20/12/2020

Der körperliche Aspekt des Menschen

Der körperliche Aspekt des Menschen - R.M.F - Alltagspsychologie
Körperlicher Aspekt des Menschen 

Der körperliche Aspekt des Menschen - R.M.F - Alltagspsychologie 


So mannigfach sich die Menschen darstellen: bald mit schwarzer, gelber, roter oder weißer Haut, bald groß und bald klein, gelehrt oder ungelehrt, bald einsam oder gesellig – es gibt doch jenseits dieser Verschiedenheiten ein Gemeinsames, das sie alle eben zu Menschen macht.

Dies allen Individuen, Ethnien und Geschlechtern gemeinsame Wesen suchen wir zunächst zu ermitteln, in der Hoffnung, von hier aus auch ihre Verschiedenheiten zu ergründen. Einen Vertreter der Gattung »homo sapiens«, vielleicht sollten wir schlechthin bei Adam und Eva anfangen, rufen wir auf, damit er uns sein Wesen offenbare.

Zugegeben, dass solcher »Normalmensch« in konkreter Wirklichkeit nirgends vorkommt, dass er eine gedankliche Konstruktion ist wie alle reinen Begriffe, mit denen die Wissenschaft arbeitet: wir behaupten dennoch, dass er als ideales Grundschema in jedem Menschen darinsteckt, dass erst die Kenntnis dieser schematischen Grundform es uns ermöglicht, die Einzelmenschen in ihrer Besonderheit zu verstehen.

Wir geben ferner zu, dass »der« Mensch auch niemals in jener Isolation, wie wir ihn auf unsere Untersuchungsbühne stellen, zu finden ist, dass er nur zu leben vermag in engstem Kontakt mit vielgestaltiger Umwelt, vor allem mit anderen Wesen seinesgleichen; auch davon sehen wir zunächst ab, um ihn in künstlicher Reinheit zu studieren, alle jene Beziehungen zu anderen Menschen und zum Nichtmenschlichen späterer Untersuchung vorbehaltend.

Nehmen wir an, wir sähen einen solchen Menschen mit den Augen unseres Gastes aus Utopien, der zum ersten Mal einen Menschen erblickte: was würden wir finden? Sicherlich nicht den Menschen, wie wir ihn sehen; denn uns ist der Mensch stets »beseelter« Mensch, wir sehen in ihm stets eine Seele mit, die wir auf Grund unserer eigenen Wesensart ihm unterlegen.

Jenem nichtmenschlichen Auge jedoch müsste der Mensch nur als Körper erscheinen: wir würden an seiner Stelle wahrnehmen einen zwar symmetrischen, aber sonst recht unregelmäßigen zylinderförmigen Rumpf, aufruhend auf zwei stämmigen, mehrgliedrigen und beweglichen Stützen, flankiert von zwei dünneren, astartigen, ebenfalls beweglichen und mehrgliedrigen Gebilden und überragt von einem gestielten Aufsatz in unregelmäßiger Eiform. Das Ganze wäre umschlossen von einer Hülle aus ungegerbtem Leder, warm und weich anzufühlen.

Blickten wir genauer hin, so würden wir in dieser Haut, zumeist an dem eiförmigen Aufsatz, Öffnungen gewahren: zwei von muschelartigen Gebilden umrahmte an den Seiten, zwei bunte Fenster vorn, zwei weitere Löcher darunter an dem erkerartigen Ausbau, den wir Nase nennen, durch die unablässig Luft eingenommen und ausgestoßen wird; darunter wieder eine größere Öffnung, durch die zuweilen merkwürdige Töne kommen, und in die zu Zeiten allerlei Stücke von Pflanzen und Tierleichen geschoben werden, während durch andere Körperöffnungen übel riechende Stoffe ausgeschieden werden.

Hätten wir ferner die Gabe, durch die Haut dieses Körpers hindurchzusehen, wir würden erkennen, dass dies so skurril anzuschauende Gebilde im Inneren höchst kunstvoll eingerichtet ist. Wir würden sehen, dass das Ganze gefestigt ist durch ein Gerüst solider, weißer Röhren, die sich zuweilen verdicken oder blätterartig verbreitern, dass sich um dieses Gerüst die Masse des weichen elastischen Fleisches schließt, das sich mannigfach ausdehnen und zusammenziehen kann und durchpulst wird von einer warmen, purpurnen Flüssigkeit, die ihrerseits von einer hohlen, rhythmisch arbeitenden Pumpe getrieben wird.

Wir würden weiter eine aus zähem Stoff geformte Retorte finden, die die darin versenkten Pflanzen- und Tierreste zersetzt und in hohle Schläuche weiterschiebt, wir würden ein weitverbreitetes, unendlich feinästiges Netz dünner, weißlicher Fäden gewahren, die sich im Rücken in langem, dickerem Stamm und im Kopf in einer weichen breiigen Masse verlieren. Und hätten wir mikroskopische Augen, so sähen wir, dass alle diese Gebilde, die Muskeln, Gewebe und Nerven, gefügt sind aus Millionen feinster Zellen, die in höchst merkwürdigen Wechselbeziehungen stehen und unablässig mannigfachen Tätigkeiten obliegen.

Legen wir die Begriffe der modernen Chemie an, so müssen wir sagen, dass diese Apparate, die wir da an der Arbeit sehen, sehr verwickelten Oxydations- und Reduktionsprozessen dienen, dass ferner zahlreiche Gärungsvorgänge darin geschehen, und dass der ganze Körper, der sich zunächst als festes Gebilde darstellte, in Wahrheit sich in einem »kollioden« Zustand, einem eigentümlichen Zwischenzustand zwischen fest und flüssig befindet und letztlich aufgebaut ist aus Eiweiß, Lipoiden, Fetten, Salzen und Wasser.

Zu alledem müsste dann weiter die Beobachtung treten, dass dies ganze unregelmäßige und doch so kunstvoll eingerichtete Ding mannigfacher Bewegungen fähig ist: dass es sich aufrichten und niederlegen, vor- und rückwärtsstelzen, greifen und stoßen, schlagen, kratzen und mannigfache sonderbare, bloß von außen gesehen völlig sinnlose Bewegungen mit Lippen und Augen, mit der Stirnhaut und den Kinnbacken ausführen kann und als Ganzes beständig ein freilich labiles Gleichgewicht wahrt.

Alles das würde ein Beobachter, der allem Menschlichen fremd wäre, feststellen können; aber er würde es nicht »verstehen«, es würde ihm sinnlos vorkommen; die Gestalt, die wir je nachdem schön oder hässlich nennen, würde ihm unförmig scheinen, wie uns Gebilde, die entstehen, wenn man glühendes Zinn im Wasser erkalten lässt, die Bewegungen müssten ihm lächerlich dünken, wie uns die Bewegungen einer vom Wind gezausten Vogelscheuche.

Alles das aber nur darum, weil er darin nicht das mitsehen würde, was wir, ohne es zu wissen und zu wollen, stets darin mitschauen, was jenes körperliche Gebilde erst zum ganzen Menschen macht: die Seele.

Der körperliche Aspekt des Menschen – Vom Sinn des Lebens – R.M.F – Alltagspsychologie

Autor: R.M.F

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    So mannigfach sich die Menschen darstellen: bald mit schwarzer, gelber, roter oder weißer Haut, bald groß und bald klein, gelehrt oder ungelehrt, bald einsam oder gesellig – es gibt doch jenseits dieser Verschiedenheiten ein Gemeinsames, das sie alle eben zu Menschen macht.

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