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Freitag, 13. Juli 2018

Der Mann, der nie zu spät kam

Der Mann, der nie zu spät kam:

Ich will von einem Mann erzählen, der immer sehr pünktlich war. Er hieß Wilfried Kalk und war noch nie in seinem Leben zu spät gekommen, in den Kindergarten, zur Schule, zur Arbeit oder zum Zug.


Mittwoch, 6. Juli 2016

tik tak | Alles geht nach der Uhr | Allegorie von Irmela Wendt

aventin.blogspot.com

"Alles geht nach der Uhr", sagte, Frau Ureburegurli. "Um ein Uhr haben die Kinder gegessen, bis drei Uhr arbeiten sie an den Schulaufgaben, bis fünf Uhr dürfen sie spielen, um halb sechs essen sie Abendbrot, danach lernt die Oma noch mit den Kindern, und von abends sieben bis morgens sieben schlafen sie. Um acht Uhr gehen sie zur Schule, und um zwölf Uhr dreißig sind sie wieder zu Hause."

"Ich bin mal gespannt", sagt Frau Lustibustigiero, die Nachbarin, "wie lange es dauern wird, bis Ihre Kinder nur noch 'tik tak' sagen."







Dienstag, 14. Juni 2016

Der Zwerg von Volkringhausen und das Hirtenmädchen


In der Nähe von Volkringhausen liegt eine Höhle. Dort wohnte vor Zeiten ein Zwerg, dem ein Hirtenkind aus Volkringhausen gar wohl gefiel. Das Mädchen fand einst am Berghang ein zierliches Hämmerchen. Da es glaubte, das müsse einem Zwerg gehören, legte es das Werkzeug in den Eingang der Höhle. Als das Mädchen sich umdrehte, stand plötzlich der Zwerg vor ihr, der sie aus dem Gebüsch heraus still beobachtet hatte. Er bedankte sich bei der ehrlichen Finderin und schenkte ihr ein Paar Schuhe mit silbernen Spangen. Das Mädchen war darüber so überrascht, dass es ganz vergaß, dem Männlein zu danken. Und als sie sich darauf besann, war der Zwerg verschwunden. Da wand sie einen Strauß von Immergrün, Engelsüss und Tausendschön, legte ihn vor der Höhle nieder und trieb dann die Herde heim. 

Am anderen Morgen, als die Hirtin wieder oben auf dem Felsen saß, wo sie ihre Herde am besten überschauen konnte und wo sie auch gern ihre frohen Lieder sang, stand, wie aus den Wolken gefallen, wieder der Zwerg vor ihr. Er reichte ihr einen silbernen Haarreifen und sprach: "Du bist ein gutes Kind. Bring mir in jedem Sommer einen Strauß, wie du es gestern getan hast, und ich will es dir lohnen. Den frischen Blumenstrauß aber lege unter den Rosendorn, der dort am Felsen steht." 

Das Hirtenkind erfüllte nun alljährlich den bescheidenen Wunsch des Zwerges, pflückte Immergrün und Engelsüss am Felshang und Tausendschön im Tal, trug den Strauß zur rechten Stelle hin und erhielt ein jedes Mal reichen Lohn. 

Nach sieben Jahren aber, als das Mädchen zur blühenden Jungfrau herangewachsen war, bat es den Zwerg, er möge sie doch einmal in das Reich der Zwerge führen und ihr zeigen, wo seine Wohnung sei. Das bekümmerte den guten Zwerg gar sehr, und er warnte es eindringlich und sprach: "Kind, lass ab von deinem Begehren, oder es wird dein Unglück sein!" Doch das Mädchen bestand auf ihrem Willen, denn die Schätze hatten ihr das Herz betört. Da nahm der Zwerg ein Eibenreis, steckte es ihr ins Haar, dass sie die Heimat nicht vergäße, hauchte ihr auf die Augen, damit ihr das unterirdische Licht nicht schade, und ging dann voran in den Berg. Das Mädchen schaute sich noch einmal um, ließ ihre Herde im Tal und folgte ihm. 

Als die Hirtin durch eine Pforte von leuchtendem Bergkristall geschritten war, stand sie ganz im Zauber der Unterwelt. Ihre Sinne waren verwirrt von all der Pracht und Herrlichkeit. Sprachlos folgte sie ihrem Führer und wanderte weiter und immer weiter. Und sie sah auch den König der Zwerge in Gold und Purpur auf dem Thron sitzen. Wie sie zuletzt an einen kleinen See kam, in welchem sich tausend farbige Lichter widerspiegelten, erblickte sie im Wasser ihr eigenes Bild. Und als sie das Eibenreis im Haar sah, gedachte sie der Mutter daheim und der trauten Gespielinnen und der Wiese im Tal. Und sie wünschte sich fort aus der Unterwelt, damit sie wieder unter Menschen wäre. 

Daraufhin wurde sie zurückgeführt und sah bald wieder das Sonnenlicht und stand am Berghang, dort, wo sonst der Rosendorn grünte. Aber der Dorn stand nicht mehr am Felsen, und die Bäumchen, die sonst am Berg wuchsen, waren in haushohe Stämme mit ausgedehnten Kronen verwandelt, und von der Herde war kein einziges Tier mehr zu finden. Da stand das Mädchen wie im Traum und glaubte, sie befände sich an einem fremden Ort. Schnell eilte sie hinunter ins Tal und suchte das Haus ihrer Mutter. Das Heimatdorf lag im stillen Frieden der Abendsonne, aber an der Stelle, wo sonst die Mutter wohnte, befand sich nur zerfallenes Gemäuer, und Brombeerranken legten sich darüber. Nur der alte Birnbaum mit der breiten Bank aus Stein war noch da. 

Wie das Mädchen nun auf der Bank saß, die Hände rang und klagte, kamen die Nachbarn herbei und fragten, was ihr Begehren sei; denn sie war allen fremd und unbekannt. Als sie aber ihren Namen nannte und erzählte, sie sei am Morgen in den Berg gestiegen, und nun nach wenigen Stunden habe sich alles so verändert, trat eine alte Frau hervor, schloss das Mädchen unter Tränen in die Arme und sprach: "Kind, Kind, was ist mit dir geschehen? Vor vielen Jahren bist du verschwunden, und alles Suchen war umsonst. - Deine Mutter ist gestorben, und als nach Jahren euer Haus in Rauch und Flammen aufging, sind Bruder und Schwester in die weite Welt gezogen, und keiner weiß wohin." Da wollte dem Mädchen die Brust zerspringen, und sie starb noch  am gleichen Tag vor lauter Herzeleid.






Montag, 30. Mai 2016

Die beiden Pflugscharen | Fleiß und Faulheit | Fabel von Meissner


Zwei Pflugscharen kamen miteinander neu vom Schmied und waren von völlig gleichem Ansehen. Die eine wurde hingeworfen und lag jahrelang müßig herum, sodass sie vom Rost verunstaltet wurde. Die andere aber kam alsbald an den Pflug und musste das Land pflügen, wobei sie wunderschön blank wurde. 

Als die beiden einmal wieder zusammenkamen, sahen sie einander voll Verwunderung an. Die so lange müßig herum gelegen hatte, sprach zu ihrer fleißigen Schwester: "Sage mir doch, wodurch bist du so schön geworden und ich so hässlich? Ich habe doch lauter gute Tage gehabt und lag still und warm hier in diesem Winkel." --- "Das ist es ja eben", erwiderte die andere, "die träge Ruhe hat dich verunstaltet; ich aber bin schön durch meinen Fleiß geworden."


Lehre: 
Wer rastet, der rostet.





Dienstag, 16. Februar 2016

Sage vom Berggeist Domine Johannes - Rübezahl - und der Kräutersammlerin

Der Berggeist Rübezahl vom Riesengebirge hat öfters arme Leute reich und glücklich gemacht. So half er einer armen Kräutersammlerin, die sich verirrt hatte, auf den richtigen Weg, nahm ihr aber die Kräuter, die sie im Korb hatte, heraus und legte ihr Baumblätter hinein. Weil aber die Frau später wieder die gleichen Kräuter fand, warf sie die Baumblätter weg. Einige davon waren aber im Korbgeflecht hängen geblieben. Als sie nach Hause kam, waren alle diese Blätter aus feinem Gold. Sogleich ging die Frau nochmals in den Wald zurück, um die weggeworfenen zu suchen, fand sie aber nicht mehr. Doch schon die wenigen Blätter, die ihr verblieben waren, machten sie sehr reich.

In alter Zeit hat man Rübezahl voller Ehrfurcht angeredet: Domine Johannes. Bergbewohner, die höher oben im Riesengebirge wohnen, wissen dies und vermeiden auch heute noch die dem Berggeist verhasste Benennung "Rübezahl", die als Spottname gilt. Dem Herrn Johannes hat man früher zur Zeit der Sommersonnenwende schwarze Hähne geopfert.





Montag, 21. Dezember 2015

Schon wieder ist fast ein Jahr vorbei ⋅ Adventgedanken


Schon wieder ist fast ein Jahr vorbei, ein Jahr unseres Lebensweges, den wir mit den verschiedensten Menschen gegangen sind. Wen haben wir, wer hat uns begleitet? Wen oder was haben wir gesucht? Gefunden? Verloren?

Manche suchen auf ihren Wanderungen auch gern nach den unscheinbaren Dingen. Es muss nicht immer alles großartig, zauberhaft oder überwältigend sein. Was wir an unseren Mitmenschen besonders gern mögen, sind doch die Kleinigkeiten. Und gerade diese sind so wichtig, weil sie das Leben ausmachen. Da sein dürfen, wach sein, lebendig sein in einer Welt, die uns immer tristere Zukunftsvisionen einräumen will. Ganz Mensch sein dürfen, mit Herz und Verstand, mit Gefühl, Vertrauen und Toleranz. Aber auch NEIN sagen können inmitten einer so geschäftigen, gar nicht adventlichen Zeit. Wütend werden über all das, was das Leben bedroht. Doch dabei auch zart bleiben, weich sein und das ganz ohne Gewalt. Leise Worte und sanfte Gesten finden und zeigen, dass man auch verletzlich ist. Sich den Mitmenschen, einem Kind, einsamen oder alten Menschen zuwenden, besonders jenen, die in Not sind. Den Boden wieder unter den Füßen spüren und sich dabei selbst wiederfinden.

Was will man uns heute nicht alles einreden! Das Ego ist gefragt! Man müsse sich selbst behaupten, brauche Stehvermögen und Emanzipation! Gebrauche deine Ellenbogen, zu was hat man sie denn! Erfolg, Macht und Ansehen sind von Nöten um vorwärts zu kommen!

Aber das geht nur auf Kosten seiner Selbst und der Anderen. Ist das der Sinn des Lebens? Und wo bleibt die Liebe?

Um sich von all dem zu lösen, dazu gehört schon ein großes Stück Verwegenheit. Der Verfasser wünscht deshalb allen Lesern den Mut, diese Verwegenheit, welche letztendlich zur Freiheit für sich und alle anderen führt, zu finden und zu gewinnen. Die Freiheit eines neuen verantwortlichen Bewusstseins mit dem Blick auf das Ganze!






Dienstag, 8. September 2015

Der Geist des Salomo • Alles zu seiner Zeit • Fabel von Lessing

Ein ehrlicher Greis trug des Tages Last und Hitze, sein Feld mit eigener Hand zu pflügen und mit eigener Hand den reinen Samen in den lockern Schoß der willigen Erde zu streuen. 

Auf einmal stand unter dem breiten Schatten einer Linde eine göttliche Erscheinung vor ihm da! Der Greis stutzte. "Ich bin Salomo", sagte mit vertraulicher Stimme das Phantom. "Was machst du hier, Alter?"  

"Wenn du Salomo bist", versetzte der Alte, "wie kannst du fragen? Du schicktest mich in meiner Jugend zu der Ameise; ich sah ihren Wandel und lernte von ihr fleißig sein und sammeln. Was ich da lernte, das tue ich immer noch."

"Du hast deine Lektion nur halb gelernt", versetzte der Geist. "Geh noch einmal hin zur Ameise und lerne nun auch von ihr, in dem Winter deiner Jahre zu ruhen und des Gesammelten sich zu erfreuen." 







Donnerstag, 23. Juli 2015

Vom Fluss lernen, dass es keine Zeit gibt • Hermann Hesse

Freundlich lebte Siddhartha neben Vasudeva, und zuweilen tauschten sie Worte. Vasudeva war kein Freund der Worte, selten gelang es Siddhartha, ihn zum Sprechen zu bewegen. "Hast du" so fragte er ihn einst, "hast auch du vom Flusse jenes Geheime gelernt: dass es keine Zeit gibt?" Vasudevas Gesicht überzog sich mit hellem Lächeln. "Ja, Siddhartha", sprach er. "Es ist doch dieses, was du meinst: dass der Fluss überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, überall, zugleich, und dass es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten Zukunft?" "Dies ist es", sagte Siddhartha. "Und als ich es gelernt hatte, das sah ich mein Leben an, und es war auch ein Fluss, und es war der Knabe Siddhartha vom Manne Siddhartha und vom Greis Siddhartha nur durch Schatten getrennt, nicht durch Wirkliches. Es waren auch Siddharthas frühere Geburten keine Vergangenheit, und sein Tod und seine Rückkehr zu Brahma keine Zukunft. Nichts war, nichts wird sein; alles ist, alles hat Wesen und Gegenwart."





Freitag, 17. Juli 2015

Die vier Weltalter • Metamorphosen von Ovid



Und es entstand die erste, die goldene Zeit: ohne Rächer, ohne Gesetz, von selber bewahrte man Treue und Anstand. Strafe und Angst waren fern; kein Text von drohenden Worten stand an den Wänden auf Tafeln von Erz; es fürchtete keine flehende Schar ihren Richter: man war ohne Rächer gesichert. Fichten fällte man nicht, um die Stämme hernieder von ihren Höhn in die Meere zu rollen, nach fremden Ländern zu fahren; außer den ihrigen kannten die Sterblichen keine Gestade. Keinerlei steil abschüssige Gräben umzogen die Städte; keine geraden Posaunen, nicht eherne Hörner, gekrümmte, gab es, nicht Helme noch Schwert, des Soldaten bedurften die Völker nicht: sie lebten dahin sorglos in behaglicher Ruhe. Selbst die Erde, vom Dienste befreit, nicht berührt von der Hacke, unverwundet vom Pflug, so gewährte sie jegliche Gabe, und die Menschen, zufrieden mit zwanglos gewachsenen Speisen, sammelten Früchte des Erdbeerbaums, Erdbeeren der Berge, Kornelkirschen, in stachligen Brombeersträuchern die Früchte und die Eicheln, die Jupiters Baum, der breite, gespendet. Ewiger Frühling herrschte, mit lauem und freundlichem Wehen fächelten Zephyrlüfte die Blumen, die niemand gesäet. Ja, bald brachte die Erde, von niemand bepflügt, das Getreide: ungewendet erglänzte das Feld von gewichtigen Ähren. Hier gab's Ströme von Milch, dort ergossen sich Ströme von Nektar, und es troff von der grünenden Eiche der gelbliche Honig.

Aber nachdem man Saturn in des Tartarus Dunkel geworfen, und die Welt unter Jupiter stand, erschien ein Geschlecht von Silber, geringer als jenes von Gold, wertvoller als Bronze. Jupiter kürzte den einstigen Frühling: durch Winter und heiße Sommer, durch wetterwendische Herbste und einen gar kurzen Frühling ließ er das Jahr in vier Perioden verlaufen. Damals erglühte die Luft in trockener Hitze zum ersten Mal, und es hingen Zapfen von Eis, von den Winden gefroren; jetzt erst suchte man Obdach: die Häuser bestanden aus Höhlen, auch aus dichtem Gesträuch und aus Ruten, von Rinde umkleidet; Jetzt erst warf man die Samen der Ceres in längliche Furchen, und es stöhnten die Stiere, die jungen, vom Joche geknechtet. 

Drittens folgte auf dieses sodann ein ehern Geschlecht nach, grimmiger schon im Gemüt, zu den schaurigen Waffen bereiter, aber noch ohne Verbrechen. Das letzte Geschlecht ist von hartem Eisen. Da brachen sogleich in die Zeit des geringern Metalles jegliche Frevel; es flohen die Scham, die Wahrheit, die Treue. Dafür erwuchsen die Laster: Betrug und allerlei Ränke, Hinterlist und Gewalt und die frevle Begier nach Besitztum. Segel bot man den Winden - noch kannte der Schiffer sie wenig -, und die Kiele, die lang in den hohen Gebirgen gestanden, munter tanzten sie jetzt auf unbekannten Gewässern; und der Boden, der früher Gemeingut war wie die Lüfte und wie das Licht, jetzt ward er genau mit Grenzen bezeichnet. Nicht nur Saaten verlangte der Mensch von dem üppigen Boden, Nahrung, die zu gewähren er schuldete, nein, in der Erde Tiefen drang man, die Schätze zu graben, Lockmittel des Bösen, die sie im Innern verwahrte, zunächst bei den stygischen Schatten. Schon ist das schädliche Eisen erschienen und, schlimmer als Eisen, Gold; nun erscheint auch der Krieg: er kämpft ja mit beiden Metallen, und er schüttelt mit blutiger Hand die klirrenden Waffen. Also lebt man vom Raub: nicht trauen sich Wirte und Gäste, nicht der Schwäher dem Eidam, auch Bruderliebe ist selten. Gatte und Gattin, sie trachten nach wechselseitigem Morde; für Stiefkinder mischen die Mütter entsetzliche Gifte; frühe erforscht der Sohn die Todesstunde des Vaters; Ehrfurcht und Rechtlichkeit liegen zertreten; Astraea, die Jungfrau, hat, die letzte der Götter, die blutige Erde verlassen.





Freitag, 26. Juni 2015

Die gefährliche Wette ⋅ Novelle von Johann Wolfgang von Goethe

Es ist bekannt, dass die Menschen, sobald es ihnen einigermaßen wohl und nach ihrem Sinne geht, also bald nicht wissen, was sie vor Übermut anfangen sollen.

So hatten wir auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht, das bei einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und in großer Einsamkeit ein paar hübsche Mädchen zu Bewohnerinnen hatte. Man wollte ausruhen, die Zeit verschleudern, verlieben, eine Weile wohlfeil leben und etwas Geld vergeuden. Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhöhten, andere im erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren Rausch aus; die andern hätten ihn gern auf irgendeine mutwillige Weise ausgelassen. Wir hatten ein paar große Zimmer im Seitenflügel nach dem Hof zu. Eine schöne Equipage, die mit vier Pferden hereinrasselte, zog uns an die Fenster. Die Bedienten sprangen vom Bock und halfen einem Herrn von stattlichem, vornehmem Ansehen heraus, der ungeachtet seiner Jahre noch rüstig genug auftrat. Seine große, wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht, und ich weiß nicht, was für ein böser Geist mich anhauchte, so dass ich in einem Augenblick den tollsten Plan erfand und ihn, ohne weiter zu denken, sogleich auszuführen begann.

»Was dünkt euch von diesem Herrn?« fragte ich die Gesellschaft. - »Er sieht aus«, versetzte der eine, »als ob er nicht mit sich spaßen lasse.« - »Ja, ja«, sagte der andre, »er hat ganz das Ansehen so eines vornehmen Rührmichnichtan.« - »Und dessen ungeachtet«, erwiderte ich ganz getrost, »was wettet ihr, ich will ihn bei der Nase zupfen, ohne dass mir deshalb etwas Übles widerfahre; ja ich will mir sogar dadurch einen gnädigen Herrn an ihm verdienen.« »Wenn du es leistest«, sagte Raufbold, »so zahlt dir jeder einen Louisdor.« - »Kassieren Sie das Geld für mich ein«, rief ich aus; »auf Sie verlasse ich mich.« - »Ich möchte lieber einem Löwen ein Haar von der Schnauze raufen«, sagte der Kleine. - »Ich habe keine Zeit zu verlieren«, versetzte ich und sprang die Treppe hinunter.

Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt, dass er einen sehr starken Bart hatte, und vermutete, dass keiner von seinen Leuten rasieren könne. Nun begegnete ich dem Kellner und fragte: »Hat der Fremde nicht nach einem Barbier gefragt?« - »Freilich!« versetzte der Kellner, »und es ist eine rechte Not. Der Kammerdiener des Herrn ist schon zwei Tage zurückgeblieben. Der Herr will seinen Bart absolut los sein, und unser einziger Barbier, wer weiß, wo er in die Nachbarschaft hingegangen.« »So meldet mich an«, versetzte ich; »führt mich als Bartscherer bei dem Herrn nur ein, und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen.« Ich nahm das Rasierzeug, das ich im Hause fand, und folgte dem Kellner.

Der alte Herr empfing mich mit großer Gravität, besah mich von oben bis unten, als ob er meine Geschicklichkeit aus mir herausphysiognomieren wollte. »Versteht Er Sein Handwerk?« sagte er zu mir. »Ich suche meinesgleichen«, versetzte ich, »ohne mich zu rühmen.« Auch war ich meiner Sache gewiss: denn ich hatte früh die edle Kunst getrieben und war besonders deswegen berühmt, weil ich mit der linken Hand rasierte.

Das Zimmer, in welchem der Herr seine Toilette machte, ging nach dem Hof und war gerade so gelegen, dass unsere Freunde füglich hereinsehen konnten, besonders wenn die Fenster offen waren. An gehöriger Vorrichtung fehlte nichts mehr. Der Patron hatte sich gesetzt und das Tuch vorgenommen. Ich trat ganz bescheiden vor ihn hin und sagte: »Exzellenz! mir ist bei Ausübung meiner Kunst das Besondere vorgekommen, dass ich die gemeinen Leute besser und zu mehrerer Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen. Darüber habe ich denn lange nachgedacht und die Ursache bald da, bald dort gesucht, endlich aber gefunden, dass ich meine Sache in freier Luft viel besser mache als in verschlossenen Zimmern. Wollten seine Exzellenz deshalb erlauben, dass ich die Fenster aufmache, so würden Sie den Effekt zu eigener Zufriedenheit gar bald empfinden.« Er gab es zu, ich öffnete das Fenster, gab meinen Freunden einen Wink und fing an, den starken Bart mit großer Anmut einzuseifen. Ebenso behend und leicht strich ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht versäumte, als es an die Oberlippe kam, meinen Gönner bei der Nase zu fassen und sie merklich herüber und hinüber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen wusste, dass die Wettenden zu ihrem größten Vergnügen erkennen und bekennen mussten, ihre Seite habe verloren.

Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel: man sah, dass er sich mit einiger Gefälligkeit betrachtete, und wirklich, es war ein sehr schöner Mann. Dann wendete er sich zu mir mit einem feurigen schwarzen, aber freundlichen Blick und sagte: »Er verdient, mein Freund, vor vielen seinesgleichen gelobt zu werden, denn ich bemerke an Ihm weit weniger Unarten als an andern. So fährt Er nicht zwei-, dreimal über dieselbige Stelle, sondern es ist mit einem Strich getan; auch streicht Er nicht, wie mehrere tun, sein Schermesser in der flachen Hand ab und führt den Unrat nicht der Person über die Nase. Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der linken Hand zu bewundern. Hier ist etwas für Seine Mühe«, fuhr er fort, indem er mir einen Gulden reichte. »Nur eines merk' Er sich: dass man Leute von Stande nicht bei der Nase fasst. Wird Er diese bäurische Sitte künftig vermeiden, so kann Er wohl noch in der Welt sein Glück machen.«

Ich verneigte mich tief, versprach alles mögliche, bat ihn, bei allenfallsiger Rückkehr mich wieder zu beehren, und eilte, was ich konnte, zu unseren jungen Gesellen, die mir zuletzt ziemlich Angst gemacht hatten. Denn sie verführten ein solches Gelächter und ein solches Geschrei, sprangen wie toll in der Stube herum, klatschten und riefen, weckten die Schlafenden und erzählten die Begebenheit immer mit neuem Lachen und Toben, dass ich selbst, als ich ins Zimmer trat, die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen bat, ruhig zu sein, endlich aber mitlachen musste über das Aussehen einer närrischen Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgeführt hatte.

Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens einigermaßen gelegt hatten, hielt ich mich für glücklich; die Goldstücke hatte ich in der Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu, und ich hielt mich für ganz wohl ausgestattet, welches mir um so erwünschter war, als die Gesellschaft beschlossen hatte, des andern Tages auseinander zu gehen. Aber uns war nicht bestimmt, mit Zucht und Ordnung zu scheiden. Die Geschichte war zu reizend, als dass man sie hätte bei sich behalten können, so sehr ich auch gebeten und beschworen hatte, nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu halten. Einer bei uns, der Fahrige genannt, hatte ein Liebesverhältnis mit der Tochter des Hauses. Sie kamen zusammen, und Gott weiß, ob er sie nicht besser zu unterhalten wusste, genug, er erzählt ihr den Spaß, und so wollten sie sich nun zusammen totlachen. Dabei blieb es nicht, sondern das Mädchen brachte die Märe lachend weiter, und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den alten Herrn gelangen.

Wir saßen ruhiger als sonst: denn es war den Tag über genug getobt worden, als auf einmal der kleine Kellner, der uns sehr zugetan war, hereinsprang und rief: »Rettet euch, man wird euch totschlagen!« Wir fuhren auf und wollten mehr wissen; er aber war schon zur Türe wieder hinaus. Ich sprang auf und schob den Nachtriegel vor; schon aber hörten wir an der Türe pochen und schlagen, ja wir glaubten zu hören, dass sie durch eine Axt gespalten werde. Maschinenmäßig zogen wir uns ins zweite Zimmer zurück, alle waren verstummt: »Wir sind verraten«, rief ich aus, »der Teufel hat uns bei der Nase!« 

Raufbold griff nach seinem Degen, ich zeigte hier abermals meine Riesenkraft und schob ohne Beihilfe eine schwere Kommode vor die Türe, die glücklicherweise hereinwärts ging. Doch hörten wir schon das Gepolter im Vorzimmer und die heftigsten Schläge an unsere Türe. Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber rief ich ihm und den übrigen zu: »Rettet euch! hier sind Schläge zu fürchten nicht allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere für den Edelgebornen.« Das Mädchen stürzte herein, dieselbe, die uns verraten hatte, nun verzweifelnd, ihren Liebhaber in Todesgefahr zu wissen. »Fort, fort!« rief sie und fasste ihn an; »fort, fort! ich bring' euch über Böden, Scheunen und Gänge. Kommt alle, der letzte zieht die Leiter nach.« Alles stürzte nun zur Hintertüre hinaus; ich hob noch einen Koffer auf die Kiste, um die schon hereinbrechenden Füllungen der belagerten Türe zurückzuschieben und festzuhalten. Aber meine Beharrlichkeit, mein Trutz wollte mir verderblich werden. Als ich den übrigen nachzueilen rannte, fand ich die Leiter schon aufgezogen und sah alle Hoffnung, mich zu retten, gänzlich versperrt. Da steh' ich nun, ich, der eigentliche Verbrecher, der ich mit heiler Haut, mit ganzen Knochen zu entrinnen schon aufgab. Und wer weiß - doch lasst mich immer dort in Gedanken stehen, da ich jetzt hier gegenwärtig euch das Märchen vorerzählen kann. Nur vernehmt noch, dass diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor.

Der alte Herr, tief gekränkt von Verhöhnung ohne Rache, zog sich's zu Gemüte, und man behauptet, dieses Ereignis habe seinen Tod zur Folge gehabt, wo nicht unmittelbar, doch mitwirkend. Sein Sohn, den Tätern auf die Spur zu gelangen trachtend, erfuhr unglücklicherweise die Teilnahme Raufbolds, und erst nach Jahren hierüber ganz klar, forderte er diesen heraus, und eine Wunde, ihn, den schönen Mann, entstellend, ward ärgerlich für das ganze Leben. Auch seinem Gegner verdarb dieser Handel einige schöne Jahre, durch zufällig sich anschließende Ereignisse.

Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll, so ist euch allen, wohin die gegenwärtige gemeint sei, wohl überklar und deutlich.





Freitag, 19. Juni 2015

Grausamkeiten früher und heute • Novelle von Hermann Hesse

Hermann Hesse
Die Grausamkeiten im Mittelalter sind in Wirklichkeit keine. Ein Mensch des Mittelalters würde den ganzen Stil unseres heutigen Lebens noch ganz anders als grausam, entsetzlich und barbarisch verabscheuen! Jede Zeit, jede Kultur, jede Sitte und Tradition hat ihren Stil, hat ihre ihr zukommenden Zartheiten und Härten, Schönheiten und Grausamkeiten, hält gewisse Leiden für selbstverständlich, nimmt gewisse Übel geduldig hin. Zum wirklichen Leiden, zur Hölle wird das menschliche Leben nur da, wo zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen einander überschneiden. Ein Mensch der Antike, der im Mittelalter hätte leben müssen, wäre daran jämmerlich erstickt, ebenso wie ein Wilder inmitten unsrer Zivilisation ersticken müsste. Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstile hineingerät, dass ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Sitte, jede Geborgenheit und Unschuld verlorengeht. Natürlich spürt das nicht jeder gleich stark. Eine Natur wie Nietzsche hat das Elend seiner Zeit um mehr als eine Generation voraus erleiden müssen - was er einsam und unverstanden auszukosten hatte, das erleiden heute Tausende. (Hermann Hesse)





Mittwoch, 11. März 2015

Vom Großkhan und dem Asketen • Novelle aus dem Maghreb

Der Großkhan hatte befohlen, alle Bücher seines Reiches zusammenzutragen. Es waren zwanzigtausend Kamellasten. Als der Großkhan diesen ungeheuren Berg von Wälzern sah, gab er seinen Gelehrten den Auftrag, alle Weisheit, die in ihnen enthalten wäre, in einem Buche aufzuzeichnen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, und eines Tages traten sie vor den Großkhan und überreichten ihm das Buch. Der Großkhan wog das Buch in seiner Hand und befahl den Gelehrten, alle Weisheit dieses Buches in einen Satz zu fassen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, aber soviel sie auch von ihrer Weisheit und Gelehrsamkeit darauf verwendeten, sie mussten verzweifeln. Sie bekannten es dem Großkhan, und er ließ sie alle hinrichten. Darauf befahl er, in allen Provinzen, Städten, Marktflecken, Konaks und Jurten seines Landes bekanntzumachen, dass er jeden Schriftgelehrten töten lassen werde, bis nicht einer von ihnen imstande wäre, ihm den Satz zu sagen - einen Satz nämlich, der eine Weisheit enthalte, welche zu allen Zeiten und bei jeglicher Gelegenheit, in allen Umständen und Wechselfälle des Lebens die größte Einsicht und weiseste Tröstung enthalte. Jahre vergingen, und die Schriftgelehrten starben wie die Stallfliegen bei Frost. Davon hörte ein Asket, der in der Einsamkeit auf einer Säule lebte, und er stieg nieder von seiner Säule und begab sich vor den Herrn der Erde. "Weißt du den Satz", fragte ihn der Großkhan, "in dem alle Weisheit dieser Erde enthalten ist, so dass sie bei jeglicher Gelegenheit und immer, unter allen Umständen und Wechselfällen des Lebens die tiefste Einsicht und tröstlichste der Tröstungen ist?" "Ich weiß ihn", erwiderte der Asket. "So sage ihn!" befahl der Großkhan. Darauf antwortete der Asket: "Auch dieses wird vergehen."





Mittwoch, 4. März 2015

Der Eber und der Fuchs ⋅ Die Vorbereitung ⋅ Fabel von Aesop


Ein Fuchs sah einen Eber seine Hauer an einem Eichstamm wetzen und fragte ihn, was er da mache, da er doch keine Not, keinen Feind vor sich sehe? "Wohl wahr", antwortete der Eber, "aber gerade deswegen rüste ich mich zum Streit; denn wenn der Feind da ist, dann ist es Zeit zum Kampf und nicht zum Zähnewetzen." 


Lehre:
Bereite dich im Glück auf das künftige Unglück vor; sammle und rüste dich in guten Tagen auf Schlimmeres. 





Mittwoch, 18. Februar 2015

Der Löwe und die Maus | Der Gegendienst | Fabel von Aesop

http://aventin.blogspot.de/2015/02/der-lowe-und-die-maus-der-gegendienst.html

Ein paar Mäuse sprangen mutwillig um einen schlafenden Löwen herum, und da er sich nicht rührte, begannen sie sogar auf ihm herumzutanzen. 

Da wurde er wach und hatte gleich eine von ihnen gepackt. "Ich bitte dich" flehte die Maus, "schone mein Leben, ich will es dir auch gerne mit einem Gegendienst vergelten." Da musste der Löwe lachen und ließ sie los. Nach einiger Zeit aber verfing er sich in den Netzen der Jäger und vermochte sich auch mit aller Kraft nicht mehr aus den Schlingen zu befreien. Da kam die Maus herzugelaufen und nagte mit emsigem Zahn eine von den Schleifen entzwei, eine einzige nur, aber auch die anderen begannen davon aufzugehen, und der Löwe konnte seine Fesseln zerreißen. 

Lehre:
Keiner ist so gering, dass er nicht auch einmal einem Mächtigen zu helfen vermag. 





Sonntag, 11. März 2012

Sag doch, wer ist's | Rätsel von Hieronymus Emser



aventin.blogspot.com

Er trägt eine Königskrone, sagt die Zeit voraus 
und trägt als Kämpfer einen goldenen Sporn.
Sag doch, wer ist's?


Glatt und rund kommt er aus dem Mutterleib hervor, 
ohne Kopf, Glieder und Lebenshauch. 
Sag doch, wer ist's? 

Wenn die Natur ihm dann hold ist, 
bekommt er Empfindung, Seele, Gestalt, 
nimmt teil am Leben und verfällt auch dem Tod. 
Sag doch, wer ist's? 

Bevor er stirbt, wird er mit heiligem Wasser 
entsühnt und schön weiß gemacht; 
dann geht er für uns Arme ins Feuer. 
Sag doch, wer ist's?


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