Posts mit dem Label Schweigen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schweigen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 5. Juli 2016

Momo | Ein schweigsamer Alter | Michael Ende

http://aventin.blogspot.de/2016/07/momo-ein-schweigsamer-alter-michael-ende.html

Wenn jemand auch sehr viele Freunde hat, so gibt es darunter doch immer einige wenige, die einem ganz besonders nahe stehen und die einem die allerliebsten sind. Und so war es auch bei Momo.

Sie hatte zwei allerbeste Freunde, die beide jeden Tag zu ihr kamen und alles mit ihr teilten, was sie hatten. Der eine war jung, und der andere war alt. Und Momo hätte nicht sagen können, welchen von beiden sie lieber hatte.

Der alte hieß Beppo Straßenkehrer. In Wirklichkeit hatte er wohl einen anderen Namen, aber da er von Beruf Straßenkehrer war und alle ihn deshalb so nannten, nannte er sich selbst auch so.

Beppo Straßenkehrer wohnte in der Nähe des Amphitheaters in einer Hütte, die er sich aus Ziegelsteinen, Wellblechstücken und Dachpappe selbst zusammengebaut hatte. Er war ungewöhnlich klein und ging obendrein immer ein bisschen gebückt, so dass er Momo nur wenig überragte. Seinen großen Kopf, auf dem ein kurzer weißer Haarschopf in die Höhe stand, hielt er stets etwas schräg und auf der Nase trug er eine kleine Brille. Manche Leute waren der Ansicht, Beppo Straßenkehrer sei nicht ganz richtig im Kopf. Das kam daher, dass er auf Fragen nur freundlich lächelte und keine Antwort gab. Er dachte nach. Und wenn er eine Antwort nicht für nötig fand, schwieg er. Wenn er aber eine für nötig hielt, dann dachte er über diese Antwort nach. Manchmal dauerte es zwei Stunden, mitunter aber auch einen  ganzen Tag, bis er etwas erwiderte. Inzwischen hatte der andere natürlich vergessen, was er gefragt hatte, und Beppos Worte kamen ihm wunderlich vor. 

Nur Momo konnte so lange warten und verstand, was er sagte. Sie wusste, dass er sich so viel Zeit nahm, um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenauigkeit entstehen.

Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte.

Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit. 

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter - Schritt - Atemzug - Besenstrich -.

Während er sich so dahin bewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich sein Zunge, und er fand die richtigen Worte. "Siehst du, Momo, sagte er dann zum Beispiel, "es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man."

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: "Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen."

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: "Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten." Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: "Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein."

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: "Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste." Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: "Das ist wichtig."






Dienstag, 10. März 2015

Vom Fuchs und vom Esel im Löwenfell • Fabel von Aesop

Ein Esel warf einmal ein Löwenfell um sich her, lustwandelte mit stolzen Schritten im Wald und schrie sein 'IA IA' aus allen Kräften, um die andern Tiere in Schrecken zu setzen. Alle erschraken, nur der Fuchs nicht. Dieser trat keck vor ihn hin und höhnte ihn: "Mein Lieber, auch ich würde vor dir erschrecken, wenn ich dich nicht an deinem 'IA' erkannt hätte. Ein Esel bist und bleibst du!" 

Mancher Einfältige in prächtigem Gewande würde mehr gelten, wenn er schwiege, denn: Mit Schweigen sich niemand verrät.





Mittwoch, 9. Mai 2012

Vom Fuchs und vom Hahn | Reden ist Silber | Fabel von Aesop


aventin.blogspot.com

Ein hungriger Fuchs kam einstmals in ein Dorf und fand einen Hahn. Er sprach zu ihm: „Oh mein Herr Hahn, welche schöne Stimme hat dein Herr Vater gehabt! Ich bin zu dir gekommen, weil ich deine Stimme hören wollte. Ich bitte dich darum, dass du mir mit lauter Stimme etwas vorsingst, damit ich hören kann, ob du eine schönere Stimme hast als dein Vater.“

Sofort schwang der Hahn sein Gefieder und fing mit geschlossenen Augen an, auf das Lauteste zu krähen. Sogleich sprang der Fuchs auf, fing ihn und trug ihn in den Wald. Als der Bauer das gewahr wurde, lief er dem Fuchs nach und schrie: „Der Fuchs trägt meinen Hahn fort!“ Als der Hahn das hörte, sprach er zum Fuchs: „Hörst du, Herr Fuchs, was der grobe Bauer ruft? Sprich zu ihm: „Ich trage meinen Hahn und nicht den deinen fort.“

Da lies der Fuchs den Hahn aus dem Maul und sprach: „Ich trage meinen Hahn und nicht den deinen fort.“ Sogleich flog der Hahn auf einen Baum und sprach: „Du lügst, Herr Fuchs, du lügst, ich gehöre dem Bauern und nicht dir.“

Jetzt schlug sich der Fuchs selbst aufs Maul und sprach: „Oh du böses Maul, warum redest du so viel Unnützes? Hättest du jetzt nicht geredet, hätte ich meinen Raub nicht verloren."

Lehre:
Reden ist Silber - Schweigen ist Gold.






Montag, 24. Oktober 2011

Sonnenuntergang an der Adria | Gedicht von Rudolf Presber

aventin.blogspot.com


Das ist meiner Sehnsucht Stunde,
Wenn die Sonne still versinkt
Und aus weißer Wolken Wunde
Rotes Blut der Abend trinkt;
Wenn die kühlen Düfte steigen
Würziger aus Busch und Beet,
Und ein dunkeläugig Schweigen
Durch des Gartens Schatten geht.

Sieh, dann liegt in tausend Schmerzen,
Von des Tages Speeren wund,
Meine Sehnsucht dir am Herzen,
Und mein Mund sucht deinen Mund.
In des Traumes Taumelwonne
Drück' ich deine kleine Hand,
Die du fern bist, wie die Sonne,
Die im Purpur dort verschwand ...






LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...