Posts mit dem Label Tag werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tag werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 2. Juli 2020

Der geglueckte Tag

Dienstag, 26. November 2019

Tag und Nacht

Tag und Nacht

Parabel


Samstag, 30. Juni 2018

Der Bergmönch im Harz - Sage aus Deutschland

Der Bergmönch im Harz:

Zwei Bergleute arbeiteten immer gemeinschaftlich. Einmal als sie anfuhren und vor Ort kamen, sahen sie an ihrem Geleucht, dass sie nicht genug Öl hatten.


Mittwoch, 6. Juli 2016

tik tak | Alles geht nach der Uhr | Allegorie von Irmela Wendt

aventin.blogspot.com

"Alles geht nach der Uhr", sagte, Frau Ureburegurli. "Um ein Uhr haben die Kinder gegessen, bis drei Uhr arbeiten sie an den Schulaufgaben, bis fünf Uhr dürfen sie spielen, um halb sechs essen sie Abendbrot, danach lernt die Oma noch mit den Kindern, und von abends sieben bis morgens sieben schlafen sie. Um acht Uhr gehen sie zur Schule, und um zwölf Uhr dreißig sind sie wieder zu Hause."

"Ich bin mal gespannt", sagt Frau Lustibustigiero, die Nachbarin, "wie lange es dauern wird, bis Ihre Kinder nur noch 'tik tak' sagen."







Freitag, 17. Juni 2016

Farbenphänomene | Mennig | Johann Wolfgang Goethe


Wie das reine Gelb sehr leicht in das Orange hinübergeht, so ist die Steigerung dieses letzten ins Mennig (Gelbrote) nicht aufzuhalten. Das angenehme heitere Gefühl, das uns das Orange noch gewährt, steigert sich bis zum unerträglich Gewaltsamen im hohen Gelbroten. 

Die aktive Seite ist hier in ihrer höchsten Energie, und es ist kein Wunder, dass energische, gesunde, rohe Menschen sich besonders an dieser Farbe erfreuen. Man hat die Neigung zu derselben bei wilden Völkern durchaus bemerkt. Und wenn Kinder, sich selbst überlassen, zu illuminieren anfangen, so werden sie Zinnober und Mennig nicht schonen.

Man darf eine vollkommen gelbrote Fläche starr ansehen, so scheint sich die Farbe wirklich ins Organ zu bohren. Sie bringt eine unglaubliche Erschütterung hervor und behält diese Wirkung bei einem ziemlichen Grade von Dunkelheit.

Die Erscheinung eines gelbroten Tuches beunruhigt und erzürnt die Tiere. Auch habe ich gebildete Menschen gekannt, denen es unerträglich fiel, wenn ihnen an einem sonst grauen Tag jemand im Scharlachrock begegnete. 
  




Dienstag, 22. März 2016

Ein schwedisches Waldmärchen | Was ist das Leben?


An einem schönen Sommertag war um die Mittagszeit eine große Stille im Wald eingetreten. Die Vögel steckten ihre Köpfe unter die Flügel und alles ruhte.

Da steckte der Buchfink sein Köpfchen hervor und fragte: "Was ist das Leben?" Alle waren betroffen über diese schwere Frage. Eine Rose entfaltete gerade ihre Knospe und schob behutsam ein Blatt ums andere heraus. Sie sprach: "Das Leben ist eine Entwicklung." Weniger tief veranlagt war der Schmetterling. Lustig flog er von einer Blume zur anderen, naschte da und dort und sagte: "Das Leben ist lauter Freude und Sonnenschein."

Drunten am Boden schleppte sich ein Ameise mit einem Strohhalm, zehnmal länger als sie selbst, und sagte: "Das Leben ist nichts als Mühe und Arbeit." Geschäftig kam ein Biene mit ihrer Tracht von einer Blume zurück und meinte dazu: "Das Leben ist ein Wechsel von Arbeit und Vergnügen."

Wo so weise Reden geführt wurden, steckte der Maulwurf seinen Kopf aus der Erde und sagte: "Das Leben ist ein Kampf im Dunkeln." Die Elster, die selbst nichts weiß und nur vom Spott der anderen lebt, sagte: "Was ihr für weise Reden führt! Man sollte meinen, was ihr für gescheite Leute seid!" 

Es hätte nun einen großen Streit gegeben, wenn nicht ein feiner Regen eingesetzt hätte, der sagte: "Das Leben besteht aus Tränen, nichts als Tränen." Dann zog er weiter zum Meer. Dort brandeten die Wogen und warfen sich mit aller Gewalt gegen die Felsen, kletterten daran in die Höhe und warfen sich dann wieder mit gebrochener Kraft ins Meer zurück und stöhnten: "Das Leben ist ein stetes vergebliches Ringen nach Freiheit."

Hoch über ihnen zog majestätisch ein Adler seine Kreise, der frohlockte: "Das Leben ist ein Streben nach oben." Nicht weit davon stand eine Weide, die hatte der Sturm schon zur Seite geneigt. Sie sprach: "Das Leben ist ein Sich-Neigen unter eine höhere Macht."

Dann kam die Nacht ---

In lautlosem Flug glitt ein Uhu durch das Geäst des Waldes und krächzte: "Das Leben heißt, die Gelegenheit nutzen, wenn die anderen schlafen." Schließlich wurde es wieder ganz still im Wald.

Spät nach Mitternacht ging ein Mann durch die menschenleeren Straßen einer Stadt nach Hause. Der kam von einer Lustbarkeit und sagte so vor sich hin: "Das Leben ist ein ständiges Suchen nach Glück und eine Kette von Enttäuschungen."

Da flammte die Morgenröte auf in ihrer vollen Pracht und sprach: "Wie ich, die Morgenröte, der Beginn des kommenden Tages bin, so ist das Leben der Anbruch der Ewigkeit."







Mittwoch, 25. November 2015

Wie viele Buchseiten hat Oscar am ersten Tag gelesen?

Oscar liebt spannende Krimis. Als sein absoluter Lieblings-Schriftsteller einen neuen 600-seitigen Roman veröffentlicht, liest er das Buch innerhalb von nur sechs Tagen komplett durch. Danach stellt er fest, dass er jeden Tag 20 Seiten mehr als am Tag zuvor gelesen hat.

Wie viele Seiten hat Oscar am ersten Tag gelesen?



▂ ▃ ▄ ▅ ▆ ▇   Antwort   ▇ ▆ ▅ ▄ ▃ ▂





Mittwoch, 7. Oktober 2015

Oscar hat einen Termin und findet seinen Kalender nicht • Rätsel


Oscar hat einen Termin. 
Als er am Dienstagmorgen aufwacht, 
kann er den Kalender nicht finden. 
Er erinnert sich allerdings daran, 
dass sein Termin zwei Tage nach dem Tag 
vor dem Tag nach morgen ist. 
Wann ist der Termin?



▂ ▃ ▄ ▅ ▆ ▇   Antwort   ▇ ▆ ▅ ▄ ▃ ▂


DaWanda - Products with Love


Dienstag, 8. September 2015

Der Geist des Salomo • Alles zu seiner Zeit • Fabel von Lessing

Ein ehrlicher Greis trug des Tages Last und Hitze, sein Feld mit eigener Hand zu pflügen und mit eigener Hand den reinen Samen in den lockern Schoß der willigen Erde zu streuen. 

Auf einmal stand unter dem breiten Schatten einer Linde eine göttliche Erscheinung vor ihm da! Der Greis stutzte. "Ich bin Salomo", sagte mit vertraulicher Stimme das Phantom. "Was machst du hier, Alter?"  

"Wenn du Salomo bist", versetzte der Alte, "wie kannst du fragen? Du schicktest mich in meiner Jugend zu der Ameise; ich sah ihren Wandel und lernte von ihr fleißig sein und sammeln. Was ich da lernte, das tue ich immer noch."

"Du hast deine Lektion nur halb gelernt", versetzte der Geist. "Geh noch einmal hin zur Ameise und lerne nun auch von ihr, in dem Winter deiner Jahre zu ruhen und des Gesammelten sich zu erfreuen." 







Donnerstag, 16. Juli 2015

Die Kunst über kein Thema zu schreiben • Novelle von Emmrich

Die Kunst des Feuilletons besteht nicht darin, über ein Thema zu schreiben, sondern über kein Thema zu schreiben. Statt des Themas gibt es einen Anlass. Anlass kann jeder Hosenknopf sein.

Wenn man den Knopf als Exempel nimmt, will man damit sagen, dass der Knopf etwas von Natur Unbedeutendes sei. Es kommt also darauf an, dem Unbedeutenden Bedeutung zu geben. Damit nun niemand sage, wir drückten uns vor unseren eigenen Maximen, wollen wir bei diesem Anlass bleiben. Schreiben wir über den Knopf.

Sowie wir sein bescheidenes Rund ins Auge fassen, entdecken wir, welch bedeutsame Rolle dieser unbeachtete Gegenstand in unserem Leben spielt. Jeden Morgen durchschneidet prächtig und großartig die Scheibe der Sonne den Horizont. Mit genau derselben Regelmäßigkeit, mit welcher allmorgendlich die erhabene Scheibe der Sonne den Horizont durchschneidet, mit genau derselben Regelmäßigkeit durchschneidet allmorgendlich die bescheidene Scheibe des Hosenknopfs das Knopfloch. Zwischen der Sonne und dem Himmel besteht das gleiche Verhältnis der Angemessenheit wie zwischen dem Knopf und seinem Loch. Ja, wenn die Sonne, von Wolken verhangen, nicht in unseren Morgen tritt, so ändert das wenig an unseres Tages Lauf. Wenn aber der Hosenknopf sein Knopfloch verfehlt, ist unsere menschliche Würde in Gefahr.

Wie blind waren wir bisher, einen Gegenstand geringzuachten, von dessen Wohlverhalten die Würde unserer Person abhängig ist. 





Dienstag, 9. Juni 2015

Der Wolf und die Tiere • Unersättlichkeit • Fabel von Hanakdan

Der Kanzler des Löwen, der Wolf, ward von allen Tieren verklagt, dass kein lebendiges Geschöpf vor seinem Räuberzahn sicher sei. "Der Unersättliche", klagten sie, "macht den Wald zur Einöde, unsere Weiber zu Witwen und unsere Kinder zu Waisen." Der König zürnte und verwies dem Wolf seine Grausamkeit mit harten Worten. "Das Vergangene ist nicht mehr zu ändern", setzte er königlich hinzu; "aber in Zukunft hüte dich vor Gewalttätigkeit. Begnüge dich mit den toten Tieren, die du auf dem Felde findest, und schwöre, dich zwei ganze Jahre alles Fleisches zu enthalten für jedes lebendige Tier, das du dich zu erwürgen gelüsten lässest." Der Wolf schwur und ging von dannen. 

Wenige Tage nachher überfiel ihn ein grausamer Hunger, und er sah ein fettes Schaf auf der Wiese weiden. Da kämpften in ihm Gedanken mit Gedanken. "Zwei Jahre kein Fleisch zu genießen. - Die Strafe ist hart, und ich habe geschworen. - Doch in jedem Jahre sind dreihundertundfünfsechzig Tage. Tag ist, wenn ich sehen, und Nacht, wenn ich nicht sehen kann. So oft ich also die Augen verschließe, ist Nacht, und wenn ich sie wieder auftue, so wird es Tag." - Schnell blinzte er die Augen zu und tat sie wieder auf; da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. Er zählte zwei volle Jahre. "Nun", sprach er, habe ich für die Sünde zum Voraus gebüßt", ergriff das Schaf und würgte es. 

Die Fabel lehrt, dass ein Räuber leicht Mittel findet, den kräftigsten Eid zu vereiteln.







Sonntag, 10. Mai 2015

Jupiter, die Krähe und die Vögel • Fabel von Aesop

Jupiter wollte den Vögeln einen König geben und setzte einen Tag fest, an welchem sie zusammenkommen sollten. Die Krähe sammelte im Bewusstsein ihrer mangelnden Schönheit die Federn, welche den andern Vögeln ausgefallen waren, und bekleidete sich mit denselben. Als nun der bestimmte Tag kam, ging sie in ihrem bunten Schmucke in die Versammlung. Da sie nun Jupiter wegen ihrer Schönheit zum König der Vögel erwählen wollte, rissen ihr die anderen erzürnten Vögel die Federn aus, indem ein jeder diejenigen herauszupfte, welche ihm zugehörten. So war die Krähe bald wieder nichts anderes, als was sie ursprünglich gewesen war, nämlich eine ganz normale Krähe. 

Auch jene Menschen, die sich durch fremde Macht erhoben haben und sich ihres Reichtums brüsten, gewähren, wenn jeder zurückfordert, was ihm gebührt, einen kläglichen Anblick und sind dann nichts mehr, als was sie früher waren.







Montag, 13. April 2015

Die Knaben und die Frösche • Fabel von Aesop

Einige mutwillige Knaben machten sich eines Tages die größte Freude daraus, an einem Teiche jeden Frosch, so wie er hervortauchte, mit Steinen zu bewerfen. Je mehr Frösche sie verwundeten, je größer und lauter wurde das Geschrei, bis endlich ein alter Frosch auftauchte und ihnen zurief: "Kinder, bedenkt doch, was ihr tut, dass ihr uns armen Tiere, die euch nichts Böses taten, quält und schuldlos tötet." Dies machte die Knaben aufmerksam, sie dachten darüber nach und gingen beschämt nach Hause. 

Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.







Montag, 2. Februar 2015

Der Dieb und seine Mutter | Rechtschaffenheit | Fabel von Aesop

aventin.blogspot.com

Ein Knabe stahl die Schreibtafel eines Mitschülers und brachte sie seiner Mutter. Diese strafte ihn nicht, sondern billigte stillschweigend seine Tat. 

Mit zunehmenden Jahren vergriff sich der Junge allmählich an immer wertvolleren Dingen. Eines Tages wurde er beim Diebstahl eines sehr teuren Gegenstandes ertappt und zum Tode verurteilt. Als ihm seine Mutter auf dem Weg zur Richtstätte laut klagend folgte, warf er der Bejammernswerten vor: "Warum hast du mich in meiner Jugend nicht zur Rechtschaffenheit erzogen?"

Lehre:
Wehret den Anfängen oder was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!






Montag, 10. Juni 2013

Monat März | Dem Frühling entgegen | Herbert Fritsche


Nie ist der Himmel so blau, sein Mond so blank und bei Tage das Licht so kraftvoll zum Blenden und Bleichen wie im März. Aus tausend Spiegeln antwortet die Bläue dem Himmel: Tümpel und Pfuhle, Bäche und Flüsse berauschen sich an so viel Blau - und des Abends, wenn die Sterne des Winterhimmels mehr und mehr gen Westen sinken, Orion und Sirius, die Plejaden und der Aldebaran, wenn der Löwe über den Südhimmel zieht und Capella vom Scheitelpunkt fortgleitet im sanften Abwärtsschwung zu jenem tiefen Nordpunkt am Horizont, den sie um die Sommersonnenwende als einsames Flimmergestirn innezuhalten gedenkt, dann schwimmt der rote Märzenstern Arktur, das Lenzgeschmeide im Bährenführer-Sternbild des Bootes, auf den Wasserflächen, nachdem er sich vom Ostrande des Himmels empor geatmet hat in die Vorfrühlingsnacht.

Der März hat seine besondere Tragik: er lockt, des Lenzes allzu gewiss, zahlreiche Vorläufer des jungen Jahres ins Freie: erste Falter, verfrühtes Käfervolk und manchen Frosch. Ist das Risiko für die Kaltblüter aus Tümpel und Graben gering, weil sie beim Wetterumschlag ins Winterliche ohne viel Einbuße  an Lebenskraft zurückzugleiten vermögen in das Erstarren, das die Sparkasse ihrer vitalen Prozesse ist, so müssen die Äthergeschöpfe mit den bunten Flügeln, die Falter, zugrundegehen, wenn eisiger Wind zu wehen beginnt und kein Blumen-Nektar zur Verfügung steht. Die sozial lebenden Insekten, die Bienen, haben den Heimweg in den Stock offen---: sie, die das Wagnis des Einzelseins dahingaben und von ihrer Gruppenseele gegängelbandelt werden nach Maßgabe dessen, was der übergeordnete Organismus Bienenstock zu tun oder zu lassen befiehlt, sind kein Gleichnis für Kolumbusse oder Giorgano Brunos.

Sieht man von denjenigen Faltern ab, die als Vollinsekt überwinterten, so kommen die Schmetterlinge des Frühjahrs aus der Puppe hervor, aus dem chitingezimmerten Insektensarg, der uns Goethes Wort vom Gleichnis-Charakter alles Vergänglichen deutlicher machen kann als jegliche sonstige Erbildung der Natur. Die Raupe, erdnah, gefräßig und dem Wurm zum Verwechseln ähnlich, lebt als ein niederes Wesen, auf das der Sensible oft mit Ekel reagiert. Ganz zu Unrecht! In jeder Raupe steckt, wie der Märchenprinz im Frosch, ein Falter. 

Wer nur das Aktuelle sieht, ist blind und dumm: erst der Blick auf das Werdeziel adelt den Wissenden.

Eine Raupe, die die Verpuppung für eine Einsargung ohne Auferstehung halten würde, wäre im Irrtum. Eine andere, die die Zeit im Sarge einfach als Raupe zu überleben hofft, irrte nicht minder. Und ein Falter, der sich nicht selber angestrengt dem Sarge entwindet, hätte kein Leben draußen in den Weiten des Luftmeeres. Der ganze Vorgang mutet wie ein Illustration zu dem alten Mystiker-Vers an:

Wer nicht stirbt,
bevor er stirbt,
der verdirbt,
wenn er stirbt ...

Die ersten Falter im März können uns das lehren. Und sie können uns auch warnen vor einem zu frühen Weg in eine Wirklichkeit, die noch nicht eindeutig und ohne Rückfälle am Regiment ist. Aber dem, der über alles Individuelle hinaus voller Vertrauen auf das Tao ist, den immer im Recht befindlichen Geist der Allheit, wiegt solche Warnung leicht --- und die Märztage der verfrühten Falter nimmt er statt mit Trauer mit Dankbarkeit hin. Die Kolumbusse und die Giordano Brunos sind edler als die Schulmeister, die ihre Lehrmeinungen erst zu dozieren wagen, wenn das Weltbild, dem sie verpflichtet sind, so fest geworden ist, dass es den Wirklichkeiten schon nicht mehr entspricht.

Am 21. März halten sich Tag und Nacht die Waage, die Sonne überschreitet auf der Himmelsbahn den Frühlingspunkt. Dass dieser Frühlingspunkt, der einmal am Beginn des Tierkreiszeichens Widder lag, auf einer langsamen Wanderung über den gesamten Tierkreis hin begriffen ist, welche rund 26.000 Jahre währt, war schon den weisen Völkern der Vorzeit bekannt. Man nannte diese Zeitspanne das große oder das Platonische Jahr und ordnete dem Weg des Frühlingspunktes durch ein Tierkreiszeichen von 30 Graden, also einer Zeitspanne von rund 2.100 Jahren, die Bedeutung eines Weltzeitalters zu, das im wesentlichen von den kosmischen Kräften seine Signaturen empfängt, die dem Tierkreiszeichen entsprechen, in dem der Frühlingspunkt sich dann befindet. So driftete vor kurzem der Frühlingspunkt aus dem Zeichen der Fische, das uns zwei Jahrtausende hindurch das Antlitz der Welt bestimmte, in das des Wassermann.

So befinden wir uns jetzt in einer Zeit des Umbruchs, der Bewusstseinswende, der wankenden Wirklichkeit. So wie wir von der Mikrophysik her, die saltomortalartige Korrektur unserer gesamten naturwissenschaftlichen Grundbegriffe geliefert bekamen, ist auch sonst, im Sozialen, im Religiösen, im Menschheitlichen, eine Neuwerdung am Werk, die wie der Aequinoktialsturm (Äquinoktium) daherbraust, der Sturm um die Tage der Tag- und Nachtgleiche. Ist es richtig, Ach und Weh zu schreien oder Weltuntergänge zu beklagen? Oder ist es richtig, die große Befreiung zu begrüßen, die dem Werden des jüngeren und echteren Lebens, dem Lenz und dem Licht der Wege bahnt um einer Saat willen, zu der wir selber gehören mit Haut und Haar? Und müssen wir nicht auch hier von dem Falter lernen, der nur dann sein Recht auf freien Flug in die Weiten erworben hat, wenn er sich aus der Umklammerung des Puppensarges mit eigener Kraft löste? Die Stürme, die dem neuen Zeitalter vorangehen, meinen ebensowenig wie die Stürme des März das Verderben, sondern den Sonnensieg.





Dienstag, 4. Juni 2013

Monat September | Der süße Nachsommer | Herbert Fritsche

Die Wolken der Zugvögel rauschen über uns dahin. Das Obst ist reif, Äpfel und Birnen klopfen zu Boden, wenn der Wind weht - und in der gläsernen Klarheit des Tage riecht es nach Efeu und Lebensbaum, abends aber, wenn das Dunkel immer früher hereinbricht und die Kühle uns bald schon Ausschau halten lässt nach dem teefarbenen Licht des Fensters daheim, blinkt vom Osthimmel her das Siebengestirn zu uns hernieder. Nun kann es nicht mehr lange dauern, dann ist der uralt-babylonisch-chaldäische Vorhang des Winterhimmels über den Süden gespannt: Stier und Vorhund, das Dioskuren-Paar Kastor und Pollux, endlich Orion, der riesige Jäger mit dem diamanthell funkelnden Hundsstern Sirius zu Füßen. 

Wenn der neue Tag beginnt, kann es sein, dass er die ganze heimliche Süße des Nachsommers bringt, die wohlausgewogene Schönheit, in der kein Kampf und Krampf, kein Prunk und Rausch mehr ist, sondern nur noch ein holdes Daheimsein der Natur in der leisen Wehmut einer Harmonie, welche das Wissen um den Abschied verzaubert. Wundervoll passt diese unaufdringliche, nachgiebige und ausgeglichene September-Schönheit zur Wesenart des Tierkreiszeichens Waage, das um den 23. September von der Sonnenbahn erreicht wird, wenn die Tag- und Nachtgleiche den Herbstbeginn kennzeichnet. Als ob das Edelste des schwindenden Sommers noch einmal geerntet würde, als ob aus dem Kühlerwerden des Blutes zuvor noch die Schönheit des Lebens blass und sanft in den Tag hinein destilliert werden müsse, so bietet sich die vorherbstliche Jahresstunde dar, die leise Lyrik unter den zwölf Strophen, von der man oft glauben möchte, dass das Wort des Lao-Tse an ihr wahr werde:

Das Zarte wird das Starke besiegen,
dies ist die geheime Erleuchtung ...

Am Rande der Stadt breitet sich das Schuttfeld aus, auf dem die Hexenkräuter wuchern, die dem Herbst uns seinen Eremiten Räusche sonderlicher Art versprechen: Nachtschatten und Bilsenkraut, Stechapfel und Teufelszwirn, Tollkirsche und Zaunrübe finden sich beisammen im Grenzrevier, um dem Grenzgänger und Grenzüberschreiter auf ihre Art von der Verwandtschaft alles Kreatürlichen zu berichten. Ein Absud aus ihren Säften verwirrt die Menschenseele auf so kuriose Art, dass sie E.T.A. Hoffmanns Gesichte erlebt, im Fluge durch die künstlichen Paradiese Charles Baudelaires schweift und mit verdoppeltem Schwunge durch die infernalischen Ameisenhaufen des seltsamsten Geziefers, die uns Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel gemalt und gezeichnet haben; das skurrile Spiel mit Brocken des Kosmos, das Paul Klee so souverän beherrschte, wird nicht minder zur zwanghaften Wirklichkeit im vergifteten Innern wie die gleich wirrem Wurzelwerk verfilzten und zerschrumpften Gespenster Alfred Kubins, des Schloßherrn zu Zwickledt am Inn. Wenige Tropfen dessen, was der Sommer im Unkraut zusammenbraute und was der Frühherbst garkochte, vermögen den Mensch eines Hexensabbats teilhaftig werden zu lassen, den wir nur begreifen können, wenn wir es ernstnehmen, dass auch hier ein Geist zum andern Geiste spricht.

Wilhelm Raabe hat einmal gesagt, es würde wohl manches Stück Erde recht kahl und armselig aussehen, wenn kein Unkraut darauf wüchse. Er konnte nicht ahnen, in einem wie wörtlichen Sinne die Wissenschaft der dynamischen Botanik diesem Ausspruch recht gibt. Der Herbst, der Säftekoch und Teebereiter, leitet nicht das Sterben, sondern das Leben ein -: auch dort, wo wir nur ein Welken wahrnehmen. Es gibt rings im All nur Leben, nichts als Leben, der Tod ist nur eine Maske, hinter der das Lebendige seine intimsten Wandlungen vollbringt. 






Montag, 24. Oktober 2011

Sonnenuntergang an der Adria | Gedicht von Rudolf Presber

aventin.blogspot.com


Das ist meiner Sehnsucht Stunde,
Wenn die Sonne still versinkt
Und aus weißer Wolken Wunde
Rotes Blut der Abend trinkt;
Wenn die kühlen Düfte steigen
Würziger aus Busch und Beet,
Und ein dunkeläugig Schweigen
Durch des Gartens Schatten geht.

Sieh, dann liegt in tausend Schmerzen,
Von des Tages Speeren wund,
Meine Sehnsucht dir am Herzen,
Und mein Mund sucht deinen Mund.
In des Traumes Taumelwonne
Drück' ich deine kleine Hand,
Die du fern bist, wie die Sonne,
Die im Purpur dort verschwand ...