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Montag, 22. Oktober 2018

Die drei Söhne

Die drei Söhne:

Drei Frauen wollten am Brunnen Wasser holen. Nicht weit davon saß ein Greis auf einer Bank und hörte zu, wie die Frauen ihre Söhne lobten.


Freitag, 19. Oktober 2018

In der Tiefseekugel

In der Tiefseekugel:

Bei 747 Meter kam für den Bruchteil einer Sekunde ein sehr großer dunkler, aber nicht undeutlicher Umriss eines Fisches vor meinen Blick.


Samstag, 23. Juni 2018

Der mit Salz beladene Esel

Der mit Salz beladene Esel:

Ein mit Salz schwer beladener Esel musste durch einen Fluss, fiel hin und blieb einige Augenblicke behaglich in der kühlen Flut liegen.


Dienstag, 28. Juni 2016

Der Zauberlehrling | Ballade von Johann Wolfgang Goethe


Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben!
Seine Wort' und Werke
Merkt' ich und den Brauch, 
und mit Geistesstärke
Tu' ich Wunder auch.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!

Walle! walle
Manche Strecke,
Dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! - 
Ach, ich merk' es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Auch, das Wort, worauf am Ende
Es das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
Kann ich's  lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh' ich über jeder Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen, 
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Willst's am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.
Wahrlich brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mit, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Nass und nässer
Wird's im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!

Herr und Meister! hör' mich rufen! -
Ah, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd' ich nun nicht los.

"In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid's gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu diesem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister."






Mittwoch, 2. Dezember 2015

Was ist das • Rätsel • Es ist im Wasser und man sieht es nicht!


Im Wasser wird es geboren,
Im Wasser lebt es fort,
Kaum dass es Wasser fühlt,
Verschwindet es sofort!



▂ ▃ ▄ ▅ ▆ ▇   Antwort   ▇ ▆ ▅ ▄ ▃ ▂





Sonntag, 8. November 2015

Der mit Salz beladene Esel • Fabel von Aesop

Ein mit Salz schwer beladener Esel musste durch einen Fluss, fiel hin und blieb einige Augenblicke behaglich in der kühlen Flut liegen. Beim Aufstehen fühlte er sich um einen großen Teil seiner Last erleichtert, weil das Salz sich im Wasser teilweise aufgelöst hatte. 

Langohr merkte sich diesen Vorteil und wandte ihn auch gleich am folgenden Tage wieder an, als er mit Schwämmen beladen durch eben diesen Fluss ging. Diesmal fiel er absichtlich nieder, sah sich aber arg getäuscht. Die Schwämme hatten nämlich Wasser angezogen und waren somit bedeutend schwerer als vorher. Die Last war nun so groß, dass er daran beinahe zugrunde ging. 

Lehre: Was in einem Falle recht, im anderen gar schlecht!






Montag, 7. September 2015

Die Frösche und die Schlange • Zufriedenheit • Fabel von Aesop

Die Frösche erbaten sich einst von Jupiter einen König. Er warf ihnen einen Holzklotz zu. Das Getöse jagte sie anfangs in die Tiefe, bald aber wagten sie, ihre Köpfe herauszurecken und ihren neuen König zu betrachten, der noch auf dem Wasser schwamm; und bald hüpften sie kühn auf ihn hinauf, verächtlich grüßten sie ihn als König; erbaten sich dann aber doch einen andern, der auch ein bisschen regieren könne. 

Im Zorn gab ihnen Jupiter eine Schlange, welche ihre Regierung auch sofort mit aller Strenge anfing und einen Untertanen nach dem andern verschlang. Bald blieb dem Überrest nichts übrig, als nochmals um einen andern Oberherrn zu bitten; allein Jupiter sprach mit Donnerstimme: "Euch ist geschehen, wie ihr wolltet! Ertragt nun dies Unglück mit Fassung!" 

Der Unzufriedene lernt immer zu spät, dass das Alte besser war.






Dienstag, 1. September 2015

Zwei Frösche • Nutzen und Schaden • Fabel von Aesop

In einem außerordentlich heißen Sommer war ein tiefer Sumpf ausgetrocknet und die Frösche, die bisherigen Bewohner desselben, mussten sich nach einem andern Wohnort umsehen. Zwei derselben kamen auf ihrer Wanderschaft zu einem tiefen Brunnen, worin es noch Wasser gab. "Ei! Sieh da!" rief der eine. "Warum wollen wir weitergehen? Lass uns hier hinunterhüpfen!" "Halt!" antwortete der andere, "das Hinunterkommen ist zwar ganz leicht, aber wenn auch der Brunnen eintrocknet, wie willst du dann wieder herauskommen?" 

Was dir heute nutzt, das kann dir morgen schaden, darum denke nach, bevor du handelst.






Dienstag, 28. Juli 2015

Der Affe im Wasser • Fabel & Gedicht von Karl Wilhelm Ramler


Ein Affe, welcher in Gefahr
im Meere zu ertrinken war,
rief kläglich mit gebrochnem Flehn:
"Neptun, lass mich nicht untergehn.
Ich will auch deinem Dienst mich weihn,
will dir zu Ehren mich kastein,
nicht näschig mehr, nicht bissig sein.
Ach! wär's nicht um mein Leben schade?"
So seufzt er angstvoll, und sogleich
wirft eine Well ihn ans Gestade.
Vergnügt ergreift er das Gesträuch,
das von der Klipp herunterhängt, und spricht:
"Neptun! bemüh dich weiter nicht,
jetzt kann ich mich schon selber retten."
- - -
Man sagt uns nach, 
dass wir auf unsern Krankenbetten
so frommer Affen viele hätten.






Dienstag, 21. Juli 2015

Die durstige Krähe • Fabel von Heinrich Steinhöwel



Eine durstige Krähe fand einen Wasserkrug; doch war nur so wenig Wasser darin, dass sie es mit ihrem Schnabel nicht zu erreichen vermochte. Sie versuchte, den Krug umzuwerfen; aber dazu war sie zu schwach. 

Da suchte sie nach einer List, wie sie es dahin brächte, dass sie dennoch aus dem Kruge trinken möchte. Zuletzt nahm sie kleine Steinchen und warf deren so viele in den Krug, dass das Wasser immer höher emporstieg, bis sie es endlich erreichen und ihren Durst löschen konnte.






Dienstag, 14. Juli 2015

Die beiden Enten und der Frosch • Gedicht von Wilhelm Busch


Sieh da, zwei Enten jung und schön,
die wollen an den Teich hingehn.
Zum Teiche gehn sie munter
und tauchen die Köpfe unter.

Die eine in der Goschen
trägt einen grünen Froschen.
Sie denkt allein ihn zu verschlingen,
das soll ihr aber nicht gelingen.

Die Ente und der Enterich,
die ziehn den Frosch ganz fürchterlich.
Sie ziehn ihn in die Quere,
das tut ihm weh gar sehre.

Der Frosch kämpft tapfer wie ein Mann.
Ob das ihm wohl was helfen kann?
Schon hat die eine ihn beim Kopf,
die andre hält ihr zu den Kropf.

Die beiden Enten raufen,
da hat der Frosch gut laufen.
Die Enten haben sich besunnen
und suchen den Frosch im Brunnen.

Sie suchen ihn im Wasserrohr,
der Frosch springt aber schnell hervor.
Die Enten mit Geschnatter
stecken die Köpfe durchs Gatter.

Der Frosch ist fort - die Enten,
wenn die nur auch fort könnten!
Da kommt der Koch herbei sogleich,
und lacht: "He, jetzt hab' ich euch!"

Drei Wochen war der Frosch so krank!
Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!





Freitag, 10. Juli 2015

Vom Chaos zum Kosmos • Metamorphosen von Ovid

Ehe das Meer und die Erde bestand und der Himmel, der alles deckt, da besaß die Natur im All nur ein einziges Antlitz, Chaos genannt, eine rohe und ungegliederte Masse, nichts als träges Gewicht, und geballt am nämlichen Orte disharmonierende Samen nur lose vereinigter Dinge. Titan gab es noch nicht, die Welt mit Licht zu erhellen, Phoebe bewirkte noch nicht, dass die Sichel des Mondes sich dehnte, noch nicht schwebte die Erde in Lüften, die rings sich ergossen, hängend im eigenen gleichen Gewichte; nicht streckte die Arme Amphitrite am weit sich dehnenden Saume der Länder. Zwar war Erde daselbst vorhanden und Heer und auch Lufthauch, aber die Erde gewährte nicht Stand, das Wasser kein Schwimmen, lichtlos waren die Lüfte. Es schwankten die Formen der Dinge, eines hemmte das andre, in ein und dem nämlichen Körper kämpften das Kalte und Warme, es rangen das Trockne und Feuchte, Weiches stritt mit dem Harten, was ohne Gewicht, mit dem Schweren. 

Aber es gab eine Schlichtung des Streites: ein Gott, eine bessre Kraft der Natur schied Himmel und Erde und Erde und Wasser, und er trennte den heiteren Himmel vom dickeren Luftdunst. Als er nun alles entwirrt, aus der finsteren Masse entnommen, band er das örtlich Getrennte zusammen in friedlicher Eintracht; und so schnellte die leichte, die feurige Kraft des gewölbten Himmels empor und gewann sich den Platz in der obersten Höhe. Ihr zunächst ist die Luft an Leichtigkeit wie auch im Raume; dichter als sie ist die Erde, die größere Stoffe herbeizog, durch ihre Schwere zusammengepresst; die umfließende Feuchte nahm den Rand in Besitz und umschloss den festeren Erdkreis. 

Als so der Gott, wer immer es war, die Materie geordnet, so sie zerteilt und die Teile zu wirklichen Gliedern gestaltet, ballte er gleich zu Beginn die Erde, damit sie auf jeder Seite sich gänzlich gleiche, zur Form einer riesigen Kugel. Alsdann ließ er die Meere sich breiten; in reißenden Stürmen sollten sie schwellen und rings die Gestade der Erde umgürten. Quellen gesellte er bei, unermessliche Teiche und Seen; mit sich krümmenden Ufern umzog er die Flüsse, die hierhin abwärts rinnen und dorthin; die einen verschwinden im Boden, andre gelangen ins Meer: in freierem Laufe durchströmen sie die Ebne, statt Ufer umzieht sie Küstengelände. Felder ließ er sich dehnen und Täler hernieder sich senken, Wälder sich decken mit Laub und steinige Berge sich heben. Und wie den Himmel zwei Zonen zur Rechten und ebensoviele Links durchschneiden - die fünfte jedoch ist heißer als alle -, so zerteilte der sorgliche Gott die umschlossene Kugel nach den nämlichen Zahlen: es decken fünf Zonen die Erde. Wo sich die mittlere dehnt, da verwehrt es die Hitze zu wohnen; zwei deckt tiefer Schnee; zwei hat er dazwischen geschoben und ihnen Milde verliehn: mit Kälte vermischte er Wärme. 

Luft ist darüber gebreitet; so viel ist sie schwerer als Feuer, als des Wassers Gewicht nachsteht dem Gewichte der Erde. Nebel ließ es daselbst, dort ließ er Wolken sich sammeln, auch die Donner, bestimmt, auf menschliche Herzen zu wirken, und die Winde, die Wetterleuchten erzeugen und Blitze. Doch auch den Winden verwehrte der Weltenschöpfer zu hausen, wo in den Lüften sie wollten; noch jetzt ist es schwer, sie zu zähmen, wenn sie auch, jeder für sich, in den eigenen Zonen sich tummeln, dass sie die Welt nicht zerreißen: so groß ist die Zwietracht der Brüder. Eurus wich zu Aurora zurück, nach dem Reich Nabataea und nach Persien, hinweg zu den Höhn, die im Morgenglanz leuchten; doch dich Gestade, die milde durchsonnt sind von Strahlen des Abends, liegen dem Zephyr am nächsten; ins Land der Scythen, gegen Norden, brauste der schaurige Boreas, aber das Land gegenüber wird vom Auster mit Regen und dauernden Wolken befeuchtet. Über das alles legt er den flüssigen Äther, der jeder Schwere ermangelt und frei ist von jeglichem irdischen Unrat.

Kaum hat er alles durch feste Begrenzung umhagt und geschieden, als die Gestirne, die lang in der Masse gepresst und verborgen waren, allüberall jetzt am Himmel zu leuchten begannen. Auf dass keine der Zonen der lebenden Wesen ermangle, sollten die Sterne, Gestalten von Göttern, den Himmel bevölkern. Glänzenden Fischen gewährten die Wasser die Wohnung, die Erde bot den Tieren das Heim, die beweglichen Lüfte den Vögeln. 

Aber ein reineres Wesen, Gefäß eines höheren Geistes, über die andern zu herrschen befähigt, es fehlte noch immer. Und es entstand der Mensch, sei es, dass ihn aus göttlichem Samen jener Meister erschuf, der Gestalter der besseren Weltform, sei es dass die Erde, die jugendfrische, erst kürzlich vom hohen Äther geschieden, die Samen, die himmelsverwandten, bewahrte. Denn sie mischte des Iapetus Sohn mit dem Wasser des Regens, formte sie dann nach dem Bild der alles regierenden Götter. Während die anderen Wesen gebückt zur Erde sich neigen, ließ er den Menschen das Haupt hochtragen: er sollte den Himmel sehen und aufgerichtet den Blick nach den Sternen erheben. Also war nun die Erde verwandelt: soeben noch formlos roh, ward sie jetzt geschmückt mit den Menschengestalten, den neuen. (Ovid)







Donnerstag, 21. Mai 2015

Der Samurai und die Flöte • Teil 2 von 2 • Sage aus Japan

Das Boot machte gute Fahrt, der Schiffer strengte sich an, und unter den Reisenden herrschte heitere Stimmung. Das Wetter war klar, und da es noch früher Morgen war, lag über dem Wasser eine erfrischende Kühle. Es versprach, eine angenehme und kurzweilige Reise zu werden. Die Leute im Boot unterhielten sich, und unter all den Gesprächen merkte keiner, dass das Schifflein immer langsamer wurde. Der Schiffer gab sich gewaltig Mühe, aber endlich wollte sich das Boot überhaupt nicht mehr bewegen, es trieb ganz ruhig auf dem Wasser, immer an derselben Stelle. Das fiel den Reisegenossen denn doch auf, und einer rief: "He, Bootsmann, warum bleibt Ihr stehen! Macht, dass wir weiterkommen, wir sind eilige Leute!" Der Angeredete wischte sich den Schweiß von der Stirn und meinte sorgenvoll: "Liebe Fahrgäste, ich kann mich noch so anstrengen, unser Boot ist wie festgehalten." "Wir müssen aber weiter, wir können doch nicht hier auf dem Wasser bleiben!" Wieder setzte der Schiffer seine Kraft ein, das Boot aber ließ sich nicht fortbringen. Die Insassen wurden allmählich unruhig, einer schaute den anderen an, aber keiner wusste Rat. Das Fahrzeug hing bewegungslos mitten auf dem Fluss, und das Wasser schien unheimlich zu rauschen. Da sprach der Bootsführer: "Es kann sein, dass die Wassergeister einen Tribut von uns wollen. Ich bitte Euch nun, dass jeder das Beste und Kostbarste, das er bei sich hat, ins Wasser wirft. Vielleicht erlauben uns dann die Bewohner der Tiefe die Weiterfahrt." Er entledigte sich sogleich seiner schönen, gestickten Jacke und warf sie in den Fluss. Sie sank sofort. Jeder wühlte in seinem Bündel. Der Priester, der mitreiste, opferte eine wertvolle Schriftrolle, der Bauersmann einen Sack mit Bohnen, der Händler öffnete seufzend seine Geldtasche und trennte sich von einem Goldstück, ein junges Mädchen zog die Schmucknadel aus Schildpatt aus seinem Haar und ließ sie ins Wasser gleiten, und eine Sängerin ihr Shamisen. Jede Gabe sank sogleich hinunter in die dunkle Flut. Nun war die Reihe an den jungen Samurai gekommen, er zögerte kurz, dann zog er seine geliebte Flöte aus dem Gürtel hervor. Nachdenklich warf er sie in den Fluss, und sie sank nicht unter wie die anderen Tribute. Im Gegenteil, sie stellte sich sogar senkrecht auf, stand eine Weile still, dann begann sie, um das Boot Kreise zu ziehen. Entsetzt wichen die Reisegefährten von dem Ritter zurück und drückten sich bleich in einer Ecke des Bootes zusammen: Der Samurai war es, ihm wollten die Wassergeister die Weiterfahrt nicht erlauben! Der junge Mann wusste in seinem Herzen, warum er nicht ziehen durfte: Er hatte dem Wasserwesen, dem Mädchen am See, versprochen, auf der Rückreise für sie auf der Flöte zu spielen, und er hatte sein Versprechen nicht halten wollen. Nun war das Mädchen gekommen, um ihn zu strafen. Seine Macht reichte bis in den Fluss hinaus, er schaute auf, ja, da drüben lag die Seenlandschaft, er konnte die alten Weidenbäume mit den zartgrünen Schleiern gut erkennen.


In der Zwischenzeit hatte sich der Schiffer vom ersten Schrecken erholt, er ermannte sich und sagte: "Herr, Ihr seht, dass die Wassergeister etwas mit Euch zu schaffen haben. Ihr werdet am besten wissen, was ihr Anliegen ist. Ich muss Euch bitten, unser Boot zu verlassen, sonst kommen wir nie ans Ufer zurück." Der Samurai nickte kurz, trat auf den Rand des Bootes und sprang ins Wasser. Die Reisegefährten schrieen auf, zuerst aus Schreck, dann aber aus Verwunderung: Der junge Mann sank nämlich nicht in die Tiefe, nein, das Wasser spielte ihm gerade bis über die Füße. Er stand auf dem Fluss. Wortlos drehte er sich um und rannte auf dem Wasser in Richtung der Sümpfe und Seen. Dort verschwand er bald zwischen den Weidenschleiern und Wassergewächsen. Und seine Flöte glitt hinter ihm her! Als er nicht mehr zu sehen war, fing das Boot auf einmal an, sich wieder zu bewegen. Der Bann hatte sich gelöst, und mit Leichtigkeit konnte der Schiffer das Fahrzeug zu seiner Bestimmung lenken.

Der junge Samurai aber blieb verschwunden. Seine Gefährten im Boot waren die allerletzten gewesen, die ihn gesehen hatten. Dann bekam ihn niemand mehr zu Gesicht. In den Sümpfen und Seen des Mogami-Flusses hört man seit diesem Begebnis oft wunderzarte Flötenmusik. Besonders in hellen Mondnächten im Herbst, wenn weiße Nebel über den Wassern liegen, steigen die fein gesponnenen Töne geheimnisvoll zum Nachthimmel empor.








Dienstag, 5. Mai 2015

Von Falschheit und Untreue • Umgang • Fabel von Martin Luther

Eine Maus wäre gern über ein Wasser geschwommen, konnte aber nicht und bat einen Frosch um Rat und Hilfe. Der Frosch war ein Schalk und sprach zur Maus: "Binde deinen Fuß an meinen Fuß, so will ich schwimmen und dich hinüberziehen." Da sie aber aufs Wasser kamen, tauchte der Frosch unter und wollte die Maus ertränken. Während aber die Maus sich wehrt und abmüht, fliegt ein Bussard daher, ergreift die Maus, zieht auch den Frosch mit heraus und frisst sie beide. 

Siehe dich vor, mit wem du umgehst. Die Welt ist voller Falsch und Untreue. Wo einer etwas über den anderen vermag, da steckt er ihn in den Sack. Doch schlägt Untreue allzeit ihren eigenen Herrn, wie dem Frosch hier geschah. 







Freitag, 20. Februar 2015

Das gesamte Leben ist Verwandlung | Marc Aurel


Solltest du dich wirklich vor der Verwandlung fürchten? Es geschieht ja nichts in der Welt ohne Verwandlung. Das eigentliche Wesen der Allnatur ist Verwandlung. Man kann kein Wasser wärmen, ohne dass dabei eine Verwandlung des Holzes vor sich gehe, die Ernährung ist unmöglich, ohne dass die Speisen sich verwandeln. Das gesamte Leben der Welt ist nichts anderes als eine Umwandlung. Begreife also, dass deine eigene Verwandlung ganz denselben Sinn hat, dass sie als eine Folge der Natur der Dinge notwendig ist. Auf eines muss man nur bedacht sein, dass man nicht irgend etwas der wahren Menschennatur zuwider tue, dass man in allem so handle, wie und wann es jener entspricht. 





Mittwoch, 4. Februar 2015

Der Wolf und das Lamm | Der Vorwand | Fabel von Aesop

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Ein Wolf kam an einen Bach, um dort zu trinken. Da gewahrte er ein Lamm, das ein Stück unterhalb von ihm seinen Durst löschte. "Warum trübst du mir das Wasser, das ich trinken will?" wollte er wissen. -- "Wie kann ich das Wasser trüben, das von dir zu mir herabfließt?", antwortete das Lamm. -- "Jedenfalls weiß ich", sagte der Wolf, "dass du vor fünf Monden übel von mir geredet hast." -- "Wie sollte das möglich sein?" erwiderte das Lamm. "Damals war ich noch gar nicht geboren." -- "Dann ist es eben dein Vater gewesen", schrie der Wolf und zerriss das Lamm, um es zu verschlingen. 


Lehre:
Für Untaten ist dem Bösewicht jeder Vorwand recht.





Donnerstag, 5. April 2012

Johannes Reuchlin und das Rätsel einer jungen Frau

Ein Rätsel, das im Jahre 1497 eine schöne junge Frau dem Johannes Reuchlin aus Pforzheim im Schwarzwald aufgab.
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Als ich mit meinen Gespielinnen im Grünen spazieren ging, begegnete mir an der Quelle, an der ich oft wusch, auf der Wasserfläche eine schöne Gestalt, die mich auch begleitete, als ich nach Hause ging. Bald erschien sie in der Nähe, bald verbarg sie sich hinter den steinigen Höhen; schließlich versuchte sie, mich an der Nase herumzuführen und sich an mich zu schmiegen. Ja, sie wollte mir sogar auf meinem Lager beiwohnen. Sie liebt die Sonne mehr als alles andere und verschwindet im Dunkeln betrübt. Sag mir doch: Was es ist?


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Johannes Reuchlin

Er ist der berühmteste Sohn der Stadt Pforzheim. Johannes Reuchlin wurde im Jahre 1455 geboren und trug zeit seines Lebens stolz den Beinamen „Phorcensis“ („aus Pforzheim“). Neben Erasmus von Rotterdam zählt Reuchlin zu den wichtigsten europäischen Humanisten. Eines seiner Hauptanliegen war es, durch Studium der Sprachen die lateinischen, griechischen und hebräischen religiösen und philosophischen Urtexte wieder zu erschließen. Er wurde somit zu einem Vorläufer der Reformation. Reuchlin gilt als Vorbild der Toleranz, da er sich immer vehement für die Aussagen und den Erhalt alten Schrifttums einsetzte.  







Freitag, 2. Dezember 2011

Der Hund und das Stück Fleisch | Begierde | Fabel von Aesop

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Ein großer Hund hatte einem kleinen, schwächlichen Hündchen ein dickes Stück Fleisch abgejagt. Er brauste mit seiner Beute davon. Als er über eine schmale Brücke lief, fiel zufällig sein Blick ins Wasser. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen, denn er sah unter sich einen Hund, der gierig seine Beute festhielt. „Der kommt mir zur rechten Zeit", sagte der Hund auf der Brücke, "heute habe ich wirklich Glück. Sein Stück Fleisch scheint noch größer zu sein als meines." Gefräßig stürzte er sich kopfüber in den Bach und biss nach dem Hund, den er von der Brücke aus gesehen hatte. Das Wasser spritzte auf. Er ruderte wild im Bach umher und spähte hitzig nach allen Seiten. Aber er konnte den Hund mit dem Stück Fleisch nicht mehr entdecken, er war verschwunden. Da fiel dem Hund sein soeben erbeutetes, eigenes Stück ein. Wo war es geblieben? Verwirrt tauchte er unter und suchte vergeblich danach. 

Lehre:
In seiner dummen Gier war ihm auch noch das Stück Fleisch verloren gegangen, das er schon sicher zwischen seinen Zähnen gehabt hatte.