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Mittwoch, 1. Juni 2016

An was allem zu zweifeln ist | Zitat von Renatus Cartesius


An allem ist zu zweifeln!

Da wir als unwissende Kinder geboren werden und von den sinnlichen Dingen vielerlei Urteile vor dem Erwachsen werden gefällt haben, ehe wir den vollkommenen Gebrauch unserer Vernunft hatten, werden wir durch viele uns in der Kindheit zugelegten Vorurteile von der Kenntnis des Wahren abgestoßen. 

Von eben diesen Vorurteilen scheinen wir uns nicht anders befreien zu können, als dass wir im Leben an allem zweifeln, worin wir nur den geringsten Verdacht einer Ungewissheit zu erkennen vermögen. (René Descartes)





Freitag, 29. Januar 2016

Farbenphänomene | Rot | Johann Wolfgang Goethe

Man entferne bei dieser Benennung alles, was im Roten einen Eindruck von Gelb oder Blau machen könnte. Man denke sich ein ganz reines Rot, einen vollkommenen, auf einer weißen Porzellanschale aufgetrockneten Karmin. Wir haben diese Farbe ihrer hohen Würde wegen manchmal Purpur genannt, ob wir gleichwohl wissen, dass der Purpur der Alten sich mehr nach der blauen Seite hinzog. 

Wer die prismatische Entstehung des Purpurs kennt, der wird nicht paradox finden, wenn wir behaupten, dass dieser Farbe teils actu, teils potentia alle anderen Farben enthalte. Wenn wir beim Gelben und Blauen eine strebende Steigerung ins Rote gesehen und dabei unsere Gefühle bemerkt haben, so lässt sich denken, dass nun in der Vereinigung der gesteigerten Pole eine eigentliche Beruhigung, die wir eine ideale Befriedigung nennen möchten, stattfinden könne. Und so entsteht bei physischen  Phänomenen diese höchste aller Farbenerscheinungen aus dem Zusammentreten zweier entgegengesetzten Enden, die sich zu einer Vereinigung nach und nach selbst vorbereitet haben. 





Freitag, 15. Mai 2015

Für Augenblicke Götter sein • Novelle von Hermann Hesse

Foto: piqs.de - Luis Cernadas Iglesias
Es gibt Güte und Vernunft in uns, in uns Menschen, mit denen der Zufall spielt, und wir können stärker sein als die Natur und als das Schicksal, sei es auch nur für Stunden. Und wir können einander nahe sein, wenn es not tut, und einander in verstehende Augen sehen, und können einander lieben und einander zum Trost leben. Und manchmal, wenn die finstere Tiefe schweigt, können wir noch mehr. Da können wir für Augenblicke Götter sein, befehlende Hände ausstrecken und Dinge schaffen, die vordem nicht waren und die, wenn sie geschlossen sind, ohne uns weiterleben. Wir können aus Tönen und aus Worten  und aus andern gebrechlichen wertlosen Dingen Spielwerke erbauen, Weisen und Lieder voll Sinn und Trost und Güte schöner und unvergänglicher als die grellen Spiele des Zufalls und Schicksals. Wir können Gott im Herzen tragen, und zuzeiten, wenn wir seiner innig voll sind, kann er aus unsern Augen und aus unsern Worten schauen und auch zu andern reden, die ihn nicht kennen oder kennen wollen. Wir können unser Herz dem Leben nicht entziehen, aber wir können es so bilden und lehren, dass es dem Zufall überlegen ist und auch dem Schmerzlichen ungebrochen zuschauen kann.






Freitag, 27. Februar 2015

Der Teufel hole Grenzen • Novelle von Hermann Hesse

Foto kordi@uwe
Bei diesem Hause nehme ich Abschied. Lange werde ich kein solches Haus mehr zu sehen bekommen. Denn ich nähere mich dem Alpenpass, und hier nimmt die nördliche, deutsche Bauart ein Ende, samt deutscher Landschaft und deutscher Sprache. Wie schön ist es, solche Grenzen zu überschreiten! Der Wanderer ist in vielen Hinsichten ein primitiver Mensch, so wie der Nomade primitiver ist als der Bauer. Die Überwindung der Sesshaftigkeit aber und die Verachtung der Grenzen machen Leute meines Schlages trotzdem zu Wegweisern in die Zukunft. Wenn es viele Menschen gäbe, in denen eine  so tiefe Verachtung für Landesgrenzen lebte wie in mir, dann gäbe es keine Kriege und Blockaden mehr. Es gibt nichts Gehässigeres als Grenzen, nichts Stupideres als Grenzen. Sie sind wie Kanonen, wie Generale:  solange Vernunft, Menschlichkeit und Friede herrscht, spürt man nichts von ihnen und lächelt über sie - sobald aber Krieg und Wahnsinn ausbricht, werden sie wichtig und heilig. Wie sind sie uns Wanderern in den Kriegsjahren zur Pein und zum Kerker geworden! Der Teufel hole sie! (Hermann Hesse)






Freitag, 13. Februar 2015

Von schlechten Sitten bei Tisch | Text aus "Das Narrenschiff"

aventin.blogspot.com

Wenn ich die Narrheit ganz durchsuche,
setz billig ich zuletzt im Buche
etliche, die für Narren man acht
an die zuvor ich nicht gedacht.

Denn ob sie schon viel Missbrauch treiben
und feiner Hofzucht treu nicht bleiben,
auch grob und ungezogen sind,
so sind sie doch nicht also blind,
dass sie die Ehrbarkeit verletzten,
wie die, die wir zuvor hinsetzten,
sie haben auch nicht Gott vergessen,
sondern beim Trinken und beim Essen
sind sie so grob und unerfahren,
dass man sie heißt bäurische Narren.

Sie waschen ihre Hände nicht,
wenn man die Mahlzeit zugericht,
oder wenn sie sich zu Tische setzen,
sie andre in dem Platz verletzen,
die vor ihnen sollten sein gesessen;
Vernunft und Hofzucht sie vergessen,
dass man muss rufen: "Heda, munter,
mein guter Freund, rück weiter runter!

Lass den dort sitzen an deiner Statt!"
Ein andrer nicht gesprochen hat
den Segen über Brot und Wein,
eh er bei Tische Gast will sein,
ein andrer greift zuerst in die Schüssel
und stößt das Essen in den Rüssel
von ehrbarn Leuten, Frauen Herrn,
die er vernünftig sollte ehrn,
dass sie zum Ersten griffen an
und er nicht wär zuvorderst dran.

Der auch so eilig essen muss,
dass er so bläst in Brei und Mus,
strengt an die Backen ungeheuer,
als setzte er in Brand 'ne Scheuer.
Mancher beträuft Tischtuch und Kleid,
legt auf die Schüssel wieder breit,
was ihm ist ungeschickt entfallen,
Unlust bringt es den Gästen allen.

Andre hinwieder sind so faul,
wenn sie den Löffel führen zum Maul,
dann hängen sie den offnen Rüssel
so über Platte, Mus und Schüssel,
dass, fällt ihnen etwas dann darnieder,
dasselbe kommt in die Schüssel wieder.

Etliche sind so naseweise,
sie riechen vorher an der Speise
und machen sie den andern Leuten
zuwider, die sie sonst nicht scheuten.
Etliche kauen etwas im Munde
und werfen das von sich zur Stunde
auf Tischtuch, Schüssel oder Erde,
dass manchem davon übel werde.
Wer einen Mundvoll gegessen hat
und legt es wieder auf die Platt',
oder lehnt sich über den Tisch
und lugt, wo sei gut Fleisch und Fisch,
wenn das auch andern näher lag.

Ein andrer füllt die Backen so,
als ob sie steckten ihm voll Stroh,
er pflegt beim Essen rings zu gaffen
in alle Winkel wie die Affen
und schaut auf jeden mit Begehr,
ob der vielleicht mehr isst als er,
und eh der einen Mund voll zuckt,
hat er vier oder fünf verschluckt,
und dass ihm sonst auch nichts gebreste,
trägt er noch Teller voll zum Neste,
und dass er sich ja nicht versäume,
lugt er, wie er die Platten räume.

Eh er die Speis herunterschluckt,
er einen Stich in den Becher guckt,
macht sich 'ne Suppe mit dem Wein
und schwenkt damit die Backen rein,
und hat damit oft solche Eil,
dass aus der Nas ihm rinnt ein Teil,
oder spritzt gar einem andern wohl
das Trinkgeschirr und Antlitz voll.

Den schmutzgen Mund wischt keiner mehr,
im Becher schwimmt das Fett umher,
schmatzen beim Trinken ist nicht fein,
kann andern Leuten nur widrig sein.
Durch die Zähne sürfeln klingt nicht schön,
solch Trinken gibt ein schlecht Getön.
Manch einer trinkt mit solchem Geschrei
als käme eine Kuh vom Heu.

Nachtrinken Ehre sonst gebot,
jetzt ist dem Weinschlauch nur noch Not,
dass er schnell möge trinken vor,
Das Trinkgeschirr hebt er empor
und bringt dir einen "frohen Trunk",
damit sein Becher macht glunk, glunk.
Er meint, dass er den andern ehrt,
wenn er den Humpen leer umkehrt.

Ich misse gern die feine Sitte,
dass man vor mir das Glas umschütte
oder dass man mich zu trinken bitte,
ich trink für mich, doch keinem zu,
wer sich gern füllt, ist eine Kuh.

Ein andrer schätzt bei Tisch allein,
lässt nicht das Wort sein allgemein,
es muss vielmehr ihm jedermann
zuhörn, wie er gut schätzen kann.
Keinem andern er das Wort vergönnt,
doch sein Wort gegen jeden rennt
und verleumdet gern zu jeder Frist
manchen, der nicht zugegen ist. 

So gibt's bei Tisch seltsamen Brauch,
wenn alles ich erzählen sollte,
ein ganzes Buch ich schreiben wollte,
wie man sieht in den Becher pfeifen,
mit Fingern in das Salzfass greifen,
was mancher achtet für sehr grob,
doch hat dasselbe mehr mein Lob,
als dass man Salz nimmt mit dem Messer,
gewaschene Hand ist wahrlich besser
und sauberer als jene Klingen,
die wir in der Scheide mit uns bringen
und wissen nicht, ob wir vor Stunden
vielleicht 'ne Katze damit geschunden.

Für Unvernunft kann man auch halten
die Eier zu schlagen und zu spalten
und ander dergleichen Gaukelspiel,
wovon ich jetzt nicht schreiben will,
denn das soll feine Sitte sein,
ich schreib von Grobheit hier allein,
nicht von subtilen, feinen Sachen,
ich müsst sonst eine Bibel machen,
sollt ich den Missbrauch all beschreiben,
denn man beim Essen pflegt zu treiben.

Sebastian Brant - Das Narrenschiff





Dienstag, 10. April 2012

Das Höhlengleichnis | Antike Philosophie

aventin.blogspot.com

Das Höhlengleichnis ist eines der bekanntesten Gleichnisse der antiken Philosophie. Es dient bis heute als Standardlehrbeispiel zur Einführung in die Erkenntnistheorie. Platons Lehrer Sokrates verdeutlicht im Gleichnis seinem Gesprächspartner Glaukon den Bildungsweg des Philosophen. Eingebettet ist dieses Gleichnis in die Frage Glaukons nach dem Wesen des Guten und in den Kontext der beiden vorhergehenden Gleichnisse, des Sonnengleichnisses und des Liniengleichnisses, die beide das Verständnis des Höhlengleichnisses vorbereiten. (Wikipedia)

„Und jetzt will ich dir ein Gleichnis für uns Menschen sagen, wenn wir wahrhaft erzogen sind und wenn wir es nicht sind. Denke dir, es lebten Menschen in einer Art unterirdischer Höhle, und längs der ganzen Höhle zöge sich eine breite Öffnung hin, die zum Licht hinaufführt. In dieser Höhle wären sie von Kindheit an gewesen und hätten Fesseln an den Schenkeln und am Hals, so dass sie sich nicht von der Stelle rühren könnten und beständig geradeaus schauen müssten. Oben in der Ferne sei ein Feuer, und das gebe ihnen von hinten her Licht. Zwischen dem Feuer aber und diesen Gefesselten führe oben ein Weg entlang. Denke dir, dieser Weg hätte an seiner Seite eine Mauer, ähnlich wie ein Gerüst, das die Gaukler vor sich, den Zuschauern gegenüber, zu errichten pflegen, um darauf ihre Kunststücke vorzuführen.“ „Ja, ich denke es mir so.“ „Weiter denke dir, es trügen Leute an dieser Mauer vorüber, aber so, dass es über sie hinweg ragt, allerhand Geräte, auch Bildsäulen von Menschen und Tieren aus Stein oder Holz und überhaupt Erzeugnisse menschlicher Arbeit. Einzige dieser Leute werden sich dabei vermutlich unterhalten, andere werden nichts sagen.“ „Welch seltsames Gleichnis! Welch seltsame Gefangene!“ „Sie gleichen uns! Haben nun diese Gefangenen wohl von sich selber und voneinander etwas anderes gesehen als ihre Schatten, die das Feuer auf die Wand der Höhle wirft, der sie gegenüber sitzen?“ „Wie sollten sie! Sie können ja ihr Leben lang nicht den Kopf drehen!“ „Ferner: Von den Gegenständen, die oben vorüber getragen werden? Doch ebenfalls nur den Schatten?“ „Zweifellos.“ „Und wenn sie miteinander sprechen können, so werden sie in der Regel doch wohl von diesen Schatten reden, die da auf ihrer Wand vorüber gehen.“ „Unbedingt.“ „Und wenn ihr Gefängnis auch ein Echo von der Wand zurück wirft, sobald ein Vorübergehender spricht, so werden sie gewiss nichts anderes für den Sprecher halten, als den vorüber kommenden Schatten.“ „Entschieden nicht.“ „Überhaupt, sie werden nichts anderes für wirklich halten als diese Schatten von Gegenständen menschlicher Arbeit.“ „Ja, ganz unbedingt“. „Nun denke dir, wie es ihnen ergeht, wenn sie frei werden, die Fesseln abstreifen und von der Unwissenheit geheilt werden. Es kann doch nicht anders sein als so. Wenn einer losgemacht wird, sofort aufstehen muss, den Hals wenden, vorwärst schreiten und hinauf nach dem Lichte schauen muss – das alles aber verursacht ihm natürlich Schmerzen, und das Licht blendet ihn so, dass er die Gegenstände, deren Schatten es bis dahin sah, nicht erkennen kann -, was wird es dann wohl sagen, wenn man ihm erklärt: bis dahin habe er nur eitlen Tand gesehen; jetzt sei er der Wahrheit viel näher und sähe besser; denn die Gegenstände hätten höhere Wirklichkeit, denen er jetzt zugewendet sei! Und weiter, wenn man auf die einzelnen Gegenstände hin zeigt und ihn fragt, was sie bedeuten. Er würde doch keine einzige Antwort geben können und würde glauben, was er bis dahin gesehen, hätte mehr Wirklichkeit, als was man ihm jetzt zeigt.“ „Weit mehr.“ „Und zwingt man ihn, das Licht selber anzusehen, so schmerzen ihn doch die Augen. Er wird sich umkehren, wird zu den alten Schatten eilen, die er doch ansehen kann, und wird sie für heller halten als das, was man ihm zeigt.“ „Ja, das wird es tun.“ „Und zieht man ihn gar den rauen steilen Aufgang mit Gewalt hinauf und lässt nicht ab, bis man ihn hervor ins Sonnenlicht gezogen hat, so steht er doch Qualen aus, wehrt sich unwillig, und, ist er oben im Licht, so hat er die Augen voller Glanz und kann kein einziges von den Dingen sehen, die wir wirklich nennen.“ „Nein, wenn es plötzlich geschieht, nicht.“ „Er muss sich erst an das Licht gewöhnen, wenn er die Gegenstände oben sehen will. Zuerst wird er wohl am besten die Schatten erkennen, später die Spiegelungen von Menschen und anderen Gegenständen im Wasser, dann sie selber. Weiter wird er die Himmelskörper sehen und den Himmel selber, und zwar besser bei Nacht die Sterne und den Mond, als bei Tage die Sonne und ihre Strahlen.“ „Freilich.“ Schließlich wird er in die Sonne selber sehen können, also nicht bloß ihre Spiegelbilder im Wasser und anderswo hier unten erblicken, sondern sie selber oben an ihrem Ort. Er wird ihr Wesen begreifen.“ „Unbedingt.“ „Und dann vermag er den Schluss zu ziehen, dass sie es ist, die Jahreszeiten und Jahre hervor bringt, die über die ganze sichtbare Welt waltet und von der im gewissen Sinne alles, was man sieht, ausgeht.“ „Es ist klar, dass er hierhin zuletzt gelangt.“ „Nun weiter! Wenn er jetzt an die alte Wohnung zurück denkt und an die dortige Weisheit und an seine Mitgefangenen, so preist er sich doch glücklich über den Wechsel und bedauert jene.“ „Gewiss.“ „Und wie denkt er über die Ehrungen und Lobsprüche und Geschenke, die man dort unten voneinander erhielt? Nämlich dann, wenn einer die vorbei kommenden Schatten recht genau erkannte und sich am besten einprägte, welche zuerst, welche nachher und welche zu gleicher Zeit zu erscheinen pflegten, wodurch er dann die in Aussicht stehenden gut erraten konnte. Wird es ihn nun noch danach verlangen? Wird er die Leute beneiden, die unten in Ansehen stehen und die Macht in Händen haben? Oder wird es ihm so ergehen, wie es bei Homer steht? D.h. Wird er weiter lieber Ackerknecht bei einem armen Manne sein und alles aushalten wollen, als jenen Wahn teilen und jene Reden führen?“ „Ja, ich glaube, er erträgt lieber alles, als dass er jenes Leben führt.“ „Denke dir nun auch dies: Er würde hinunter steigen und sich auf den alten Platz setzen. Wird er nicht die Augen voller Finsternis haben, wenn er so plötzlich aus der Sonne kommt?“ „Ganz und gar.“ „Und während seine Augen noch stumpf sind und hin und her irren, muss er um die Wette mit den dauernd Gefangenen wieder jene Schatten zu erkennen suchen. Nehmen wir nun noch die Zeit, bis er sich an das Dunkel gewöhnt hat, nicht ganz kurz an, so wird man ihn doch auslachen und sagen, er käme von seinem Aufstieg mit schlechten Augen zurück. Es lohne sich nicht, den Versuch zum Aufstieg zu machen. Wer aber andere frei machen und hinauf führen will, den wird man töten, wenn man seiner habhaft wird und ihn töten kann.“ „Gewiss.“ 

„Nun musst du dies ganze Gleichnis mit unserer voraus gegangenen Darlegung zusammen halten, lieber Glaukon. Setze an Stelle der Gefängniswohnung die durch den Gesichtssinn geoffenbarte Welt und an Stelle des Licht spendenden Feuers die Kraft der Sonne. Wenn du dir fernen unter dem Aufstieg und dem Kennenlernen der Oberwelt die Wanderung der Seele zur denkbaren Welt hinauf denkst, so verstehst du meine Meinung, die du ja zu hören wünschst, durchaus richtig. Gott weiß, ob ich die Wahrheit gefunden habe! Meine Ansicht jedenfalls geht dahin, dass es in der erkennbaren Welt die Idee des Guten ist, die man zuletzt und mit Mühe gewahr wird. Ist man aber ihrer ansichtig geworden, so muss man zu der Überzeugung kommen, dass alles Rechte und Schöne in der ganzen Welt von ihr ausgeht. In der sichtbaren Welt schafft sie das Licht und den Herren des Lichts; in der denkbaren Welt ist sie selber Herrin und gibt Wahrheit und Vernunft. Und wer mit Vernunft handeln will, in seinem persönlichen Leben oder als Staatsmann, der muss sie sehen lernen.“





Montag, 24. Oktober 2011

Der Skorpion und der Frosch | Charakter | Fabel von Brecht

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Ein Skorpion will einen Fluss überqueren, kann aber nicht schwimmen. Da kommt ein Frosch vorbei. Der Skorpion fragt den Frosch, ob er ihn nicht ans andere Ufer bringen könne. Der Frosch sagt: „Nein, das tu ich nicht, denn dann wirst Du mich in der Mitte des Flusses stechen und wir ertrinken beide“. „Aber das ist doch nicht vernünftig“, antwortet der Skorpion, „dann würden wir doch beide sterben. Sei versichert, ich steche dich nicht“. Der Frosch lässt sich überreden, der Skorpion klettert auf seinen Rücken und beide schwimmen los. In der Mitte des Flusses sticht der Skorpion den Frosch in den Rücken. „Was hast du getan! Wieso hast du mich gestochen? Das ist doch nicht vernünftig, jetzt ertrinken wir beide!“ Der Skorpion antwortet ihm: “Ja, was soll ich machen? Das ist nun mal mein Charakter und meine Natur!“