Die Federn einer Gans waren so schön weiß, dass sie den neugeborenen Schnee beschämten. Stolz auf dieses blendende Geschenk der Natur, glaubte sie daher, eher zu einem Schwan als zu dem, was sie war, geboren zu sein. So sonderte sie sich von ihresgleichen ab und schwamm einsam und majestätisch auf dem Teich herum. Bald dehnte sie ihren Hals, dessen verräterischer Kürze sie mit aller Macht abhelfen wollte. Bald suchte sie ihm die prächtige Biegung zu geben, in welcher der Schwan das würdigste Ansehen eines Vogels des Apollo hat. Doch vergebens; ihr Hals war zu kurz und zu steif, und mit aller ihrer Bemühung brachte sie es nicht weiter, als dass sie doch nur eine ganz normale Gans blieb, ohne ein Schwan zu werden. Lehre: Schuster bleib bei deinen Leisten!
Ein Wanderer fand im Schnee eine frosterstarrte Schlange und barg die Bewusstlose voll Mitleid an seiner Brust, um sie aufzuwärmen. Wieder zum Leben erweckt, lohnte die Schlange ihrem Wohltäter mit schnödem Undank, indem sie ihn biss. Sterbend sprach der Wanderer: "Mir geschieht recht. Was fiel mir auch ein, die falsche Schlange vom Tod zu erretten, statt sie zu erschlagen!" Lehre: Mitleid ohne Vernunft und Empathie kann tödlich sein.
Es war ein kalter Winter und Schnee fiel vom Olymp. Der Ameise ging es gut, sie hatte zur Erntezeit viel Speise eingetragen und ihren Vorratsraum damit aufgefüllt. Die Grille hingegen kauerte nun in ihrem Loch und litt gar sehr, von Hunger und arger Kälte geplagt. Sie bat darum die Ameise, ihr etwas von ihrer Speise abzugeben, damit sie davon essen könne und nicht zu sterben brauche. Doch die Ameise sprach zu ihr: "Wo warst du denn im Sommer? Warum hast du zur Erntezeit nicht Speise eingetragen?" Darauf die Grille: "Ich habe bei schönem Wetter gesungen und mit meinem Gesang die Wanderer erfreut." Da lacht die Ameise laut und rief: "So magst du im Winter tanzen!" Lehre: Sorge in der Zeit, so hast du in der Not.