Der Opal - Gustav Meyrink | AVENTIN Blog --

Der Opal - Gustav Meyrink

Der Opal - Gustav Meyrink - Novelle
Der Opal  

Der Opal - Gustav Meyrink - Novelle 


Der Opal, den Miss Hunt am Finger trug, fand allgemeine Bewunderung.

»Ich habe ihn von meinem Vater geerbt, der lange in Bengalen diente, und er stammt aus dem Besitze eines Brahmanen«, sagte sie und strich mit den Fingerspitzen über den großen schimmernden Stein. »Solches Feuer sieht man nur an indischen Juwelen. – Liegt es am Schliff oder an der Beleuchtung, ich weiß es nicht, aber manchmal kommt es mir vor, als ob der Glanz etwas Bewegliches, Ruheloses an sich hätte, wie ein lebendiges Auge.«

»Wie ein lebendiges Auge«, wiederholte nachdenklich Mr. Hargrave Jennings.

»Finden Sie etwas daran, Mr. Jennings?«

Man sprach von Konzerten, von Bällen und Theater, – von allem Möglichen, aber immer wieder kam die Rede auf indische Opale.

»Ich könnte Ihnen etwas über diese Steine, dieses sogenannten Steine mitteilen«, sagte schließlich Mr. Jennings, »aber ich fürchte, Miss Hunt dürfte dadurch der Besitz ihres Ringes für immer verleidet sein. Wenn Sie übrigens einen Augenblick warten, will ich das Manuskript in meinen Schriften suchen.«

Die Gesellschaft war sehr gespannt.

»Also hören Sie, bitte. (Was ich Ihnen hier vorlese, ist ein Stück aus den Reisenotizen meines Bruders – wir haben damals beschlossen, nicht zu veröffentlichen, was wir gemeinsam erlebten.)

Also: Bei Mahawalipur stößt das Dschungel in einem schmalen Streifen bis hart ans Meer. Kanalartige Wasserstraßen, von der Regierung angelegt, durchziehen das Land von Madras fast bis Tritschinopolis, dennoch ist das Innere unerforscht und einer Wildnis gleich, undurchdringlich, ein Fieberherd.

Unsere Expedition war eben eingetroffen, und die dunkelhäutigen tamulischen Diener luden die zahlreichen Zelte, Kisten und Koffer aus den Booten, um sie von Eingeborenen durch die dichten Reisfelder, aus denen nur hie und da Gruppen von Palmyrapalmen wie Inseln in einem wogenden hellgrünen See emporragen, in die Felsenstadt Mahawalipur schaffen zu lassen.

Oberst Stuart, mein Bruder Hargrave und ich nahmen sofort Besitz von einem der kleinen Tempel, die, aus einem einzigen Felsen heraus gehauen, eigentlich herausgeschnitzt, wahre Wunderwerke altdrawidischer Baukunst darstellen. Die Früchte beispielloser Arbeit indischer Frommer, mögen sie jahrhundertelang den Hymnen der begeisterten Jünger des großen Erlösers gelauscht haben, – jetzt dienen sie brahmanischem Shivakult, wie auch die sieben aus dem Felsrücken gemeißelten heiligen Pagoden mit den hohen Säulenhallen.

Aus der Ebene stiegen trübe Nebel, schwebten über den Reisfeldern und Wiesen und lösten die Konturen heimziehender Buckelochsen vor den rohgezimmerten indischen Karren in regenbogenartigen Dunst auf. Ein Gemisch von Licht und geheimnisvoller Dämmerung, das sich schwer um die Sinne legt und wie Zauberdunst von Jasmin und Holunderdolden die Seele in Träume wiegt.

In der Schlucht vor dem Aufgang zu den Felsen lagerten unsere Mahratten-Sepoys in ihren wilden malerischen Kostümen und den rot und blauen Turbans, und wie ein brausender Lobgesang des Meeres an Shiva, den Allzerstörer, dröhnten und hallten die Wogenschläge aus den offenen Höhlengängen der Pagoden, die sich vereinzelt längs des Gestades hinziehen.

Lauter und grollender schwollen die Töne der Wellen zu uns empor, wie der Tag hinter den Hügeln versank und Nachtwind sich in den alten Hallen fing.

Die Diener hatten Fackeln in unseren Tempel gebracht und sich in das Dorf zu ihren Landsleuten begeben. Wir leuchteten in alle Nischen und Winkel. Viele dunkle Gänge zogen durch die Felswände, und phantastische Götterstatuen in tanzender Stellung, die Handflächen vorgestreckt mit geheimnisvoller Fingerhaltung, deckten mit ihren Schatten die Eingänge wie Hüter der Schwelle.

Wie wenige wissen, dass alle diese bizarren Figuren, ihre Anordnung und Stellung zueinander, die Zahl und Höhe der Säulen und Lingams Mysterien von unerhörter Tiefe andeuten, von denen wir Abendländer kaum eine Vorstellung haben.

Hargrave zeigte uns ein Ornament an einem Sockel, einen Stab mit vierundzwanzig Knoten, an dem links und rechts Schnüre herab hingen, die sich unten teilten: Ein Symbol, das Rückenmark des Menschen darstellend, und in Bildern daneben Erklärungen der Ekstasen und übersinnlichen Zustände, deren der Yogi auf dem Weg zu den Wunderkräften teilhaftig wird, wenn er Gedanken und Gefühle auf die betreffenden Rückenmarksabschnitte konzentriert. 

»Dies da Pingala, großer Sonnenstrom«, bestätigt Akhil Rao, unser Dolmetscher.

Da fasste Oberst Stuart meinen Arm: »Ruhig – – – hören Sie nichts?«

Wir horchten gespannt in der Richtung des Ganges, der, von der kolossalen Statue der Göttin Kala Bhairab verborgen, sich in die Finsternis zog.

Die Fackeln knisterten – sonst Totenstille.

Eine lauernde Stille, die das Haar sträubt, wo die Seele bebt und fühlt, dass etwas geheimnisvoll Grauenhaftes blitzartig ins Leben bricht, wie eine Explosion, und nun unnabwendbar eine Folge tot bringender Dinge aus dem Dunkel des Unbekannten, aus Ecken und Nischen emporschnellen muss.

In solchen Sekunden ringt sich stöhnende Angst aus dem rhythmischen Hämmern des Herzens – wortähnlich, wie das gurgelnde, schauerliche Lallen der Taubstummen: Ugg–ger, – Ugg–ger, Ugg–ger.

Wir horchten vergebens – kein Geräusch mehr.

»Es klang wie ein Schrei tief in der Erde«, flüsterte der Oberst.

Mir schien es, als ob das Steinbild der Kala Bhairab, des Choleradämons, sich bewegte: unter dem zuckenden Licht der Fackeln schwankten die sechs Arme des Ungeheuers, und die schwarz und weiß bemalten Augen flackerten wie der Blick eines Irrsinnigen.

»Gehen wir ins Freie, zum Tempeleingang«, schlug Hargave vor, »es ist ein scheußlicher Ort hier.« 

Die Felsenstadt lag im grünen Licht wie eine steingewordene Beschwörungsformel.

In breiten Streifen durchglitzerte der Mondschein das Meer, einem riesigen, weißglühenden Schwert gleich, dessen Spitze sich in der Ferne verlor.

Wir legten uns draußen auf die Plattform zur Ruhe – es war windstill und in den Nischen lag weicher Sand.

Doch es kam kein rechter Schlaf auf.

Der Mond stieg höher, und die Schatten der Pagoden und steinernen Elefanten schrumpften auf dem weißen Felsboden zu krötenähnlichen fantastischen Flächen zusammen. 

»Vor den Raubzügen der Moguln sollen alle diese Götterstatuen von Juwelen gestrotzt haben – Halsketten aus Smaragden, die Augen aus Onix und Opal«, sagte plötzlich Oberst Stuart halblaut zu mir, ungewiss ob ich schliefe. Ich gab keine Antwort.

Plötzlich fuhren wir alle entsetzt empor. Ein grässlicher Schrei drang aus dem Tempel – ein kurzes, dreifaches Aufbrüllen oder Auflachen mit einem Echo wie von zerschellendem Glas und Metall.

Mein Bruder riss ein brennendes Scheit von der Wand, und wir drängten uns auf den Gang hinab in das Dunkel.

Wir waren vier, was war da zu fürchten.

Bald warf Hargrave die Fackel fort, denn der Gang mündete in eine künstliche Schlucht ohne Deckenwölbung, die, von grellem Mondlicht beschienen, in eine Grotte führte.

Feuerschein drang hinter den Säulen hervor, und von den Schatten gedeckt schlichen wir näher.

Flammen loderten von einem niedrigen Opferstein, und in ihrem Lichtkreis bewegte sich taumelnd ein Fakir, behängt mit den grellbunten Fetzen und Knochenketten der bengalischen Dhurgaanbeter.

Er war in einer Beschwörung begriffen und warf unter schluchzendem Winseln den Kopf nach der Art der tanzenden Derwische mit rasender Schnelle nach rechts und links, dann wieder in den Nacken, dass seine weißen Zähne im Licht blitzten.

Zwei menschliche Körper mit abgeschnittenen Köpfen lagen zu seinen Füßen, und wir erkannten sehr bald an den Kleidungsstücken die Leichen zweier unserer Sepoys. Es musste ihr Todesschrei gewesen sein, der so grässlich zu uns empor geklungen war.

Oberst Stuart und der Dolmetscher warfen sich auf den Fakir, wurden aber von ihm im selben Augenblick an die Wand geschleudert.

Die Kraft, die in dieser abgemergelten Asketengestalt wohnte, schien unbegreiflich, und ehe wir noch zuspringen konnten, hatte der Fliehende bereits den Eingang der Grotte erreicht.

Hinter dem Opferstein fanden wir die abgeschnittenen Köpfe der beiden Mahratten.«

Mr. Hargrave Jennings faltete das Manuskript zusammen: »Es fehlt ein Blatt hier, ich werde Ihnen die Geschichte selber zu Ende erzählen:

Der Ausdruck in den Gesichtern der Toten war unbeschreiblich. Mir stockt noch heute der Herzschlag, wenn ich mir das Grauen zurückrufe, das uns damals alle befiel. Furcht kann man es nicht gut nennen, was sich da in den Zügen der Ermordeten ausdrückte, ein verzerrtes, irrsinniges Lachen schien es zu sein. Die Lippen, die Nasenflügel empor gezogen, der Mund weit offen und die Augen, die Augen, es war fürchterlich. Stellen Sie sich vor, die Augen,  hervor gequollen, zeigten weder Iris noch Pupille und leuchteten und funkelten in einem Glanz wie der Stein hier an Miss Hunts Ring.

Und wie wir sie dann untersuchten, zeigte es sich, dass sie wirkliche Opale geworden waren.

Auch die spätere chemische Analyse ergab nichts anderes. Auf welche Weise die Augäpfel hatten zu Opalen werden können, wird mir immer ein Rätsel bleiben. 

Ein hoher Brahmane, den ich einmal fragte, behauptete, es geschähe durch sogenannte Tantriks (Zauberworte), und der Prozess gehe blitzschnell, und zwar vom Gehirn aus vor sich; doch wer vermag das zu glauben! 

Er setzte damals noch hinzu, dass alle indischen Opale gleichen Ursprungs seien, und dass sie jedem, der sie trüge, Unglück brächten, da sie einzig und allein Opfergaben für die Göttin Dhurga, die Vernichterin alles organischen Lebens, bleiben müssten.«

Die Zuhörer standen unter dem Eindruck der Erzählung und sprachen kein Wort.

Miss Hunt spielte mit dem Ring.

»Glauben Sie, dass Opale wirklich deswegen Unglück bringen, Mr. Jennings?« sagte sie endlich. 

»Wenn Sie es glauben, bitte, vernichten Sie den Stein!«

Mr. Jennings nahm ein spitzes Eisenstück, das als Briefbeschwerer auf dem Tisch lag, und hämmerte leise auf den Opal, bis er in muschelige, schimmernde Splitter zerfiel.

Der Opal - Gustav Meyrink - Novelle 

Autor: Gustav Meyrink

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    Der Opal, den Miss Hunt am Finger trug, fand allgemeine Bewunderung. »Ich habe ihn von meinem Vater geerbt, der lange in Bengalen diente, und er stammt aus dem Besitze eines Brahmanen«, sagte sie und strich mit den Fingerspitzen über den großen schimmernden Stein.