Zeitgeist und Leben - Immermann | AVENTIN Blog --

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Zeitgeist und Leben - Immermann

Zeitgeist und Leben – Karl L. Immermann
Zeitgeist und Leben 

Zeitgeist und Leben – Karl L. Immermann


»Wir können nicht leugnen, dass über unsere Häupter eine gefährliche Epoche hereingebrochen ist. Unglücke haben die Menschen zu allen Zeiten erlebt. Der Fluch der gegenwärtigen Menschen ist aber, dass sie sich auch ohne besonderes Leid unglücklich fühlen.

Ein ödes Wanken und Schwanken, ein lächerliches Sicherstellen und Zerstreutsein, ein Haschen, man weiß nicht, wonach? — eine Furcht vor Schrecknissen, die um so unheimlicher sind, da sie keine Gestalt haben! Es ist, als ob die Menschheit, in einem kleinen Boot auf einem gewaltigen Meer umher geworfen, an einer moralischen Seekrankheit leide, deren Ende abzusehen ist.

Man muss zum Teil noch einer anderen Periode angehört haben, um den Gegensatz der beiden Zeiten ganz nachempfinden zu können. Unsere Tagesschwätzer sehen leider mit großer Verachtung auf jenen Zustand herab, wie er früher einmal war. Aber sie irren sich. Freilich wussten und agierten die Menschen damals nicht so vielerlei als jetzt. Auch waren die Kreise, in denen sie sich bewegten, kleiner, aber man war wesentlich mehr in seinem Kreis zu Hause als jetzt. Eine Sache wurde nämlich um der Sache willen voran getrieben. Damals argumentierte man zurecht: ‘Schuster bleib bei deinen Leisten’. Jetzt aber scheinen jedem Schuster die Leisten zu gering zu sein, woher es auch herrühren mag, dass kaum einem mehr ein Schuh bequem sitzt.

Wir sind, um in einem Wort das ganze Elend auszusprechen, Epigonen, und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben scheint. Die großen Anstrengungen der vergangenen Zeiten, welche unsere Väter und Mütter von ihren Häusern und Hütten aus unternahmen, haben uns heute eine Menge an Schätzen beschert, welche nun auf den Markttischen liegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag heutzutage auch ein mit geringer Fähigkeit ausgestatteter Mensch, wenigsten die Scheidemünze, Kunst und Wissenschaft zu erwerben.

Aber es geht oft mit geborgten Ideen wie mit geborgtem Geld, wenn mit fremdem Gut leichtfertig umgegangen wird, man wird ärmer dabei. Aus dieser Bereitwilligkeit der himmlischen Göttin gegen jeden Dummkopf ist ein ganz eigentümliches Wort entstanden. Man hat dieses Palladium der Menschheit, dieses Taufzeugnis unseres göttlichen Ursprungs, zur Lüge gemacht, man hat seine Jungfräulichkeit entehrt. Für den windigsten Schein, für die hohlsten Meinungen, für das leerste Herz findet man heutzutage überall und mit leichter Mühe die geistreichsten, gehaltvollsten und kräftigsten Redensarten. Das schlichte Wort ‘Überzeugung‘ ist aus der Mode gekommen, und man beliebt heutzutage von ‘Ansichten‘ zu reden. Aber damit sagt man größtenteils auch nur eine Unwahrheit, denn in der Regel hat man die Dinge, von denen man redet, nicht mal selbst angesehen und gibt nur vor, damit beschäftigt zu sein.«

»Wie wahr! Wie recht Sie haben!« rief ein gewisser Herr Hermann, den Redner unterbrechend. Die Gedanken, welche vorgetragen wurden, hatten ihn nämlich in höchste Erregung versetzt.

Der Redner indessen fuhr fort: »Ich muss gestehen, dass mich die Betrachtung der allgemeinen Schwätzerei oft der Verzweiflung nahe brachte, wenn rings um mich loses lockeres Plaudern zu vernehmen war und ich zum Beispiel Leute über Kunst reden hörte, die kalt an den Werken des Raffael vorübergehen würden, zeigte man ihnen diese, ohne den Namen des Meisters zu nennen. Wenn ich hörte, da habe wieder einmal einer, vom inneren Drang getrieben, ein Glaubensbekenntnis abgelegt, von dem ich recht wohl wusste, dass es mit den religiösen Bedürfnissen bei ihm eher betrüblich stand. Es war bekannt, dass er nur ein all zu leichter nachgiebiger Weltcharakter war. Und wenn Schneeflocken seiner politischen Gesinnung mir aus seinem Mund entgegen staubten, wusste ich, er würde nicht der kleinsten Aufopferung für ein Gemeinwesen fähig sein. Dann hatte ich Momente, in denen ich fast am Leben verzweifelt wäre!

Ich betastete mich dann immer selbst und fragte: ‘Bist du nicht auch ein Schemen (Schatten), der Nachhall eines anderen selbständigen Geistes?’ Oft grub ich dann bis in die letzten Tiefen meiner Seele, und suchte nach der Affektiertheit, die, das wusste ich wohl, in irgendeinem verborgenen Winkel bei mir ebenfalls lauern musste. Ich sah ja vielleicht alles nur verfälscht, vom armseligen Journalisten und seinem Handlanger aus, die beide mit entwendetem Tiefsinn und geraubtem Scharfblick nur ihr trostloses Leben fristen und ihre winzige Persönlichkeit bemerkbar machen wollen, bis hinauf zur Staatsführung, der faselnde Minister allerlei unmögliche und undurchführbare Aktionen vor dem Volk in den Mund legen. Sollte ich denn allein eine Ausnahme sein?«

»Sie sind vielleicht jemand!« rief der gewissen Herr Hermann wieder begeistert, dem Redner nun fest die Hand schüttelnd. »Wir leben in einer erbärmlichen Welt, und man möchte am liebsten mit Feuer und Schwert darein hauen!«

»Das würde ich nicht tun wollen, da würden wir auch selber alle verzehrt werden. Nein, bei UNS müssen wir beginnen, und mit unserem Selbst den ersten Baustein zum Gebäude der neuen Zeit tragen.

Legen wir deshalb stets gute Gesinnung in das Tun all unserer Handlungen!
Sprechen wir nichts aus, als was wir auch wirklich gedacht haben!
Seien wir wahrhaft mit jedem Atemzug unseres Lebens!

Nach diesen drei Vorschriften prüfe man jeden Moment sein eigenes Dasein. Und wenn wir selbst auf solche Weise streng gegen uns selbst sind, dann steht uns auch die Befugnis zu, unerbittlich gegen Falschheit zu sein.

»Antwortet mir!
Seid ihr durchdrungen von dem, was ihr eben gelesen habt?
Habt Ihr den Mut, den dornigen Weg zu gehen?«

Zeitgeist und Leben – Karl L. Immermann - Essay

Autor*in: Karl L. Immermann

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    »Wir können nicht leugnen, dass über unsere Häupter eine gefährliche Epoche hereingebrochen ist. Unglücke haben die Menschen zu allen Zeiten erlebt. Der Fluch der gegenwärtigen Menschen ist aber, dass sie sich auch ohne besonderes Leid unglücklich fühlen.

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