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Montag, 17. September 2012

Der Palast und die Hütte | Novelle von Khalil Gibran

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Die Nacht brach herein, und die Lichter im Palast des reichen Mannes funkelten hell. Diener, in Samt gekleidet und mit silbernen Knöpfen an der Brust, standen da und erwarteten die Gäste. Musik erklang, und Herren und Damen fuhren in ihren Kutschen, die von prächtigen Pferden gezogen wurden, von allen Seiten auf den Palast zu. Sie traten ein, und ihre kostbaren Kleider waren herrlich anzusehen. Die Herren führten die Damen zum Tanz, und die Halle wurde zu einem Garten, durch den leise Melodien zogen und dessen Blumen sich vor Ehrfurcht und Bewunderung verneigten. Als es Mitternacht war, schritt man zur Tafel, die mit erlesensten Früchten und den besten Speisen beladen war. Kelche wurden herumgereicht, und der Wein spielte mit den Sinnen der Gäste, bis diese sich Spielen zuwandten. Als der Morgen nahte, trennte man sich, denn alle waren müde von der Lustbarkeit, vom Weine benebelt und des Tanzens und Schlemmens überdrüssig. Und ein jeder begab sich in sein Bett. 



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Als die Sonne langsam hinter den Hügeln versank, stand ein Mann, der das Gewand eines Landarbeiters trug, an der Tür eines ärmlichen Hauses und klopfte an. Es wurde ihm aufgemacht, er trat ein, grüßte die Anwesenden mit heiterer Miene und setzte sich mitten unter seine Kinder an das Feuer. Bald darauf bereitete seine Frau das Essen, und sie setzten sich alle um einen hölzernen Tisch und aßen. Als die Mahlzeit beendet war, standen sie auf und ließen sich unter der Lampe, die ihre gelben Strahlen wie Pfeile in die Dunkelheit sandte, nieder. Als die erste Nachtstunde vorbei war, begaben sie sich zur Ruhe und vertrauten sich dem Schlafe an. Am nächsten Morgen stand der arme Mann von seinem Lager auf und teilte Brot und Milch mit seiner Frau und seinen Kindern. Dann küsste er sie und ging mit einem schweren Spaten auf der Schulter zum Feld, um es mit seinem Schweiß zu bewässern und fruchtbar zu machen, damit es jene Reichen, die am Abend zuvor so ausgelassen waren, ernähre. Die Sonne erhob sich jenseits des Berges, und die Hitze legte sich schwer auf das Haupt des Arbeiters, während die Reichen noch in ihren Palästen schliefen.

So ist das Los des Menschen: ein Trauerspiel, das auf der Bühne der Zeit aufgeführt wird. Zahlreich sind die Zuschauer, die applaudieren; aber nur wenige gibt es, die das Stück verstehen. (Khalil Gibran)






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