagen, als er auf der Jagd allein durch den Tann ritt."

Aber davon wollte der grimme Tronjer nichts wissen: "Mich kümmert es nicht, wenn Kriemhild erfährt, wer es getan hat. Mag sie jammern, die unsere Herrin so tödlich gekränkt hat, ich habe kein Mitleid mit ihr."

Am Abend brachten die Ritter den Toten über den Rhein, und Hagen ließ ihn in der Nacht vor Kriemhilds Kemenate legen. 






Mittwoch, 10. Juni 2015

Nibelungen Sage 19/28 | Wie die Burgunden zu den Hunnen fuhren


Mehr als tausend Ritter und neuntausend Knechte standen in Worms zur Fahrt an Etzels Hof bereit. Da träumte Frau Ute, alle Vögel lägen tot im Land, und sie riet, die Reise zu lassen. Doch Hagen antwortete: "Wer sich an Träume hält, geht leicht fehl. Unserer Ehre wegen können wir jetzt nicht mehr zurück." Vorher hatte er wohl anders gesprochen, aber als Gernot spottete: "Hagen scheut die Fahrt, weil er an Siegfried denkt", da blieb ihm keine andere Wahl.

Gunther übertrug dem wackeren Rumhold die Sorge für seine Getreuen als Vogt, damit Frauen und Kinder in guter Hut seien. Dann riefen die Hörner zum Aufbruch, die Fähnlein wurden erhoben, und frohen Mutes ging es zu Schiff über den Rhein. Drüben standen die Rosse schon gesattelt, und nicht lange währte der Abschied von den Frauen, die mit den Scheidenden über den Strom gefahren waren. Brunhild weinte, und mit ihr so manche, die dem reisigen Zug nachschaute. Nie sollten sie die hochgemuten Recken wiedersehen! 

In zwölf Tagen führte Hagen die Schar durch das Frankenland bis an die Donau. Der Strom war über die Ufer getreten und weit und breit kein Fährmann zu sehen. Da machte sich Hagen auf die Suche. Ein Schiff fand er nicht, wohl aber führte das Rauschen eines Gießbaches ihn zu einer Stelle, wo zwei Meerfrauen in der kühlen Flut badeten. Als sie den Fremden gewahrten, flüchteten sie erschreckt in den Strom hinaus und ließen ihre Kleider am Strand zurück. Der Tronjer wollte die Schwanenhemden als gute Beute davontragen, da rief ihm eine der Frauen zu: "Gebt Ihr uns das Gewand zurück, edler Herr, so sollt Ihr wissen, wie es Euch auf der Reise ins Hunnenland ergeht."

Wie zwei Wundervögel schwebten sie auf der Flut, und Hagen glaubte ihnen, dass sie mit Zauberkraft die Zukunft zu enthüllen vermöchten. So versprach er, nach ihrem Wunsch zu tun, und erhielt den Bescheid: "Guten Mutes mögt ihr in Etzels Land reiten. Nie gingen Helden so großen Ehren entgegen, wie sie euch allen am Hunnenhof zuteil werden."

Erfreut gab Hagen ihnen die Gewänder zurück. Kaum hatten sie aber die Schwanenhemden übergestreift, da ließ sich die andere Meerfrau vernehmen: "Ich will dich warnen, Hagen! Der Kleider wegen hat meine Muhme dich getäuscht. Tod und Verderben erwarten euch im Hunnenland. Nur des Königs Kaplan wird die Heimat wiedersehen, wenn ihr nicht umkehrt. Noch ist dazu Zeit, ich rate es euch gut!"

In grimmigem Zorn erwiderte Hagen: "Verhöhnen würde man mich, wenn ich meinen Herren und allen Gefährten den Tod an Etzels Hof kündete! Sag mir lieber, wie wir über das Wasser kommen!"

"Drüben am anderen Ufer, eine Strecke flußaufwärts, wohnt der einzige Fährmann", beschied sie ihn, "ihn musst du rufen, wenn ihr nicht lassen wollt von der Reise; aber bitte ihn freundlich und versprich ihm guten Lohn, denn er ist Gelfrats Mann, des Herrn im Bayernland, und dessen Bruders Else, und er ist ein gar ungefüger Geselle."

Hagen rief ihr Dank zu und schritt das Ufer entlang, bis er drüben das Fährhaus erblickte. Mit dem Schwert hub er eine Goldspange hoch und ließ laut die Stimme über das Wasser schallen: "Hol über, Ferge! Reichen Lohn biete ich dir!" Da ließ der Fährmann das Boot vom Strand und kam herüber. Doch als er den fremden Recken erblickte, wurde ihm die Sache leid, und er verweigerte die Überfahrt. "Viel Feinde hat mein Herr, und kein Fremder darf in sein Land", fuhr er den Tronjer an, der sogleich den Fuß an Bord gesetzt hatte, und forderte ihn auf, wieder auszusteigen. Das war jedoch nicht nach Hagens Sinn, und auf der Stelle kam es zum Streit zwischen den beiden. Ingrimmig schlug der Fährmann seine Ruderstange auf Hagens Haupt, dass sie zersprang, aber da zog der Tronjer sein Schwert, fällte den Tobenden mit tödlichem Streich und stieß den Leichnam in die Wogen. Mit dem Schildriemen band er dann die zerbrochene Ruderstange wieder zusammen und lenkte das Boot stromab zu den Gefährten, die am Strand auf ihn warteten.

Den ganzen Tag über war er nun selbst als Fährmann tätig und brachte die Ritter und ihre Waffen sicher über die Flut, während die Rosse nebenher schwammen. Hin und her ging die Wasserfahrt, bis er plötzlich den Kaplan König Gunthers im Schiff bemerkte. Da kamen ihm die Worte der Meerfrau in den Sinn, und ehe jemand ihn zurückhalten konnte, hatte er den erschrockenen Priester über Bord gestürzt. Den Tod hatte der grimme Tronjer dem Unglücklichen zugedacht, um die Weissagung der Meerfrau zuschanden zu machen, und unbarmherzig stieß er ihn wieder ins Wasser zurück, als er nach der rettenden Planke griff. Da wandte der Kaplan sich um und erreichte schwimmend glücklich das Ufer, das er eben verlassen hatte. Nun wusste Hagen, welches Schicksal ihn und die Burgungen im Hunnenland erwartete. Keine Rückkehr gab es mehr!

Daher zerschlug er, als alle drüben waren, das Boot und ließ die Stücke davontreiben. Verwundert fragten ihn die Gefährten, was ihn dazu treibe. "Sollte ein Feigling unter uns sein, so mag er sehen, dass er uns nicht mehr im Stich lassen und heimlich nach Hause entweichen kann", entgegnete finster der Tronjer und stieß die letzte Planke in die Flut.

Auf dem Weg durch das Bayernland hatten sie noch ein weiteres Abenteuer zu bestehen. Hagen hatte es vorausgesehen, als er den Fährmann erschlug. Deshalb ließ er Volker den Vortrab führen und übernahm selber mit seinem Bruder Dankwart die Nachhut. Die erprobten Recken von Tronje ritten mit ihnen. Am Abend vernahmen sie hinter sich und zu beiden Seiten der Straße Hufschlag. Da ließ Dankwart die Helme aufbinden, und Hagen rief durch das Dunkel: "Wer reitet da auf der Straße hinter uns her?"

Es war, wie der Tronjer erwartet hatte, Gelfrat, der Bayernherzog, mit seinem Bruder Else und siebenhundert Reisigen. "Ihr habt mir den Fergen am Fluss erschlagen, nun geht es euch ans Leben!" drohte zornig Gelfrat. "Ich leugne die Tat nicht: er weigerte uns die Überfahrt, deshalb fand er den Tod. Zur Sühne im Schwerterkampf bin ich dir bereit!" rief Hagen zurück und spornte sein Roß.

Es ward ein grimmiges Streiten. Gelfrats Lanze warf den Tronjer aus dem Sattel, doch gleich war dieser wieder auf den Füßen und ging den Bayernfürsten mit dem Schwert an. Wieder geriet er in Not, als Gelfrat ihm mit gewaltigem Streich ein Stück aus dem Schild hieb. Dankwart, der eben Else eine Wunde geschlagen hatte, musste herbeieilen, und von seiner Hand fand der tapfere Herzog den Tod. Da wandten die Bayern sich zur Flucht, und die Tronjer setzten in ungestümer Verfolgung nach, bis Dankwart, froh des Sieges, sie zurückrief. Mehr als hundert Bayern lagen tot auf dem Feld. Den Tronjern war mancher Schild zerhauen, aber sie zählten nur vier Gefallene. 

Kein Feind begegnete ihnen nunmehr im Bayernland, und in Passau hielten die wegmüden Recken gute Rast. Bischof Pilgrim nahm seine Neffen und ihre Getreuen aufs beste auf, und da nicht alle in der Stadt selbst Herberge fanden, schlugen die Knechte auf einer Wiese am Fluss Zelte und Laubhütten auf. Einen Tag und eine Nacht verbrachten sie dort, ehe sie sich auf den Weg machten nach Rüdigers Mark.

An der Grenze trafen sie auf einen schlafenden Ritter. Hagen nahm ihm das Schwert weg. Es war der Markgraf Eckewart, der mit Kriemhild ins Hunnenland gezogen war. Rüdiger hatte ihn ausgeschickt, die Gäste zu begrüßen. "Weh der Schande, dass man mich hier schlafend fand, ein schlechter Grenzhüter bin ich!" klagte er, als er erwachte. Hagen aber gab ihm mit freundlichen Worten sogleich das Schwert zurück und dazu sechs Goldspangen. Da dankte ihm Eckewart bewegt: "Gott lohne Euch Eure Milde, Herr Hagen! Doch lieber wäre mir, ich hätte Euch hier vergebens erwartet, den Siegfrieds Tod hat man in Etzelnburg noch nicht verschmerzt, und ich rate Euch deshalb in Treuen: seid wohl auf der Hut!"

"Sei bedankt für deinen Rat", entgegnete Hagen, "aber vorerst haben wir nur Sorge um eine gute Herberge. Unsere Rosse sind müde und unsere Vorräte aufgezehrt. Ein sorglicher Wirt tut uns allen not."

"Den weiß ich euch", versprach Eckewart. "Marktgraf Rüdiger in Bechlaren ist es. Voll Freude wartet er auf die Gäste vom Rhein. Lasst mich vorausreiten und ihm die Nachricht bringen!"







Sonntag, 7. Juni 2015

Nibelungen Sage 22/28 | Wie Hagen und Volker Schildwacht hielten


Als der Berner mit seinen Mannen den Hof der Königsburg verlassen hatte, suchten Hagen und Volker eine Steinbank auf, die den Gemächern der Königin gegenüber stand. Dort setzten sie sich nieder, und die Hunnen umdrängten die beiden, als wären sie seltene Tiere aus fernen Ländern. Auch Kriemhild bemerkte vom Fenster aus den Tronjer und den Spielmann auf der Bank, und Tränen kamen ihr in die Augen. "Hat jemand Euch betrübt, Herrin?" fragten die Ritter ihres Gefolges. "Wer es auch sein mag, wir rächen Euer Leid mit seinem Tod!"

"Da unten sitzt er, der Tronjer, der Siegfried meuchlings erschlug", klagte sie, "wer mir die Meintat mit dem Blut des Mörders vergilt, dem werde ich auf den Knien danken, und königlich soll sein Lohn sein!"

Da waffneten sich sechzig Recken zum Kampf mit Hagen und Volker. Kriemhild aber hielt sie zurück. Zu wenige schienen es ihr, um die beiden grimmen Kämpen zu bestehen. Vierhundert Hunnen legten darauf ihre Rüstungen an, und an der Spitze dieser reisigen Schar schritt Kriemhild selbst, die Krone auf dem Haupt, in den Burghof hinab. Noch einmal wollte sie aus dem Munde Hagens das Geständnis seiner Schuld vernehmen, ehe der Tod ihn ereilten sollte.

Volker erblickte sie zuerst. "Da kommt sie, die uns treulos in dieses Land geladen hat, mit ihren Schwertdegen, und Euch gilt es wohl, Herr Hagen", sagte er. "Das weiß ich gewiss, dass sie es auf mich abgesehen hat", erwiderte der Tronjer, "aber wenn Ihr mir zur Seite steht, Freund Volker, werden sie vergeblich gegen uns anrennen." -- An meiner Hilfe soll es nicht fehlen, und käme Etzel selbst an der Spitze seines ganzen Heeres", versicherte der Spielmann. -- "Das lohne Euch Gott, vieledler Volker", dankte ihm der Tronjer, "nichts weiter ist mir not. Mögen sie sich jetzt nur heranwagen, die Hunnenrecken!"

Als Kriemhild näher kam, wollte Volker sich von seinem Sitz erheben, aber Hagen wehrte es ihm: "Nein Freund Volker! Die Hunnen möchten glauben, wir sollten uns furchtsam davonmachen, und der Königin, unserer Todfeindin, wollen wir nicht die Ehre antun, sie nach Rittersitte zu grüßen."

Breit legte er sein Schwert über die Knie. Es war vordem Siegfrieds Schwert gewesen, Balmung hieß es. Kriemhild erkannte es an dem grünen Edelstein, der als Knauf auf dem goldenen Griff saß, und an der rotverzierten Scheide, und wieder kamen ihr die Tränen. Auch Volker griff nach seiner Waffe. Sie lag ihm ebensogut in der Hand wie der Fiedelbogen.

Feindselig blickte die Königin den Tronjer an: "Euer böser Geist hat Euch geraten, in dieses Land zu reiten nach allem, was Ihr mir angetan habt. Niemand hat Euch geladen." -- "Meine Herren sind hierhin geladen", entgegnete Hagen, "und wo sie sind, da bin auch ich."

"Weshalb ich Euch hasse, das wisst Ihr wohl, Herr Hagen von Tronje" fuhr Kriemhild fort, "Siegfried, meinen Mann, habt Ihr gemordet, oder wollt Ihr das leugnen?" -- "Nichts leugne ich", gab Hagen zurück, "ja, ich war es, der Siegfried im Odenwald erschlug. Er musste es entgelten, dass Frau Kriemhild meine Herrin Brunhild beleidigte, und nun räche es, wer da kann!"

"Ihr habt es gehört, ihr Recken", wandte Kriemhild sich an ihre Mannen, "nun ist es an euch, ihm mit dem Schwert zu antworten!" Aber die Hunnen sahen einander mit ängstlichen Blicken an. Sie dachten an die Taten, die vor Zeiten schon der junge Hagen in Etzels Dienst vollbracht hatte, und jetzt saß da ein Mann, ein gewaltiger Recke mit Siegfrieds Schwert, und neben ihm Volker, der kühne Spielmann. Und hätte die Königin Säle voll Gold geboten, niemand fand sich da bereit, in den sicheren Tod zu gehen. Wie Kriemhild auch bat und flehte, einer nach dem anderen wandte sich ab und kehrte in den Palast zurück.

Da gingen die beiden Burgunden wieder zu Gunther und den Seinen, die immer noch wartend im Burghof standen, und Volker forderte sie auf, König Etzels Saal zu betreten. Der Hunnenkönig erhob sich von seinem Sitz, als die Burgundenfürsten mit ihren Begleitern nahten, und grüßte sie mit herzlicher Freude: "Nichts Lieberes konnte mir geschehen, als dass ich so tapfere Recken hier im Hunnenland sehe. Auch die Königin wird euch Dank wissen für euer Kommen." In goldnen Schalen wurde den Gästen Wein gereicht, und in reicher Fülle trugen die Diener köstliche Speisen zu den Tischen. So saßen die Recken vom Rhein mit den Hunnen einträchtig zusammen bis zum Abend.

Den Burgundenfürsten und ihren Rittern war in der Königsburg selbst Herberge bereitet in einem großen Saal, den Etzel für Gäste hatte erbauen lassen. Die Knechte aber wurden auf Kriemhilds Rat außerhalb des Burgbereichs untergebracht, und König Gunther gab ihnen Dankwart als Führer und Schützer mit.

Als die Nacht anbrach, erhoben sich die wegmüden Recken, um ihre Herberge aufzusuchen. Wohlgemut entließ König Etzel sie, aber als sie aus dem Saal kamen, drängten die Hunnen so dicht heran, dass Volker ihnen eiserne Fiedelschläge androhte, wenn sie den Weg nicht freigäben, und Hagen rief: "Gebt uns jetzt Nachtruhe, ihr Hunnenmänner! Morgen in der Frühe sind wir zu allem bereit!"

Der Saal war mit Betten und Decken aufs reichste ausgestattet, aber eine Ahnung kommenden Unheils erfasste Giselher, als er in den weiten Raum eintrat. "Wie prächtig auch die Herberge ist", rief er aus, "ich fürchte, meine Schwester sinnt uns allen Verderben."

"Legt Euch ohne Sorgen zur Ruhe", sprach Hagen ihm zu, "ich will diese Nacht Schildwacht halten und getraue mir wohl, euch zu behüten bis an den Morgen."

Alle sagten ihm Dank, und er nahm Schwert und Schild zur Hand, wie es auf Schildwacht Brauch ist. Da trat Volker zu ihm und bat: "Lasst mich diese Nacht mit Euch wachen, Freund Hagen!"

Was konnte dem Tronjer lieber sein! In Waffen gingen die beiden vor den Saal, um die Nachtruhe der Burgunden zu hüten. Volker aber tat seinen Gefährten noch einen weiteren Liebesdienst. Er lehnte den Schild an die Wand und griff nach seiner Fiedel. Auf der Treppe sitzend, strich er die Saiten, dass die Töne voll und mächtig in den Saal drangen. Sanfter und lieblicher wurde dann sein Spiel, bis auch dem Letzten da drinnen die sorgenvollen Gedanken vergingen und der Schlummer kam. Da nahm er wieder den Schild zur Hand und trat auf seinen Platz an Hagens Seite.

Mitten in der Nacht sah er plötzlich in der Ferne Helme im Sternenlicht glänzen. Eine Hunnenschar schlich heran, die Kriemhild ausgesandt hatte, den schlafenden Hagen zu töten. Abermals schlug der Plan fehl. Einer der Hunnen entdeckte die Schildwachen an der Tür und erkannte den Tronjer und den schwertmächtigen Fiedler. Da machten sie sich sogleich verstohlen davon. Volker rief ihnen noch nach: "Im Dunkel schleicht ihr heran, um uns im Schlaf zu morden! Feige Bösewichter seid ihr, aber keine Recken!"

Keine Antwort kam aus der Nacht. Kriemhild aber erfuhr noch vor Tagesanbruch, dass auch dieser zweite Anschlag misslungen war.







Mittwoch, 3. Juni 2015

Nibelungen Sage 26/28 | Wie Rüdiger erschlagen ward


Kriemhild glaubte die Burgunden seien alle in den Flammen umgekommen. Doch ihre Späher brachten am Morgen die Kunde, dass viele noch lebten, darunter auch Hagen von Tronje. Da bot sie aufs neue die Hunnenscharen auf und ließ Schilde voll Gold herbeitragen, um die Kämpfer anzuspornen. Mit unermesslichen Schätzen wollte sie dem lohnen, der ihr das Haut des Todfeindes, des verhassten Tronjers, brächte!

Wieder begann das Morden, und wieder sanken Hunderte dahin. Vor der Stiege des Saales häuften sich abermals die Toten, aber keiner der Hunnen kam über die Schwelle, so erbarmungslos mähten die Schwerter Hagens und Volkers und der anderen Burgunden. Zwölfhundert Hunnen vermochten nichts auszurichten gegen sie.

In höchster Not rief da König Etzel den Markgrafen Rüdiger, der voll Kummer dem blutigen Spiel zusah, um Hilfe an. "Wie könnte ich gegen Männer kämpfen, die ich als Gäste in dieses Land brachte und die mir liebe Freunde wurden!" entgegnete ihm fest der edle Rüdiger. Aber Etzel ließ nicht ab mit seinen Bitten, und Kriemhild mahnte den Markgrafen an den Eid, den er ihr bei der Werbung in Worms geleistet hatte: "Ihr habt mir Treue geschworen bis in den Tod, Herr Rüdiger, und als Ritter müsst Ihr diesen Schwur halten!"

"Ja, Leben und Ritterehre habe ich Euch verpfändet, Frau Kriemhild, aber nicht meine Seele", entgegnete er in tiefstem Schmerz, "denkt daran, dass ich meine Tochter Dietlinde dem Fürsten Giselher verlobte! In meinem Haus waren die Burgunden liebe Gäste. Wie könnte ich ihnen Freundschaft und Treue brechen und Unheil bringen über die Meinen?"

"Zum König will ich dich machen, wenn du unser Leid rächst", rief Etzel, "zum König über reiche Länder, und neben mir sollst du herrschen!"

Vergebens beschwor ihn Rüdiger: "Erlasst mir den Kampf! Eine Krone begehre ich nicht." Ja, vergebens erbot er sich, alles zurückzugeben, was er je von Etzel erhalten habe, Land und Burgen; arm wolle er mit seiner Frau und Tochter in die Fremde gehen. Der König und die Königin fielen flehend vor ihm auf die Knie, und wiederum mahnte ihn Kriemhild an seinen Eid.

Da erkannte der treue Mann, dass sein Wort ihn zu dunklem Verhängnis band, und das Herz von Jammer und Qual zerrissen, sprach er: "So sei es denn! Mein Ritterwort löse ich heute mit dem Leben ein. Meine Frau und meine Tochter empfehle ich Eurer Huld."

Traurig wandte er sich zu seinen Recken: "Wir müssen uns waffnen; er geht gegen die Burgunden im Saal." Er legte seine Rüstung an, und an der Spitze seiner Fünfhundert trat er den schweren Gang an.

"Da kommt Rüdiger, der Freund, als Retter in der Not!" frohlockte Giselher, als er ihn erblickte. Aber der Markgraf trat an die Stiege, stellte den Schild vor sich hin und rief in den Saal: "Ihr kühnen Nibelungen, nehmt Schwert und Schild zur Hand! Bisher waren wir Freunde. Nun muss ich euch die Treue aufsagen."

Wie erschraken die Burgunden ob dieser Worte! Vergebens erinnerten Gunther und Gernot den Markgrafen an die Tage der Eintracht und Freundschaft in Bechlaren, vergebens rief Giselher ihm zu: "Wie könnt Ihr mit eigener Hand das Glück Eurer Tochter zerstören?" Rüdiger blieb fest: "Der Schwur, den ich der Königin geleistet habe, bindet mich. Als Mann und Ritter kann ich nicht anders: ich muss mit euch streiten, so schwer es mir ums Herz ist. Gott, der Herr, möge uns gnädig sein!"

Schon hob er den Schild und setzte den Fuß auf die Stiege, da rief Hagen ihm von oben zu: "Auf ein Wort noch, Herr Rüdiger! Den Schild, den Frau Gotelind mir gab, haben die Hunnen mir zerhauen. Hätt ich einen solchen, wie du ihn an der Hand trägst, dann wäre ich mancher Sorgen ledig!" Nicht zweimal brauchte er zu bitten. Rüdiger reichte ihm den eigenen Schild: "Nimm ihn hin, Hagen, und möchtest du ihn glücklich heimführen ins Burgundenland!"

Es war die letzte Gabe, die der Markgraf einem Freund bot. Keiner der Recken schämte sich der Tränen, die ihm in die Augen stiegen. Der grimme Hagen aber dankte bewegt: "Nie wird es solche Milde mehr geben, edler Markgraf. Und solltet Ihr alle Burgunden in den Tod schicken, meine Hand wird nicht das Schwert gegen Euch erheben." Er und auch Volker traten beiseite und gaben Rüdiger den Weg in den Saal frei. Mit ihrem Herrn drangen auch die Fünfhundert aus Bechlaren ein.

Wieder hallten die Schilde von den Schwerthieben, wieder barsten die Helme und rieselte das rote Blut aus den Panzerringen. Hin und Her wogte das grausige Würgen. Immer wieder brach Rüdiger sich Bahn durch das Wilde Getümmel, bis er auf Gernot stieß. Da fuhren beider Schwerter empor, und beiden gelang der tödliche Streich durch Brünne und Helm. Miteinander sanken die Helden in den Tod. Rüdigers Wunde aber hatte das gleiche Schwert geschlagen, das er selbst Gernot in Bechlaren als Gastgeschenk gab.

Laute Klage erscholl von beiden Seiten, und für eine Weile schieg der Lärm der Waffen. Dann tobte der Kampf um so erbitterter weiter, und wie tapfer die Mannen Rüdigers auch stritten, keiner entkam dem grimmigen Wüten Hagens und seiner Gefährten.

Als der letzte Gegner gefallen war, hielten die Burgunden stumme Rast. Müde saßen sie auf Balken und Trümmern, und kein Schwerterklirren, kein Kampflärm drang mehr nach draußen. Da glaubten Etzel und Kriemhild, Rüdiger habe ihnen die Treue gebrochen und wolle den Burgunden freien Abzug geben. Doch als Volker den toten Markgrafen aus dem Saal tragen ließ, erkannten sie, welches Unheil geschehen war, und in bitterem Leid beklagten sie den Tod des Besten, der ihrem Thron nahegestanden hatte.







Montag, 23. April 2012

Prinz Eugen, der edle Ritter | Ballade von Ferdinand Freiligrath

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Zelte, Posten, Werda-Rufer! Lustge Nacht am Donauufer! Pferde stehn im Kreis herum angebunden an den Pflöcken. An den engen Sattelböcken hangen Karabiner schwer. Um das Feuer auf der Erde, vor den Hufen seiner Pferde, liegt das östreichsche Pikett. 

Auf dem Mantel liegt ein jeder, von den Tschakos weht die Feder. Leutnant würfelt und Kornett. Neben seinem müden Schecken ruht auf einer wollnen Decken der Trompeter ganz allein: „Lasst die Knöchel, lasst die Karten! Kaiserliche Feldstandarten wird ein Reiterlied erfreun!

Vor acht Tagen die Affäre hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, in gehörgen Reim gebracht; selber auch gesetzt die Noten; drum, ihr Weißen und ihr Roten, merket auf und gebet acht!“

Und er singt die neue Weise einmal, zweimal, dreimal leise denen Reitersleuten vor; und wie er zum letzten Male endet, bricht mit einem Male los der volle kräftge Chor:

„Prinz Eugen, der edle Ritter!“ Hei, das klang wie Ungewitter weit ins Türkenlager hin. Der Trompeter tät den Schnurrbart streichen und sich auf die Seite schleichen zu der Marketenderin.