AVENTIN Blog: Geschichte | AVENTIN - Von einem der auszog Weisheit zu finden ◕‿◕ Balladen Fabeln Gedichte Kunst Kultur Märchen Musik Novellen Orte Parabeln Rätsel Sagen --
Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

No Moccasins

No Moccasins - Geschichte aus Nordamerika - Lakota 

No Moccasins - Sage aus Nordamerika - Lakota
No Moccasins



Geschichte von Joseph M. Marshall III - No Moccasins Die Alten unter uns sind die besten Vorbilder dafür, wie wir unser Leben leben sollten. Jeder ältere Mensch ist eine Sammlung an Geschichten, aus allem, was er gesehen und erlebt hat, und all dessen, was sich während seines Lebens in der Welt zugetragen hat.




Sinnend geh ich durch den Garten

Sinnend geh ich durch den Garten 


Sinnend geh ich durch den Garten,
still gedeiht er hinterm Haus;
Suppenkräuter, hundert Arten,
Bauernblumen, bunter Strauß,
Petersilie und Tomaten,
eine Bohnengalerie,
ganz besonders ist geraten
der beliebte Sellerie.
Ja, und hier -? Ein kleines Wieschen?
Da wächst in der Erde leis
das bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.

Sinnend geh ich durch den Garten
unsrer deutschen Politik;
Suppenkohl in allen Arten
im Kompost der Republik.
Bonzen, Brillen, Gehberockte,
Parlamentsroutinendreh ...
Ja, und hier -? Die ganz verbockte
liebe gute S P D.
Hermann Müller, Hilferlieschen
blühn so harmlos, doof und leis
wie bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.






Vielarmige Göttin Guanyin

Vielarmige Göttin Guanyin - China

Leben - Glaube - Hoffnung 

Vielarmige Göttin Guanyin - China - Leben Glaube Hoffnung
Vielarmige Göttin Guanyin 



Das Weiterleben der Seele nach dem Tod ist in Europa so eine Sache; der eine glaubt, dass sie auf diese, der andere, dass sie auf jene Fasson am Fegefeuer vorbeikommen könne. Das ist in China anders. Dort wird nur der Seele der Zugang zur Stätte der Freuden gewährt, die männliche Nachkommen hinterlassen hat.



Kupferstich - Augsburg

Kupferstich Augsburg - Topografie und Geschichte 


An der ehemaligen Römerstraße 'Via Claudia Augusta' zwischen Dom und St. Moritz entwickelte sich im 11. Jh. eine Siedlung von Kaufleuten 'am Perlach'. Sie ist die Keimzelle der Bürgerstadt, die sich im Gegensatz zur Domstadt entfaltend immer mehr der Herrschaft des Bischofs entzog, um endlich selbst die Geschicke der Stadt in ihre Hände zu nehmen. 

Der Blick auf den Ludwigsplatz mit Rathaus und Perlach, nach einem Kupferstich von J. Wolff, zeigt den zentralen Abschnitt dieser Straße, die für die Geschichte Augsburgs so bedeutend ist. Im Mittelalter waren die Wirren des Investiturstreites zur Erweiterung seiner Selbstverwaltung genutzt worden. Kaiser Lothar zerstörte die staufisch gesinnte Bürger- und Domstadt. Nach deren Wiederaufbau gab Kaiser Friedrich Barbarossa der Bürgerstadt 1156 eine Stadtrechtsurkunde, welche die Rechte des bischöflichen Stadtherren einschränkte. Zwei Jahre später fällte er hier den für die derzeit noch unbedeutende Ortschaft München wichtigen Schiedsspruch zwischen Heinrich dem Löwen und Bischof Otto von Freising zugunsten des ersteren. Die Hochstiftsvogtei  zog er an sein Haus und setzte einen königlichen Stadtvogt ein. Diese Voraussetzungen waren dazu angetan, die Bürger in ihren Bemühungen um die Stadtherrschaft zu bestärken. Sie erzwangen 1250 in einem Aufstand gegen den Bischof die zuvor angelegte Stadtbefestigung für sich, dazu das Besteuerungsrecht. Neben der Kirche St. Peter besaßen sie bald ein Rathaus und 1266 werden erstmals der Bürgermeister und die Konsuln der Stadt erwähnt. Als sie 1316 zur unveräußerlichen Reichsstadt wurde, war damit die bischöfliche Herrschaft im Wesentlichen abgestreift. 

Wenn auch in der Augsburger Bischofsresidenz von den lutherischen Reichsständen Kaiser Karl V. die 'Confessio Augustana' übergeben wurde und ein Augsburger Reichstag den Religionsfrieden beschloss, in dem Katholizismus und Luthertum im ganzen Reich gleichgestellt wurden, so war die Stadt selbst an diesen Vorgängen nicht direkt beteiligt. Abseits davon hatte sie den Ausbau ihres Handels und ihrer Wirtschaft vorangetrieben. Die Häuser der Fugger und Welser traten in den Vordergrund. Auf dem Kupferhandel und die Hochfinanz, vorzüglich des Habsburger Hauses, gründete sich die Macht der Fugger. Die Welser erhielten 1528 das spanische Venezuela zugesprochen. 

Die durch den 30jähren Krieg verursachten Rückschläge holte Augsburg durch den guten Ruf seiner Gewerbe bald wieder auf. Die erlangte Bedeutung als Bank- und Wechselplatz verlor es zwar an München, doch wuchs es weiter zu einer modernen Industriestadt heran. 

Wer bist du? - Anthony de Mello

Wer bist du? Kleine Weisheitsgeschichte von Anthony de Mello:

Wer bist du - Anthony de Mello
Wer bist du 



Es war einmal eine Frau, die lange im Koma lag. Doch dann erschien es ihr, als sei sie schon tot, als wäre sie im Himmel und stände nun vor einem Richterstuhl. "Wer bist du?" fragte eine Stimme. "Ich bin die Frau des Bürgermeisters" antwortete die Frau....



Zur Weltgeschichte - Hermann Hesse

Zur Weltgeschichte – Hermann Hesse – Gedanken
Zur Weltgeschichte 

Zur Weltgeschichte – Hermann Hesse – Gedanken


Wir sehen die Weltgeschichte, das heißt die Geschichte unseres Weltalters, in hypertrophischen Staatengebilden und sinnlosen Materialschlachten vergehen.

Wie sehen sie in der Ausrottung unzähliger Tier- und Pflanzenarten, dem Hinwelken des Schönen und Wohltuenden im Bild der Städte und Länder, im Gestank der Fabriken, dem Erkranken der Gewässer, und nicht minder im Erkranken und Hinwelken der Sprachen, der Werte, der Worte, der Denk- und Glaubenssysteme dahin siechen.

Und dass diesem still und rasch sich beschleunigenden Zerfall eine blendende Hochentwicklung der technischen Intelligenz und Leistung gegenübersteht, dass wir uns von der Zentrifuge unseres mechanisierten Daseins bereits in den Weltraum schleudern lassen können, das scheint mehr den Massen als den Denkenden ein Trost zu sein.

In Europa sitzen wir auf den schönen Trümmern unserer abendländischen Kultur vermutlich als eine der letzten Generationen. Was in Asien und Afrika sich, zum großen Teil durch unsere eigene Schuld, angestaut hat und wie ein Bergrutsch oder eine Völkerwanderung gegen uns unterwegs ist, davor wird nichts uns retten können.

Deutschlands Stellung in der Welt sehe ich rein psychologisch an und interessiere mich namentlich mit einem gewissen Grauen für die fabelhafte deutsche Fähigkeit zur »Verdrängung« und zum gläubigen Hinnehmen ideologischer Ideen. Die Fähigkeit, aus dem Unsinnigsten und Furchtbarsten eine Religion zu machen, ist bei uns groß.

Heutzutage muss man schon dankbar sein, wenn der Mitmensch einem nicht einfach im Namen seiner Weltanschauung und zur Neuordnung Europas das Leben oder das Portemonnaie nimmt.

Die meisten Menschen haben ja gar keine persönlichen Gesinnungen, sondern die ihrer Kaste. Sowohl Kapitalisten wie Sozialisten oder andere sind zu 99 Prozent Anhänger von Meinungen, zu deren Nachprüfung ihr eigener Geist nicht ausreicht.

Ich lehne Programme und fertig formulierte »Gesinnungen« nur deshalb ab, weil sie die Menschen unendlich verarmen und verdummen!

Ich sehe nur noch mit Erstaunen, nicht mehr mit eigentlichem Verstehenwollen, zu, wie sich die kindischsten, ja viehischsten politischen Triebe als »Weltanschauungen« etc. präsentieren, ja die Gebärden von Religionen annehmen.

Diese Systeme haben mit dem Marxistischen Sozialismus gemein, dass sie die Menschen für nahezu unbegrenzt politisierbar halten, was sie nicht sind. Die Kämpfe der heutigen Welt halte ich größtenteils für eine Folge dieses Irrtums.

Zur Weltgeschichte – Hermann HesseGedanken - Essay

Autor*in: Hermann Hesse

Bewertung des Redakteurs:

URL: https://aventin.blogspot.com/2020/09/zur-weltgeschichte.html

    Wie sehen sie in der Ausrottung unzähliger Tier- und Pflanzenarten, dem Hinwelken des Schönen und Wohltuenden im Bild der Städte und Länder, im Gestank der Fabriken, dem Erkranken der Gewässer, und nicht minder im Erkranken und Hinwelken der Sprachen, der Werte, der Worte, der Denk- und Glaubenssysteme dahin siechen.

    Das Märchen vom Buchweizen

    Das Märchen vom Buchweizen – Märchen aus Russland
    Das Märchen vom Buchweizen 

    Das Märchen vom Buchweizen 
    – Märchen aus Russland - 


    Vor vielen vielen Jahren lebte in den großen Weiten, die jetzt Russland heißen, eine alte Frau mit ihrer Enkelin. Deren Eltern waren früh durch ein Unglück ums Leben gekommen und so stelle das Kind für die alte Frau die einzige schöne Erinnerung an ihre Familie dar. Deshalb betrachtete sie das Mädchen auch als ihren kostbarsten Schatz und Besitz.

    Da das Mädchen sehr schön war, sprach sich dies bald im ganzen Land herum. Aus diesem Grund kamen auch viele lustige Burschen und stattliche Männer, um die Schönheit zu sehen und um die Hand des Mädchens anzuhalten. Die alte Frau aber wollte von alledem nichts wissen. Sie schloss daher ihre Enkelin ins Zimmer ein und verbot ihr bei Entzug ihrer Liebe, das Haus zu verlassen.

    Aber junges Blut lässt sich nicht so einfach einsperren und wenn die Schöne schon während des Tages nicht aus dem Haus konnte, weil die alte Frau vor der Türe saß, so entwich sie doch nachts durch das Fenster und streifte durch Wiesen, Felder und Wälder bis hin zu einem kleinen Weiher, wo sie sich an ihrem eigenen Spiegelbild, das sich im Mondlicht silbrig glänzend im Wasser abzeichnete, statt sehen konnte.

    Und es kam, wie es kommen musste. Eines nachts überraschten umherstreifende Tataren das Mädchen und nahmen sie mit sich auf den Markt von Samarkand, wo sie als Sklavin verkauft werden sollte.

    Das alte Mütterchen war untröstlich erschüttert über den Verlust des Mädchens und machte sich sofort auf die Suche nach ihrer Enkelin. Wohin waren die Tataren gezogen? Die alte Frau durchwanderte die großen Weiten Russlands und erzählte allen von ihrer schönen Enkelin — aber vergebens.

    Als sie schon fast alle Hoffnung aufgegeben hatte, gelangte sie schließlich zu der Hütte eines Einsiedlers, eines uralten Mannes, der ihr geduldig zuhörte und, nachdem er lange nachgedacht hatte, auch die richtige Auskunft gab.

    Ja, damit die Frau rasch nach der fernen Tatarenstadt gelangen konnte, schenkte er ihr ein paar Schuhe, mit denen sie bei jedem Schritt sieben Meilen zurücklegen konnte. Dazu gab er ihr ebenfalls noch einen besonderen Stab. Wenn sie mit dem dreimal auf den Boden stoße, so würde sich jeder Gegenstand, auf den sie blicke, in genau das verwandeln, was sie sich gerade wünschen würde.

    Voller Freude nahm die alte Frau die zwei Geschenke an sich und in ihrer Angst, zu spät nach Samarkand zu kommen, rannte sie, ohne weiter nachzudenken, Hals über Kopf davon. In Samarkand angekommen, suchte sie sofort den Markt auf und siehe da: soeben wurden junge Mädchen verkauft; unter ihnen die Schönste, ihre Enkelin.

    »Na wartet«, murmelte das Mütterchen bei sich. »Diese Suppe werde ich euch versalzen!« Sie fasste ihre Enkelin scharf ins Auge, stieß ihren Stock dreimal auf die Erde und murmelte: »Werde Du ein Korn!«

    Augenblicklich war die Schöne verschwunden und niemand achtete auf das Mütterchen, die sich durchs Gewühl zwängte, sich bückte und ein unscheinbares Körnchen vom Boden aufhob. Sie steckte das Korn in ihre Tasche, war hocherfreut über ihre Tat und machte sich hämisch lächelnd auf den Heimweg.

    Aber ach — zuhause angekommen, fiel ihr ein, dass sie in ihrer Hast und Eile vergessen hatte, den alten Einsiedler nach dem Lösungswort für die Rückverwandlung zu fragen. Was auch immer sie ausprobierte und den Stock auf die Erde stieß, das Korn blieb ein Korn und wieder musste sie weinen und vergoss bittere Tränen der Enttäuschung und des Kummers.

    Schließlich war ein Jahr der Trauer vergangen und eines Tages öffnete das alte Mütterchen das Fenster, warf das Korn in den Garten und sagte: »Wenn ich dich nicht wieder haben kann, dann soll dich die Erde wieder bekommen.«

    Ein Jahr darauf wuchs dort, wo das Korn auf die Erde gefallen war, eine seltsam blassrosa Blüte auf verknotetem Stängel: eine Rispe, die alsbald Körner trug, die so eckig und kantig aussahen, als hätte jemand Miniatur-Pakete geschnürt, Mini-Pakete für einen kleinen und köstlichen Inhalt.

    Und noch etwas trug sich zu: Jahr für Jahr kamen immer mehr Menschen vorbei, denen das alte Mütterchen von ihrer Suche nach der Enkelin, ihrem Kummer und von der Schönheit ihrer neuen Pflanze im Garten erzählte. Alle waren voller Anteilnahme, die die Geschichte vernahmen und sie trugen auch alle, da sich die fremdartige Blume jährlich vermehrte, immer einige Körner mit nach Hause, um ebenfalls solche Blumen zu haben.

    Schließlich blühten die blassrosa Blüten in ganz Russland und bald lernten die Menschen auch den Gebrauch der Körner. Es war eine Pflanze, die überall wuchs und reichlich Körner trug. Bald wurde der Buchweizen zum Brot der armen Leute und die Russen murmelten einander zu: »Gesegnet sie die, welche ihren liebsten Besitz weggegeben hat, um uns zu helfen.« Die Menschen konnten ja nicht ahnen, in welcher Stimmung die alten Frau “IHR” Korn weggeworfen hatte.

    Aber siehe da, als dem alten Mütterchen die Aussage der Menschen zu Ohren gekommen war, verwandelten sich die Kerben ihres Grames auf ihrem Gesicht zu Falten des Lächelns und sie dachte bei sich: »So musste ich wohl lernen, zu geben was ich besaß, um zu erhalten, was ich brauchte: ewige Liebe und Dankbarkeit

    Das Märchen vom Buchweizen – Märchen aus Russland - Geschichte

    Autor*in: Märchen aus Russland

    Bewertung des Redakteurs:

    URL: https://aventin.blogspot.com/2020/08/das-marchen-vom-buchweizen.html

      Vor vielen vielen Jahren lebte in den großen Weiten, die jetzt Russland heißen, eine alte Frau mit ihrer Enkelin. Deren Eltern waren früh durch ein Unglück ums Leben gekommen und so stelle das Kind für die alte Frau die einzige schöne Erinnerung an ihre Familie dar. Deshalb betrachtete sie das Mädchen auch als ihren kostbarsten Schatz und Besitz.

      Der 35. Mai - Erich Kästner - Fantasie


      Der 35. Mai – Erich Kästner – Fantasie Märchen
      Der 35. Mai - Erich Kästner 

      Der 35. Mai – Erich Kästner – Fantasie Märchen 


      Es war am 35. Mai. Und da ist es natürlich kein Wunder, dass sich Onkel Ringelhuth über nichts wunderte. Wäre ihm, was ihm heute zustoßen sollte, auch nur eine Woche früher passiert, er hätte bestimmt gedacht, bei ihm oder am Globus seien zwei bis drei Schrauben locker. Aber am 35. Mai muss der Mensch auf das Äußerste gefasst sein.

      Außerdem war Donnerstag. Onkel Rungelhuth hatte seinen Neffen Konrad von der Schule abgeholt, und jetzt liefen beide die Glacisstrasse entlang. Konrad sah bekümmert aus. Der Onkel merkte nichts davon, sondern freute sich aufs Mittagessen.

      Ehe ich aber mit dem Erzählen fortfahre, muss ich eine familiengeschichtliche Erklärung abgeben. Also: Onkel Ringelhuth war der Bruder von Konrads Vater. Und weil der Onkel noch nicht verheiratet war und ganz allein wohnte, durfte er an jedem Donnerstag seinen Neffen von der Schule abholen.

      Da aßen sie dann gemeinsam zu Mittag, unterhielten sich und tranken miteinander Kaffee, und erst gegen Abend wurde der Junge wieder bei den Eltern abgeliefert. Diese Donnerstage waren sehr komisch. Denn Onkel Ringelhuth hatte doch keine Frau, die das Mittagessen hätte kochen können und so was Ähnliches wie ein Dienstmädchen hatte er auch nicht.

      Deshalb aßen er und Konrad donnerstags immer lauter verrücktes Zeug. Manchmal gekochten Schinken mit Schlagsahne, Salzbrezeln mit Preiselbeeren oder Kirschkuchen mit englischem Senf. Englischen Senf mochten sie lieber als deutschen, weil englischer Senf besonders scharf ist und so beißt, als ob er Zähne hätte.

      Und wenn ihnen dann so richtig übel war, guckten sie zum Fenster hinaus und lachten derartig, dass die Nachbarn immer dachten: Apotheker Ringelhuth und sein Neffe sind leider wahnsinnig geworden.

      Na ja, sie liefen also die Gracisstrasse lang, und der Onkel sagte gerade: »Was ist denn mit dir heute los?« Da zupfte ihn jemand am Jackett. Und als sich beide umdrehten, stand ein großes, schwarzes Pferd vor ihnen und fragte höflich: »Haben Sie vielleicht zufällig ein Stück Zucker bei sich?«

      Konrad und der Onkel schüttelten die Köpfe. »Dann entschuldigen Sie bitte die Störung«, meinte das große schwarze Pferd, zog seinen Strohhut und wollte gehen. Onkel Ringelhuth griff in die Tasche und fragte: »Kann ich Ihnen mit einer Zigarette dienen?«

      »Danke, nein«, sagte das Pferd traurig, »ich bin Nichtraucher.« Es verbeugte sich förmlich, trabte dem Albertplatz zu, blieb vor einem Delikatessengeschäft stehen und ließ die Zunge aus dem Maul hängen.

      »Wir hätten den Gaul zum Essen einladen sollen«, meinte der Onkel. »Sicher hat er Hunger.« Dann sah er den Neffen von der Seite an und sprach: »Konrad, wo brennt’s? Du hörst ja gar nicht zu!«

      »Ach, ich hab’ einen Aufsatz über die Südsee auf.«

      »Über die Südsee?« rief der Onkel. »Das ist aber peinlich.«

      »Entsetzlich ist es«, sagte Konrad. »Alle, die gut rechnen können, haben die Südsee auf. Weil wir keine Fantasie hätten! Die anderen sollen den Bau eines vierstöckigen Hauses beschreiben. So was ist natürlich eine Kinderei gegen die Südsee. Aber das hat man davon, dass man gut rechnen kann.«

      »Du hast zwar keine Fantasie, mein Lieber«, erklärte Onkel Ringelhuth, »doch du hast mich zum Onkel, und das ist genauso gut. Wir werden deinem Herrn Lehrer eine Südsee hinlegen, die sich gewaschen hat.«

      Dann trat er mit dem einen Fuß auf die Straße, mit dem anderen blieb er oben auf dem Bürgersteig, und so humpelte er neben seinem Neffen her. Konrad war auch nur ein Mensch. Er wurde vergnügt. Als sie beim Onkel angekommen waren, setzten sie sich gleich zu Tisch. Es hab gehackten Speckkuchen und ein bisschen Fleischsalat mit Himbeersaft.

      Nach dem Essen guckten sie erst ein gute Viertelstunde aus dem Fenster und warteten, dass ihnen schlecht würde. Aber es wurde nichts daraus. Und dann klingelte es. Der Junge rannte hinaus, öffnete und kam blass zurück.

      »Das große schwarze Pferd steht draußen«, flüsterte er.

      »Herein damit!« befahl Onkel Ringelhuth. Und der Neffe ließ das Tier eintreten. Es zog den Strohhut und fragte: »Stör’ ich?«

      »Kein Gedanke!« rief der Onkel. »Bitte nehmen Sie Platz.«

      »Ich stehe lieber«, sagte das Pferd. »Fassen Sie das nicht als Unhöflichkeit auf, aber wir Pferde sind zum Sitzen nicht eingerichtet.«

      »Ganz wie Sie wünschen«, meinte der Onkel. »Darf ich fragen, was uns die Ehre Ihres Besuches verschafft?«

      Das Pferd blickte die beiden mit seinen großen ernsten Augen verlegen an. »Sie waren mir von allem Anfang an so sympathisch«, sagte es.

      »Ganz unsererseits«, erwiderte Konrad und verbeugte sich. »Haben Sie übrigens immer noch Appetit auf Würfelzucker?« Er wartete keine Antwort ab, sondern sprang in die Küche, holte die Zuckerdose ins Zimmer, legte ein Stück Zucker nach dem anderen auf die Handfläche, und das Pferd fraß, ohne abzusetzen, zirka ein halbes Pfund.

      Dann atmete es erleichtert auf und sagte: »Donnerwetter noch mal, das wurde aber höchste Zeit! Besten Dank, meine Herren. Gestatten sie, dass ich mit vorstelle, ich heiße Negro Kaballo! Ich trat bis Ende April im Zirkus Sarrasani als Rollschuh-Nummer auf. Dann wurde ich aber entlassen und habe seitdem nichts mehr verdient.«

      »Ja, ja«, sagte Onkel Ringelhuth, »es geht den Pferden wie den Menschen.«

      »Sie sind ein netter Mensch«, sagte das Pferd gerührt und schlug ihm mit dem linken Vorderhuf auf die Schulter, dass es nur so krachte.

      »Aua!« brüllte Ringelhuth. Konrad drohte dem Rappen mit dem Finger. »Wenn Sie mir meinen Onkel kaputt machen«, rief er, »kriegen Sie’s mit mir zu tun!«

      Das Pferd schob die Oberlippe zurück, dass man das weiße Gebiss sehen konnte, und lachte lautlos in sich hinein. Dann entschuldigte es sich vielmals. Es sei nicht so gemeint gewesen.

      »Schon gut«, sagte Onkel Ringelhuth und rieb sich das Schlüsselbein. »Aber das nächste Mal müssen Sie etwas vorsichtiger sein, geschätzter Negro Kaballo. Ich bin keine Pferdenatur.«

      »Ich werde aufpassen«, versprach der Rappe, »so wahr ich der beste internationale Rollschuh-Akteur unter den Säugetieren bin!«

      Und dann guckten sie alle drei zum Fenster hinaus. Das Pferd bekam, als es auf die Straße hinuntersah, plötzlich einen Schwindelanfall, wurde vor Schreck blass und klappte die Augendeckel zu. Erst als Konrad meinte, es solle sich was schämen, machte es die Augen langsam wieder auf.

      »Kippen Sie bloß nicht aus dem Fenster«, warnte Rungelhuth. »Das fehlte gerade noch, dass ein Pferd aus meiner Wohnung auf die Johann-Mayer-Straße runter fällt!«

      Negro Kaballo sagte: »Wissen Sie, unsereins hat so selten Gelegenheit, aus dem dritten Stockwerk zu sehen. Aber jetzt geht es schon wieder. Trotzdem wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mich in die Mitte nehmen wollten. Besser ist besser.«

      Das Pferd postierte sich nun also zwischen Onkel und Konrad, streckte den Kopf weit aus dem Fenster und fraß vom Balkon des Nachbarn zwei Fuchsien und eine Begonie samt Stumpf und Stiel. Nur die Blumentöpfe ließ es freundlicherweise übrig.

      Und dann spazierten sie ins Zimmer zurück und spielten zu dritt Dichterquartett. Das Pferd gewann. Es kannte alle klassischen Namen und Werke auswendig.

      Onkel Ringelhuth hingegen versagte völlig. Als Apotheker, der er war, wusste er zwar was für Krankheiten die Dichter gehabt und womit sie kuriert worden und woran sie gestorben waren. Aber ihre Romane und Dramen hatte er samt und sonders verschwitzt. Es ist kaum zu glauben: doch er behauptete tatsächlich, Schillers »Lied von der Glocke« sei von Goethe!

      Mit einem Mal sprang Konrad hoch, warf seine Quartettkarten auf den Tisch, rannte zum Bücherschrank, riss die Tür auf, holte ein dickes Buch aus der obersten Reihe, setzte sich auf den Teppich und blätterte aufgeregt.

      »Möchten Sie meinen Neffen mal mit einem wohlgezielten Hufschlag aus seinem Anzug stoßen?« fragte Ringelhuth seinen vierbeinigen Gast. Da trottete das Pferd zu Konrad hinüber, packte ihn mit den Zähnen an seinem Kragen und hob ihn hoch in die Luft.

      Konrad aber merkte gar nicht, dass er nicht mehr auf dem Teppich saß. Sondern er blätterte, obwohl ihn das Pferd in die Luft hielt, nach wie vor in dem Buch und zog große Sorgenfalten.

      »Ich kann sie nicht finden, Onkel«, sagte er plötzlich.

      »Wen?« fragte Ringelhuth. »Die Minna von Bornhom?«

      »Die Südsee«, sagte Konrad.

      »Die Südsee?« fragte das Pferd erstaunt. Weil es aber beim Reden das Maul aufmachen musste, fiel Konrad mit Getöse aufs Parkett.

      »Ja, was machen wir bloß mit dieser Südsee?« Ringelhuth wandte sich zu dem Pferd. »Mein Neffe muss nämlich bis morgen einen Aufsatz über die Südsee schreiben.«

      »Weil ich gut rechnen kann«, erläuterte Konrad missvergnügt. Das Pferd überlegte einen Augenblick. Dann fragte es den Onkel, ob er am Nachmittag Zeit habe.

      »Klar«, sagte Ringelhuth, »donnerstags habe ich in meiner Apotheke Nachtdienst.«

      »Ausgezeichnet«, rief Negro Kaballo, »da gehen wir rasch mal hin!«

      »In die Apotheke?« fragten Konrad und der Onkel wie aus einem Munde.

      »Auch wo«, sagte das Pferd, »in die Südsee natürlich.” Und dann fragte es: »Herr Ringelhuth, befindet sich auf Ihrem Korridor ein großer geschnitzter Schrank? Es soll ein Schrank aus dem fünfzehnten Jahrhundert sein.«

      »Und wenn dem so wäre«, sagte Ringelhuth, »was um alles in der Welt hat so ein alter Schrank mit der Südsee zu tun?«

      »Wir müssen in diesen Schrank hineingehen und dann immer geradeaus. In knapp zwei Stunden sind wir an der Südsee«, erklärte das Pferd.

      »Machen Sie keine faulen Witze!« bat Onkel Ringelhuth. Konrad aber raste wie angestochen in den Korridor hinaus, öffnete die knarrenden Türen des alten großen Schrankes, der dort stand, kletterte hinein und kam nicht wieder zu Vorschein.

      »Konrad!« rief der Onkel. »Konrad, du Lausejunge!« Aber der Neffe gab keinen Laut von sich. »Ich werde verrückt«, versicherte der Onkel. »Warum antwortet der Bengel nicht?«

      »Er ist sicher schon unterwegs«, sagte das Pferd. Da kannte Ringelhuth kein Halten mehr. Er rannte zum Schrank, blickte hinein und rief: »Wahrhaftig, der Schrank hat keine Rückwand!«

      Das Pferd, das ihm gefolgt war, meinte vorwurfsvoll: »Wie konnten Sie daran zweifeln? Klettern Sie nur auch hinein!«

      »Bitte nach Ihnen« sagte Onkel Ringelhuth, »ich bin hier zu Hause.«

      Das Pferd setzte also die Vorderhufe in den Schrank. Ringelhuth schob aus Leibeskräften, bis der Gaul im Schrank verschwunden war. Dann kletterte der Onkel ebenfalls ächzend hinterher und sagte verzweifelt: »Das kann ja gut werden.«

      Der 35. Mai – Erich Kästner – Fantasie Märchen

      Autor*in: Erich Kästner

      Bewertung des Redakteurs:

      URL: https://aventin.blogspot.com/2020/06/der-35-mai.html

        Es war am 35. Mai. Und da ist es natürlich kein Wunder, dass sich Onkel Ringelhuth über nichts wunderte. Wäre ihm, was ihm heute zustoßen sollte, auch nur eine Woche früher passiert, er hätte bestimmt gedacht, bei ihm oder am Globus seien zwei bis drei Schrauben locker. Aber am 35. Mai muss der Mensch auf das Äußerste gefasst sein.

        Der gordische Knoten - Erich Kästner

        Der gordische Knoten – Erich Kästner – Alexander der Große
        Der gordische Knoten 


        Der gordische Knoten - Erich Kästner - Leben 


        Wir alle kennen ihn noch aus der Geschichtsstunde, den makedonischen Alexander. Und auch die Anekdote mit dem berühmten gordischen Knoten kennen wir noch, die dem jugendlichen Eroberer nachgesagt wird.

        Als der junge Alexander in Gordium einzog und von dem kunstvoll verschlungenen Knoten hörte, den bislang kein Mensch hatte aufknüpfen können, ließ er sich stracks hinführen. Er sah sich das berühme Ding von allen Seiten an, bedachte den Orakelspruch, der dem Auflöser des Problems großen Erfolg und weit hallenden Ruhm verhieß, zog kurz entschlossen sein Schwert und hieb den Knoten mitten durch.

        Die Anhänger des Alexanders jubelten natürlich. Und man pries die Intelligenz und Originalität des jungen Königs. Das ist nicht gerade verwunderlich. Aber eines muss ich allerdings dazu ganz offen sagen, meine Mutter hätte nicht dabei sein dürfen! Und warum?

        Wäre meine Mutter daneben gestanden, hätte es bestimmt großen Ärger gegeben. Denn wenn ich als Junge, kein Haar weniger originell und intelligent als Alexander, beim Aufmachen eines verschürten Kartons kurz entschlossen mein Schwert, beziehungsweise man Taschenmesser gezogen hätte, um den gordischen Bindfaden zu durchschneiden, hätte ich sicherlich von mütterlicher Seite Ansichten zu hören bekommen, die denen des Orakels diametral widersprachen und die jubelnden Truppen aus Makedonien außerordentlich verblüfft hätten.

        Alexander war bekanntlich ein großer Kriegsheld, und die Perser, Meder, Inder und Ägypter pflegten Tag und Nacht vor ihm zu zittern. Meine Mutter hätte sich diesem Gezitter nicht angeschlossen. »Knoten schneidet man nicht durch!« hätte sie in strengem Ton gesagt. »Das gehört sich nicht, Alex! Einen Strick kann man immer gut gebrauchen!«

        Und wenn Alexander der Große nicht so jung gestorben, sondern ein alter, weiser Mann geworden wäre, hätte er sich vielleicht eines Tages daran erinnert und bei sich gedacht: »Diese Frau Kästner, damals in Gordium, hatte gar nicht so unrecht. Knoten schneidet man nicht durch. Wenn man es trotzdem tut, sollten die Leute dazu nicht jubeln. Und wenn sie jubeln, sollte man sich wenigstens nichts darauf einbilden!«

        Ich habe in den verflossenen Jahren gelegentlich kurze gereimte Epigramme geschrieben und in einer kleiner Mappe aufgehoben. Eines dieser Epigramme beschäftigt sich zufälligerweise mit dem gordischen Knoten.

        Den unlösbaren Knoten zu zersäbeln,
        gehörte zu dem Pensum Alexanders.
        Und wie hieß jener, der den Knoten knüpfte?
        Den kennt kein Mensch!

        Und es ist wirklich so. Merkwürdig, nicht? Da setzt sich jemand auf seinen Hosenboden und bringt mit viel Fleiß, Gescheitheit und Geschick einen Knoten zustande, der so raffiniert geschlungen ist, dass ihn kein Mensch auf der Welt aufknüpfen kann. Und genau den, der das Kunststück fertig brachte, hat uns die Geschichte nicht überliefert!

        Aber wer das Taschenmesser heraus gezogen hat, das wissen wir natürlich! Die Historiker haben seit Jahrtausenden eine Schwäche für starke Männer. Auf steinernen Tafeln, auf Papyrusrollen, auf Pergamenten und in dicken Büchern schwärmen sie von Leuten, welche die Probleme mit Schwertstreichen zu lösen versuchten.

        Aber davon zu berichten, wie sich die Fäden des Schicksals manchmal unlösbar verschlingen, das interessiert sie viel weniger. Und darüber zu schreiben, wie seltsame Idealisten solche Schicksalsverknotungen friedlich zu entwirren versuchen, ödet sie an.

        Dem Zerhacken der Knoten gilt ihr pennälerhaftes Interesse, und sie haben nicht wenig dazu beigetragen, die alten gordischen Methoden weiterhin in Ansehen und am Leben zu erhalten.

        Jetzt haben wir gerade wieder einmal das Vergnügen, persönlich dabei sein zu dürfen, wie so ein Knoten zersäbelt, anstatt aufgelöst wird.

        Es ist kolossal interessant. Die Haare stehen einem dabei zu Berge, soweit sie uns noch nicht ausgegangen sind. Und während sich auf internationalen Konferenzen Abgesandte aus aller Welt abquälen, die neuen Knoten zu entwirren, die sich allenthalben gebildet haben, sitzen, nicht zuletzt auch bei uns, schon wieder Anhänger der Säbeltheorie herum und knurren: »Ist ja alles Quatsch! Wozu sich lange quälen? Durchschlagen ist das einzig Richtige!«

        Ich finde, man könnte wirklich langsam dazu übergehen, statt der Knoten diese Leute zu knüppern, die solche Ratschläge erteilen.

        Der gordische Knoten – Erich Kästner - Story

        Autor*in: Erich Kästner

        Bewertung des Redakteurs:

        URL: https://aventin.blogspot.com/2020/05/der-gordische-knoten.html

          Wir alle kennen ihn noch aus der Geschichtsstunde, den makedonischen Alexander. Und auch die Anekdote mit dem berühmten gordischen Knoten kennen wir noch, die dem jugendlichen Eroberer nachgesagt wird. Als der junge Alexander in Gordium einzog und von dem kunstvoll verschlungenen Knoten hörte, den bislang kein Mensch hatte aufknüpfen können, ließ er sich stracks hinführen.

          Der Traum - Robert Walser

          Der Traum - Robert Walser - Hoffnungslose Nacht
          Der Traum 

          Der Traum - Robert Walser - Hoffnungslose Nacht 


          Ich habe einen traurigen, freudlosen Traum gehabt in der vergangenen Nacht. Wohl sechsmal erwachte ich davon, aber immer wieder, so, als sollte ich stets von neuem geprüft werden, fiel ich hinunter in die Gewalt der düsteren Einbildungen, in die Macht des fieberartigen Traumes.

          Mir träumte, dass ich in eine Art von Anstalt und Institut hinein gekommen sei, in einen Sonderbund, in eine verriegelte, unnatürliche Absonderung, welche von höchst kalten und höchst eigentümlichen Verordnungen regiert wurde. Elend war mir zumute, und eiskalter Schauder rieselte mir durch die entsetzte, angsterfüllte Seele, die sich vergeblich sehnte, ein Verständnis zu finden.

          Alles war mir unverständlich, doch das Grausamste war, dass sie nur über die Ratlosigkeit und Hilflosigkeit lächelten, in der sie mich sahen. Nach allen Seiten schaute ich mich mit flehenden Augen um, damit ich ein freundliches Auge sähe; doch ich sah nur den offenen, mitleidlosen Hohn mich mit seinen Blicken messen.

          Alle, die da waren, musterten mich auf so sonderbare Weise, auf so rätselhafte Weise. Meine Angst vor der ringsum herrschenden Ordnung, deren Wesen mich mit Grauen erfüllte, wurde von Minute zu Minute größer, und mit ihr vergrößerte sich die Unfähigkeit, die sich mir offenbarte, mich in die seltsamen, absonderlichen Verhältnisse zu schicken.

          Deutlich erinnere ich mich, wie ich bald zu diesem, bald zu jenem Menschen in kummervoller, bittender Tonart sagte, dass ich »alles das«, so drückte ich mich in der höchsten Herzbeklemmung aus, ja ganz und gar nicht verstehe, und dass man mich doch lieber hinaus in die Welt ziehen lassen solle, damit ich meinen Mut und meinen angeborenen Geist wiederfinden würde.

          Doch statt mir zu antworten, zuckten sie nur die Achseln, liefen hin und her, zeigten sich sehr in Anspruch genommen, gaben mir zu verstehen, dass sie keine Zeit hätten, sich näher mit mir und mit meinem Unglück zu beschäftigen, und ließen mich in all der unaussprechlichen, fürchterlichen Bestürzung stehen.

          Augenscheinlich passte, passte ich gar nicht zu ihnen. Warum denn nun war ich zu ihnen hinein gekommen in diese enge und kalte Umgrenzung?

          Durch viele Zimmer und Nebenzimmer tastete ich mich; ich schwankte hin und her wie ein Verlorener. Mir war, als sei ich im Begriff, in dem Meer der Befremdung zu ertrinken. Freundschaft, Liebe und Wärme waren verwandelt in Hass, Verrat und Tücke, und das Mitempfinden schien gestorben seit tausend Jahren oder schien in unendliche Entfernungen gestoßen.

          Eine Klage wagte ich nicht zu äußern. Ich hatte zu keinem, zu keinem dieser unverständlichen Menschen ein Vertrauen. Jeder hatte seine strenge, enge, stumpfe, wohl abgemessene Beschäftigung, und darüber hinaus stierte er wie in eine grenzenlose Leere. Ohne Erbarmen mit sich selber, kannten sie auch kein Erbarmen mit einem anderen. Tot, wie sie waren, setzten sie nur Tote voraus.

          Endlich erwachte ich aus all dem Hoffnungslosen. Oh wie freute ich mich, dass es nur ein Traum war.

          Der Traum - Robert Walser - Hoffnungslose Nacht - Story

          Autor*in: Robert Walser

          Bewertung des Redakteurs:

          URL: https://aventin.blogspot.com/2019/10/der-traum.html

            Ich habe einen traurigen, freudlosen Traum gehabt in der vergangenen Nacht. Wohl sechsmal erwachte ich davon, aber immer wieder, so, als sollte ich stets von neuem geprüft werden, fiel ich hinunter in die Gewalt der düsteren Einbildungen, in die Macht des fieberartigen Traumes.

            Reicher Mann - Armer Mann - Afrika

            Reicher Mann – Armer Mann – Afrika Nigeria
            Reicher Mann - Armer Mann 

            Reicher Mann – Armer Mann – Afrika Nigeria 


            Es war einmal ein armer Bauer, dem wuchs nichts als Fonio auf seinen Feldern, und so konnte er auch keinen Reichtum erwerben. Er sehnte sich aber nach Reichtum und Glück und weinte deshalb oft die halbe Nacht aus unerfülltem Verlangen.

            Auch hatte er noch nicht einmal genügend Geld, um eine Frau zu ernähren. Täglich schaute er über die Straße auf seinen Nachbarn, den reichen Bauern, und dabei füllte sich sein Herz immer mit viel Neid. Er beobachtete auch, wie sich schöne Frauen um den Reichen kümmerten und für ihn kochten und seine Felder bestellten. Auf dem Anwesen des Reichen war alles schön gerichtet und viele Kinder spielten im Hof.

            Da beschloss der arme Bauer Freundschaft mit dem Reichen zu schließen, in der Hoffnung, dieser würde ihm vielleicht etwas Geld leihen, damit er sich auch eine Frau halten könne. Er hoffte dadurch sein Leben allmählich zu verbessern.

            Da nahm der arme Bauer den größten Teil seiner Ersparnisse und ging ins nächste Dorf, wo er das schönste Gewand kaufte, das er gerade noch bezahlen konnte. Dieses brachte er am nächsten Morgen seinem Nachbarn, dem reichen Mann, und schenkte es ihm mit den Worten: »Bitte, nimm mein Geschenk an, lieber Nachbar. Ich bin dich besuchen gekommen, weil ich gern dein Freund werden möchte.«

            Der reiche Mann lächelte leicht, nahm das Geschenk an, aber als er dann zu seines Nachbarn Haus hinüberblickte und sah, wie armselig es war, drehte er dem armen Mann den Rücken zu und sagte: »Ich nehme zwar deine Achtung an, weil sie mir gebührt. Aber zu so einem armseligen Kerl, wie du es bist, kann ich als Reicher nicht ein Freund sein.«

            Mit großer Trauer und voller Wut im Bauch ging der arme Mann sodann zum Fluss, setzte sich ans Ufer und weinte bitterlich. Seine Tränen fielen ins Wasser, und da erschien zu seinem Erstaunen eine wunderbare dunkle und schöne Gestalt. »Deine Tränen haben mich angelockt. Ich bin die Flussgöttin und gehorche deinen Befehlen. Was wünscht du dir?« fragte sie.

            »Oh, du meine gute Göttin, ich bin arm und allein, hab keine Frau und auch kein Geld!« schluchzte der arme Mann. Da gab ihm die Göttin einen Beutel und sagte: »Hier, nimm diesen Beutel mit Bohnen. Wenn du heimkommst, wird er voller Geld sein.« Freudig dankte ihr der arme Mann und ging fröhlich singend, den Beutel fest an sich gedrückt, nach Hause. Zu Hause angekommen, fand er, dass die Bohnen tatsächlich zu Geld geworden waren.

            Sogleich lief er zu seinem reichen Nachbarn hinüber und sagte zu ihm: »Schau her, jetzt bin ich genauso reich wie du. Jetzt kann ich mir sogar eine Frau leisten und auch dein Freund werden.«

            »Oh, wie ich mich freue für dich«, antwortete der Reiche und fügte hinzu: »Wenn du aber dein Geld verdoppeln willst, dann solltest du es lieber mir überlassen. Ich kenne mich damit nämlich besser aus wie du. Gib es mir und komm in einem Monat wieder zu mir, dann wirst du so viel Geld besitzen, dass du dir damit alle deine Wünsche erfüllen kannst.«

            Die Augen des törichten Bauern wurden groß und größer und leuchteten schließlich wie Feuer bei dem Gedanken, dass sich seine Wohlhabenheit auch noch verdoppeln würde. Ohne weiter zu überlegen übergab er dem reichen Nachbarn seinen Beutel mit Geld, ging nach Hause und wartete ungeduldig, bis die dreißig Tage um waren.

            Am Ende der abgemachten Zeit lief er freudig und voller Erwartung seines großen Glücks zu seinem Nachbarn hinüber, um sein Vermögen abzuholen. Zu seinem großen Entsetzen aber war der Nachbar in der Zwischenzeit taub und stumm geworden. Er konnte weder hören noch sprechen und gab nur noch törichte Laute von sich. So laut der arme Mann auch versuchte auf sich aufmerksam zu machen und ihn an den Beutel mit dem Geld zu erinnern, schüttelte sein reicher Nachbar nur verständnislos den Kopf.

            Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig als seinen reichen taubstummen Nachbarn zum Richter führen zu lassen. Aber auch der Richter konnte die Zeichen des Taubstummen nicht entziffern und lies deshalb nach einem klugen alten Mann rufen, der alle Zeichen und Töne von Taubstummen verstand. Dieser Dolmetscher versuchte nun ebenfalls sich mit allen möglichen Zeichen und Gestiken mit dem reichen Mann zu verständigen, aber nichts half.

            Er übersetzte ihm auch mehrmals auf verschiedene Art und Weise den Text: »Hast du Geld von diesem armen Bauern angenommen?«

            Kopfschütteln und undefinierbare Laute waren die Antwort des Reichen. Da wandte sich der kluge alte Dolmetscher wieder dem Richter zu und sagte ganz laut zu diesem: »Der Mann hat mir unmissverständlich mitgeteilt, dass sie ein ganz dummer und unfähiger Richter sind.«

            »Das ist nicht wahr, das habe ich nicht gesagt!« rief jetzt der Reiche. Der Richter lachte, fällte sein Urteil und wies den Reichen an, dem armen Bauern jetzt die doppelte Menge des versprochenen Geldes zu übergeben.

            Zum armen Bauern gewandt aber sagte der Richter: »Lieber Mann, merke dir, ein Vermögen in der Hand ist immer besser als zwei in der Zukunft!«

            Reicher Mann - Armer Mann – Geschichte aus Afrika – Nigeria - Story


            Autor*in: Geschichte aus Nigeria

            Bewertung des Redakteurs:

            URL: https://aventin.blogspot.com/2019/08/reicher-mann-armer-mann.html

              Es war einmal ein armer Bauer, dem wuchs nichts als Fonio auf seinen Feldern, und so konnte er auch keinen Reichtum erwerben. Er sehnte sich aber nach Reichtum und Glück und weinte deshalb oft die halbe Nacht aus unerfülltem Verlangen.

              Die Auferstehung der Rose - Ruben Dario

              Die Auferstehung der Rose – Rubén Darío – Story
              Die Auferstehung der Rose 

              Die Auferstehung der Rose – Rubén Darío – Story 


              Ein Mann hatte eine Rose, welche seinem Herzen entsprossen war. Stellen Sie sich vor, was für einen Schatz er in ihr sah, mit wie viel Hingabe er die Kostbarkeit pflegte und wie er die zarte geliebte Blume verehrte!

              Sie war ein Wunder Gottes. Die Rose war auch wie eine Geliebte; sie plauderte sanft, und manchmal duftete sie unsagbar betörend wie ein geheimnisvoll süßer Strahl eines wohlriechenden Sterns.

              Eines Tages aber flog der Engel Azrael über das Haus des glücklichen Mannes, und seine Augen hefteten sich auf die Blume. Die Ärmste erzitterte sogleich, wurde traurig und fing an zu welken, denn der Engel Azrael ist der bleiche und unerbittliche Bote des Todes.

              Der sterbenden Blume blieb kaum noch Atem zum Leben, und das Herz presste sich dem zusammen, der in ihr sein Glück sah. Der Mann wandte sich daher an den lieben Gott und flehte:

              »Gott, warum willst du mir die Blume wegnehmen, die du mir geschenkt hast?«

              In seinen Augen glänzte eine große Träne. Der gütige Gott ließ sich von der Träne erweichen und sagte:

              »Azrael, lass diese Rose leben! Nimm statt ihrer irgendeine aus meinen blauen Gärten, wenn du willst.«

              Die Rose erholte sich und erblühte wieder zu neuem Zauber.

              An diesem Tag beobachtete ein Astronom von seinem Observatorium aus, dass ein Stern am Himmel erlosch.

              Die Auferstehung der Rose – Rubén Darío – Story

              Autor*in: Ruben Dario

              Bewertung des Redakteurs:

              URL: https://aventin.blogspot.com/2019/08/die-auferstehung-der-rose.html

                Ein Mann hatte eine Rose, welche seinem Herzen entsprossen war. Stellen Sie sich vor, was für einen Schatz er in ihr sah, mit wie viel Hingabe er die Kostbarkeit pflegte und wie er die zarte geliebte Blume verehrte!

                Klarstellung - Kurzgeschichte von Medardo Fraile

                Klarstellung - Kurzgeschichte von Medardo Fraile
                Klarstellung 

                Klarstellung - Kurzgeschichte von Medardo Fraile 


                Wenn man von ‘Räubern in der Bank’ redet, möchte man annehmen, dass sich ungefähr folgendes abgespielt hat:

                Er oder Sie ging zur Bank an der Ecke, um für sich vom Bankautomaten im Inneren des Geldinstitutes Bargeld abzuheben.

                Während des ganzen Vorgangs kamen zwei keineswegs vertrauenerweckende Gestalten herein. Einer trug eine alte Jacke mit herausgerissenem Futter, er zückte eine Pistole, ging zur Kasse und zielte auf den Kopf des Schalterbeamten.

                »Nur einen Augenblick. Keine Bewegung. Von niemandem. Wir haben nur eine Kleinigkeit zu erledigen.«

                Der andere hielt einen Plastikbeutel in der Hand, stieß mit seinem rechten Fuß die Tür zu den Büroräumen auf, war von innen im Nu im Kassenraum und öffnete die Tasche, um Geldscheine hineinzustopfen oder sich hineinstopfen zu lassen. Derweil rief er laut:

                »Der Direktor! Wo ist der Direktor? Wir nehmen ihn als Geisel mit.«

                Einer der Angestellten stotterte bleich: »Er ist zum Kaffee weggegangen.«

                »Na schön, dann kommst du mit uns«, befahl der Eindringling dem armen Kerl, der daraufhin noch bleicher wurde.

                Der draußen gab dem anderen im Kassenraum inzwischen ein Zeichen, und wie der Blitz waren beide aus der Bank draußen und in einem grünen Auto um die nächste Ecke verschwunden.

                Es gab ein kurzes Aufatmen, und dann rührten sich die Leute im Schalterraum der Bank allmählich wieder. Einer der Angestellten knirschte zwischen den Zähnen hervor: »Verdammte Räuberbande, ihr werdet nicht ungeschoren davon kommen!«

                Wenn ICH von ‘Räubern in der Bank’ rede, so meine ich aber nicht das. Vielmehr will ich damit sagen, dass die Bank uns arme Kunden beraubt mit ihren hohen Gebühren und Zinsen.

                Wir, die das ganze Leben lang rechnen müssen, um mit den paar Groschen, die uns zum Leben bleiben, für unseren täglichen Unterhalt sorgen zu können, sind es, die ausgeraubt werden. 

                Klarstellung – Kurzgeschichte von Medardo Fraile - Story - Leben

                Autor*in: Medardo Fraile

                Bewertung des Redakteurs:

                URL: https://aventin.blogspot.com/2019/08/klarstellung-kurzgeschichte.html

                  Wenn man von ‘Räubern in der Bank’ redet, möchte man annehmen, dass sich ungefähr folgendes abgespielt hat: Er oder Sie ging zur Bank an der Ecke, um für sich vom Bankautomaten im Inneren des Geldinstitutes Bargeld abzuheben.