Januar 2020 | AVENTIN Blog --

Stadt der Dunkelheit - Swami Sivananda

Stadt der Dunkelheit – Swami Sivananda – Novelle
Stadt der Dunkelheit - Swami Sivananda 

Stadt der Dunkelheit – Swami Sivananda – Novelle 


Die Welt ist ein Reich der Sinneswahrnehmungen. Der Verstand und die Sinne sind sehr leicht zu täuschen und unzuverlässig. Alle Wahrnehmungen und Erfahrungen, die mit deren Hilfe gemacht werden, können daher irreführend, trügerisch und gefährlich sein. Zuerst scheint alles seinen richtigen Weg zu gehen, aber später stellt sich dann heraus, dass das überhaupt nicht stimmt.

Das Schmerzliche trägt das Gewand des Angenehmen, und das Böse versteckt sich in der Maske des Guten. Dies ist das unergründliche Spiel von Maya (Illusion). Wer tief darüber nachdenkt und es versteht, der wandelt auf dem Pfad des Lichtes. Wer jedoch auf diese Täuschung hereinfällt, wohnt in der »Stadt der Dunkelheit« und führt ein gefahrvolles Leben, das ihm unendlich viele Schwierigkeiten bringen kann.

Die wahre Glückseligkeit liegt im Selbst, der Seele. Die Welt der Sinne ist die direkte Antithese oder der absolute Gegensatz zu diesem inneren Selbst. Nur im Selbst wohnen ewiges Leben und immerwährende Glückseligkeit. Die Befriedigung unserer Sinne hingegen ist ein lebenzerstörendes Gift, wie folgende Geschichte erzählt.

Es war einmal ein weiser und wachsamer Mönch und sein junger Schüler, der noch recht ungestüm und übermütig war. Auf ihrer Wanderschaft gelangten sie einst in die Stadt Andhernagari des Königs Bahadur. Sie ließen sich in einer Herberge nieder und der Mönch, sein spiritueller Lehrer und Guru, schickte seinen Schüler auf den Markt, um ein paar Lebensmittel für ein einfaches Mahl zu kaufen.

Der Schüler ging fort, kehrte jedoch schon bald wieder zurück, tänzelte vor lauter Freude und hielt eine große gefüllte Tüte mit den unterschiedlichsten Esswaren, Süßigkeiten und Früchten in den Händen. Der Mönch fragte ihn, was das alles zu bedeuten habe.

Der Schüler antwortete: »Oh Guruji (mein geistlicher Lehrer), wir sollten uns hier für immer niederlassen. Die Stadt ist der Himmel auf Erden. Hier kostet alles und jedes einheitlich nur ein Pice (kleine Münze) pro Sihr (Gewicht). Alles was man braucht unter Sonne von der kleinsten Stecknadel angefangen, über die Nähnadel, bis hin zur Nähseide und Samt oder Gold und Edelsteine kostet nur einen Pice pro Sihr. Mit ein paar Annas (größere Münzen) können wir hier das Luxusleben von Königen führen. Lasst uns bitte hier bleiben bis ans Ende unseres Lebens.«

Kaum hatte der Guru diese Worte vernommen, da rollte er seine Sachen zusammen, steckte sein Lendentuch hoch, nahm Wanderstab und Schüssel, verließ die Herberge und ging auf die Strasse. Dann sagte er zu seinem Schüler: »Lasst uns diesen unheilvollen Ort sofort wieder verlassen, mein Schüler! Dies ist nicht das Paradies. Dies ist die Stadt des Teufels. Komm, verweile keinen Augenblick länger in dieser Stadt der Dunkelheit. Jede Sekunde die Du zögerst, gefährdet Dein Leben. Wo alles fast umsonst ist, und man nur darum zu bitten braucht, da steht die Welt auf dem Kopf. Vergnügen wird hier bald zur unheilbringenden Gefahr und dein Lächeln wird bitteren Tränen weichen. Komm, lasst uns hier sofort weggehen.«

Das Lächeln entwich dem Schüler aus dem Gesicht. Er war verärgert und enttäuscht von der Vorstellung dieses Fest des paradiesischen Lebens zu verpassen. Seine rosigen Luftschlösser stürzten in sich zusammen. Er flehte seinen Guru deshalb an, doch zu bleiben. Ja er bestand darauf, dass ein solches Leben nur Freuden bergen könne, wenn doch alles nur für eine Kleinigkeit zu haben sei und man das Leben ohne Anstrengung und Mühe genießen könne.

Der Guru aber war streng, ernst und unerbittlich. Als der Schüler dies sah, beschloss er plötzlich sich von seinem Guru zu trennen und in diesem Paradies, in dem Milch und Honig fließen und Früchte und Süßigkeiten in Unmengen zu haben waren, zu bleiben. Wo sonst würde er jemals wieder eine solche Gelegenheit bekommen?

So dachte er töricht bei sich und sagte zum Guru: »Nur gut, wenn Du gehen willst, gehe! Ich aber werde in dieser Stadt bleiben, auch wenn du gehst.«

»So sei es«, antwortete der Guru und verließ nach einer letzten Warnung den Schüler und die Stadt.

So ließ sich der eigensinnige Schüler in Andhernagari nieder, wo man alles, was man wollte, für ganz wenig Geld kaufen konnte. Tag für Tag war das Leben des Schüler jetzt ein einziges Vergnügen. Er konnte nicht nur nach Herzenslust essen und trinken, er bekam auch alles sonst noch, was sein Herz begehrte. Er konnte sich einfach alles kaufen, wonach seine Sinne dürsteten.

So erfüllten sich die physischen Wünsche der fünf Sinne und seines Verstandes noch ehe er sie überhaupt wahrnahm. Er musste sich nur ein paar Annas erbetteln. Das schaffte er jeden Morgen mit Leichtigkeit innerhalb einer halben Stunde beim Spaziergang durch den wohlhabenden Ort.

Er stopfte sich voll mit den erlesensten Köstlichkeiten, ergötzte sich an feinem Parfüm und gönnte sich sonst was noch alles. Seine Lippen waren ständig vom Saft angenehm gewürzter Betelblätter und Nüsse gerötet. Er sah sehr vornehm aus in seinem seidenen Gewand und eleganten orangeroten Turban. In seinem Zimmer, das er nun in der Herberge bewohnte, stand neben dem großen Bett mit weichem Bettzeug eine schöne »Hukka« (Wasserpfeife) mit Zierbändern aus poliertem Silber auf einem fein geschnitzten Ebenholzschemel. Ein geschmackvoller Teppich bedeckte den Boden.

So vergingen fünf Jahre. Der Schüler hatte nur die Tür etwas erweitern lassen müssen, da ihn das gute Leben mächtig an Gewicht hat zulegen lassen und er ziemlich dick und umfangreich geworden war. Den Guru hatte er vergessen. Auch hatte er vergessen, was er einmal war und womit er sich beschäftigt hatte, bevor er in diese Stadt gekommen war. Tage, Monate und Jahre waren so in einem sanften Strom von Behagen und Vergnügen dahingegangen. Schließlich wurde er nach und nach noch fetter, schwerfälliger, träger und wollüstiger.

Während der Schüler so lebte, gingen die Dinge in dieser kopfstehenden Stadt ihren üblichen Weg. Der Minister des Landes war einer der größten Narren. Nur sein Herr, der König, übertraf ihn noch. Dementsprechend war auch die Rechtsprechung des Landes von ganz besonderer Art. Richter und Gesetzgeber wetteiferten mit dem König und dem Minister.

Eines Tages passierte in dieser herrlichen Stadt ein Unfall. Ein Mann ging in einer engen Straße neben einer neu erbauten Mauer. Als er dort vorbei ging, brach die Mauer zusammen und ein Stück der Mauer fiel auf den Mann und verletzte ihn. Der Mann reichte unverzüglich bei Gericht Beschwerde gegen den Eigentümer der Wand ein.

Es traf sich nun, dass dies an einem Freitag geschah und es Brauch war, dass der König selbst zu Gericht saß. Also wurden alle Streitfälle direkt vor den König gebracht. Der zitternde Eigentümer des Hauses mit der Mauer wurde vor Gericht geschleppt.

Der König sprach: »Nun denn, die Mauer gehört dir?«
Der Eigentümer antwortete: »Ja, mein König.«
König: »Und? Was hast du dazu zu sagen? Warum solltest du nicht für die Verletzungen, die dieser Mann erlitt, bestraft werden?«
Eigentümer: »Oh Sarkar! Sie gehört mir zwar, die Mauer, aber ich weiß nichts über sie. Sie wurde vollständig von einem Bauunternehmer gebaut. Er allein ist verantwortlich für sie, ob sie nun steht oder fällt.«
»Fangt mir den Bauunternehmer und bringt ihn sofort her!« rief der König.

Die Wachen wurden sogleich losgeschickt und schon bald wurde der unglückliche Bauunternehmer vor das Gericht gebracht.
»Mann!« donnerte ihre Majestät.
Der Minister lächelte zustimmend.
Der König rief: »Deine Mauer fiel ein und verletzte einen meiner Untertanen. Was hast du dazu zu sagen, ehe ich dich zum Galgen verurteile?«

Der Bauunternehmer antwortete: »Ich habe zwar den Auftrag hierfür angenommen, mein großer König, aber ich schwöre, es war der Maurer, der die gesamte Mauer baute. Nur er hat die Mauer gebaut. Hätte er es ordentlich gemacht, wäre nichts passiert und alles wäre gut gewesen. Aber er hat es offensichtlich schlecht gemacht und so brach die Mauer zusammen und führte zu den Verletzungen.«

Dem König gefiel der Bauunternehmer. Er nickte heftig mit dem Kopf und sagte: »Ja, ja, du hast recht mein Guter. Geh in die königliche Küche und lass dir ein Glas Buttermilch geben.«
An die Wachen gewandt rief er: »Geht sofort, treibt diesen Maurer auf und bringt in her.«

Die Wachen fanden den Maurer, als er gerade eine Brücke reparierte. Sie fielen über ihn her und packten ihn ohne jede Warnung am Genick und eilten mit ihm zum Gerichtshof des Königs.
»Sprich für dich selbst, ehe ich dich aufhängen lasse«, donnerte der König mit fürchterlicher Stimme. »Du abscheulicher Maurer, Mörder meiner Untertanen (hier ließ der König eine Träne fallen und schnäuzte sich), du Erbauer wackliger Mauern! Wie kannst du es wagen, solche Gräueltaten zu vollbringen?«

Der Maurer schluckte und rieb sich mit der linken Hand den Hals. Es war ein älterer Mann mit grauen Haaren. Er wusste, dass er sich in einer schlimmen Lage befand, aber er hatte glücklicherweise auch von der ‘großen’ Weisheit des Königs gehört. Er sagte: »Eure Majestät, es ist nicht meine Schuld. Der Mörtel, der beim Bau der Mauer verwendet wurde, war nicht richtig gemischt und so konnte ich die Mauer nicht ordentlich bauen.«

»Wer war der Mörtelmischer?« fragte der König mit unheilverkündender Stimme.
Der Maurer seufzte erleichter auf. Schnell antwortete er: »Oh mein weiser König! Der Mörtelmischer war ein Mann namens Buddhu Singh Gadbadei.«

Die Wachen hatten inzwischen auch an Weisheit gewonnen und wussten schon was nun kommen würde. Ehe sich der König also an sie wenden konnte, hatten sie sich schon auf den Weg gemacht und nach eifriger Suche fanden sie auch Buddhu Singh, der zu dem Zeitpunkt gerade etwas betrunken war. Betrunken oder nicht, der König wollte ihn haben und so schleppten die Wachen ihn fort von seiner Flasche und vors Gericht.

Buddhu Singh wollte sodann dem König und dem Minister die Hand schütteln und die Wachen hatte alle Mühe, ihm klar zu machen, dass er das nicht tun könne. Buddhu Singh ließ sich aber nicht davon abbringen. Schließlich musste ihm einer der Wachen einen Schlag auf den Kopf versetzen, damit er etwas nüchterner wurde.

»Warum hast du den Mörtel nicht gut gemischt?« fragte der König mit strenger Stimme. Buddhu Singh starrte eine Zeitlang vor sich hin, dann blinzelte er und antwortete: »Welchen Mörtel?«
Der Minister griff nun auch ein und sagte, indem er auf den Maurer zeigte: »Den Mörtel, den du für den Maurer Akkal-lal gemischt hast.«

Buddhu Singh war überrascht als er den Namen des Maurers hörte. Er schien sich nun an etwas zu erinnern. Er starrte den Maurer an und schrie dann »Huzur Sarkar, mein König, dieser Mann schuldet mir zweieinhalb Rupien. Er bat mich darum und ich habe sie ihm geliehen. Er hat sie geborgt und nie zurückgegeben.«
»Trottel!« brüllte der König. »Sprich nicht von deinen Geldangelegenheiten. Sag mir, was mit dem Mörtel war.«

Buddhu Singh erkannte, wo er war. Er fragte erneut: »Welcher Mörtel!«
Nun war das Gericht so schlau als wie zuvor. Erst nachdem die ganze Angelegenheit mit Datum, Ort und Uhrzeit und auch allen anderen Einzelheiten geklärt war, dämmerte es langsam dem Beschwipsten in seinem benebelten Gehirn.

Er sagte: »Sarkar, im Namen meiner Großmutter, sag mir, wie um Himmelswillen ich meinen Mörtel hätte ordentlich mischen sollen, wenn der Schuft, der mir das Wasser vom nahe gelegenen Wasserhahn auf der anderen Straßenseite liefern sollte, der schlimmste Idiot aller Zeiten war. Er bummelte und trödelte, ich weiß nicht warum; nie brachte er rechtzeitig das Wasser. Die Mischung war daher entweder zu nass oder zu trocken oder noch nicht fertig, wenn der Maurer sie brauchte.«

Der König wurde langsam böse. Die Gerichtsverhandlung verzögerte sich weiter. Sein Essen verspätete sich und es schien nicht leicht zu sein, den Schuldigen, der gehängt werden sollte, ausfindig zu machen. Jeder Angeklagte schien eine perfekte Verteidigung zu haben.

Dennoch musste der Gerechtigkeit Genüge getan werden und so folgte eine eifrige Suche nach dem Wasserträger. Sein Name war Macku Plastri und er wohnte am Rande der Stadt. Er liebte Musik und spielte eine einfache Flöte. Als er gefasst wurde, goss er gerade seinen Garten.

»Bringt ihn zum Galgen!«rief der König.
Der Minister applaudierte. Aber im nächsten Augenblick sagte der König: »Wartet noch einen Moment. Lasst uns dem Verbrecher eine Frage stellen. Warum hast du mit dem Wasser so gebummelt und getrödelt und die Mörtelmischung von Buddhu Singh verdorben?«

Macku Plastri antwortete: »Es ist nicht meine Schuld, oh großer König! Ich musste das Wasser auf der anderen Straßenseite holen, und wie ich es holte, sang eine Tänzerin ein wunderschönes Lied auf ihrem Balkon. Da ich die Musik liebe, blieb ich also stehen und hörte zu.«

»Mein Wasserlederbeutel ist nicht besonders dicht und wie ich so dem Lied der Tänzerin zuhörte, sickerte das ganze Wasser aus dem Beutel. Hätte die Tänzerin nicht auf ihrem Balkon gesungen, hätte ich rechtzeitig und ordentlich meine Pflicht erfüllen können.«

»Lasst den Mann frei!« befahl der König. »Geht und holt mir die Tänzerin.«
Und so befahlen die Wachen der Tänzerin, als sie in ihrem Ankleidezimmer war und sich gerade ihre Haare kämmte, sofort vor Gericht zu kommen.

»Unglückseliges Weib«, fragte der König, »warum singst du auf deinem Balkon?«
Die Tänzerin war vor lauter Angst von Sinnen und wusste daher keine richtige Antwort auf diese Frage zu geben. Sie wurde daher schuldig gesprochen und sollte unverzüglich hingerichtet werden.

Die Wachen brachten sie eilig zum Galgen. Da nun die Arbeit vollendet war, zog sich das Gericht zurück, damit das Urteil vollstreckt werden konnte.

Die Tänzerin stand nun unter dem Galgen. Die Schlinge des Henkers wurde ihr über den Kopf gestülpt. Die unglückliche Frau war schon halb tot vor Angst. Da kam es aber zu einer ganz ungewöhnlichen Situation.

Die Tänzerin war sehr schlank und schmal und die Schlinge des Henkers war viel zu groß. Sie war um einige Male größer als der schmale, schlanke Hals der Frau. Nun herrschte allgemeine Bestürzung.

Am Galgen waren alle Amtspersonen sehr beunruhigt. Wie sollte man sie denn nur hängen? Diese Frage bewegte ihre Gemüter. Ein Mann wurde daher schnellsten zum Minister geschickt. Dieser nahm gerade sein Bad und glitt, eingewickelt in ein Badetuch aus dem Badezimmer. Er legte sodann die Angelegenheit vor den König, der gerade beim Essen war.

Der König aß soeben sein «Imirthi«. Mit königlicher Geste befahl er dem Minister: »Geh! Überbringe sofort meinen Befehl, wenn der Hals dieser Frau zu klein ist für die Schlinge, dann soll jemand mit einem passenden Hals gefunden werden und vollzieht sodann sofort die Hinrichtung.«

Der Minister zog sich wieder zurück. Der König wandte sich zur Königin. Sie war fett, hatte sehr große Zähne und eine große Schwäche für Butter und Süßigkeiten.
»Schau meine Liebe, alle meine Untertanen von unten bis ganz oben sind absolute Narren!« sagte der König und wandte sich wieder seinem »Imirthi« zu.

Der Befehl des Königs wurde der Gruppe am Galgen überbracht. Sie ließen die Tänzerin wieder frei, warnten sie aber vor weiterem Singen auf dem Balkon und sagten ihr, sie solle heimgehen.

Sofort wurden Wachen ausgeschickt, die einen stattlichen Mann, der in die Schlinge passen würde, suchen sollten. Zwei von ihnen kamen zufällig an der Herberge vorbei, in der der Schüler wohne.

Der Schüler hatte gerade ein üppiges Mal verzehrt, saß gemütlich auf der offenen Veranda in der Sonne und stocherte in den Zähnen. Er hatte einen verträumten Blick in den Augen, denn er überlegte gerade, was er zu Abend essen würde. Auch sinnierte er über die Notwendigkeit eines gemütlichen Nickerchens.

Die Wachen erblickten ihn. Das war ihr Mann, gut genährt, stattlich, mit einem Hals, der die Schlinge perfekt annehmen würde. Mit einem triumphierenden »Hurra!« überrumpelten sie ihn, schleppten ihn von der Veranda auf die Straße und eilten mit ihm davon. Der Schüler protestierte laut, empörte sich und bettelte, vergebens. Sie nahmen ihn mit und setzten ihn am Galgen ab.

Verschreckt fragte er, was sie denn mit ihm vorhätten.
Der Richter vor Ort antwortete: »Du sollst hängen«
Schüler: »Warum? Ich habe nichts getan!«
Richter: »Was kümmert uns das? Dieser Mann wurde verletzt und der Täter muss hängen.«
»Ich bin aber nicht der Täter«, rief der Schüler.
»Aber du hast die richtige Größe. Die Schuldige war zu schmal für diese Schlinge. Du passt aber perfekt, hoch mit dir! Du musst baumeln.«
Dann legte sie die Schlinge um den fetten Hals des Schülers.

Jetzt erinnerte sich der Schüler wieder an die ernste und eindringliche Warnung seines guten Gurus. »Oh Schüler! Dies ist die Stadt des Teufels. Vergnügen wird hier bald zur unheilbringenden Gefahr und dein Lächeln wird bitteren Tränen weichen.«

Und dann weinte er bitterlich. Er bebte vor Angst und Schweiß brach auf seiner Stirn aus und floss seinen Nacken herunter. Er litt Todesqualen und rief: »Oh Meister, rette mich! Oh! Warum habe ich dir nicht gehorcht? Warum habe ich in dieser Stadt der Dunkelheit gegessen und bin dick geworden. Ich vergaß, warum ich ursprünglich zur Welt gekommen war und zu meinem Guru ging. Ich vergaß, dass ein wahrer Schüler zu sein heißt, dem Guru zu gehorchen und eine Leben der Disziplin zu führen.«

»Die Anziehung des Vergnügens verführte mich zum Ungehorsam gegenüber den guten Ratschlägen meines Gurus. Ich habe seine Warnungen nicht beherzigt. Ich vergaß meine Pflicht des Verzichts, der Entsagung und der Disziplin und erlag dem Ruf der Sinne und dem Diktat meines vergnügungssüchtigen Verstandes.«

»Ich habe ein Leben der Exzesse und der Maßlosigkeit geführt. Ich habe mein Sadhana (spirituelle Praxis) aufgegeben und meine Pflicht nicht getan. Aus Vergnügungssucht und Eigenwillen habe ich mich von meinem Guru getrennt. Das ist nun das Ergebnis. Die Vergeltung hat mich eingeholt. Oh Gott! Was soll ich nur tun?« So jammerte und klagte er bitterlich.

Plötzlich kam Bewegung in die Menge um den Galgen. Jemand drängte sich nach vorne und rief: »Halt! Halt!«

Der Henker zögerte einen Moment. Ein stattlicher Mann, ein Sannyasin (Mönch), stieg die Stufen zum Galgen hinauf und stellte sich neben den Schüler. Es war der Guru. Durch seine Intuition wusste er auch in weiter Entfernung, dass sein Schüler sich in großer Gefahr befand. Er war daher schnellstens zur Stadt geeilt und erreicht gerade noch im kritischsten Moment den Galgen.

Der Schüler unterbrach ihn jetzt und sagte: »Nein, nein!« Tu es nicht! Hängt mich! Schnell!« Der Guru aber wollte nicht hören. Er bestand darauf die Schlinge zu nehmen. Der Henker war hilflos. Er schaute zum Richter und fragte: »Was soll das?«

Aber niemand hörte ihnen zu, denn der Guru und der Schüler waren in einem heftigen Wortgefecht. Jeder wollte gehängt werden und wollte dem anderen den Platz nicht überlassen. Dies war eine ganz außergewöhnliche Situation. Es überstieg die Begriffsfähigkeit des Henkers. Wieder wurde ein neuer Bote zum König geschickt.

Die Angelegenheit war so außergewöhnlich, dass der König nun höchstpersönlich kam. Er wollte vom Guru wissen, warum er selbst gehängt werden wollte.

Der Guru wollte ihm zuerst nicht antworten, aber als der König darauf beharrte, sagte er: »Mein lieber König, es gibt einen guten Grund für meinen Wunsch. Ich bin Experte und Meister der Hindu-Astrologie. Durch meine genauen Berechnungen ist mir zur Kenntnis gekommen, dass heute zu dieser Zeit ein außergewöhnlicher, vielversprechender Muhurta (Moment) ist und dass die Person, die während dieses Muhurta, an diesem Punkt wo sich der Galgen und die Schlinge befinden, an dieser Kreuzung von Breiten- und Längengrad stirbt, dass diese Person in ihrer unmittelbar nächsten Geburt höchster Kaiser des ganzen Landes werden wird. Ich möchte Kaiser werden. Deshalb bin ich hierher geeilt. Nun weißt du und kennst du den Grund. Lass mich also jetzt schnell hängen, ehe der Muhurta vorüber ist!«

Der König war entrüstet. »Absurd!« rief er. »Du! Du willst Kaiser werden? Welche Dreistigkeit! Welche Vermessenheit! Ich soll Kaiser werden. Ich werde jetzt gehängt!«

Mit diesen Worten legte sich König Bahadur die Schlinge um den Hals. Es brach ein großer Tumult aus. Der Guru fasste den Schüler bei der Hand und beide eilten schnellsten von dieser Stelle weg. Schnellen Schrittes erreichten sie bald die Außenbezirke der Stadt. Der Schüler war gerettet.

Der Schüler fiel nun vor dem Guru auf die Knie und umfasste dessen Füße. Er erkannte seinen Fehler, bereute ihn und bat den Guru um Vergebung. Der Guru hob ihn auf, segnete ihn und sagte: »Folge mir.«

Beide kehrten der »Stadt der Dunkelheit«, der Stadt der Vergnügungen und der Fülle den Rücken und begaben sich auf die Straße zum Himalaja, wo die Menschen in Einfachheit und Disziplin leben. Sie erreichten einen kleinen Weiler an den Ufern des Ganges, wo der Schüler ein strenges Leben aus Einfachheit, Disziplin, Sadhana, im Dienste seines Gurus und in Gehorsam und Anbetung Gottes lebte.

Der Schüler verwirklichte bald Gott durch die Gnade seines Gurus und erreichte die immerwährende Wonne, die millionenfach mehr ist als alle Sinnesvergnügen des ganzen Universums zusammen.

Er folgte seinem Guru und kam schließlich aus der Dunkelheit ins Licht.

Stadt der Dunkelheit – Swami SivanandaNovelle


Autor*in: Swami Sivananda

Bewertung des Redakteurs:

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    Die Welt ist ein Reich der Sinneswahrnehmungen. Der Verstand und die Sinne sind sehr leicht zu täuschen und unzuverlässig. Alle Wahrnehmungen und Erfahrungen, die mit deren Hilfe gemacht werden, können daher irreführend, trügerisch und gefährlich sein. Zuerst scheint alles seinen richtigen Weg zu gehen, aber später stellt sich dann heraus, dass das überhaupt nicht stimmt.

    Rezepte gegen Grippe - Kurt Tucholsky

    Rezepte gegen Grippe – Kurt Tucholsky – Satire
    Rezepte gegen Grippe 

    Rezepte gegen Grippe – Kurt Tucholsky – Satire 


    Beim ersten Herannahen der Grippe, erkennbar an leichtem Kribbeln in der Nase, Ziehen in den Füßen, Hüsteln, Geldmangel und der Abneigung, morgens ins Geschäft zu gehen, gurgele man mit etwas gestoßenem Koks sowie einem halben Tropfen Jod. Darauf pflegt dann die Grippe einzusetzen.

    Die Grippe — auch <spanische Grippe>, Influenza, Erkältung (lateinisch: Schnuppen) genannt — wird durch nervöse Bakterien verbreitet, die ihrerseits erkältet sind: die sogenannten Infusionstierchen.

    Die Grippe ist manchmal von Fieber begleitet, das mit 128° Fahrenheit einsetzt; an festen Börsentagen ist es etwas schwächer, an schwachen fester – also meist fester. Man steckt sich am vorteilhaftesten an, indem man als männlicher Grippekranker eine Frau, als weibliche Grippekranke einen Mann küsst – – über das Geschlecht befrage man seinen Hausarzt oder Apotheker.

    Die Ansteckung kann auch erfolgen, indem man sich in ein Hustenhaus (sog. Theater) begibt; man vermeide es aber, sich beim Husten die Hand vor den Mund zu halten, weil dies nicht gesund für die Bazillen ist. Die Grippe steckt nicht an, sondern ist eine Infektionskrankheit.

    Sehr gut haben meinem Mann ja immer die kalten Packungen getan; wir machen das so, dass wir einen heißen Grießbrei kochen, diesen in ein Leinentuch packen, ihn aufessen und dem Kranken dann etwas Kognak geben — innerhalb zwei Stunden ist der Kranke hellblau, nach einer weiteren Stunde dunkelblau. Statt Kognak kann auch Möbelspiritus verabreicht werden.

    Fleisch, Gemüse, Suppe, Butter, Brot, Obst, Kompott und Nachspeise sind während der Grippe tunlichst zu vermeiden — Homöopathen lecken am besten täglich je dreimal eine Fünfpfennigmarke, bei hohem Fieber eine Zehnpfennigmarke.

    Bei Grippe muss unter allen Umständen das Bett gehütet werden — es braucht nicht das eigene zu sein. Während der Schüttelfröste trage man wollene Strümpfe, diese am besten um den Hals; damit die Beine unterdessen nicht unbedeckt bleiben, bekleide man sie mit je einem Stehumlegekragen.

    Die Hauptsache bei der Behandlung ist Wärme: also ein römisches Konkordats-Bad. Bei der Rückfahrt stelle man sich auf eine Omnibus-Plattform, schließe aber allen Mitfahrenden den Mund, damit es nicht zieht.

    Die Schulmedizin versagt vor der Grippe gänzlich. Es ist also sehr gut, sich ein siderisches Pendel über den Bauch zu hängen: schwingt es von rechts nach links, handelt es sich um Influenza; schwingt es aber von links nach rechts, so ist eine Erkältung im Anzuge. Darauf ziehe man den Anzug aus und begebe sich in die Behandlung Weißenbergs.

    Der von Weißenberg verordnete weiße Käse muss unmittelbar auf die Grippe geschmiert werden; in unter das Bett zu kleben, zeugt von medizinischer Unkenntnis sowie von Herzensrohheit.

    Keinesfalls vertraue man dieses geheimnisvolle Leiden seinem sogenannten “Arzt” an; man frage vielmehr im Grippefall Frau Meyer. Frau Meyer weiß immer etwas gegen diese Krankheit. Bricht in einem Bekanntenkreis die Grippe aus, so genügt es, wenn sich ein Mitglied des Kreises in Behandlung begibt — die anderen machen dann einfach alles mit, was der Arzt verordnet hat.

    An hauptsächlichen Mitteln kommen in Betracht: Kamillentee. Fliedertee. Magnolientee. Gummibaumtee. Kakteentee. Diese Mittel stammen noch aus Großmutters Tagen und helfen in keiner Weise glänzend. Unsere moderne Zeit hat andere Mittel, der chemischen Industrie aufzuhelfen.

    An Grippemitteln seien genannt: Aspirol. Pyramidin. Bysopeptan. Ohrolax. Primadonna. Bellapholisiin. Aethyl-Phenil-Lekaryl-Parapherinan-Dynamit-Acethylen-Koollomban-Piporol. Bei letzerem Mittel genügt es schon, den Namen mehrere Male schnell hintereinander auszusprechen.

    Man nehme alle diese Mittel sofort, wenn sie aufkommen — solange sie noch helfen, und zwar in alphabetischer Reihenfolge, “ch” ist ein Buchstabe. Doppelkohlensaures Natron ist auch gesund.

    Besonders bewährt haben sich nach der Behandlung die sogenannten prophylaktischen Spritzen (lac, griechisch; soviel wie “Milch” oder “See”). Diese Spritzen heilen am besten Grippen, die bereits vorbei sind — dies aber immer.

    Amerikaner pflegen sich bei Grippe Umschläge mit heißem Schwedenpunsch zu machen; Italiener halten den rechten Arm längere Zeit in gestreckter Richtung in die Höhe; Franzosen ignorieren die Grippe so, wie sie den Winter ignorieren, und die Wiener machen ein Feuilleton aus dem jeweiligen Krankheitsfall. Wir Deutsche aber behandeln die Sache methodisch:

    Wir legen uns erst ins Bett, bekommen dann die Grippe und stehen nur auf, wenn wir wirklich hohes Fieber haben: dann müssen wir dringend in die Stadt, um etwas zu erledigen. Ein Telefon am Bett von weiblichen Patienten zieht den Krankheitsverlauf etwas in die Länge.

    Die Grippe wurde im Jahre 1725 vom englischen Pfarrer Jonathan Grips erfunden; wissenschaftlich heilbar ist sie seit dem Jahre 1724.

    Die glücklich erfolgte Heilung erkennt man an Kreuzschmerzen, Husten, Ziehen in den Füßen und einem leichten Kribbeln in der Nase. Diese Anzeichen gehören aber nicht, wie der Laie meinst, der alten Grippe an — sondern einer neuen.

    Die Dauer einer gewöhnlichen Hausgrippe ist bei ärztlicher Behandlung drei Wochen, ohne ärztliche Behandlung 21 Tage. Bei Männern tritt noch die sog. Wehleidigkeit hinzu; mit diesem Aufwand an Getue kriegen normalerweise Frauen Kinder.

    Das Hausmittel Cäsars gegen die Grippe war Lorbeerkranzsuppe; das Palastmittel Vanderbilts ist Platinbouillon mit weichgekochten Perlen.

    Und so fasse ich denn meine Ausführungen in die Worte des bekannten Grippologen Professor Dr. Dr. Dr. Ovaritius zusammen:

    Die Grippe ist keine Krankheit — sie ist ein Zustand — !

    Rezepte gegen Grippe – Kurt TucholskySatire

    Autor*in: Kurt Tucholsky

    Bewertung des Redakteurs:

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      Beim ersten Herannahen der Grippe, erkennbar an leichtem Kribbeln in der Nase, Ziehen in den Füßen, Hüsteln, Geldmangel und der Abneigung, morgens ins Geschäft zu gehen, gurgele man mit etwas gestoßenem Koks sowie einem halben Tropfen Jod. Darauf pflegt dann die Grippe einzusetzen.

      Balthasar Gracian - Quantität und Qualität

      Balthasar Gracian - Quantität und Qualität - Handorakel
      Balthasar Gracian 

      Balthasar Gracian
       - Quantität und Qualität - Handorakel 

      Vollkommenheit besteht nicht in der Quantität, sondern in der Qualität. Sie zeigt sich nicht im Extensiven, sondern im Intensiven.
      Vortreffliches ist stets wenig und selten. Masse und Menge einer Sache hingegen wird eher geringschätzig betrachtet.
      Unten Menschen sind Riesen oftmals auch nur Zwerge. Diese schätzen zum Beispiel Bücher mehr nach ihrer Dicke als nach ihrem Inhalt. Es scheint bei ihnen auch, als wenn sie mehr ihre körperliche Kraft als ihre geistigen Fähigkeiten üben wollten.
      Extensives allein führt nie über eine gewisse Mittelmäßigkeit hinaus.
      Es ist daher ein Leiden universell denkender Menschen, dass sie, um in allem zu Hause zu sein, es nirgends sind.
      Alles Intensive, woraus jegliche Vortrefflichkeit entspringt, ist hingegen eine erhabene Gattung.

      Balthasar Gracian | Handorakel | Quantität & Qualität

      Autor*in: Balthasar Gracian

      Bewertung des Redakteurs:

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        Vollkommenheit besteht nicht in der Quantität, sondern in der Qualität. Sie zeigt sich nicht im Extensiven, sondern im Intensiven. Vortreffliches ist stets wenig und selten. Masse und Menge einer Sache hingegen wird eher geringschätzig betrachtet.

        Fuchshochzeit - Märchen aus Japan

        Fuchshochzeit – Märchen aus Japan
        Fuchshochzeit 

        Fuchshochzeit – Märchen aus Japan 


        Einst lebte ein Ehepaar weiße Füchse, die hatten einen Sohn, so nett und glatt, wie nur je einer zu sehen war, schneeweiß, wie seine Eltern.

        Als der junge Fuchs erwachsen war, sagte sein Vater zu ihm: »Jetzt will ich mich aufs Altenteil setzen und dir das Regiment im Haus überlassen. Suche dir eine Frau und fange an, selbst zu wirtschaften. Mit Rat und Tat will ich dir gern zu jeder Zeit zur Seite stehen.«

        Der junge Fuchs dankte seinem Vater aufs verbindlichste und begann sogleich mit Eifer daran zu arbeiten und den neuen Hausstand vorzubereiten.

        Die Frage, wen er als Braut heimführen sollte, war auch sehr bald entschieden, denn gar nicht weit von ihnen wohnte ein anderes Paar weißer Füchse, die ein Töchterchen hatten, das seiner Schönheit halber berühmt war. Ihr Fell strahlte weithin und war so glatt wie Seide.

        Nun war es vor allen Dingen nötig, die Einwilligung der Eltern des schönen Mädchens zu holen. Ein geschickter Brautwerber fand sich bald und brachte die Angelegenheit in der üblichen Weise, mit allen erdenklichen Höflichkeitsbezeugungen, ohne weitere Hindernisse in Gang. Geschenke vom Freier kamen an, und der Bote, der sie mit zierlich gesetzten Glückwünschen anschleppte, wurde mit reichem Lohn entlassen.

        Nun wurde eine Zusammenkunft der Brautleute verabredet, damit sie sich doch vorher kennen lernten, ehe die Braut in ihres Mannes Haus käme. Das übliche Fass Sake wanderte in die Wohnung des künftigen Paares, und es blieb nichts übrig, als einen guten, glückbringenden Tag im Kalender für die Hochzeit auszuwählen.

        Endlich kam dieser Tag herbei; aber leider war es recht schlechtes Wetter. Schwere Wolken zogen unablässig am Himmel dahin, und fast beständig fiel Regenschauer herab. Dennoch setzte sich der Zug mit der Braut zur rechten Zeit in Bewegung, und siehe da, bei vollem strömenden Regen lachte auf einmal die Sonne, gerade als die Braut unterwegs war.

        Alle Welt wunderte sich und war darüber sehr erfreut, und daher sagt man noch heutzutage in Japan noch, wenn bei vollem Regen die Sonne scheint: »Die Braut des Fuchses geht in ihres Mannes Haus.«

        Hier angelangt, leerte die schöne Braut die Sakeschale, von der zuvor ihr Bräutigam getrunken hatte und dann waren alle vergnügt und tanzten, sangen und tranken nach Herzenslust.

        Und so lustig wie die Hochzeit, so glücklich war das spätere Dasein des jungen Paares. Füchslein, alle nett und weiß von Pelz, der eine noch runder und kräftiger als der andere, sprangen bald umher und gediehen zur Freude der Eltern und des würdigen alten Großvaters, der nicht verfehlte, jeden derselben seinem Schutzpatron, der Göttin und dem Gott von Inari, vorzustellen und sie ihrem Schutz zu empfehlen.

        Und die Götter halfen auch getreulich, die ganze Familie vor bösen Hunden und anderen Feinden zu bewahren. So dauerte das Glück viele viele Geschlechter hindurch bis auf den heutigen Tag.

        Fuchshochzeit – Märchen aus Japan - Fuchs - Hochzeit

        Autor*in: Märchen aus Japan

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          Einst lebte ein Ehepaar weiße Füchse, die hatten einen Sohn, so nett und glatt, wie nur je einer zu sehen war, schneeweiß, wie seine Eltern. Als der junge Fuchs erwachsen war, sagte sein Vater zu ihm: »Jetzt will ich mich aufs Altenteil setzen und dir das Regiment im Haus überlassen.

          Tiger und Menschenverstand - James Thurber

          Tiger und Menschenverstand – James Thurber – Methoden
          Tiger- und Menschenverstand 

          Tiger und Menschenverstand – James Thurber – Methoden 


          Es war einmal ein Tiger, der lebte in den Vereinigten Staaten, und zwar in einem Zoo. Eines Tages lief er davon und kehrte in den Dschungel zurück.

          Während seiner Gefangenschaft hatte er viel von den Menschen gelernt, und er nahm sich vor, ihre Methoden in seinem Dschungelleben anzuwenden.

          Gleich am ersten Tag begegnete er einem Leoparden und sagte zu ihm: »Ich sehe nicht ein, warum wir auf die Jagd nach Nahrung gehen sollen. Wir werden uns einfach von den anderen Tieren versorgen lassen!«

          »Und wie willst du sie dazu bringen?« fragte der Leopard.

          »Nichts leichter als das«, erwiderte der Tiger. »Wir werden überall erzählen, dass wir einen Boxkampf veranstalten und dass jedes Tier zuschauen darf, wenn es einen frisch getöteten Eber abliefert. Dann werden wir ein bisschen herumspringen und schattenboxen.«

          »Eine ganz ungefährliche Sache also. Später kannst du sagen, du hättest dir während der zweiten Runde die rechte Pfote gebrochen, und ich werde sagen, ich hätte mir während der ersten Runde die linke Pfote gebrochen. Danach werden wir einen Revanchekampf ankündigen, und auf diese Weise kriegen wir noch mehr wilde Eber!«

          »Na, ich weiß nicht, ob das klappen wird«, meinte der Leopard.

          »Ach, natürlich klappt es«, versicherte der Tiger. »Du musst nur herumgehen und jedem erzählen, dass du bestimmt gewinnen wirst, weil ich nichts als ein elender Angeber bin. Und ich werde herumgehen und jedem erzählen, dass ich unmöglich verlieren kann, weil du nichts als ein elender Angeber bist. Dann werden sie alle neugierig auf den Kampf sein!«

          Der Leopard erzählte also überall herum, er werde bestimmt gewinnen, weil der Tiger nichts als ein elender Angeber sei. Und der Tiger erzählte überall herum, er könne unmöglich verlieren, da der Leopard nichts als ein elender Angeber sei.

          Am Abend des Kampfes waren der Tiger und der Leopard schon sehr hungrig, weil sie die ganze Zeit nicht auf der Jagd gewesen waren. Sie wollten also die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen und dann einige von den frisch getöteten wilden Ebern fressen, die sie von den anderen Tieren erhalten würden.

          Als aber die für den Kampf angesetzte Stunde herankam, ließ sich keines der Tiere blicken. »Meiner Meinung nach«, hatte nämlich der Fuchs zu ihnen gesagt, »liegen die Dinge so: Wenn der Leopard bestimmt gewinnt und der Tiger unmöglich verlieren kann, dann endet es mit Unentschieden, und so was ist maßlos langweilig. Besonders, wenn beide Gegner elende Angeber sind.«

          Den Tieren leuchtete die Logik dieser Behauptung ein, und so blieben sie alle der Arena fern. Als gegen Mitternacht nun feststand, dass keines der Tiere erscheinen würde und dass auf frisches Eberfleisch nicht zu hoffen war, fielen der Tiger und der Leopard in ihrer Wut übereinander her.

          Sie trugen beide so schwere Verletzungen davon und waren beide so schwach vor Hunger, dass ein paar wilde Eber, die zufällig des Weges kamen, sie mühelos überwältigen, töten und fressen konnten.

          Moral: Wer wie Menschen lebt, sich die eigene Grube gräbt.


          Tiger und Menschenverstand – James Thurber – Methoden - Fabel

          Autor*in: James Thurber

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            Es war einmal ein Tiger, der lebte in den Vereinigten Staaten, und zwar in einem Zoo. Eines Tages lief er davon und kehrte in den Dschungel zurück. Während seiner Gefangenschaft hatte er viel von den Menschen gelernt, und er nahm sich vor, ihre Methoden in seinem Dschungelleben anzuwenden.

            Die Krähen fliegen abends nach Hause

            Die Krähen fliegen abends nach Hause – Wolfgang Borchert
            Die Krähen fliegen abends nach Hause 

            Die Krähen fliegen abends nach Hause – Wolfgang Borchert 


            Sie hocken auf dem steinkalten Brückengeländer und am violett stinkenden Kanal entlang auf dem frostharten Metallgitter. Sie hocken auf ausgeleierten muldigen Kellertreppen. Am Straßenrand bei Stanniolpapier und Herbstlaub und auf den sündigen Bänken der Parks. Sie hocken an türlose Häuserwände gelehnt, hingeschrägt, und auf den fernwehvollen Mauern und Molen des Kais.

            Sie hocken im Verlorenen, krähengesichtig, grauschwarz übertrauert und heiser gekrächzt. Sie hocken und alle Verlassenheiten hängen an ihnen herunter wie lahmes loses zerzaustes Gefieder. Herzverlassenheiten, Mädchenverlassenheiten, Sternverlassenheiten.

            Sie hocken im Gedämmer und Gediese der Häuserschatten, torwegsscheu, teerdunkel und pflastermüde. Sie hocken dünnsohlig und graubestaubt im Frühdunst des Weltnachmittags, verspätet, ins Einerlei verträumt. Sie hocken über dem Bodenlosen, abgrundverstrickt und schlafschwankend vor Hunger und Heimweh. Krähengesichtig (wie auch anders?) hocken sie, hocken, hocken und hocken. Wer? Die Krähen? Vielleicht auch die Krähen. Aber die Menschen vor allem, die Menschen.

            Rotblond macht die Sonne um sechs Uhr das Großstadtgewölke aus Qualm und Gerauch. Und die Häuser werden samtblau und weichkantig im milden Vorabendgeleucht.

            Aber die Krähengesichtigen hocken weißhäutig und blaßgefroren in ihren Ausweglosigkeiten, in ihren unentrinnbaren Menschlichkeiten, tief in die buntflickigen Jacken verkrochen.

            Einer hockte noch von gestern her am Kai, roch sich voll Hafengeruch und kugelte zerbröckeltes Gemäuer ins Wasser. Seine Augenbrauen hingen mutlos aber mit unbegreiflichem Humor wie Sofafransen auf der Stirn.

            Und dann kam ein Junger dazu, die Arme ellbogentief in den Hosen, den Jackenkragen hochgeklappt um den mageren Hals. Der Ältere sah nicht auf, er sah neben sich die trostlosen Schnauzen von einem Paar Halbschuhen und vom Wasser hoch zitterte ein wellenverschaukeltes Zerrbild von einer traurigen Männergestalt ihn an. Da wusste er, dass Timm wieder da war.

            Na, Timm, sagte er, da bist du ja wieder. Schon vorbei?

            Timm sagte nichts. Er hockte sich neben den anderen auf die Kaimauer und hielt die langen Hände um den Hals. Ihn fror.

            Ihr Bett war wohl nicht breit genug, wie? fing der andere sachte wieder an nach vielen Minuten.

            Bett! Bett! sagte Timm wütend, ich liebe sie doch.

            Natürlich liebst du sie. Aber heute Abend hat sie dich wieder vor die Tür gestellt. War also nichts mit dem Nachtquartier. Du bist sicher nicht sauber genug, Timm. So ein Nachtbesuch muss sauber sein. Mit Liebe allein geht das nicht immer. Na ja, du bist ja sowieso kein Bett mehr gewöhnt. Dann bleib man lieber hier. Oder liebst du sie noch, was?

            Timm rieb seine langen Hände am Hals und rutschte tief in seinen Jackenkragen. Geld will sie, sagte er viel später, oder Seidenstrümpfe. Dann hätte ich bleiben können.

            Oh, du liebst sie also noch, sagte der Alte, je, aber wenn man kein Geld hat!

            Timm sagte nicht, dass er sie noch liebe, aber nach einer Weile meinte er etwas leiser: Ich hab ihr den Schal gegeben, den roten, weißt du. Ich hatte ja nichts anderes. Aber nach einer Stunde hatte sie plötzlich keine Zeit mehr.

            Den roten Schal? fragte der andere. Oh, er liebt sie, dachte er für sich, wie liebt er sie! Und er wiederholte noch einmal: Oha, deinen schönen roten Schal! Und jetzt bist du doch wieder hier und nachher wird es Nacht.

            Ja, sagte Timm, Nacht wird es wieder. Und mir ist elend kalt am Hals, wo ich den Schal nicht mehr hab. Elend kalt, kann ich dir sagen.

            Dann sahen sie beide vor sich aufs Wasser und ihre Beine hingen betrübt an der Kaimauer. Eine Barkasse schrie weissdampfend vorbei und die Wellen kamen dick und schwatzhaft hinterher. Dann war es wieder still, nur die Stadt brauste eintönig zwischen Himmel und Erde und krähengesichtig, blauschwarz übertrauert, hockten die beiden Männer im Nachmittag.

            Als nach einer Stunde ein Stück rotes Papier mit den Wellen vorüber schaukelte, ein lustiges rotes Papier auf den bleigrauen Wellen, da sagte Timm zu dem anderen: Aber ich hatte ja nichts anderes. Nur den Schal.

            Und der andere antwortete: Und der war so schön rot, du, weißt du noch, Timm? Junge, war der rot.

            Ja, ja, brummte Timm verzagt, das war er. Und jetzt friert mich ganz elend am Hals, mein Lieber.

            Wieso, dachte der andere, er liebt sie doch und war eine ganze Stunde bei ihr. Jetzt will er nicht mal dafür frieren. Dann sagte er gähnend: Und das Nachtquartier ist auch Essig.

            Lilo heißt sie, sagte Timm, und sie trägt gerne seidene Strümpfe. Aber die hab ich ja nicht.

            Lilo? staunte der andere, schwindel doch nicht, sie heißt doch nicht Lilo, Mensch.

            Natürlich heißt sie Lilo, antwortete Timm aufgebracht. Meinst du, ich kann keine kennen, die Lilo heißt? Ich liebe sie sogar, sag ich dir.

            Timm rutschte wütend von seinem Freund ab und zog die Knie ans Kinn. Und seine langen Hände hielt er um den mageren Hals. Ein Gespinst von früher Dunkelheit legte sich über den Tag und die letzten Sonnenstrahlen standen wie ein Gitter verloren am Himmel.

            Einsam hockten die Männer über den Ungewissheiten der kommenden Nacht und die Stadt summte groß und voller Verführung. Die Stadt wollte Geld oder seidene Strümpfe. Und die Betten wollten sauberen Besuch in der Nacht.

            Du, Timm, fing der andere an und verstummte wieder.

            Was ist denn, fragte Timm.

            Heißt sie wirklich Lilo, du?

            Natürlich heißt sie Lilo, schrie Timm seinen Freund an, Lilo heißt sie, und wenn ich mal was hab, soll ich wiederkommen, hat sie gesagt, mein Lieber.

            Du, Timm, brachte der Freund dann nach einer Weile zustande, wenn sie wirklich Lilo heißt, dann musstest du ihr den roten Schal auch geben. Wenn sie Lilo heißt, finde ich, dann darf sie auch den roten Schal haben. Auch wenn es mit dem Nachtquartier Essig ist. Nein, Timm, den Schal lass man, wenn sie wirklich Lilo heißt.

            Die beiden Männer sahen über das dunstige Wasser weg der aufsteigenden Dämmerung entgegen, furchtlos, aber ohne Mut, abgefunden. Abgefunden mit Kaimauern und Torwegen, abgefunden mit Heimatlosigkeiten, mit dünnen Sohlen und leeren Taschen abgefunden. Ans Einerlei vertrödelt ohne Ausweg.

            Überraschend am Horizont hochgeworfen, von irgendwo hergeweht, kamen Krähen angetaumelt, Gesang und das dunkle Gefieder voll Nachtahnung, torkelten sie wie Tintenkleckse über das keusche Seidenpapier des Abendhimmels, müdegelebt, heisergekrächzt, und dann unerwartet etwas weiter ab schon von der Dämmerung verschluckt.

            Sie sahen den Krähen nach, Timm und der andere, krähengesichtig, blauschwarz übertrauert. Und das Wasser roch satt und gewaltig. Die Stadt, aus Würfeln wild aufgetürmt, fensteräugig, fing mit tausend Lampen an zu blinken. Den Krähen sahen sie nach, den Krähen, die lange verschluckt schon, sahen ihnen nach mit armen alten Gesichtern, und Timm, der Lilo liebte, Timm, der zwanzig Jahre war, der sagte: Die Krähen, du, die haben es gut.

            Der andere sah vom Himmel weg mitten in Timms weites Gesicht, das blassgefroren im Halbdunkel schwamm. Und Timms dünne Lippen waren traurige Striche in dem weiten Gesicht, einsame Striche, zwanzigjährig, hungrig und dünn von vielen verfrühten Bitterkeiten.

            Die Krähen, sagte Timms weites Gesicht leise, dieses Gesicht, das aus zwanzig helldunklen Jahren gemacht war, die Krähen sagte Timms Gesicht, die haben es gut. Die fliegen abends nach Hause. Einfach nach Hause.

            Die beiden Männer hockten verloren in der Welt, angesichts der neuen Nacht klein und verzagt, aber furchtlos mit ihrer furchtbaren Schwärze vertraut. Die Stadt glimmte durch weiche warme Gardinen millionenäugig schläfrig auf die lärmleeren Nachtstrassen mit dem verlassenen Pflaster.

            Da hockten sie, hart ans Bodenlose hingelehnt wie müdmorsche Pfähle, und Timm, der Zwanzigjährige, hatte gesagt: Die Krähen haben es gut. Die Krähen fliegen abends nach Hause. Und der andere plapperte blöde vor sich hin: Die Krähen, Timm, Mensch, Timm, die Krähen.

            Da hockten sie. Hingelümmelt vom lockenden lausigen Leben. Auf Kai und Kantstein gelümmelt. Auf Mole und muldiges Kellergetrepp. Auf Pier und Ponton. Zwischen Herbstlaub und Stanniolpapier vom Leben auf staubgraue Straßen gelümmelt. Krähen? Nein, Menschen! Hörst du? Menschen! Und einer davon hieß Timm und der hatte Lilo liebgehabt für einen roten Schal. Und nun, nun kann er sie nicht mehr vergessen. Und die Krähen, die Krähen krächzen nach Hause. Und ihr Gekrächz stand trostlos im Abend.

            Aber dann stotterte eine Barkasse schaummäulig vorbei und ihr gesprühtes Rotlicht verkrümelte sich zitternd in der Hafendiesigkeit. Und das Gediese wurde rot für Sekunden. Rot wie mein Schal, dachte Timm. Unendlich weit ab vertuckerte die Barkasse. Und Timm sagte leise: Lilo. Immerzu: Lilo Lilo Lilo Lilo Lilo – – –

            Die Krähen fliegen abends nach Hause – Wolfgang Borchert - Novelle


            Autor*in: Wolfgang Borchert

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              Sie hocken auf dem steinkalten Brückengeländer und am violett stinkenden Kanal entlang auf dem frostharten Metallgitter. Sie hocken auf ausgeleierten muldigen Kellertreppen. Am Straßenrand bei Stanniolpapier und Herbstlaub und auf den sündigen Bänken der Parks. Sie hocken an türlose Häuserwände gelehnt, hingeschrägt, und auf den fernwehvollen Mauern und Molen des Kais.

              Bekenntnis eines Hundefängers

              Bekenntnis eines Hundefängers – Heinrich Böll
              Bekenntnis eines Hundefängers 

              Bekenntnis eines Hundefängers – Heinrich Böll - Story 


              Nur zögernd bekenne ich mich zu einem Beruf, der mich zwar ernährt, mich aber zu Handlungen zwingt, die ich nicht immer reinen Gewissens vornehmen kann. Ich bin nämlich Angestellter des Hundesteueramtes und durchwandere die Gefilde unserer Stadt, um unangemeldete Beller aufzuspüren.

              Als friedlicher Spaziergänger getarnt, rundlich und klein, eine Zigarre mittlerer Preislage im Mund, gehe ich durch Parks und stille Straßen, lasse mich mit Leuten, die Hunde spazieren führen, in ein Gespräch ein, merke mir ihre Namen, ihre Adresse, kraule freundlich tuend dem Hund den Hals, wissend, dass er demnächst fünfzig Mark einbringen wird.

              Ich kenne die angemeldeten Hunde, rieche es gleichsam, spüre es, wenn ein Köter reinen Gewissens an einem Baum steht und sich erleichtert. Mein besonderes Interesse gilt trächtigen Hündinnen, die der freudigen Geburt zukünftiger Steuerzahler entgegensehen. Ich beobachten sie, merke mir genau den Tag des Wurfes und überwache, wohin die Jungen gebracht werden, lasse sie ahnungslos groß werden bis zu jenem Stadium, wo niemand sie mehr zu ertränken wagt – – und überliefere sie dann dem Gesetz.

              Vielleicht hätte ich einen anderen Beruf wählen sollen, denn ich habe Hunde gern, und so befinde ich mich dauernd im Zustand der Gewissensqual: Pflicht und Liebe streiten sich in meiner Brust, und ich gestehe offen, dass manchmal die Liebe siegt. Es gibt Hunde, die ich einfach nicht melden kann, bei denen ich – – wie man so sagt – – beide Augen zudrücke.

              Besondere Milde beseelt mich jetzt, zumal mein eigener Hund auch nicht angemeldet ist: ein Bastard, den meine Frau liebevoll ernährt, liebstes Spielzeug meiner Kinder, die nicht ahnen, welch ungesetzlichem Wesen sie ihre Liebe schenken.

              Das Leben ist wirklich riskant. Vielleicht sollte ich vorsichtiger sein; aber die Tatsache, bis zu einem gewissen Grad Hüter des Gesetzes zu sein, stärkt mich in der Gewissheit, es permanent brechen zu dürfen.

              Mein Dienst ist hart. Ich hocke stundenlang in dornigen Gebüschen der Vorstadt, warte darauf, dass Gebell aus einem Behelfsheim dringt oder wildes Gekläff aus einer Baracke, in der ich einen verdächtigen Hund vermute. Oder ich ducke mich hinter Mauerresten und lauere einem Fox auf, von dem ich weiß, dass er nicht Inhaber einer Karteikarte, Träger einer Kontonummer ist.

              Ermüdet, beschmutzt kehre ich dann heim, rauche meine Zigarre am Ofen und kraule unserem Pluto das Fell, der mit dem Schwanz wedelt und mich an die Paradoxie meiner Existenz erinnert.

              So wird man begreifen, dass ich sonntags einen ausgiebigen Spaziergang mit Frau und Kindern und Pluto zu schätzen weiß, einen Spaziergang, auf dem ich mich für Hunde gleichsam nur platonisch zu interessieren brauche, denn sonntags sind selbst die unangemeldeten Hunde der Beobachtung entzogen.

              Nur muss ich in Zukunft einen anderen Weg bei unseren Spaziergängen wählen, denn schon zwei Sonntage hintereinander bin ich meinem Chef begegnet, der jedesmal stehenbleibt, meine Frau, meine Kinder begrüßt und unserem Pluto das Fell krault.

              Aber merkwürdigerweise: Pluto mag ihn nicht, er knurrt, setzt zum Sprung an, etwas, das mich im höchsten Grad beunruhigt, mich jedesmal zu einem hastigen Abschied veranlasst und das Misstrauen meines Chefs wach zu rufen beginnt, der stirnrunzelnd die Schweißtropfen betrachtet, die sich auf meiner Stirn sammeln.

              Vielleicht hätte ich Pluto doch anmelden sollen, aber mein Einkommen ist gering – – vielleicht hätte ich einen anderen Beruf ergreifen sollen, aber ich bin fünfzig, und in meinem Alter wechselt man nicht mehr gern.

              Jedenfalls wird mein Lebensrisiko zu permanent, und ich würde Pluto anmelden, wenn es noch ginge. Aber es geht nicht mehr. In leichtem Plauderton hat meine Frau dem Chef nämlich berichtet, dass wir das Tier schon drei Jahre besitzen, dass es mit der Familie verwachsen sei, unzertrennlich von den Kindern – – und ähnliche Scherze, die es mir unmöglich machen, Pluto jetzt noch anzumelden.

              Vergebens versuche ich nun, meiner inneren Gewissensqual Herr zu werden, indem ich meinen Diensteifer verdoppele: es nützt mir alles nichts: ich habe mich in eine Situation begeben, aus der mir kein Ausweg mehr möglich erscheint.

              Zwar soll man dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden, aber ich weiß nicht, ob mein Chef elastischen Geistes genug ist, Bibeltexte gelten zu lassen.

              Ich bin verloren, und manche werden mich jetzt für einen Zyniker halten, aber wie soll ich es nicht werden, da ich dauernd mit Hunden zu tun habe . . .

              Bekenntnis eines Hundefängers – Heinrich Böll - Story

              Autor*in: Heinrich Böll

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                Nur zögernd bekenne ich mich zu einem Beruf, der mich zwar ernährt, mich aber zu Handlungen zwingt, die ich nicht immer reinen Gewissens vornehmen kann. Ich bin nämlich Angestellter des Hundesteueramtes und durchwandere die Gefilde unserer Stadt, um unangemeldete Beller aufzuspüren.