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Dienstag, 3. Mai 2016

Das alte Mühlrad | Parabel | Zusammenhalt und Gemeinsamkeit


In einem weit entlegenen Dorf stand an einem reißenden Bach eine alte Mühle, die immer sehr gehegt und gepflegt wurde. Seit Jahrzehnten wurde sie angetrieben von einem mächtigen Wasserrad. Jetzt aber bebauten die Bauern ihre Felder nicht mehr, weil sich die Arbeit nicht mehr lohnte. Man konnte das fertige Mehl jetzt billiger im Laden kaufen, als man es hätte selber herstellen können. 

So bekam die alte Mühle eine neue Aufgabe zugewiesen. Statt Getreide zu mahlen, trieb sie jetzt wartungsfrei und voll automatisiert einen riesigen Generator an, einen sogenannten Stromerzeuger. Dieser versorgte das ganze Dorf mit seinen zweihundert Einwohnern mit Strom. Wenn abends die Sonne unterging und die Lichter eingeschaltet wurden, kam der Strom dazu von der alten Mühle am Bach.

Da nahte eine seltsame Nacht. Wie von einem Zauber berührt, wurden die einzelnen Teile des Rades mit einem Male mit Leben erfüllt und sie begannen zu reden, die Speichen, die Schaufeln, die Nabe und die Hölzer des Reifens. Das war kein schönes Reden, da wurde geschimpft und gemault. Eine Speiche donnerte los: "Wir drehen uns ganz verkehrt, ab morgen bewege ich mich rückwärts." Und die andere meinte: "Nein, das ist falsch, seitwärts müssen wir uns neigen." Da begannen auch die Schaufeln zu klagen, die eine wollte mehr nach links, die andere mehr nach rechts schauen. Da waren sogar die Hölzer dabei, die riefen. "Ich will kein Wasserrad mehr sein, ich will an einem Wagen sitzen und auf der Straße fahren", und ein anderes wollte sogar zu einer Windmühle gehören. Ein paar Stimmen hörte man auch warnen: "Seid doch zufrieden! Bleibt zusammen!" Doch der Streit wurde immer fürchterlicher. Auch der Bach toste jetzt ganz grausig und mit einem lauten Lärm barst plötzlich das alte Mühlrad auseinander. Jedes Teil ging seine Wege.

Der Generator blieb stehen, der Strom fiel aus und in den Häusern wurde es dunkel.

Lehre:
Nur gemeinsam sind wir stark, wenn alle an einem Strang ziehen und Zufriedenheit ist ein sehr wertvolles Gut. 





Dienstag, 7. Juli 2015

Die Jungfrau Lorelei • Sage aus Deutschland • St. Goarshausen

In alten Zeiten ließ sich manchmal auf einem Felsen am Rhein bei Abenddämmerung und Mondschein eine Jungfrau sehen. Sie sang mit so lieblicher Stimme, dass alle davon bezaubert wurden, die es hörten. Viele, die vorüberfuhren, wurden an dem Felsenriff im Strom in die Tiefe gerissen, weil sie auf ihr Fahrzeug nicht mehr achteten. Niemand hatte die Jungfrau aus der Nähe gesehen als einige junge Fischer. Zu ihnen gesellte sie sich bisweilen im letzten Abendrot und zeigte ihnen die Stellen, wo sie ihre Netze auswerfen sollten. Jedesmal, wenn sie dem Rat der Jungfrau folgten, machten sie einen reichlichen Fang. Die Jünglinge erzählten weiter, was ihnen begegnet war, und die Geschichte verbreitete sich bald im ganzen Land.

Der Sohn des Pfalzgrafen, der damals in der Nähe sein Hoflager hatte, hörte auch die wundervolle Mär; es gelüstete ihn, die Jungfrau zu sehen. Er tat, als ob er auf die Jagd gehen wollte, nahm den Weg nach Oberwesel; setzte sich dort in einen Nachen und ließ sich stromabwärts fahren. Die Sonne war eben untergegangen, und die ersten Sterne traten am Himmel hervor, da näherte sich das Fahrzeug der Lorelei. "Seht ihr sie dort, die verwünschte Zauberin?" riefen die Schiffer. Der Jüngling hatte sie aber schon erblickt. Sie saß am Abhang des Felsens, nicht weit vom Strome, und band einen Kranz um ihre goldenen Locken. Jetzt vernahm er auch den Klang ihrer Stimme und war bald seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er befahl den Schiffern, am Felsen anzufahren. Aber als er ans Land springen wollte, nahm er den Sprung zu kurz und versank im Strom; die Wogen schlugen schauerlich über ihm zusammen. 

Die Nachricht kam schnell zu den Ohren des Pfalzgrafen. Voll Schmerz und Zorn befahl er seinen Knechten, ihm die Unholdin tot oder lebendig zu bringen. Einer seiner Hauptleute versprach, den Willen des Pfalzgrafen zu vollziehen. Doch bat er sich aus, daß er die Hexe gleich in den Rhein stürzen dürfe, damit sie sich nicht vielleicht durch Zauberkünste wieder aus Kerker und Banden befreie. Der Pfalzgraf war es zufrieden. Nun zog der Hauptmann gegen Abend aus und umstellte mit seinen Reisigen (gewappnete Dienstleute) den Berg. Er selbst nahm drei der beherztesten Männer aus seiner Schar und stieg den Fels hinan. Die Jungfrau saß oben auf der Spitze und hielt eine Schnur von Bernstein in der Hand. Sie sah die Männer kommen und rief ihnen zu, was sie hier suchten. "Dich, Zauberin", antwortete der Hauptmann, "und ich befehle dir, dich sofort in die Fluten hinabzustürzen!" - "Ei", sagte die Jungfrau lachend, "der Rhein mag mich holen!" Bei diesen Worten warf sie die Bernsteinschnur in den Strom hinab und sang mit schauerlichem Ton: "Vater, Vater, geschwind, geschwind, die weißen Rosse schick deinem Kind, es will reiten mit Wogen und Wind!"

Urplötzlich brauste der Strom daher. Der Rhein rauschte, dass weitum Ufer und Höhen mit weißem Gischt bedeckt waren. Zwei Wellen, die fast die Gestalt von zwei weißen Rossen hatten, stiegen mit Blitzesschnelle zur Kuppe des Felsens empor und trugen die Jungfrau hinab in den Strom, wo sie für immer verschwand.







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